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Aufräumen mit der gemütlichen Ecke
von Zimmermann Jörg | 16.04.2012

Ein knappes Jahr harte Arbeit liegt hinter e15. Fast zwölf Monate intensiver Auseinandersetzung waren notwendig, um den Möbelentwürfen von Ferdinand Kramer neu Leben einzuhauchen. Herausgekommen ist eine feine Kollektion aus acht Stücken, die „einen Querschnitt durch sein Werk abbilden", so Philipp Mainzer. Die Reeditionen sind in enger Abstimmung mit Lore Kramer, der zweiten Ehefrau des Architekten, entstanden und sollen als Ausgangspunkt für weitere Entwicklungen dienen, denn das Werk von Ferdinand Kramer ist mehr als vielfältig.

Als Architekt ist der gebürtige Frankfurter in seiner Heimatstadt kein Unbekannter, hatte er hier nach dem Krieg als Baudirektor der Goethe-Universität doch bauliche und städtebauliche Akzente gesetzt. Bei seiner Berufung im Jahr 1952 war die Frankfurter Hochschule eine Stiftungsuniversität in voller Verantwortung der Stadt. Die Kassen der Stadt waren knapp bestückt, so dass sparsames Bauen Pflicht war. Ferdinand Kramer ging dabei oft eigene, unkonventionelle Wege, was bisweilen bei der Frankfurter Bürgerschaft für Irritationen und Protest sorgte.

Konsequente Anpassung an den Bedarf

So ließ Kramer an der Universität beispielsweise den engen, von Säulen gerahmten Haupteingang durch einen großzügig geöffneten, deckenhoch verglasten Eingangsbereich ersetzen. Für die einen ein Frevel an einem ehrwürdigen Bauwerk, für Kramer eine konsequente Anpassung an den veränderten Bedarf. Dabei mussten auch die lebensgroßen Figuren über dem Portal weichen. Montiert wurde ein übergroßer Schriftzug mit dem Namen der Hochschule, gesetzt aus einer Grotesk, die an die weltbekannte „Futura" von Paul Renner erinnert. Der wiederum hatte in den zwanziger Jahren in Frankfurt unterrichtet und sah sich von Kramers Arbeiten und seinen Schriftanwendungen für die spätere Futura inspiriert, wie eine Broschüre zu den Gestaltungsrichtlinien der Stadt Frankfurt als 1985 erläutert.

Alexander Kluge schrieb 1958 als Antwort auf eine Umfrage: „Kramers Bauen ist funktionell, billig und von einer fast zarten Form, wie ich Ähnliches in Deutschland kaum kenne." Zu schlicht und gleichzeitig zu weit gedacht für viele Bürger, aber auch für Kollegen aus der Architektur, die sich selbst in der Nachkriegszeit noch immer eher nach der „kalten Pracht", nach pompösen Bauten mit Ornament und opulentem Fassadenschmuck sehnten. Kaum Wunder, dass Ferdinand Kramer sich eher bei geistigen Vordenkern und Intellektuellen aufgehoben füllte. Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Theodor Fischer, Walter Benjamin und andere bedeutende Gelehrte gehörten zu seinem Freundes- und Bekanntenkreis.

Für die Ausstattung der Frankfurter Universität entstand 1959 auch ein Mehrzwecktisch, der die gestalterische Idee von Ferdinand Kramer bis heute trefflich in eine Form kleidet. Eine einfache Formensprache mit klaren Linien, alltägliche Materialien und gängige Fertigungsmethoden lassen keinen Zweifel entstehen, dass dieser Tisch von Kramer als Alltagsgegenstand gesehen wurde. Zum Einsatz kam der Tisch unter anderem in der Uni-Mensa, die Produktion lag bei der Nienburger Metallwaren Fabrik. Auf Fotos aus den fünfziger und sechziger Jahren ist ersichtlich, dass der Tisch – entsprechend dem Gebrauchszweck – in unterschiedlichen Abmessungen gefertigt wurde.

Möbel als funktionale Alltagsgegenstände

Heute erscheint der Tisch, der in der Reedition von e15 nun die Bezeichnung „FK07" trägt, fast ikonisch. Optisch prägend ist das Eckdetail, das funktional der Stabilisierung der Konstruktion dient. Der Tisch „FK07" ist ein Eins-zu-eins-Nachbau des Möbels für das Philosophische Seminargebäude der Universität, nur die Schweißnähte weisen aufgrund verbesserter Verfahren heute eine andere Optik als bei der Erstproduktion auf. „Viele Details zu den Entwürfen sind nicht dokumentiert", beschreibt Philipp Mainzer die Schwierigkeiten bei der Neuauflage. Auch deshalb war eine intensive Auseinandersetzung mit der Gedankenwelt von Ferdinand Kramer erforderlich.

