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Handgemachte Velosophie
von Knuth Hornbogen | 19. Mai 2011
Alle Fotos © Dimitrios Tsatsas, Stylepark

Rationalität ist manchmal gar nicht so weit weg von Emotionalität. Deutlich wird das am Alltagsgegenstand Fahrrad. Gemessen an der Effizienz, also der Energie, die der Mensch hinein gibt und dem, was herauskommt, der Geschwindigkeit, ist das Fahrrad unschlagbar. Einige halbwegs kräftige Pedaltritte genügen – und schon bewegt sich das Gefährt: Relativ wenig Energie für relativ viel Geschwindigkeit. Rational gibt es nichts Besseres. Emotional aber auch nicht. Man muss ja selbst noch gar nicht vom Fahrradvirus infiziert sein, um zu erkennen, wie unvernünftig der „homo oeconomicus" dem Pedalgefährt begegnet.

Man sieht erwachsene Männer mit aufgerissenen Augen, die plötzlich aussehen wie kleine Jungen. Man sieht Schuljungen, die strahlen. Sie stehen vor Fahrrädern. Nicht vor Autos. Nicht vor Flugzeugen. Nicht vor Segelyachten. Und schon gar nicht vor Möbeln, diesem irrationalen Dekor mit Gebrauchswert. Nein: Vor Fahrrädern. Vor der Vernunft. Und kriegen sich nicht mehr ein. Ein echtes Vanilla. Handgemacht. Mit Jahren Bestellzeit und Preisen, die leicht bis zu 15.000 US-Dollar reichen. Sie standen zum Beispiel in New York City, im Museum of Arts and Design. Hier war die Ausstellung zu sehen, zu der das Begleitbuch, „Bespoke: The Handbuilt Bicycle" bei Lars Müller Publishers erscheinen ist. Allein der Hinweis auf den Verlag verrät allerhand über die Erwartungen, die gestellt werden dürfen. Denn Lars Müller liebt Bücher. Und die Macher der Ausstellung lieben Fahrräder. Eine Kombination, die Freude macht.

Erschaffen wurde die Ausstellung von dem Unternehmer und enthusiastischen Fahrradnarr Michael Maharam und Sacha White, der ebenfalls als Hersteller und Unternehmer in der Szene einen Namen hat. Die Schau war Teil einer Ausstellungsserie, bei der Gastkuratoren die Räume der MADProject Gallery bespielten. Das begleitende Buch hat Juli Lasky redaktionell entwickelt. Ein Bilderbuch, liebevoll zusammengestellt, hochwertig verarbeitet und dem Thema angemessen gestaltet. Ein Buch, das nicht der Versuchung unterliegt, mit ellenlangen Texten um Bedeutsamkeit zu buhlen, sondern selbstbewusst auf Ästhetik setzt – und nebenbei die nötigen Informationen über die Protagonisten liefert.

Natürlich kann eine Ausstellung nicht die Geschichte des Fahrrades erzählen, auch nicht die des Rennsports oder des Transportwesens. Die Ausstellung geht einen Weg, der für den europäischen Raum eher unorthodox ist. Schließlich wird hierzulande, in Europa, immer noch geglaubt, ein Museum sei der hoheitlicher Raum kulturellen Schaffens und Strebens, wohingegen Unternehmen niedere Orte sind, wo kapitalgetriebene Bösewichte stets nur die Maximierung eigener Profite im Blick haben. Ein Museum will sich ja nicht als Werbeveranstalter der Bonzen andienen, als Steigbügelhalter der Warenwirtschaft. Klassische ideologische Vorbehalte halt.

Dass es der Unternehmen bedarf, und den Menschen dahinter, den Unternehmern, die den Fortschritt voran schreiten zu lassen, ist eine Perspektive, die in den Vereinigten Staaten viel leichter eingenommen werden kann. Hier zählt, wer etwas Herausragendes leistet, erschafft, realisiert. Daher kann es sich die Ausstellung erlauben, den Blick auf sechs Unternehmen zu richten, die eines eint: Alle fertigen von Hand Fahrräder von größter Schlichtheit und höchster Funktionalität. Maschinen, die Emotionen ansprechen. So entstehen sechs Unternehmensprofile, Charakterbeschreibungen, Haltungen. Im Grunde also sechs Philosophien über das Fahrradfahren.

