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Die koreanische Version der Moderne
von Mathias Remmele | 11. Juni 2011
Reichlich rätselhaft mutet er an, dieser monumental erscheinende, dunkelrote Backstein-Koloss, dessen Abbildung auf der Einladungskarte zur aktuellen Ausstellung der Berliner Architekturgalerie Aedes zu sehen ist. Irgendwie archaisch und wehrhaft wirkend, keiner Stilepoche und keiner bestimmten Kultur zurechenbar, verweigert sich der Bau erfolgreich einer klaren Zuordnung. Erst der Titel der Schau „Dense Modernities. Kim Swoo Geun – Korea's Architect for the Twentieth Century" offenbart uns, dass uns das Bild ein relativ neues Gebäude zeigt. Und erst in der Ausstellung selbst ist zu erfahren, dass es sich dabei um die 1980 entstandene Kyung Dong Kirche in Seoul handelt, ein spätes Hauptwerk von Kim Swoo Geun (1931 bis 1986). Allein dieser ungemein expressive, aus Backstein und Sichtbeton errichtete Sakralbau mit seinem spektakulären Freiluft-Gemeindesaal auf dem Dach müsste seinem Schöpfer eigentlich einen festen Platz in der Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts sichern – eigentlich. Denn noch immer kann und muss Kim in Deutschland, wie wahrscheinlich in den meisten Ländern der Welt, als lohnende „Entdeckung" präsentiert werden.

Ganz anders in seiner Heimat, wo sein vielgestaltiges Werk bis heute als Referenzgröße dient. Kim Swoo Geun gilt dort ganz unbestritten nicht nur als der bedeutendste koreanische Architekt des 20. Jahrhunderts, sondern auch als der eigentliche Begründer der architektonischen Moderne in diesem Land. Neben seiner überragenden Rolle als Architekt hatte Kim als Kenner und Förderer der koreanischen Kultur einen nachhaltigen Einfluss auf die künstlerisch-intellektuelle Entwicklung seines Landes. Er trat als Autor hervor, als Gründer der Zeitschrift „Space", die seit 1966 und bis heute die führende Architektur- und Kunstzeitschrift Koreas ist, und er rief 1977 das „Space Theatre" ins Leben, das sich bald als Avantgarde-Zentrum für Tanz, Musik und Literatur etablierte.

Kim Swoo Geun, der 1950 als Bürgerkriegsflüchtling nach Japan gekommen war und in Tokio sein Architekturstudium absolvierte, erlebte schon bald nach seiner Rückkehr in die Heimat einen kometenhaften Aufstieg. Viel beschäftigt und einflussreich galt er zeitweise quasi als südkoreanischer Staatsarchitekt. Das Bauen begriff Kim dabei als eine Möglichkeit, dem von jahrzehntelanger japanischer Besatzung und einem verheerenden Bürgerkrieg geschundenen Land eine neue, kulturell begründete Identität zu geben. Seine Version der Moderne, die das internationale Interesse an seinem Werk rechtfertigt, speist sich aus verschiedenen Quellen. Einerseits aus der Auseinandersetzung mit den Werken von Zeitgenossen wie Frank Lloyd Wright, Le Corbusier, Marcel Breuer, Oscar Niemeyer, Kenzo Tange, Louis I. Kahn, Carlo Scarpa und vielleicht auch Gottfried Böhm, andererseits aus der zeitgemäßen Neuinterpretation spezifisch koreanischer Architekturtraditionen.

Die von einem koreanischen Kuratoren-Team zusammengestellte Wander-Ausstellung über Kim Swoo Geun, die jetzt bei Aedes Station macht – wo zeitgenössische koreanische Architektur übrigens bereits mehrfach ein Forum gefunden hat –, zeigt eine repräsentative Auswahl seines Schaffens. Die Schau beginnt mit einem tabellarisch aufbereiteten, reich bebilderten Lebenslauf, zeigt einige von Kims Skizzen-Leporellos sowie – als ein Highlight – Kims persönlichen Lebensplan, für den er eine ganz eigentümliche, im wahrsten Sinne des Wortes bildschöne grafische Umsetzung entwickelt hat. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen insgesamt zwanzig Architektur-Projekte, darunter auch ein paar nicht realisierte Entwürfe, wie etwa der Wettbewerbsbeitrag für das Pariser Centre Pompidou, die jeweils mit Hilfe von fein gearbeiteten Holzmodellen, Skizzen, Plänen sowie Fotografien und knappen Erläuterungstexten vorgestellt werden. Der Bogen spannt sich vom Freedom Center and Tower Hotel in Seoul (1963), das durch seinen skulpturalen Monumentalismus beeindruckt, über städtebauliche Großprojekte bis zu jenen meist kleiner dimensionierten Backsteinbauten des Spätwerkes, etwa das Space Group of Korea Building (1971/77) oder die bereits erwähnte Kyung Dong Kirche, in denen sich Kim als Meister der Raumkomposition und der sensiblen Materialbehandlung erweist.

Daneben darf natürlich auch sein wohl bekannteste Bauwerk nicht fehlen: das dynamisch geschwungene Olympia-Stadion von Seoul (1977). Leider genügt das in der Ausstellung aufgebotene Material nicht immer, um sich ein umfassendes Bild von den einzelnen Projekten machen zu können. Auch der schmale Aedes-Katalog, der die konzeptionell und gestalterisch recht konventionell gestrickte Schau begleitet, bietet hier nicht wirklich Abhilfe. Das ändert freilich nichts an der Tatsache, dass man sich die seltene Chance zu einer Begegnung mit dem Werk von Kim Swoo Geun nicht entgehen lassen sollte.

Dense Modernities. Kim Swoo Geun – Korea's Architect for the Twentieth Century
Vom 20. Mai bis zum 7. Juli 2011
Aedes Galerie, Berlin
www.aedes-arc.de
Kyung Dong Kirche in Seoul, ein spätes Hauptwerk von Kim Swoo Geun (1931 bis 1986)
Space Group Gebäude von Kim Swoo Geun, 1975
Kim Swoo Geun
Freedom Center in Seoul von Kim Swoo Geun, 1963
Seoul Olympic Stadium von Kim Swoo Geun, 1977