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Tauwetter auf den Gipfeln von Inca City
von Thomas Wagner | 23.10.2013
Abb. aus dem besprochenen Band © Sabrina Spee, Stylepark

Was wir sehen, ist eine Welt ohne Vegetation. Eine felsige oder sandige Ödnis, leblos, karg, leer und unwirtlich. Fotografien von der Oberfläche des Mars, des vierten Planeten unseres Sonnensystems, in hartem Schwarzweiß. Darauf zu entdecken sind Wellen und Rippen aus Lava, vor unsagbar langer Zeit erstarrt. Schroff aufgefaltete Bergrücken und mächtige, kreisrunde Krater, gesäumt von scharfen Graten. Muschelförmige Tafelberge, versandete Ebenen und schuppenartig erodierte Formationen. Tief eingeschnittene Canyons und Flusstäler voller Staub. Landstriche, die, obgleich sie sich kilometerweit erstrecken, wie in Sand gezeichnete Miniaturen wirken, Areale, die aussehen, als bestünden sie aus verschütteter Gipsmilch oder verwehtem Schnee, aus dem einzelne Tannen hervorragen. Es gibt Ebenen, deren Boden unvorstellbar langer Zeit vertrocknet und schrundig aufgerissen ist, überhaupt jede Menge Muster, von kosmischen Kräften geformt.

Nie waren uns Berge und Täler vom Nachbarplaneten näher

Wir, die wir all das betrachten, sind sehr weit weg. Wir sitzen in keinem „Rover“ und fahren, die Nase im Staub, in unbekannten Gegenden spazieren. Das Auge, dessen Blick wir folgen, ist starr und groß. Es blickt aus großer Höhe auf eine ferne fremde Welt. Fünfzig Zentimeter Durchmesser hat das Spiegelteleskop der größten und leistungsstärksten Kamera, die je zu einem anderen Planeten geschickt wurde. Seit 2006 schießt sie als Teil des „Mars Reconnaissance Orbiter“ (MRO) hochaufgelöste Bilder aus einer elliptischen Umlaufbahn um den Planeten Mars. Das „High Resolution Imaging Science Experiment“, kurz HiRISE, soll Landschaften und Gesteinsformationen erkunden und auf dem Roten Planeten zukünftige Landeplätze für Landeroboter ausfindig machen.

Obwohl oder gerade deshalb, weil die Kamera nur einige Hundertstel der Marsoberfläche kartografiert, sind die Aufnahmen, die wir ihr verdanken, von außergewöhnlicher Schärfe und Prägnanz: „Die Kamera macht Bilder, die dem entsprechen, was bei einem Flug über den Planeten aus einer Höhe von etwa einem Kilometer mit bloßem Auge zu erkennen wäre.“ Nie waren uns Berge und Täler, Krater und Gesteinsformationen unseres Nachbarplaneten näher als auf diesem Fotografien. Und nie zuvor wurde deutlicher, was uns Erdenbewohnern am Mars so fasziniert: Im Blick auf die Oberfläche eines Planeten eine zweite Erde im Frühstadium sehen zu können, womöglich eine Welt im Werden. Ob das mehr als bloße Fantasie ist, weiß niemand.

Schlicht „Mars, eine fotografische Entdeckung“ heißt der großformatige, von Xavier Barral herausgegebene Band, der die besten Aufnahmen aus über 28.000 teils farbigen Fotografien von der Oberfläche unseres Nachbarplaneten vorstellt – samt exakten Beschreibungen und erläuternden Texten und einem chronologischen Abriss der Geschichte und der wissenschaftlichen Entdeckung des Roten Planeten.

Jede Fotografie deckt sechs Kilometer in der Breite ab

„Nachdem ich – als bewegungsloser Wanderer –, notiert Xavier Barral im Vorwort, „die Lavafelder im Norden, die Sanddünen, die von Vulkanstaub bedeckten Krater, die tief eingeschnittenen Canyons und die schmelzenden Polkappen erkundet hatte, habe ich mich entschieden, unter den abertausenden Bildern einen konstanten Blickwinkel zu wählen: Jede Fotografie deckt sechs Kilometer in der Breite ab. Am Ende der Reise hatte ich immerwährende Landschaften zusammengestellt.“ Jede einzelne Schwarzweißaufnahme entspricht also einem Sichtfeld von sechs Kilometer Länge. Und weil der Ausschnitt, den die Farbaufnahmen erfasst haben, kleiner ist, hat Barral ausschließlich Schwarzweißfotografien für den Band ausgewählt.

