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Perfekt funktional:
Vesuvio von Gaetano Pesce
von Thomas Wagner | 19. November 2014
Macht auf wunderbar einfache Weise dem Funktionalismus den Garaus: der Espressokocher „Vesuvio“ von Gaetano Pesce. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Wo die Funktion ins Zentrum des Gestaltens rückt, heiligt der Zweck die Mittel. Der Funktionalismus, den der amerikanische Architekt Louis H. Sullivan 1896 in der bekannten Formel „form follows function“ zusammengefasst hat, setzt den Gebrauchszweck absolut und ordnet ihm die künstlerische Freiheit oder, wenn man so will, die Schönheit eines Gegenstands unter. Kurz: Was praktisch ist und seinen Zweck erfüllt, ist auch schön.

So sehr es zum Selbstverständnis des Designs gehört, dass gestaltete Dinge oder Geräte die ihnen zugedachte Funktion auch erfüllen, so entschieden hat Sullivans populäre Spruchweisheit Designer zum Widerspruch gereizt und – als die Postmoderne am historischen Horizont auftauchte – jede Menge Häretiker auf den Plan gerufen. Ob mehr oder weniger ironisch die Rede mal von „form follows emotion“, „form follows concept“, „form follows fun“ oder von „form follows poetry“ war, noch in der Opposition blieb das Gestalten an das dogmatische Schema gebunden, die Form bedürfe einer Vorgabe, der sie logisch zu folgen habe. Was Schönheit selten tut. Die Frage, ob sich auf der Ebene der Objekte überhaupt sinnvoll zwischen Form und Funktion unterscheiden lasse, ist dabei nicht einmal berührt. So wenig wie die, ob sich im Funktionalismus das Design historisch nicht auch deshalb der – technischen – Funktion ausgeliefert hat, um sich vom Kunsthandwerk zu emanzipieren. Dass es sich damit sogleich einem zweifelhaften Platonismus verdächtig macht, steht auf einem anderen Blatt. Ist ein Stuhl, von dem man die Form abzieht, tatsächlich noch ein Stuhl?

Wie dem auch sei, es gibt ein Objekt, das auf wunderbar einfache Weise in der Lage ist, dem Funktionalismus – der trotz aller Abgesänge noch immer durch viele Designdebatten geistert – den Garaus zu machen. Eines, das dessen Voraussetzungen und Widersprüche ebenso präzise wie ironisch aushebelt: den Espressokocher „Vesuvio“ von Gaetano Pesce.

Gaetano Pesce, 1939 in La Spezia geboren, Architekt, Designer, Künstler, hat sich immer wieder als ein Meister der Individualisierung der Massenproduktion erwiesen. Dinge zu gestalten, die nur praktisch und nur funktional sind, war nie seine Sache. Im Grunde entwirft er gar keine Dinge, er visualisiert die Haltung, die er zu ihnen einnimmt. Was dazu führt, dass seine Sofas, um nur ein Beispiel herauszugreifen, aussehen wie ein Sonnenuntergang über Manhattan oder wie ein Gebirgsmassiv samt See und Wasserfall.

Was nun Pesces „Vesuvio“ und den Funktionalismus angeht, verhält sich die Sache so: Worin besteht die Funktion eines Mokkakochers, italienisch Caffettiera oder schlicht Moka genannt? Ganz einfach: Beim Erhitzen auf der Kochstelle beginnt das Wasser im unteren Teil der Kanne – dem Kessel – zu verdampfen. Dadurch entsteht ein Überdruck, der das heiße Wasser durch das Kaffeepulver in einem Trichtereinsatz drückt. Der Kaffee fließt dann durch ein Feinsieb an der Unterseite des Kannenoberteils, steigt aufgrund des Überdrucks im Steigrohr weiter auf und läuft von oben in das Kannenoberteil. Fertig ist der Caffè. Ohne Crema, wohlgemerkt, weshalb die kleinen Dampfmaschinen in Deutschland fälschlicherweise „Espressokannen“ genannt werden.

