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Superpool oder Die Beteiligung der Bürger
13. Oktober 2012
Das Team von Superpool, Foto © Pelin Derviş

Ist Istanbul eine Megacity jenseits der Planbarkeit? Was können die Bewohner zu einer besseren Mobilitätsinfrastruktur beitragen?

Superpool: Häufig wird in kritischen Debatten angemerkt, die herkömmliche Planung von Metropolen sei überholt. Großstädte können es sich nicht leisten, auf die Ausarbeitung eines Rahmenplans zu warten – die Planung dauert zu lange und in der Zwischenzeit verändert sich zu viel. Wir haben diese Beobachtung in Bezug auf den aktuellen Rahmenplan für Istanbul gemacht – bereits vor seinem Erscheinen war er schon wieder überholt. Dennoch brauchen wir Werkzeuge, die uns helfen, die Lebensbedingungen in diesen wachsenden Städten zu verbessern. Hier sind intelligente Lösungen gefragt.

Unser Entwurf für den Audi Urban Future Award 2012 beschäftigt sich mit den Themen Verkehr und öffentlichem städtischen Raum. In diesem Zusammenhang möchten wir ein Tool bzw. eine Onlineforum namens „PARK“ vorstellen. Einerseits ist „PARK“ ein Planungstool, mit dem der Nutzer eine Übersicht auf dem Stadtplan erstellen kann, die ihm zeigt, welche Verkehrsmittel für welche Strecken zur Verfügung stehen. Gleichzeitig regt „PARK“ den Nutzer aber auch zur Wirtschaftlichkeit an, denn er bekommt mehr Punkte, wenn er gemeinsam genutzte Verkehrsmittel wählt. Untersuchungen haben ergeben, dass mit jedem gemeinsam genutzten Auto potenziell die Zahl der Autos im Straßenverkehr um 20 Fahrzeuge reduziert werden kann.

Die Punkte, die man sammelt, können dazu genutzt werden, Raum in der Nachbarschaft, der von parkenden Autos befreit ist, für andere Zwecke zu reservieren. Dies ist wichtig, denn in einer Stadt wie Istanbul, in der jedem Einwohner nur drei Quadratmeter Grünfläche zur Verfügung stehen – was die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation von 15 Quadratmeter deutlich unterschreitet –, zählt jeder Quadratmeter Lebensraum, den man zurückgewinnen kann.

Welche Auswirkungen hat es, wenn die Bewohner, aber auch Handwerker und kleine Firmen, stärker an Entscheidungsprozessen beteiligt werden? Wie lässt sich mehr Demokratie organisieren?

Superpool: Ein wichtiger Aspekt in Großstädten ist, dass die Menschen ein Gefühl als „Stakeholder“ entwickeln. Es kann leicht passieren, dass man sich entfremdet und machtlos vorkommt. Wir sind der Überzeugung, dass „Stakeholdership“ in der Stadt damit beginnt, dass man die Straße vor seinem Haus oder in seiner Nachbarschaft nutzen kann. In der Lage zu sein, sein Umfeld zu nutzen, setzt jedoch Entscheidungen in dieser Richtung voraus. Mit PARK können die Bürger Vorschläge zur Straßengestaltung machen. Wenn man beispielsweise ein Straßenfest feiern möchte, kann man die Nachbarn von der Idee überzeugen und beschließen, die Straße für einen Nachmittag für den Verkehr zu sperren.

Die Befreiung und Umnutzung von städtischem Raum, der gegenwärtig massiv zugeparkt ist, kann unseres Erachtens die Grundlage verbessern, auf der die Gesellschaft engere und bessere Beziehungen knüpft. Das Ergebnis ist ein intensiverer Ideenaustausch, mehr gemeinsame Entscheidungen und letztendlich eine bessere Zukunft für alle.

Werden sich einzelne Stadtteile und Viertel unterschiedlich entwickeln? Wie muss man sich das vorstellen?

Superpool: Istanbul ist bereits heute eine Stadt der Kontraste und Unterschiede. Traditionell haben unterschiedliche Gewerbe den Charakter der Stadtteile geprägt. So haben Stadtteile, in denen Leder, Stoffe, Beleuchtungsartikel oder Geräte hergestellt wurden, ein entsprechendes Wohnungs- und Freizeitangebot, dass diese Gewerbe unterstützt. Diese Durchmischung hat einen immensen Einfluss auf das Leben und den Charakter der Nachbarschaft sowie die städtische Struktur insgesamt.

