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Wenn es leer ist, schaut das Haus immer in die gleiche Richtung
von Nancy Jehmlich | 5. Februar 2011
Die Villa „Il Girasole“ mit einem unbeweglichen Sockel und ihrem drehbaren Winkelbau wurde zwischen 1930 und 1935 von Angelo Invernizzi und dem Interieurdesigner Ettore Fagiuoli mit der Hilfe von Freunden erbaut.

Der Morgen dämmert. Ein rundes hohes Haus wartet darauf, entdeckt zu werden. Die ersten Bilder des Films des Regisseurs Christoph Schaub und des Architekten Marcel Meili zeigen das Haus „Il Girasole", das in der Po-Ebene in Marcellise in der Nähe von Verona liegt. Grillen zirpen, eine Flöte pfeift, die Rollläden werden hochgezogen, das Haus erwacht, der Tag beginnt. Wir, die Zuschauer des Films, sind im Haus. Wir wissen, warum wir das Haus sehen wollen. Das Haus dreht sich. Doch es ist nicht allein die Bewegung von etwas, dass eigentlich immobil ist, die uns fasziniert. „Il Girasole", aus dem Italienischen übersetzt „die Sonnenblume", verwebt, so ist im begleitenden Text zur DVD zu lesen, „architektonisch ineinander zwei der am meisten verbreiteten Kulte des ,modernen Geistes': das mechanische, bewegliche Haus, das sich dem Licht, der Sonne zuwendet".

Die sehr große Villa „Il Girasole" mit einem unbeweglichen Sockel und ihrem drehbaren Winkelbau wurde zwischen 1930 und 1935 von Angelo Invernizzi und dem Interieurdesigner Ettore Fagiuoli mit der Hilfe von befreundeten Künstlern, Möbeldesignern und Architekten erbaut. Angelo Invernizzi war jedoch eher Ingenieur als Architekt, was man dem etwas ungelenken Bau, einer Mischung aus verschiedenen Stilen, ansieht. Nun widmet sich ein siebzehnminütiger Film dem drehbaren, aber keineswegs dynamischen, sondern eher monumental und klassizistisch anmutenden Haus und seiner Geschichte. Die Tochter des Erbauers, Lidia Invernizzi-Vicari, erzählt - als Stimme aus dem Off - von ihren Erinnerungen an die Villa. Und nicht nur die Erzählungen führen den Zuschauer in eine abgelegene, ruhige und zauberhafte Welt, auch die Bilder und Einstellungen des Films zelebrieren das „Wunder von Marcellise" als Meisterwerk der dynamischen Architektur.

„Alles hier gehört zusammen, und weil der Hausmeister Romolo das weiß, ist alles noch so, wie es sich Vater damals ausgedacht hatte", kommentiert Lidia. Die Fenster, die Möbel, der Boden, selbst das Geschirr, das ein eigens für die Villa entworfenes Dekor trägt, alles ist noch genau wie vor sechzig Jahren. An diesem Schauplatz lassen die Filmemacher zwei Schauspieler gleich „Puppen auf De-Chirico-Bildern" auftreten. Eine perfekte Staffage für das Haus, zurückhaltend und der Zeit entsprechend gekleidet, halten sie sich zumeist im Hintergrund. Ebenso dezent verhalten sich aus filmischer Sicht Licht, Ton und Ausstattung. Alles, auch die inszenierte Geschichte eines Tagesablaufs, dient allein dem Haus und seiner Darstellung. Das Haus spielt die Hauptrolle. Jede Aufnahme zeigt Hingabe und zollt diesem einzigartigen Werk Respekt.