Einfache italienische Versionen der Caffettiera sind zumeist achteckig und bestehen aus Aluminiumguss. „Vesuvio“ aber, der Name legt es nahe, hat die Gestalt eines Vulkans, der gerade dabei ist, auszubrechen. Ein Bergmassiv, dessen Spitze weggesprengt wurde und einen Krater voll rotglühender Lava bildet, über dem eine Fahne aus Dampf und Asche schwebt. Was im Sinne der Formel „form follows function“ völlig korrekt ist, entspricht die Funktionsweise des Mokkakochers doch exakt derjenigen eines – kleinen – Vulkanausbruchs. Denn auch beim Vulkan – oft in einer Tiefe von rund 100 Kilometer, wo Temperaturen zwischen 1000 und 1300 Grad Celsius herrschen – erhöht sich der Druck aufgrund verdampfenden Wassers, schmelzenden Gesteins und entstehender Gase. Woraufhin flüssiges Magma in Spalten und Rissen aufsteigt und, überschreitet der Druck einen kritischen Punkt, der Vulkan ausbricht.

Die adäquate Form eines Mokkakochers im Sinne des Funktionalismus ist also die eines gerade eben ausbrechenden Vulkans – und keine andere hat ihm Gaetano Pesce gegeben. Was den Funktionalismus freilich auf die denkbar schönste Art und Weise zerreißt wie der Vulkanausbruch den Vulkanberg. Quod erat demonstrandum.

www.gaetanopesce.com

Espressokocher „Vesuvio“
Design Gaetano Pesce 1993
Hersteller Zani & Zani
Materialien: Aluminium, Kunststoff


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Fundstück: Mutters Schoß wird Vierzig! Die 1968 entworfene „Up"-Serie von Gaetano Pesce für B&B Italia wird zu ihrem Jubiläum wieder neu aufgelegt.
(15. Juni 2009)

Vor dem Ausbruch: „Vesuvio“, zerlegt, sogar. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Massenproduktion von Gaetano Pesce. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
„Denn die Wolke erhob sich, wie in einem überlangen Stamm, hoch hinauf und verzweigte sich in etliche Äste“ - Plinius der Jüngere über den Vesuvausbruch 79 nach Christi, hier abgebildet auf einer Postkarte aus dem Jahr 1906.
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B&B Italia: UP5/6 2000 Series @ Stylepark
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Gaetano Pesce
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Gaetano Pesce
News & Stories › 2014 › November
Perfekt funktional:
Vesuvio von Gaetano Pesce
von Thomas Wagner | 19. November 2014
Der Funktionalismus lehrt, die Form habe sich der Funktion anzupassen. Eine Caffettiera beweist, was dabei herauskommt, wenn man die Formel „form follows function“ beim Wort nimmt.
Wo die Funktion ins Zentrum des Gestaltens rückt, heiligt der Zweck die Mittel. Der Funktionalismus, den der amerikanische Architekt Louis H. Sullivan 1896 in der bekannten Formel „form follows function“ zusammengefasst hat, setzt den Gebrauchszweck absolut und ordnet ihm die künstlerische Freiheit oder, wenn man so will, die Schönheit eines Gegenstands unter. Kurz: Was praktisch ist und seinen Zweck erfüllt, ist auch schön.

So sehr es zum Selbstverständnis des Designs gehört, dass gestaltete Dinge oder Geräte die ihnen zugedachte Funktion auch erfüllen, so entschieden hat Sullivans populäre Spruchweisheit Designer zum Widerspruch gereizt und – als die Postmoderne am historischen Horizont auftauchte – jede Menge Häretiker auf den Plan gerufen. Ob mehr oder weniger ironisch die Rede mal von „form follows emotion“, „form follows concept“, „form follows fun“ oder von „form follows poetry“ war, noch in der Opposition blieb das Gestalten an das dogmatische Schema gebunden, die Form bedürfe einer Vorgabe, der sie logisch zu folgen habe. Was Schönheit selten tut. Die Frage, ob sich auf der Ebene der Objekte überhaupt sinnvoll zwischen Form und Funktion unterscheiden lasse, ist dabei nicht einmal berührt. So wenig wie die, ob sich im Funktionalismus das Design historisch nicht auch deshalb der – technischen – Funktion ausgeliefert hat, um sich vom Kunsthandwerk zu emanzipieren. Dass es sich damit sogleich einem zweifelhaften Platonismus verdächtig macht, steht auf einem anderen Blatt. Ist ein Stuhl, von dem man die Form abzieht, tatsächlich noch ein Stuhl?