Heutzutage sorgt die Mischnutzung noch immer für eine lebendige und aktive Stadt. Trotzdem führen Entscheidungen, die auf Rahmenplänen basieren oder von höherer Ebene kommen, weiterhin zu Trennungen. „Gated Communities“, riesige Wohnviertel, Industriegebiete, Universitätsgelände werden als eigenständige Inseln konzipiert.

Nichtsdestotrotz macht eine Planung von unten nach oben, in der die Bürger Entscheidungen darüber treffen, wie sie leben und ihre Wohnumgebung gestalten möchten, einen Teil der Stärke von Istanbul aus. Selbstverständlich muss ein ausgewogenes Verhältnis herrschen. Unser Ziel ist es, informellen Ideen einen Rahmen zu geben und es den Menschen so zu ermöglichen, ihre Umgebung nach eigenen Vorstellungen zu verändern. PARK gibt diesen Entscheidungen aus dem Bürgerumfeld eine sichtbare Plattform.


Selva Gürdoğan, Architektin (geb. 1979, Türkei. 2003 Abschluss an der Sci-Arc, USA) und Gregers Tang Thomsen, Architekt (geb. 1974, Dänemark. 2003 Abschluss an der Aarhus School of Architecture, Dänemark) haben 2006 Superpool in Istanbul gegründet. Sie sind sich 2003 im Office for Metropolitan Architecture (OMA) von Rem Koolhaas begegnet, wo sie bis zur Gründung von Superpool gearbeitet haben.

www. audi-urban-future-initiative.com
www.superpool.org

„PARK“, das Projekt von Superpool, alle Bilder © Superpool
News & Stories › 2012 › Oktober
Superpool oder Die Beteiligung der Bürger
13. Oktober 2012
Am 18. Oktober wird in Istanbul zum zweiten Mal der von Stylepark gemeinsam mit Audi kuratierte „Audi Urban Future Award“ verliehen. Im Vorgriff auf die Szenarien, die fünf Architektenteams für hochverdichtete Metropolen und Regionen erarbeitet haben, stellen wir Ihnen Teilnehmer und Projekte vor. Die Architekten von Superpool haben wir dazu befragt, wie sich die Bürger in Istanbul an der Planung ihrer Stadt beteiligen lassen.
Ist Istanbul eine Megacity jenseits der Planbarkeit? Was können die Bewohner zu einer besseren Mobilitätsinfrastruktur beitragen?

Superpool: Häufig wird in kritischen Debatten angemerkt, die herkömmliche Planung von Metropolen sei überholt. Großstädte können es sich nicht leisten, auf die Ausarbeitung eines Rahmenplans zu warten – die Planung dauert zu lange und in der Zwischenzeit verändert sich zu viel. Wir haben diese Beobachtung in Bezug auf den aktuellen Rahmenplan für Istanbul gemacht – bereits vor seinem Erscheinen war er schon wieder überholt. Dennoch brauchen wir Werkzeuge, die uns helfen, die Lebensbedingungen in diesen wachsenden Städten zu verbessern. Hier sind intelligente Lösungen gefragt.

Unser Entwurf für den Audi Urban Future Award 2012 beschäftigt sich mit den Themen Verkehr und öffentlichem städtischen Raum. In diesem Zusammenhang möchten wir ein Tool bzw. eine Onlineforum namens „PARK“ vorstellen. Einerseits ist „PARK“ ein Planungstool, mit dem der Nutzer eine Übersicht auf dem Stadtplan erstellen kann, die ihm zeigt, welche Verkehrsmittel für welche Strecken zur Verfügung stehen. Gleichzeitig regt „PARK“ den Nutzer aber auch zur Wirtschaftlichkeit an, denn er bekommt mehr Punkte, wenn er gemeinsam genutzte Verkehrsmittel wählt. Untersuchungen haben ergeben, dass mit jedem gemeinsam genutzten Auto potenziell die Zahl der Autos im Straßenverkehr um 20 Fahrzeuge reduziert werden kann.