Besonders den Momenten der Bewegung widmet der Film besondere Aufmerksamkeit: Wie durch einen beiläufigen Druck auf den Lichtschalter wird das Haus in Gang gesetzt. Schnitt. Die schweren Zahnräder beginnen sich zu drehen. Schnitt. In einer lang andauernden Großaufnahme wird die gemächliche Bewegung des Hauses gezeigt. Beim Drehen streichelt die Hauskante einige Efeublätter. Die Bewegung des Hauses ist bei vier Millimetern pro Sekunde mit bloßem Auge nicht erkennbar. Eine komplette Drehung dauert über acht Stunden.

Später, als die Sonne langsam untergeht, werden Gäste erwartet. Man sieht einen gedeckten Tisch, die Scheinwerfer eines herannahenden Autos beleuchten die Einfahrt. Dazu die Stimme, die erzählt, dass die Familie ein ruhiges Leben führte, auch wenn oft Besuch aus ganz Italien kam. Szenenwechsel. Der Morgen graut. Wir schauen auf die Dachterrasse und hören wie Lidia vom Traum des Vaters erzählt, auf dem Dach ein großes Fest zu feiern, „aber irgendwie kam es nie zustande, vielleicht war ihm auch hier die Idee wichtiger..."

Es ist Tag, die Flöte spielt wieder, wir wechseln in die Gegenwart und sehen Lidia Invernizzi-Vicari auf der Terrasse sitzen und die Aussicht genießen. Sie erzählt, dass ihr aktueller Aufenthalt in „Il Girasole" beendet ist und sie den Sommersitz der Familie wieder verlässt. „Romolo hat das Haus schon zurückgedreht. Wenn es leer ist, schaut das Haus immer in die gleiche Richtung ins Tal. Nicht dass es notwendig wäre. Einfach so."

Il Girasole, Ein Haus in der Nähe von Verona
Von Christoph Schaub und Marcel Meili
DVD mit Booklet, Hardcover, 48 Seiten, Italienisch mit englischen, deutschen und französischen Untertiteln
Scheidegger & Spiess, Zürich, 2010
Euro 35
www.scheidegger-spiess.ch

Ansicht auf den drehbaren Winkelbau der Villa Girasole
Il Girasole – die Sonnenblume, liegt in der Nähe von Verona in Italien
Architektur › 2011 › Februar
Wenn es leer ist, schaut das Haus immer in die gleiche Richtung
von Nancy Jehmlich | 5. Februar 2011
„Il Girasole" - die Sonnenblume, so heißt ein drehbares, in den dreißiger Jahren errichtetes Haus in der Nähe von Verona. Nun widmet sich ein feinfühliger Kurzfilm dem außergewöhnlichen architektonischen Werk und seiner besonderen Atmosphäre.
Der Morgen dämmert. Ein rundes hohes Haus wartet darauf, entdeckt zu werden. Die ersten Bilder des Films des Regisseurs Christoph Schaub und des Architekten Marcel Meili zeigen das Haus „Il Girasole", das in der Po-Ebene in Marcellise in der Nähe von Verona liegt. Grillen zirpen, eine Flöte pfeift, die Rollläden werden hochgezogen, das Haus erwacht, der Tag beginnt. Wir, die Zuschauer des Films, sind im Haus. Wir wissen, warum wir das Haus sehen wollen. Das Haus dreht sich. Doch es ist nicht allein die Bewegung von etwas, dass eigentlich immobil ist, die uns fasziniert. „Il Girasole", aus dem Italienischen übersetzt „die Sonnenblume", verwebt, so ist im begleitenden Text zur DVD zu lesen, „architektonisch ineinander zwei der am meisten verbreiteten Kulte des ,modernen Geistes': das mechanische, bewegliche Haus, das sich dem Licht, der Sonne zuwendet".

