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Raster, ob am Boden oder aus Licht wie am einen oder anderen Messestand, prägen das szenografische Konzept der „Silver Edition" der Biennale Interieur in Kortrijk

Biennale Interieur Kortrijk 2016
Gefangen im Kuratoren-Raster

von Thomas Wagner | 18.10.2016

Nun also: Kortrijk und die Biennale Interieur im Silberglanz. Als wir am frühen Morgen am Flughafen sitzen, um nach Belgien aufzubrechen, steht es groß in allen Zeitungen, tags zuvor war es bekannt geworden: Bob Dylan erhält den Nobelpreis für Literatur. „The times they are a-changin...“. Der vermutlich Ende 1963 entstandene und 1964 auf Dylans dritten, gleichnamigem Album veröffentliche Song sollte im Lauf 1960er Jahre zur Hymne der Jugend- und Studentenbewegung avancieren, nicht nur in Amerika. Im politisch so turbulenten Jahr 1968 – Proteste gegen den Vietnam-Krieg, Ermordung Martin Luther Kings, Attentat auf Andy Warhol, Pariser Mai, deutsche Apo und das Ende des Prager Frühlings, um nur einige der Ereignisse zu nennen – beginnt auch die Geschichte der „Biennale Interieur“ in Kortrijk, deren 25. Ausgabe noch bis zum 23. Oktober mit einer „Silver Edition“ gefeiert wird. Natürlich kommt man da nicht umhin, sich zu fragen: Wo stehen wir und wo steht die Biennale Interieur heute, da sich die Zeiten seit ihren Anfängen tatsächlich in vielfacher Hinsicht und von Grund auf geändert haben?

Die Einsamkeit des Daybeds im Raum: Wer, wie die Kuratoren der Biennale mit den „Interiors", weg möchte vom Einzelobjekt, sollte mehr zeigen.

Ein kurzer Blick zurück

Was 1968 in der „Kamer voor Handel en Nijverheid“ im Windschatten der Renaissance von Inneneinrichtung und Design begann, entwickelte sich schon bald zu einer über die Grenzen Belgiens hinaus beachteten Messe, die – und darauf kommt es an – eben mehr sein wollte und auch mehr war, als nur ein Marktplatz neuer Produkte. Von Beginn an hat die Biennale Interieur die weiter als bis an den Geldbeutel reichenden kulturellen Aspekte und Anteile der Ökonomie erkannt und beides – Markt und Idee, Geschäft und Ideal, Handel und Gestaltung – geschickt miteinander zu verflechten vermocht. Es galt, neue Wohnideen zu zeigen und den Wandel hin zu mehr Offenheit und Freiheit zu begleiten und mitzugestalten. Indem bekannten Architekten, Designern oder Kuratoren die Verantwortung für das Konzept und das Erscheinungsbild anvertraut wurde und Größen der Community wie Gio Ponti oder Verner Panton, Alessandro Mendini oder Philippe Starck, Konstantin Grcic oder Jaime Hayon dem Ganzen Anregung und Kontur gaben, entstanden neben und zwischen den Messeständen immer wieder beachtenswerte Statements zum zeitgenössischen Wohnen.

Einblicke in die Geschichte: Auch 1968 wurde großzügig gedacht.
1972 trägt man weiße Hosenanzüge mit Schlag
1974 dominiert Pop
Sind so große Ohren: „Ear Chairs" von Studio Makkink & Bey bei der Biennale 2006
Biennale Interieur Kortrijk im Jahr 2008.
Ins rechte Licht gerückt: Produktpräsentation auf der Biennale Interieur Kortrijk im Jahr 2010.

Nicht aufgrund der Fülle von Neuheiten, sondern weil die jeweils aktuellen Produkte vielfach im Kontext aktueller Entwicklungen und überraschenden Gedanken einzelner Designer und Architekten überprüft und – direkt oder indirekt – auf Wohntrends um- und hochgerechnet wurden, entwickelte sich aus einer Produktschau zugleich auch ein bedenkenswertes Statement zum Stand des Möbel- und Interior-Designs. Zudem wurden, was die szenische Präsentation und die Inszenierung betrifft, in den dann angenehm großzügigen Messehallen der XPO neue Wege eingeschlagen: Statt isolierter Kojen gab es offene Flächen und weiträumige Areale. Statt Enge herrschte Großzügigkeit. So erarbeitete sich die Biennale im Takt wechselnder Einrichtungstrends und -moden über fast 50 Jahre ein ganz eigenes Profil, das nicht zuletzt auch deshalb anderswo Schule machte, weil das Messegeschehen dank diverser Veranstaltungen („kulturelles Rahmenprogramm“ ist ein schrecklich bürokratisches Wort) in die Stadt selbst überschwappte, wo ein ums andere Mal aus bloßer Vielzahl eine bereichernde Vielfalt entstand.

