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Biegesteifes Bolzenwerk
von Meret Ernst | 16.10.2013
Bauklötzchen für Große: Für das Tamedia-Hochhaus in Zürich verwendete Shigeru Ban massive Fichtenholz-Rahmen, deren Balken ineinander gesteckt sind. Foto © Didier Boy de La Tour

Die Baustelle war spektakulär. Mehr als einmal blieben im Sommer 2012 Passanten stehen und zückten ihre Handykameras. Selten sieht man mitten in der Stadt einen Holzbau dieser Ausmaße entstehen. Das Bürogebäude von Tamedia ersetzt einen Vorgängerbau und schließt mit seinem doppelgeschossigen Walmdach an das Nachbarhaus an. Es bietet Raum für rund 480 Mitarbeitende des Medienkonzerns.
Was lange vor der Fertigstellung für Aufsehen sorgte, war die Konstruktion: Sie besteht aus massiven Rahmen aus Fichtenholz, 21 Meter hoch, rund zwanzig Tonnen schwer. Vor Ort zusammengesetzt und mit dem Baukran aufgestellt, legen sie im Abstand von fünfeinhalb Metern die sieben Achsen fest, die die Längsseite des Gebäudes rhythmisieren. Balken mit einem querovalen Durchmesser verbinden die Rahmen auf fünf Geschossen. Und zwar ohne Metallverbindung: Ihr ovaler Kern aus Buchenholz macht die Holzsteckverbindung biegesteif. Auffällige Bolzen aus Buchenholz verbinden die verdickten Zangenbalken mit den Stützen.

Ein Bürogebäude, errichtet allein aus Holz und Glas, ganz ohne Stahl? Seit rund zehn Jahren dürfen in der Schweiz Holzhäuser bis zu sechs Geschossen, Holzfassaden bis zu acht Geschossen gebaut werden. Das spiegelt wider, welche technologische Entwicklung der Holzbau in den letzten Jahrzehnten erlebt hat. Heute können die Bauteile dank CNC-Fräsen auf den Millimeter genau hergestellt, Bauteile vorfabriziert und vor Ort montiert werden. Selbst Brandschutznormen werden erfüllt, auch weil die entsprechenden Verordnungen 2005 an neue Forschungserkenntnisse angepasst wurden. Sofern Holz massiv verbaut wird, widersteht es dem Feuer, denn die Oberfläche, ist sie einmal verkohlt, schützt das Innere. Holz wird deshalb bis zu einer Feuerwiderstandsdauer von sechzig Minuten zur Anwendung freigegeben.

Und die ökologischen Vorteile des Baustoffes liegen auf der Hand – Holzkonstruktionen sind leicht und verbrauchen wenig graue Energie. Ein Kubikmeter Holz schluckt bereits als Baum eine Tonne Kohlendioxid. Stellt man aus ihm Bauteile her, liegt die CO₂-Emission ein Drittel unter den Werten für solche aus Metall, verglichen mit Beton lässt sich gar rund die Hälfte einsparen. Zudem ist Holz ein erneuerbarer Baustoff. Gründe genug, das Material nicht nur im Chaletbau in den Bergen sondern auch für mehrgeschossige Bürogebäude einzusetzen. Das passt in eine Stadt, deren Stimmbürgerinnen und Stimmbürger 2008 dem Ziel einer 2000 Watt-Gesellschaft zustimmten. Das allein ist schon eine Herausforderung. Gut, wenn im Bau gezeigt wird, dass es anders geht. Das Gebäude glänzt auch mit weiteren Vorteilen, die als vorbildlich für eine ökologische Bauweise gelten: Es wird CO₂-frei und ohne Einsatz von Atomstrom betrieben. Eine Heizung und Kühlung mittels Grundwasser ermöglicht den Verzicht auf fossile Brennstoffe.

Shigeru Ban, der vom Tamedia-Verwaltungsratspräsident Pietro Supino direkt mit dem Bau für das neue Bürogebäude beauftragt wurde, bringt die gewünschte Starqualität mit. Weltweit bekannt ist der Architekt für seine Entwürfe aus unkonventionellen Baumaterialien wie Karton und Papier. Er setzt sie für temporäre Bauten wie für den japanischen Pavillon auf der Weltausstellung Hannover im Jahr 2000 ein, für eine temporär konzipierte Kirche für die Opfer des Erdbebens in Kobe oder für Behelfsbauten für die Opfer von Fukushima. Shigeru Ban kennt die Vorteile von Holz.