Die sehr große Villa „Il Girasole" mit einem unbeweglichen Sockel und ihrem drehbaren Winkelbau wurde zwischen 1930 und 1935 von Angelo Invernizzi und dem Interieurdesigner Ettore Fagiuoli mit der Hilfe von befreundeten Künstlern, Möbeldesignern und Architekten erbaut. Angelo Invernizzi war jedoch eher Ingenieur als Architekt, was man dem etwas ungelenken Bau, einer Mischung aus verschiedenen Stilen, ansieht. Nun widmet sich ein siebzehnminütiger Film dem drehbaren, aber keineswegs dynamischen, sondern eher monumental und klassizistisch anmutenden Haus und seiner Geschichte. Die Tochter des Erbauers, Lidia Invernizzi-Vicari, erzählt - als Stimme aus dem Off - von ihren Erinnerungen an die Villa. Und nicht nur die Erzählungen führen den Zuschauer in eine abgelegene, ruhige und zauberhafte Welt, auch die Bilder und Einstellungen des Films zelebrieren das „Wunder von Marcellise" als Meisterwerk der dynamischen Architektur.

„Alles hier gehört zusammen, und weil der Hausmeister Romolo das weiß, ist alles noch so, wie es sich Vater damals ausgedacht hatte", kommentiert Lidia. Die Fenster, die Möbel, der Boden, selbst das Geschirr, das ein eigens für die Villa entworfenes Dekor trägt, alles ist noch genau wie vor sechzig Jahren. An diesem Schauplatz lassen die Filmemacher zwei Schauspieler gleich „Puppen auf De-Chirico-Bildern" auftreten. Eine perfekte Staffage für das Haus, zurückhaltend und der Zeit entsprechend gekleidet, halten sie sich zumeist im Hintergrund. Ebenso dezent verhalten sich aus filmischer Sicht Licht, Ton und Ausstattung. Alles, auch die inszenierte Geschichte eines Tagesablaufs, dient allein dem Haus und seiner Darstellung. Das Haus spielt die Hauptrolle. Jede Aufnahme zeigt Hingabe und zollt diesem einzigartigen Werk Respekt.

Besonders den Momenten der Bewegung widmet der Film besondere Aufmerksamkeit: Wie durch einen beiläufigen Druck auf den Lichtschalter wird das Haus in Gang gesetzt. Schnitt. Die schweren Zahnräder beginnen sich zu drehen. Schnitt. In einer lang andauernden Großaufnahme wird die gemächliche Bewegung des Hauses gezeigt. Beim Drehen streichelt die Hauskante einige Efeublätter. Die Bewegung des Hauses ist bei vier Millimetern pro Sekunde mit bloßem Auge nicht erkennbar. Eine komplette Drehung dauert über acht Stunden.

Später, als die Sonne langsam untergeht, werden Gäste erwartet. Man sieht einen gedeckten Tisch, die Scheinwerfer eines herannahenden Autos beleuchten die Einfahrt. Dazu die Stimme, die erzählt, dass die Familie ein ruhiges Leben führte, auch wenn oft Besuch aus ganz Italien kam. Szenenwechsel. Der Morgen graut. Wir schauen auf die Dachterrasse und hören wie Lidia vom Traum des Vaters erzählt, auf dem Dach ein großes Fest zu feiern, „aber irgendwie kam es nie zustande, vielleicht war ihm auch hier die Idee wichtiger..."

Es ist Tag, die Flöte spielt wieder, wir wechseln in die Gegenwart und sehen Lidia Invernizzi-Vicari auf der Terrasse sitzen und die Aussicht genießen. Sie erzählt, dass ihr aktueller Aufenthalt in „Il Girasole" beendet ist und sie den Sommersitz der Familie wieder verlässt. „Romolo hat das Haus schon zurückgedreht. Wenn es leer ist, schaut das Haus immer in die gleiche Richtung ins Tal. Nicht dass es notwendig wäre. Einfach so."

Il Girasole, Ein Haus in der Nähe von Verona
Von Christoph Schaub und Marcel Meili
DVD mit Booklet, Hardcover, 48 Seiten, Italienisch mit englischen, deutschen und französischen Untertiteln
Scheidegger & Spiess, Zürich, 2010
Euro 35
www.scheidegger-spiess.ch