Die Punkte, die man sammelt, können dazu genutzt werden, Raum in der Nachbarschaft, der von parkenden Autos befreit ist, für andere Zwecke zu reservieren. Dies ist wichtig, denn in einer Stadt wie Istanbul, in der jedem Einwohner nur drei Quadratmeter Grünfläche zur Verfügung stehen – was die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation von 15 Quadratmeter deutlich unterschreitet –, zählt jeder Quadratmeter Lebensraum, den man zurückgewinnen kann.

Welche Auswirkungen hat es, wenn die Bewohner, aber auch Handwerker und kleine Firmen, stärker an Entscheidungsprozessen beteiligt werden? Wie lässt sich mehr Demokratie organisieren?

Superpool: Ein wichtiger Aspekt in Großstädten ist, dass die Menschen ein Gefühl als „Stakeholder“ entwickeln. Es kann leicht passieren, dass man sich entfremdet und machtlos vorkommt. Wir sind der Überzeugung, dass „Stakeholdership“ in der Stadt damit beginnt, dass man die Straße vor seinem Haus oder in seiner Nachbarschaft nutzen kann. In der Lage zu sein, sein Umfeld zu nutzen, setzt jedoch Entscheidungen in dieser Richtung voraus. Mit PARK können die Bürger Vorschläge zur Straßengestaltung machen. Wenn man beispielsweise ein Straßenfest feiern möchte, kann man die Nachbarn von der Idee überzeugen und beschließen, die Straße für einen Nachmittag für den Verkehr zu sperren.

Die Befreiung und Umnutzung von städtischem Raum, der gegenwärtig massiv zugeparkt ist, kann unseres Erachtens die Grundlage verbessern, auf der die Gesellschaft engere und bessere Beziehungen knüpft. Das Ergebnis ist ein intensiverer Ideenaustausch, mehr gemeinsame Entscheidungen und letztendlich eine bessere Zukunft für alle.

Werden sich einzelne Stadtteile und Viertel unterschiedlich entwickeln? Wie muss man sich das vorstellen?

Superpool: Istanbul ist bereits heute eine Stadt der Kontraste und Unterschiede. Traditionell haben unterschiedliche Gewerbe den Charakter der Stadtteile geprägt. So haben Stadtteile, in denen Leder, Stoffe, Beleuchtungsartikel oder Geräte hergestellt wurden, ein entsprechendes Wohnungs- und Freizeitangebot, dass diese Gewerbe unterstützt. Diese Durchmischung hat einen immensen Einfluss auf das Leben und den Charakter der Nachbarschaft sowie die städtische Struktur insgesamt.

Heutzutage sorgt die Mischnutzung noch immer für eine lebendige und aktive Stadt. Trotzdem führen Entscheidungen, die auf Rahmenplänen basieren oder von höherer Ebene kommen, weiterhin zu Trennungen. „Gated Communities“, riesige Wohnviertel, Industriegebiete, Universitätsgelände werden als eigenständige Inseln konzipiert.

Nichtsdestotrotz macht eine Planung von unten nach oben, in der die Bürger Entscheidungen darüber treffen, wie sie leben und ihre Wohnumgebung gestalten möchten, einen Teil der Stärke von Istanbul aus. Selbstverständlich muss ein ausgewogenes Verhältnis herrschen. Unser Ziel ist es, informellen Ideen einen Rahmen zu geben und es den Menschen so zu ermöglichen, ihre Umgebung nach eigenen Vorstellungen zu verändern. PARK gibt diesen Entscheidungen aus dem Bürgerumfeld eine sichtbare Plattform.


Selva Gürdoğan, Architektin (geb. 1979, Türkei. 2003 Abschluss an der Sci-Arc, USA) und Gregers Tang Thomsen, Architekt (geb. 1974, Dänemark. 2003 Abschluss an der Aarhus School of Architecture, Dänemark) haben 2006 Superpool in Istanbul gegründet. Sie sind sich 2003 im Office for Metropolitan Architecture (OMA) von Rem Koolhaas begegnet, wo sie bis zur Gründung von Superpool gearbeitet haben.

www. audi-urban-future-initiative.com
www.superpool.org