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Aus Alt mach Neu: Diverse Typografien des Bauhauses (siehe Plakat) wie die Universal-Schrift von Herbert Bayer (1926) wurden aus dem Archiv geholt…. Foto © L2M3
Aus Alt mach Neu: Diverse Typografien des Bauhauses (siehe Plakat) wie die Universal-Schrift von Herbert Bayer (1926) wurden aus dem Archiv geholt…. Foto © L2M3
…um die neue Schrift „bayer next“ zu entwickeln, die ab sofort auf der Website und in den Drucksachen des Bauhaus-Archivs verwendet wird.
…um die neue Schrift „bayer next“ zu entwickeln, die ab sofort auf der Website und in den Drucksachen des Bauhaus-Archivs verwendet wird.
300 Plakate in Berlin begleiten die Einführung des neuen Corporate Designs.
Foto © Dr. Stephan Consemüller Bauhaus-Archiv/ Museum für Gestaltung, L2M3
Bauhaus-Meister Herbert Bayer, circa 1933. Foto © Bauhaus‐Archiv Berlin
Bayers nexte Bauhaus-Buchstaben
von Martina Metzner
25.07.2014

Der Bauhaus-Meister und Grafiker Herbert Bayer hätte sich beim Anblick der bisherigen Website des Bauhaus-Archivs in Berlin die Augen gerieben. Aktuell waren vor allem die Ausstellungsankündigungen, grafisch indes herrschte eher Tristesse: Schwarzer Hintergrund, schlichte Gebrauchsgraphik, gepaart mit den notwendigsten Funktionen und Inhalten. Wirklich attraktiv war das nicht, passte aber zu einem Archiv und zum Geist des auf Funktionalität ausgerichteten Bauhauses.

Seit einigen Tagen erscheint die Seite nun in neuem Gewand: hell, freundlich, zeitgemäß – und trotzdem typisch Bauhaus. Was ist passiert? Das Bauhaus-Archiv vermeldet ein neues „Corporate Design“ samt einer neu entwickelten Schrift, der „bayer next“, die künftig auf der eigenen Internetseite sowie in Drucksachen und Magazinen des Bauhaus-Archivs verwendet wird. Begleitet wird die Einführung durch eine Werbekampagne in Berlin: 300 Plakate machen seit vergangener Woche auf das Bauhaus-Archiv, seine Sammlungen, Ausstellungen und eben auf das neue Outfit aufmerksam.

Der aufgefrischte gestalterische Auftritt des Bauhaus-Archivs bildet den Auftakt zu den Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen der von Walter Gropius gegründeten Schule im Jahr 2019, für die sich das Haus unter Leitung von Annemarie Jaeggi neu aufstellen will. Geplant sind eine energetische Sanierung des Gebäudes, das 1979 nach den Entwürfen von Walter Gropius gebaut und eröffnet wurde, sowie ein Erweiterungsbau, für den der Bund und das Land Berlin 44 Millionen Euro zur Verfügung stellen. Der Grund für die Aktivitäten liegt auf der Hand: Neben den Bauhaus-Institutionen in Weimar und Dessau ist es vor allem das Bauhaus-Archiv, das 1960 von dem Kunsthistoriker Hans Maria Wingler in Darmstadt gegründet wurde und 1971 nach Berlin umgezogen ist, das den „Mythos Bauhaus“ aufrechterhält. Das Haus ist eines der beliebtesten Ziele in der Berliner Museumslandschaft, die seit 2006 den UNESCO-Titel „Stadt des Designs“ trägt, und zieht jährlich mehr als 100.000 Besucher an – keineswegs nur Wissenschaftler und Fachbesucher, sondern zunehmend auch designaffine Touristen.

Auch um dem Laien entgegenzukommen, setzt das Bauhaus-Archiv, so Pressesprecher Ulrich Weigand, auf den neuen Auftritt, der sich nicht auf das grafische Erscheinungsbild beschränkt, sondern auch mehr Inhalt auf der Website bietet. Zudem wird das Archiv von Walter Gropius mit Fotografien, Zeichnungen und Korrespondenzen derzeit digitalisiert und schon bald auf der Seite zugänglich sein. Mit dem Schritt, Archivalien digital zugänglich zu machen, beschreitet man in Berlin einen Weg, den andere Museen, etwa das Rijksmuseum in Amsterdam oder das Deutsche Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt, bereits eingeschlagen haben.