Die HiRISE-Aufnahmen sind zuallererst Dokumente der astronomischen Forschung. Sie liefern signifikante Daten zum früheren und heutigen Zustand des Mars. Auf ihnen konnten die Wissenschaftler der „University of Arizona“ in Tucson, wohin die Bilddaten vom Orbiter übermittelt und wo sie ausgewertet werden, nicht nur durch Wasser gehärtete Gesteinsfugen und rhythmische Schichtungen von Sedimentgestein untersuchen. Indem sie mit Hilfe von im Orbit befindlichen Spektrometern „hydratisierte Mineralien“ identifizierten, konnten sie auch Hinweise auf eine einstmals bewohnbare Umwelt finden, „in der das Leben geblüht haben könnte – falls es auf dem Mars jemals Leben gegeben hat“, wie Alfred S. McEwen, der Leiter des Projekts „HiRISE“, es ausdrückt.

Landstriche, bedeckt mit Trockeneis

Das ist das eine. Fasziniert und irritiert ob der Zeitdimensionen, folgt man den Erklärungen, die Francis Rocard in seinem Aufsatz für die eine oder andere Formation gibt: „Die größten Krater nennt man Einschlagbecken, denn hier wurde die Kruste bis auf den Mantel durchschlagen. Sie sind etwa vier Milliarden Jahre alt, das heißt, sie stammen aus der Zeit des sogenannten Großen Bombardements.“ Oder: „Die ,Kasei Valles’“, das größte, durch Wassererosion entstandene Talsystem des Mars, „erstrecken sich über mehr als 2400 Kilometer, von ,Echus Chasma’ nördlich der ,Valles Marineris’ bis in die Tiefebene ,Chryse Planitia’. An seiner Mündung misst das Talsystem, das nach dem japanischen Wort für ,Mars’ benannt ist, 400 Kilometer in der Breite.“ Und in der Bildlegende zu den Arealen, die wirken, als bestünden sie aus Schnee, erfährt man: „Die jahreszeitlich bedingte Frostschicht, die diese Flächen bedeckt, besteht aus etwas Wassereis, aber vor allem aus Trockeneis – Kohlendioxid, das unter Marsbedingen bei minus 125 Grad Celsius resublimiert.“

Dem Zauber menschenferner Territorien erliegen

Indes, im Auge des menschlichen Betrachters geschieht noch etwas anderes. Die nüchterne Beschreibung verwandelt sich. Was wir auf den Fotografien wahrnehmen, wird zu einer Projektionsfläche unserer Fantasie. Während wir uns noch darüber wundern, dass überhaupt etwas ist und nicht vielmehr nichts, erscheint uns diese lebensferne Welt plötzlich nicht nur fremd, sondern erhaben. Als erinnerten uns diese Formationen daran, wie begrenzt unser Vermögen doch ist, das reale und zum Bild erstarrte kosmische Geschehen zu begreifen. Uns beschleicht, wie Schiller sagen würde, ein „gemischtes Gefühl“. Was unsere Sinne erfassen, überfordert unser Denken, und während wir staunen, fallen „Wehsein“ und „Frohsein“ zusammen.

Mag der Mars auch so fern und so fremd bleiben wie eh und je, sobald unsere Augen gebannt seine trockenen, öden und unbelebten Täler und Ebenen durchstreifen, ergreift unser Gemüt ein Zauber. Unwillkürlich begreifen wir: All das existiert ohne unser Zutun. Kein Mensch hatte hier seine Hände im Spiel. Damit wir uns im Zauber des Menschenfernen aber nicht verlieren, formen unsere Augen und unser Geist – wie schon Petrarca im Blick vom Mont Ventoux – aus den Formationen einer fernen, nackten und puren Natur reflexartig Landschaften.

Mars
Eine fotografische Entdeckung
Hrsg. Xavier Barral, Vorwort von Xavier Barral, Texte von Alfred S. McEwen, Francis Rocard, Nicolas Mangold, Gestaltung von Coline Aguettaz, Xavier Barral
Verlag Hatje Cantz, 2013
272 Seiten, 151 Abb. in Triplex, Leinen mit Schutzumschlag
79 Euro
www.hatjecantz.de

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„Aram Chaos“: Zwischen Hügeln und Dünen gibt es weiße Flächen, die auf sulfathaltige Sedimente rückschließen lassen.
Irdische Namenspaten – Planisphäre vom Mars.
Ein Blick aus großer Höhe auf eine ferne fremde Welt: „Mars, eine fotografische Entdeckung“.