Am Rande bemerkt: Es ist es kein Wunder, dass sich die Wortkombination Velosophie, gebildet aus Philosophie und Velo, der in der Schweiz verbreiteten Vokabel für Fahrrad, einer so großen Beliebtheit erfreut. Kaum eine größere Stadt in Deutschland, in Österreich oder der Schweiz, die nicht über ein Fahrradgeschäft mit diesem Namen verfügt. In Köln, wo der Autor wohnt, firmiert unter diesem Titel ein Schrauber aus Argentinien, der die Stadt mit zeitgeistigen „Fixis" versorgt, jenen Fahrrädern, die ohne Gangschaltung, Rücktritt und Bremse als Endstufe der Unvernunft im städtischen Verkehr gelten dürfen. Eben eine ganz eigene Sicht auf die Welt, eine Philosophie des Fahrrads.

Ausstellung und Buch stellen also sechs Denkmodelle in Form von Fahrradauffassungen zur Schau. Knappe Texte geben Einblick in Entstehung und Besonderheit der jeweiligen Haltung. Ambitionierten Fahrradfans sind Namen wie Sacha White, dem Gründer von Vanilla ein Begriff. Sein Minimalismus, die zum Aberwitz getriebene Detailversessenheit, machen seine Stadträder zu Unikaten von magischer Anziehungskraft. Es scheint, als stünde die Einzigartigkeit über allen anderen Kriterien. Jeff Jones´ Mountainbikes treiben den Einsatz von Titan auf die Spitze. Dario Pogoretti, der einzige Vertreter aus Europa, gibt sich ganz dem Rennsport hin. Im Jahr 2008 als „Rahmenbauer des Jahres" ausgezeichnet, gibt er den Ton bei handgefertigten Rennrahmen weltweit mit an. Kaum größer könnte die Distanz zu Peter Weigle sein, der sich auf Langstreckenräder spezialisiert hat. Auch wenn ab und an Rennradlenker auftauchen, so haben seine Tretfahrzeuge den Anspruch, auch nach tagelanger Nutzung ein Kompliment an jeden Popo zu sein. Mike Flanigan hingegen konstruiert eine Fahrraddenke, die ihren Schwerpunkt in geometrischen Besonderheiten sucht. Transportfahrzeuge entstehen so, oder minimalistische Klassiker, denen man nicht ansieht, dass sie nagelneu sind. Richard Sachs schließlich gibt Einblicke in den Bau von Rennmaschinen, die ihren geometrisch-konstruktiven Ursprung unverkennbar in den siebziger Jahren haben. Komplett werden sie aber erst mit den modernen Komponenten, die Sachs verwendet. Drei Regeln gelten unverrückbar für diese Räder: Sie sind immer für Rennen, aus Stahl und: rot.

Das Buch könnte Tausende solcher Geschichten erzählen, das Thema der handgefertigten Fahrräder ist mit Buch und Ausstellung gewiss nicht vollständig erschlossen. Für Liebhaber von schönen Rädern ist es aber ein Leckerbissen. Für alle anderen Designliebhaber auch. In den Buchregalen von Radenthusiasten wird es zweifellos einen festen Platz haben.