Schon nach dem Abschluss seines Studiums im Jahr 1922 an der TH München – dem Bauhaus in Weimar hatte er nach wenigen Monaten enttäuscht den Rücken gekehrt – entwarf Ferdinand Kramer Kleinmöbel und Gebrauchsgegenstände. Aus dieser Zeit datiert der bekannte „Kramer-Ofen" aus Schwarzblech. Ab 1925 arbeitete Kramer dann unter Ernst May beim Städtischen Hochbauamt Frankfurt. Zu seinen Aufgaben gehörte der Entwurf von zahlreichen Möbeln und Gebrauchsgegenständen für die Siedlungsbauten des „Neuen Frankfurt". Später war er auch den Planungen der Laubenganghäuser der Siedlung „Westhausen" beteiligt. Ziel dabei war, Formen „eines humanen Wohnens für das Existenzminimum" zu finden.

1930 wechselte Ferdinand Kramer in die Selbstständigkeit, bis 1937 seine Arbeiten als „entartete Architektur" diffamiert wurden und Kramer Berufsverbot erhielt. Im Jahr 1938 folgte er seiner jüdischen Ehefrau Beate Kramer in die Emigration in die Vereinigte Staaten. Dort arbeitete Ferdinand Kramer hauptsächlich als Designer, auch nachdem er 1940 seine Zulassung als Architekt erhielt.

„Knock-Down-Furniture" – das Prinzip der Selbstmontage

Wie in der Architektur standen für Kramer der Gebrauchswert und eine hohe Flexibilität im Zentrum seiner Möbelentwürfe. So ist es kaum verwunderlich, dass das Prinzip der Selbstmontage schon sehr früh in seinen Möbeln auftauchte. Philipp Mainzer: „Die Flexibilität im Gebrauch, die serielle Produktion, Volumenreduktion, damit verbundene Reduzierung von Transportkosten – viele Aspekte, die in der heutigen Möbelproduktion zentrale Bedeutung haben, hat Ferdinand Kramer bereits vor einem halben Jahrhundert vorgedacht."

„Knock-Down-Furniture" waren ganz pragmatisch am amerikanischen Lebensstil orientiert. Die funktionalen Möbel, aus wenigen Elementen konstruiert, ließen sich dank einfacher Steckverbindungen leicht montieren und demontieren, überaus praktisch beim Wohnungswechsel. Wie beispielsweise die „Put-away-wardrobe", ein demontierbarer Kleiderschrank aus Holz, Pressplatte und Steckverbindungen aus Metall, entworfen im Jahr 1943. Sachliche Möbel, die nah am Zeitgeist waren, vielleicht sogar ein Stück voraus. In der Frankfurter Zeitung schrieb Ferdinand Kramer 1930 selbst: „Manche bürgerliche Vorstellung von gemütlicher Ecke usw. wäre noch auszuräumen." In einer Besprechung von Büchern zu Einrichtungsfragen formulierte er: „Das Leben fordert andere Geräte, andere Möbel, andere Räume." Und kritisierte, dass die Verlage „diese selbstverständliche Problemstellung ignorieren."

So spannend und faszinierend auch die Geschichte von Ferdinand Kramer ist, so wenig ist sein Wirken jedoch bis heute einem breiten Publikum bekannt. Begleitend zu einer Ausstellung im Bauhaus Archiv in Berlin im Jahr 1982 erschien ein Katalog, der sowohl eine inhaltliche Perspektive auf das Schaffen Kramers eröffnet, als auch die Arbeiten in der Architektur und Design umfänglich darstellt. 1991 erschien eine ausführliche Monographie unter dem Titel „Ferdinand Kramer – Der Charme des Systematischen". Die Universität Wuppertal widmete Kramer im Jahr 2000 die Ausstellung „Wohnreform", welche die veränderten Wohnbedingungen in den zwanziger Jahren in den Blick nahm.

Aufwendige Rekonstruktion nach altem Bildmaterial

Für Philipp Mainzer war denn die ausführliche Lektüre eine erste Station, sich dem Werk, vor allem den Möbelentwürfen Kramers zu nähern. „Lore Kramer hat mir einen Ausstellungskatalog geschickt. Dann haben wir intensiv recherchiert, z. B. an der Universität Wuppertal, in deren Designsammlung sich einige Stücke von Ferdinand Kramer befinden." Neben den wenigen erhaltenen Möbeln, die Mainzer zur Verfügung standen oder zumindest begutachtet werden konnten, dienten oft allein Abbildungen in Katalogen oder Fotos als Grundlage für die Entwicklung der Reedition. „Wir haben die Fertigungspläne aus den Fotos entwickelt. Die alten Prototypen und die Möbel im Gebrauch hatten oft unterschiedliche Maße, so dass wir die aktuellen Abmessungen allein nach visuellen Kriterien ableiten mussten."