Manchmal sieht man nur Raster, Farbe und Beine, dabei hat die Biennale weit mehr zu bieten.

Zum Jubiläum will man es besonders gut machen

Weil man zu Recht stolz auf die eigene Geschichte und das Erreichte sein kann, will man es zum Jubiläum nun besonders gut machen. In vollem Umfang gelungen ist das nicht. Man möchte zwar ungern gleich von Krise sprechen (das Wort wird ohnehin so inflationär gebraucht wie die Worte Design und Kurator) – die Gründe aber, weshalb der oft so frische Geist von Kortrijk sich diesmal überraschend rar macht, müssen interessieren. Auf der Habenseite steht auch 2016: Die geschickt durchmischte Abfolge der Hersteller von Möbeln, Armaturen; Teppichen und Textilien sowie Anbieter neuer Materialien und Architektursysteme gestaltet einen Rundgang nach wie vor abwechslungsreich und sorgt für Überraschungen. Auch die Gewinner des Wettbewerbs in der Kategorie „Spaces“ zaubern abermals sehenswerte Restaurants und Bars zwischen die Stände – angefangen bei dem aus einfachsten Materialien gebauten, improvisiert wirkenden und zugleich perfekten Raum der „Bar Nose“ bis hin zu den Natürliches und Digitales einander gegenüberstellenden Baumstämmen von „Made/Found“ und der offenen und kreisrunden Theke von „Le Banquet Gaulois“.

Japanisch schlicht und akustisch beruhigt: Sitzen und Essen in der „Bar Nose" von Mayu Takasugi und Johannes Berry.
Natürliches trifft Digitales: Das Stammlokal „Made/Found" der Klein Agency.
An der Kreuzung von Rot und Grün: Kohlenschwarz ist die Bar „We are Family" von En Bande Organisée.

Es fällt aber auch auf: Die so zentrale Verzahnung von Messe und Kultur, Geschäft und Reflexion, zeigt plötzlich Schwächen, ja, sie scheint mit einem Mal fast verschwunden zu sein. Man habe, so ist von offizieller Seite zu hören, den Standort Messegelände stärken, das Nachdenken mittels Ausstellungen und anderen Aktivitäten in die Hallen der XPO zurückholen wollen. Ein kurzer Spaziergang durch die Stadt und über die von der Leie eingerahmte Buda-Insel offenbart dann auch: Von der Biennale ist hier so gut wie nichts mehr zu sehen. Während 2012 ein kolossaler magentafarbener Stuhl auf dem Großen Markt in der Stadtmitte stand und 2014 in der Turnhalle einer alten Schule (neben den von der ehemaligen Stadtbefestigung übrig gebliebenen Broel-Türmen) Staubsaugerroboter Wiener Walzer tanzten, bleibt die Innenstand heute Einheimischen und Touristen überlassen. Flanierte man bei früheren Ausgaben durch die Buda Factory oder lauschte im Buda Tower einem außergewöhnlichen Konzert der Band „Goose“, bei dem jeder der vier Musiker zwar leibhaftig in einem anderen Stockwerk auftrat, sein Spiel dann aber doch medial in Bild und Ton zusammenstimmte, finden sich diesmal außerhalb der Messe keine solchen Highlights mehr. Selbst die in das neue Voka-Bürogebäude unweit der XPO ausgelagerte Schau zur Geschichte der Biennale bleibt eine lieblos auf kleine Viertelkreise zwischen Schreibtische gezwängte Ansammlung weniger Objekte.

Eingestreut: Objekte und Plakate früherer Biennalen werden in den Büros im Voka-Gebäude präsentiert.

Entdecken geht über kuratieren

Wer im Möbeldesign etwas auf sich hält und etwas werden will, gestaltet irgendwann einen Stuhl. Eine noch reizvollere und noch anspruchsvollere Aufgabe aber scheint es zu sein, einen Hocker zu gestalten. Auch Steffen Kehrle hat schon einige Stühle entworfen. Nun steht am Stand von „Stattmann Neue Moebel“, in diesem Jahr erstmals in Kortrijk vertreten, sein neuer, in bis zu sechs Exemplaren stapelbarer Hocker „Add Stool“. Er hat drei Beine, wirkt kompakt und elegant zugleich – und selbstverständlich kann man ihn auch als Beistelltisch nutzen. Ob Pastoe neue, warme Farben zeigt, ob Axor gelungene Einhebelvarianten seiner im Stil der ersten industriell gefertigten Armaturen entwickelten Kollektion „Montreux“ vorstellt, ob Fenix NTM® ein extrem mattes Nanotech-Material für Arbeitsplatten oder zur Raumgestaltung präsentiert, auf dem keine Fingerabdrücke zurückbleiben, ob Kvadrat seinen Stand in einen angenehmen Laden verwandelt, in dem man sich gerne beraten lässt, oder Sky-Frame edle geneigte Glasschiebetüren offeriert – Entdeckungen lassen sich – Jubiläum hin, Rahmenprogramm her – in Kortrijk immer machen.