Am meisten am neuen Auftritt des Bauhaus-Archivs überrascht allerdings die neue Schrift: Die vom Stuttgarter Gestaltungsbüro L2M3 entwickelte „bayer next“ lehnt sich stark an die von Herbert Bayer 1926 entworfene Universal-Schrift an und übersetzt sie behutsam in die Gegenwart. Die Idee stammt vom L2M3-Macher Sascha Lobe, einem Experten für Schriftgestaltung, der für Kunden wie David Chipperfield oder Daniel Liebeskind arbeitet und an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach am Main Typografie lehrt. 500 neue Zeichen – so genannte Glyphen – hat Lobe mit seinem Team auf der Grundlage der Bauhausschriften und Herbert Bayers Universal-Schrift entwickelt. Ein Jahr habe man sich dafür Zeit genommen, im Archiv geforscht und Schriften gezeichnet, erzählt Lobe begeistert: „Eine Traumaufgabe, aber gleichzeitig ein Albtraum“ – angesichts der historischen Bedeutung des Bauhauses.

Damals war die serifenlose, auf geometrischen Grundformen basierende Grotesk-Schrift, die von 1929 an vor allem in der vom Bauhaus konzipierten Zeitschrift „Die Neue Linie“ zum Einsatz kam, ein absolutes Novum. Dass die daraus abgeleitete, geschliffene „bayer next“, die darüberhinaus aus Bauhaus-Typografien abgeleitete Sonderzeichen enthält, sich nicht nur gut lesen lässt und die Wurzeln des Bauhaus-Archivs galant unterstreicht, sondern auch aktuell wirkt, ist angesichts der Konsequenz, mit der man sich bei L2M3 an den gestalterischen Prinzipen des Bauhauses orientiert hat, nicht verwunderlich.

Gleichwohl wird manch einer der Transformation von Herbert Bayers Universal-Schrift kritisch begegnen, vor allem, was die Frage nach dem Urheberrecht und der Unantastbarkeit der Werke der Bauhäusler angeht. Andererseits zeigt das Beispiel der Rekonstruktion der Meisterhäuser in Dessau, die vor kurzem eingeweiht worden sind und sich durch neue Elemente wie Leichtbeton, beschichtete Glasscheiben oder eine offenere Raumstruktur hervortun (Stylepark vom 19. Mai 2014), wie ein eher schwieriges Erbe aktuell angepasst werden kann, ohne dass es dadurch Schaden nimmt. Natürlich ließe sich bemängeln, man könne, statt auf historische Vorbilder zurückzugreifen, auch Neues schaffen. Der Einwand aber verpufft angesichts einer Institution wie dem Bauhaus-Archiv, dessen Aufgabe es ja ist, die Auseinandersetzung mit dem Bauhaus-Erbe lebendig zu halten.

Dass Vergangenheit und Gegenwart im erneuerten Corporate Design des Bauhaus-Archivs eine gelungene Verbindung eingehen, sieht man nicht zuletzt am Logo des Bauhaus-Archivs, das in den 1970er Jahren von Herbert Bayer mit einem ikonischen „A“ entworfen wurde und im Rahmen der Neugestaltung unangetastet blieb. Nur der Schriftzug „Museum für Gestaltung“ wurde in die „bayer next“ überführt – und größer gezogen, um die Betonung aufs Design hervorzuheben und damit ein Laienpublikum verstärkt anzusprechen.

Herbert Bayer, der die neue Berufsgattung des Grafikdesigns am Bauhaus etabliert hat und mit seinen fantasievollen, von Humor und surrealen Elementen geprägten Entwürfen ein Vorreiter der damals entstehenden, schillernden Reklamewelt war, hätte heute sicher seine Freude am neuen, spielerisch-lockeren Corporate Design des Bauhaus-Archivs, das sich der Aufmerksamkeit durch Fachleute und Laien sicher sein kann. Schließlich war es für Bayer ebenso selbstverständlich wie motivierend, dass Grafikdesign und Reklame nicht nur gestalterisch Aufsehen erregen, sondern auch ihr Publikum erreichen sollten.

www.bauhaus.de
www.l2m3.com

Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung
Klingelhöferstraße 14, 10785 Berlin
Öffnungszeiten: Mittwoch – Montag: 10-17 Uhr, dienstags geschlossen

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