Bespoke: The Handbuilt Bicycle
Von Julie Lasky
Softcover, 128 Seiten, deutsch
Lars Müller, Baden, 2010
25 Euro
www.lars-mueller-publishers.com

Produkte
mmcité: Velo VL240 / 245 @ Stylepark
mmcité
Velo VL240 / 245
Radek Hegmon
David Karásek
mmcité: Meandre @ Stylepark
mmcité
Meandre
Radek Hegmon
David Karásek
mmcité: Velo VL140 / 145 @ Stylepark
mmcité
Velo VL140 / 145
Radek Hegmon
David Karásek
News & Stories › 2011 › Mai
Handgemachte Velosophie
von Knuth Hornbogen | 19. Mai 2011
Der Frühling ist da und die Fahrradsaison beginnt. Falls ein neues Gefährt gekauft werden soll, darf es vielleicht auch eine Spezialanfertigung sein – dann lohnt sich ein Blick in das Buch „Bespoke: The Handbuilt Bicycle".
Rationalität ist manchmal gar nicht so weit weg von Emotionalität. Deutlich wird das am Alltagsgegenstand Fahrrad. Gemessen an der Effizienz, also der Energie, die der Mensch hinein gibt und dem, was herauskommt, der Geschwindigkeit, ist das Fahrrad unschlagbar. Einige halbwegs kräftige Pedaltritte genügen – und schon bewegt sich das Gefährt: Relativ wenig Energie für relativ viel Geschwindigkeit. Rational gibt es nichts Besseres. Emotional aber auch nicht. Man muss ja selbst noch gar nicht vom Fahrradvirus infiziert sein, um zu erkennen, wie unvernünftig der „homo oeconomicus" dem Pedalgefährt begegnet.

Man sieht erwachsene Männer mit aufgerissenen Augen, die plötzlich aussehen wie kleine Jungen. Man sieht Schuljungen, die strahlen. Sie stehen vor Fahrrädern. Nicht vor Autos. Nicht vor Flugzeugen. Nicht vor Segelyachten. Und schon gar nicht vor Möbeln, diesem irrationalen Dekor mit Gebrauchswert. Nein: Vor Fahrrädern. Vor der Vernunft. Und kriegen sich nicht mehr ein. Ein echtes Vanilla. Handgemacht. Mit Jahren Bestellzeit und Preisen, die leicht bis zu 15.000 US-Dollar reichen. Sie standen zum Beispiel in New York City, im Museum of Arts and Design. Hier war die Ausstellung zu sehen, zu der das Begleitbuch, „Bespoke: The Handbuilt Bicycle" bei Lars Müller Publishers erscheinen ist. Allein der Hinweis auf den Verlag verrät allerhand über die Erwartungen, die gestellt werden dürfen. Denn Lars Müller liebt Bücher. Und die Macher der Ausstellung lieben Fahrräder. Eine Kombination, die Freude macht.

Erschaffen wurde die Ausstellung von dem Unternehmer und enthusiastischen Fahrradnarr Michael Maharam und Sacha White, der ebenfalls als Hersteller und Unternehmer in der Szene einen Namen hat. Die Schau war Teil einer Ausstellungsserie, bei der Gastkuratoren die Räume der MADProject Gallery bespielten. Das begleitende Buch hat Juli Lasky redaktionell entwickelt. Ein Bilderbuch, liebevoll zusammengestellt, hochwertig verarbeitet und dem Thema angemessen gestaltet. Ein Buch, das nicht der Versuchung unterliegt, mit ellenlangen Texten um Bedeutsamkeit zu buhlen, sondern selbstbewusst auf Ästhetik setzt – und nebenbei die nötigen Informationen über die Protagonisten liefert.

Natürlich kann eine Ausstellung nicht die Geschichte des Fahrrades erzählen, auch nicht die des Rennsports oder des Transportwesens. Die Ausstellung geht einen Weg, der für den europäischen Raum eher unorthodox ist. Schließlich wird hierzulande, in Europa, immer noch geglaubt, ein Museum sei der hoheitlicher Raum kulturellen Schaffens und Strebens, wohingegen Unternehmen niedere Orte sind, wo kapitalgetriebene Bösewichte stets nur die Maximierung eigener Profite im Blick haben. Ein Museum will sich ja nicht als Werbeveranstalter der Bonzen andienen, als Steigbügelhalter der Warenwirtschaft. Klassische ideologische Vorbehalte halt.