Einen Hocker kann man immer brauchen: „Add Stool" hießt das Exemplar, das Steffen Kehrle für Stattmann Neue Möbel entworfen hat.
Neue Gemütlichkeit? – Auch bei Pastoe setzt man auf warme Farben.
Als wär's ein feiner Laden: Am Stand von Kvadrat erfährt man alles, was man schon immer über die Stoffe des Textitlverlags wissen wollte.

Unter der Silberlinie

Als Kuratoren verantwortlich zeichnen in diesem Jahr die beiden Architekten Kersten Geers und David Van Severen vom belgischen Architekturbüro „Office Kersten Geers David Van Severen“. Ihr Jubiläums-Motto lautet: „Silver Lining Interiors“. In enger Zusammenarbeit mit dem Künstler Richard Venlet und dem Grafikdesigner Joris Kritis sind sie ebenfalls für das Ausstellungskonzept der Designmesse zuständig. Die Farbe Silber soll recht simpel dafür einstehen, dass die 1968 gestiftete Ehe von Kommerz und Kultur 25 Ausgaben lang gehalten hat. Also haben die Kuratoren die Gänge innerhalb der Messehallen mit einem Wegeleitsystem aus silbern schimmernden Stoffbahnen versehen. Am Boden markieren lange Teppichbahnen in Grau, Grün, Blau, Gelb und Rot die Hauptachsen. Die Strukturierung der Hallen funktioniert gut; nur hätte sich David Van Severen bei der Pressekonferenz den verstiegenen Hinweis auf die Malerei von Piet Mondrian und die Bedeutung des Rasters sparen können.

Unterm Silbersegel: Das Wegeleitsystem mittels Stoffbahnen und verschiedenfarbigen Teppichen funktioniert gut.

Ohne Visionen geht es nicht

Wie das heutzutage epidemisch und überall der Fall ist, bemüht man sich auch in Kortrijk diesmal um eine in die Zukunft weisende Vision. Also liest man im Statement des Biennale-Präsidenten Lowie Vermeersch unter der Überschrift „Unsere Vision 2016“: „Heute umgibt uns Design überall und ist aus unserem täglichen Leben nicht mehr wegzudenken. Was früher eine Nische war, gehört jetzt zum Mainstream und wir profitieren von einem unerschöpflichen Angebot an Design. Die Vision von früher ist heute Wirklichkeit geworden und das muss gefeiert werden! [...] Wir befinden uns an der Schwelle einer neuen Ära, in der unsere Wohnkreativität vor Herausforderungen steht und ihr kaum noch Grenzen gesetzt sind. In diese neue Welt gehört auch eine neue Biennale Interieur.“ Wie wahr. Allein, auf die „neue Biennale“ wartet man noch. Wie das Beispiel der Kunst lehrt, lähmt der Erfolg und wird leicht zum Feind.

Offen und doch auch verschlossen zeigt sich nicht nur der eine oder andere Stand.

Interiors im Blechkarton

Zumindest der Zusatz „Interiors“ zu den sechs in die Messehallen integrierten, aus abgekantetem Lochblech gebauten Kuben, läuft ins Leere, weil die versprochene Rückbesinnung auf ganze Interieurs statt auf isolierte Design-Objekte ausfällt. Statt sich der Realität des Wohnens zu stellen, huldigt man einem spröden Konzeptualismus, der weder Fachleute noch ein interessiertes Laienpublikum anzuziehen vermag. Von Objekten im innenarchitektonischen Kontext bleibt nicht viel mehr haften als die Einsamkeit eines Daybeds im Raum. Sogar beim von den Kuratoren selbst gestalteten „Solo House“ wird ein wirkliches Bauwerk mit seiner ambitioniert inszenierten Schwundstufe verwechselt. Die angebliche Wirkung der temporären Installation bleibt dann auch Behauptung. Die „Räume der autarken Villa“, die in einer kreisförmigen Galerie um ein Patio mit Swimmingpool ausgerichtet sind, mögen sich in Spanien zur Natur hin öffnen, im Messekäfig erleben kann man das nicht.