Trotz dieser Schwierigkeiten ist es e15 gelungen, die Formensprache und den gestalterischen Ansatz von Ferdinand Kramer vollständig in die aktuelle Kollektion zu transferieren. Die Konstruktion, meist nur kleine, verdeckte Details wurden an die Bedürfnisse einer zeitgemäßen Serienproduktion angepasst. „Wir haben uns nur minimale funktionale Veränderungen erlaubt. Im ständigen Dialog mit der Familie Kramer haben wir die Details abgestimmt." So zum Beispiel bei den Garderobehacken, die abgerundete Kanten bekommen haben. Auch bei den verwendeten Materialien wurde mit Bedacht modernisiert und die Auswahl erweitert.

Behutsame Ergänzung der Materialien

Das Daybed aus dem Jahr 1925 wurde im Original aus Eiche gefertigt, in der Reedition ist die Liege als „FK01/THEBAN" auch in Nussbaum erhältlich. Als (auch preisliche) Alternative zur Bespannung aus Leder kann ein Leinen-Gewebe gewählt werden. Dazu gesellt sich der Stuhl „FK02/KARNAK" mit gleicher Materialität. Ergänzend zum Original wurde der Stuhlrahmen mit einem Stahlprofil versehen, das zusätzliche Stabilität garantiert. Auch der Hocker „FK03/ASWAN" aus der gleichen Entwurfslinie hat diese funktionale Verbesserung erfahren.

Philipp Mainzer sieht in den Arbeiten von Ferdinand Kramer viele Parallelen zu den Gestaltungsansätzen bei e15. „Wir arbeiten bevorzugt mit Vollholz, das wir mit anderen Materialien kombinieren. Dabei versuchen wir, eine zeitlose Formensprache zu finden. Bei aller Liebe zur Reduktion soll es aber auch Kontraste in der Produktpalette geben."

Für Kontrast zu der Linie mit Liege, Stuhl und Hocker sorgen in der Kramer-Kollektion dann die Couchtische „FK04/CALVERT" und „FK05/CHARLOTTE". Die Entwürfe aus der „Knock-Down"-Serie beziehen ihren Charakter aus der Kombination von Schichtholz und einfacher Fertigung. Die wie nach einem Schnittmuster entwickelten Formteile aus Sperrholz werden einfach zusammengesteckt. Die Form der Tischplatte macht dann den Unterschied: Charlotte kommt mit runder Platte, während Calvert dem Quadrat frönt. Die Gestelle sind bei beiden Tischen identisch.

Ebenfalls zur „Knock-Down"-Serie gehört der Tisch „FK06/ALDEN". Zum Entwurf aus den frühen vierziger Jahren lagen keine Pläne mehr vor, so dass die Proportionen und Abmessungen rekonstruiert werden mussten. Die Tischplatte wird nun aus dreißig Millimetern starkem Massivholz gefertigt, das Untergestell ist V-förmig und eingerückt angebracht. Der in vier Teile zerlegbare Tisch ändert bei unterschiedlichen Längen seine Optik. Das Gestell rückt bei längeren Ausführungen mehr unter die Platte, wodurch der gesamte Tisch an Leichtigkeit gewinnt.

Mit der Entscheidung, die Reedition der Möbel von Ferdinand Kramer bei e15 auflegen zu lassen, hat Lore Kramer, die selbst an der Hochschule für Gestaltung Offenbach Design unterrichtete, einen vielversprechenden Weg eingeschlagen. Gut vorstellbar, dass so in den nächsten Jahren noch weitere Schätze aus dem Kramer Fundus gehoben werden.

Siedlung „Westhausen“, Foto © Wolff & Tritschler, 1929
Liege und Beistelltisch, Foto © Dr. Lossen & Co., 1925
Mensa, Goethe-Universität Frankfurt am Main, Foto © H. Schwöbel, 1963
Diagram of Paper Umbrella, Zeichnung © Ferdinand Kramer, 1948
Service Wagon, Zeichnung © Ferdinand Kramer, 1941
„FK07 Frankfurt“, „CH04 Houdini“, „OS01 Square“ und „OS02 Hanger“, Foto © e15
„FK04 Calvert” und „FK05 Charlotte“, Foto © e15
„FK01 Theban”, „CU06 Nima”, „CM05 Habibi” und „CP03 Kavir”, Foto © e15
„FK02 Karnak” und „FK03 Aswan”, Foto © e15
Pharmazeutisches Institut, Goethe-Universität Frankfurt am Main, Foto © Kramer Archiv, 1957
Philosophicum, Feuertreppe, Goethe-Universität Frankfurt am Main, Foto © Kramer Archiv, 1960
Ferdinand Kramer, Foto © Kramer Archiv, circa 1976
Ferdinand Kramer, Foto © Trebor, 1970
Folding Chairs, Zeichnung © Ferdinand Kramer
Ofen, Zeichnung © Ferdinand Kramer
„FK07 Frankfurt“, „CH04 Houdini“, „OS02 Hanger“ und „CM04 Ito“, Foto © e15
„FK06 Alden” und „CH04 Houdini”, Foto © e15
„FK01 Theban” und „CU06 Nima”, Foto © e15
„FK02 Karnak” und „FK03 Aswan“, Foto © e15

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