Dass es der Unternehmen bedarf, und den Menschen dahinter, den Unternehmern, die den Fortschritt voran schreiten zu lassen, ist eine Perspektive, die in den Vereinigten Staaten viel leichter eingenommen werden kann. Hier zählt, wer etwas Herausragendes leistet, erschafft, realisiert. Daher kann es sich die Ausstellung erlauben, den Blick auf sechs Unternehmen zu richten, die eines eint: Alle fertigen von Hand Fahrräder von größter Schlichtheit und höchster Funktionalität. Maschinen, die Emotionen ansprechen. So entstehen sechs Unternehmensprofile, Charakterbeschreibungen, Haltungen. Im Grunde also sechs Philosophien über das Fahrradfahren.

Am Rande bemerkt: Es ist es kein Wunder, dass sich die Wortkombination Velosophie, gebildet aus Philosophie und Velo, der in der Schweiz verbreiteten Vokabel für Fahrrad, einer so großen Beliebtheit erfreut. Kaum eine größere Stadt in Deutschland, in Österreich oder der Schweiz, die nicht über ein Fahrradgeschäft mit diesem Namen verfügt. In Köln, wo der Autor wohnt, firmiert unter diesem Titel ein Schrauber aus Argentinien, der die Stadt mit zeitgeistigen „Fixis" versorgt, jenen Fahrrädern, die ohne Gangschaltung, Rücktritt und Bremse als Endstufe der Unvernunft im städtischen Verkehr gelten dürfen. Eben eine ganz eigene Sicht auf die Welt, eine Philosophie des Fahrrads.

Ausstellung und Buch stellen also sechs Denkmodelle in Form von Fahrradauffassungen zur Schau. Knappe Texte geben Einblick in Entstehung und Besonderheit der jeweiligen Haltung. Ambitionierten Fahrradfans sind Namen wie Sacha White, dem Gründer von Vanilla ein Begriff. Sein Minimalismus, die zum Aberwitz getriebene Detailversessenheit, machen seine Stadträder zu Unikaten von magischer Anziehungskraft. Es scheint, als stünde die Einzigartigkeit über allen anderen Kriterien. Jeff Jones´ Mountainbikes treiben den Einsatz von Titan auf die Spitze. Dario Pogoretti, der einzige Vertreter aus Europa, gibt sich ganz dem Rennsport hin. Im Jahr 2008 als „Rahmenbauer des Jahres" ausgezeichnet, gibt er den Ton bei handgefertigten Rennrahmen weltweit mit an. Kaum größer könnte die Distanz zu Peter Weigle sein, der sich auf Langstreckenräder spezialisiert hat. Auch wenn ab und an Rennradlenker auftauchen, so haben seine Tretfahrzeuge den Anspruch, auch nach tagelanger Nutzung ein Kompliment an jeden Popo zu sein. Mike Flanigan hingegen konstruiert eine Fahrraddenke, die ihren Schwerpunkt in geometrischen Besonderheiten sucht. Transportfahrzeuge entstehen so, oder minimalistische Klassiker, denen man nicht ansieht, dass sie nagelneu sind. Richard Sachs schließlich gibt Einblicke in den Bau von Rennmaschinen, die ihren geometrisch-konstruktiven Ursprung unverkennbar in den siebziger Jahren haben. Komplett werden sie aber erst mit den modernen Komponenten, die Sachs verwendet. Drei Regeln gelten unverrückbar für diese Räder: Sie sind immer für Rennen, aus Stahl und: rot.

Das Buch könnte Tausende solcher Geschichten erzählen, das Thema der handgefertigten Fahrräder ist mit Buch und Ausstellung gewiss nicht vollständig erschlossen. Für Liebhaber von schönen Rädern ist es aber ein Leckerbissen. Für alle anderen Designliebhaber auch. In den Buchregalen von Radenthusiasten wird es zweifellos einen festen Platz haben.

Bespoke: The Handbuilt Bicycle
Von Julie Lasky
Softcover, 128 Seiten, deutsch
Lars Müller, Baden, 2010
25 Euro
www.lars-mueller-publishers.com