Würfel trifft Spiegel: So interpretieren die Kuratoren Fredi Fischli und Niels Olsen die Arbeit von Trix und Robert Haussmann.

Die „Interiors“, angeblich „das Herzstück der Silver Lining-Edition“ der Biennale, leiden zudem unter einer wundersamen Kuratorenvermehrung. Das mag die Wichtigkeit all der Architekten, Designer, Künstler und Galerien herauskehren, die sich als solche betätigen, es mag auch eine Gemeinsamkeit beschwören, die real in nichts eine Entsprechung findet – offenbart aber den Stand der Dinge. Wo man nicht weiterweiß oder sich keine eigene Position zutraut, sind plötzlich alle Künstler, wahlweise Kuratoren oder beides zugleich. Und weil keiner so recht weiß, wohin die Reise geht, tut man sich zusammen, um es dann zwar auch nicht zu wissen, aber die Erfahrung miteinander zu teilen und mittels Visionen wenigstens so zu tun, als ob. Eine „ganzheitliche Inneneinrichtung“ zu visualisieren braucht sicher mehr und anderes. Da helfen auch hochtrabende Behauptungen wie die folgende nicht, die Inhaltsleere zu kaschieren: „Mit Interiors versuchen die Kuratoren, die kontextuelle Bedeutung der Objekte zu verstehen, statt sie als autonome Artefakte zu konsumieren.“

Treffen der Generationen: Schränke sind auch eine reizvolle Gestaltungsaufgabe.

Le Corbusier und Charlotte Perriand konnten es

Wo sich Kuratoren derart selbst feiern, wirkt die kleine Reihe von Designhöhepunkten von 1968 bis heute, die unter dem Titel „Generations“ eine Auswahl von Schränken – unter anderem von Jean Nouvel, Jasper Morrison, Gio Ponti, Achille Castiglioni, Ettore Sottsass und Andrea Branzi – vorstellt, ebenso konventionell wie beruhigend. Nimmt man das Thema der Kontextualisierung beziehungsweise Re-Kontextualisierung tatsächlich ernst, so bleibt es angesichts der misslungenen Interiors mehr als rätselhaft, weshalb die von dem Leuchtenhersteller „Nemo“ präsentierte Ausstellung „La Luce“, die eigens für bestimmte Projekte entworfene Leuchten von Le Corbusier und Charlotte Perriand mit Plänen, Entwurfszeichnungen und Fotografien der Bauten kombiniert, buchstäblich an den Rand gedrängt wird. Hier kommt exakt jene Kombination zur Sprache, die anderswo nur behauptet wird – übrigens ohne Objekte zu konsumieren.

Hier wird's endlich konkret: Die Ausstellung „La Luce" zeigt Leuchten, die Le Corbusier und Charlotte Perriand für bestimmte Projekte entwickelt haben.

Die Zeiten ändern sich

Schade, Ausstellungen in der Buda Factory oder Events im Buda Tower sind nun passé. Auf der Suche nach Originalität durchgesetzt hat sich nun auch in Kortrijk ein realitätsferner Begriff von Künstlertum, wie derzeit an den Rändern vieler Möbel- und Designmessen. – Achtung: Junges Publikum erwünscht! –Kritik an einer Objekt- und Konsumfixiertheit in allen Ehren; doch wenn diese selbst schon nicht eben neu ist, so hätte man sie sich doch in einer originellen, kruden, schrägen, vor allem aber treffenden Form gewünscht. Das helfen auch studentische Projekte rund um die „Texture Site“ an der Noordbrug nicht viel, so sympathisch sie sich auch abmühen. Wie heißt es doch in der dritten Strophe des Songs von Bob Dylan: „The battle outside ragin’ / Will soon shake your windows and rattle your walls“. Auch die Innenräume der Wohlfühlzonen werden sich durch das verändern, was draußen vor der Tür tobt, an den Fenstern rüttelt und schon bald die Wände erschüttern wird. Die Zeiten ändern sich. Mit Visionen und ängstlichen Diskursübungen von Kuratoren allein wird die Zukunft kaum zu gewinnen sein. „The Times ... na, Sie wissen schon.

Biennale Interieur 2016
25th Silver Edition

Kortrijk, Belgien
XPO, Villa Voka und City Programme
bis 23. Oktober

Außenposten: Die „Texture Site“ an der Noordbrug.
Noch ein Außenposten: In einer Halle, die bald schon der Gentrifizierung zum Opfer fallen wird und unweit der „Texture Site" an der Leie gelegen ist, wird experimentiert.
Statt Shopping gibt's einen Workshop: In der Halle wurden Untersuchungen an Architektur und Mobiliar vorgenommen.