Wie dem auch sei, es gibt ein Objekt, das auf wunderbar einfache Weise in der Lage ist, dem Funktionalismus – der trotz aller Abgesänge noch immer durch viele Designdebatten geistert – den Garaus zu machen. Eines, das dessen Voraussetzungen und Widersprüche ebenso präzise wie ironisch aushebelt: den Espressokocher „Vesuvio“ von Gaetano Pesce.

Gaetano Pesce, 1939 in La Spezia geboren, Architekt, Designer, Künstler, hat sich immer wieder als ein Meister der Individualisierung der Massenproduktion erwiesen. Dinge zu gestalten, die nur praktisch und nur funktional sind, war nie seine Sache. Im Grunde entwirft er gar keine Dinge, er visualisiert die Haltung, die er zu ihnen einnimmt. Was dazu führt, dass seine Sofas, um nur ein Beispiel herauszugreifen, aussehen wie ein Sonnenuntergang über Manhattan oder wie ein Gebirgsmassiv samt See und Wasserfall.

Was nun Pesces „Vesuvio“ und den Funktionalismus angeht, verhält sich die Sache so: Worin besteht die Funktion eines Mokkakochers, italienisch Caffettiera oder schlicht Moka genannt? Ganz einfach: Beim Erhitzen auf der Kochstelle beginnt das Wasser im unteren Teil der Kanne – dem Kessel – zu verdampfen. Dadurch entsteht ein Überdruck, der das heiße Wasser durch das Kaffeepulver in einem Trichtereinsatz drückt. Der Kaffee fließt dann durch ein Feinsieb an der Unterseite des Kannenoberteils, steigt aufgrund des Überdrucks im Steigrohr weiter auf und läuft von oben in das Kannenoberteil. Fertig ist der Caffè. Ohne Crema, wohlgemerkt, weshalb die kleinen Dampfmaschinen in Deutschland fälschlicherweise „Espressokannen“ genannt werden.

Einfache italienische Versionen der Caffettiera sind zumeist achteckig und bestehen aus Aluminiumguss. „Vesuvio“ aber, der Name legt es nahe, hat die Gestalt eines Vulkans, der gerade dabei ist, auszubrechen. Ein Bergmassiv, dessen Spitze weggesprengt wurde und einen Krater voll rotglühender Lava bildet, über dem eine Fahne aus Dampf und Asche schwebt. Was im Sinne der Formel „form follows function“ völlig korrekt ist, entspricht die Funktionsweise des Mokkakochers doch exakt derjenigen eines – kleinen – Vulkanausbruchs. Denn auch beim Vulkan – oft in einer Tiefe von rund 100 Kilometer, wo Temperaturen zwischen 1000 und 1300 Grad Celsius herrschen – erhöht sich der Druck aufgrund verdampfenden Wassers, schmelzenden Gesteins und entstehender Gase. Woraufhin flüssiges Magma in Spalten und Rissen aufsteigt und, überschreitet der Druck einen kritischen Punkt, der Vulkan ausbricht.

Die adäquate Form eines Mokkakochers im Sinne des Funktionalismus ist also die eines gerade eben ausbrechenden Vulkans – und keine andere hat ihm Gaetano Pesce gegeben. Was den Funktionalismus freilich auf die denkbar schönste Art und Weise zerreißt wie der Vulkanausbruch den Vulkanberg. Quod erat demonstrandum.

www.gaetanopesce.com

Espressokocher „Vesuvio“
Design Gaetano Pesce 1993
Hersteller Zani & Zani
Materialien: Aluminium, Kunststoff


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