Für die Umsetzung des Tamedia-Baus war er auf die Expertise des Holzbauingenieurs Hermann Blumer aus Waldstatt angewiesen. Er war es, der die Art der Verbindungen und das zu verbauende Holz vorschlug – gewählt wurde Fichte aus der Steiermark, die auf 1000 bis 1500 Meter über Meer geschlagen wurde. So sah man das Gebäude mitten in Zürich wachsen, sah, wie die Holzbauer auf den Rahmen saßen und die Bolzen einschlugen. 2000 Kubikmeter Holz wurden verbaut. Ein Spektakel. Heute umhüllt eine Doppelfassade aus Glas, die sich in der Rasterung an die bestehenden Gebäude anschließt, die massive Holzkonstruktion und hält sie zugleich sichtbar. Der Zwischenraum zwischen äußerer und innerer Fassade wirkt als Klimapuffer und bietet Platz für Treppen, Sitzungszimmer und Lounges, deren Fenster sich zum Fluss hin öffnen lassen.

Die Vorteile einer Holzkonstruktion liegen auf der Hand. Aber wie steht es um die formale Qualität? Shigeru Ban hat – wie auch Büros aus Österreich und der Schweiz – den Beweis erbracht, dass mehrgeschossige Bürogebäude aus Holz gebaut werden können. Zugleich zeigen diese Beispiele, dass Holz sich nicht automatisch mit Ökoschick oder Heimattümelei verknüpfen muss. Zwei Absichten lassen sich aus der Materialwahl ablesen.
Neben den ökologischen Vorteilen dieses Baustoffes will der japanische Architekt Arbeitsräume schaffen, die eine warme Atmosphäre vermitteln. Die Trägerstrukturen mit den massiven Pfeilern bleiben in allen Geschossen sichtbar. Stühle, Tischchen und Trennwände aus Rohren von Zeitungspapierrollen möblieren Ruhezonen vor den Redaktionsräumen. Dank der großen Fenster, die sich zum Fluss Sihl öffnen lassen, wirkt der Bau auch von innen leicht und luftig. Doch was ihn zum Vorbild macht, ist nicht zuletzt seine formale Unaufgeregtheit. Wüsste man nicht um sein Innenleben, könnte man ihn glatt übersehen. Das heißt aber auch, dass sich die Haltung, die seinen Entwurf geleitet hat, auch auf andere räumliche Situationen übersetzen ließen.

Der erste Bau von Shigeru Ban in der Schweiz wird nicht der letzte sein. Er setzte sich im Architekturwettbewerb für den neuen Hauptsitz der Swatch Group durch – mit einem Vorschlag in Holzrahmenbauweise. Bis spätestens 2015 soll zumindest ein Teil des Projekts realisiert sein. Den spröden Charme der temporären Architektur aus der Feder Shigeru Bans konnte man diesen Sommer in einem Pavillon studieren, der zu den Zürcher Festspielen aufgebaut wurde: Neben der Villa Wesendonck, in einem der schönsten Parks der Stadt, baute er einen Pavillon aus Kartonsäulen und einer gewichtssparenden Tragstruktur aus Carbon auf. Die Leichtigkeit der Konstruktion, die schnell auf- und abgebaut werden kann, macht auch hier Sinn, denn das Museum will den Bau wiederverwenden.

Medienhaus Tamedia, 2013
Werdstrasse 15 und Stauffacherquai 8, Zürich
Architektur: Shigeru Ban Architects Europe, Paris
Generalplaner: Itten Brechbühl, Zürich
Generalunternehmer: HRS Real Estate, Frauenfeld
Holzbauingenieur: Creation Holz / Hermann Blumer, Waldstatt (Konzept), SJB Kempter Fitze, Herisau (Ausführung)
Holzbau: Blumer-Lehmann, Gossau
Fassade: Aepli Metallbau, Gossau
Gesamtkosten: CHF 4,8 Millionen (EUR 3,9 Millionen)

www.tamedia.ch
www.shigerubanarchitects.com

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Klares Understatement: Wüsste man nicht um sein Innenleben, könnte man das Gebäude glatt übersehen. Foto © Didier Boy de La Tour
Ab Mitte 2012 hämmerten und klopften die Bauarbeiter, um das Holzskelett 21 Meter in die Höhe zu ziehen. Foto © Blumer-Lehmann AG
Global und lokal zugleich: Shigeru Ban arbeitete zusammen mit dem Holzbauingenieur Hermann Blumer aus Waldstatt. Foto © Blumer-Lehmann AG
Stütze und Zangenbalken werden durch einen Bolzen aus Buchenholz verbunden. Foto © Blumer-Lehmann AG
Ganz ohne Metall: Der ovale Kern aus Buchenholz macht die Holzsteckverbindung biegesteif. Foto © Blumer-Lehmann AG
Nicht nur durch die Holzkonstruktion ökologisch vorbildhaft: Das Tamedia-Gebäude wird CO₂-frei und ohne Atomstrom betrieben. Foto © Reto Oeschger
Klimapuffer und Platz für Treppen, Sitzecken und Lounges: Der Zwischenraum zwischen äußerer und innerer Fassade. Foto © Reto Oeschger

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