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Stapelware: Der "Norra Tornen" von OMA in Stockholm
Stapelware: Der "Norra Tornen" von OMA in Stockholm
© Ossip van Duivenbode
Stapelware: Der "Norra Tornen" von OMA in Stockholm

In kleinen Teilen

BIG und OMA haben zwei zukunftsweisende Wohnbauprojekte in Stockholm realisiert.
von Fabian Peters | 20.11.2018

Wenn zwei der unbestritten innovativsten Architekturbüros der Welt parallel zwei Wohnbauprojekte vorstellen, ist das ein Ereignis. Wenn diese beiden in Baupreis und Größe sehr vergleichbaren Projekte zudem Wohnungen für die Mittelschicht schaffen wollen, darf man sich durchaus Zukunftweisendes für die Wohnraumfrage, die sich in fast allen europäischen Metropolen stellt, im Generellen erhoffen. 

Zunächst die Fakten: Der Stockholmer Immobilienentwickler Oscar Properties hat mit dem Rotterdamer Büro OMA unter Federführung von Reinier de Graaf und mit Bjarke Ingels Büro BIG aus Kopenhagen zwei Wohnkomplexe in der schwedischen Hauptstadt realisiert. Beide Bauten liegen etwa eine halbe Stunde Fußweg vom innersten Stadtzentrum entfernt, der eine in westlicher, der andere in östlicher Richtung. Das BIG-Projekt umfasst 169 Wohneinheiten, das von OMA 182. Alle Wohnungen zielen auf dieselbe Käuferschicht: Singles, Paare und Familien der solventen Mittelschicht, nicht aber auf vermögende Investoren aus dem Ausland. Bei den derzeitigen Immobilienpreisen in Stockholm, die auf dem Niveau von Städten wie München und Frankfurt liegen, bedeutet das dennoch, dass die 105 Quadratmeter große Musterwohnung im von OMA entworfenen "Norra Tornen" etwa 1,3 Millionen Euro kostet. In der Konsequenz sind die Grundrisse in beiden Bauten so entwickelt, das auch Wohnungen von etwa 80 Quadratmetern Größe Platz genug für eine vierköpfige Familie bieten sollen – sicher ein realistischer Ausblick auf die Zukunft des Wohnungsbaus auch in deutschen Städten. Ingels und de Graaf betonen beide, dass die effiziente Raumausnutzung zentrales Thema für ihre Entwürfe war. 

Die Wohnanlage "79 & Park" von BIG grenzt an einen großen Landschaftspark, dem der Komplex seine niedrige Seite zuwendet.
Die Wohnanlage "79 & Park" von BIG grenzt an einen großen Landschaftspark, dem der Komplex seine niedrige Seite zuwendet.
© Laurian Ghinitoiu
Die Wohnanlage "79 & Park" von BIG grenzt an einen großen Landschaftspark, dem der Komplex seine niedrige Seite zuwendet.

Soweit die Gemeinsamkeiten. In der Außenansicht besteht dagegen keinerlei Verwechslungsgefahr. OMAs "Norra Tornen" nämlich ist ein 125 Meter hoher Wohnturm auf einem kleinen Restgrundstück inmitten eines bereits dicht bebauten städtischen Umfeldes, bei "79 & Park" von BIG dagegen handelt es sich um einen - von zwei auf zwölf Geschosse ansteigenden - Treppenbau mit Hof und Dachterrassen am Rande eines Naturparks.  

Die Formensprache von "Norra Tornen" ist unverkennbar vom Brutalismus und der Moderne der 1960er und 1970er Jahre beeinflusst, wie Reinier de Graaf auch ganz freimütig zugibt. Wer de Graafs großartiges Buch "Four Walls and a Roof" gelesen hat, weiß, dass er ein großer Anhänger des experimentellen Bauens ist, wie es in Großbritannien etwa die Smithsons und die Architekten des London County Council (LCC) oder in den Niederlanden Baumeister wie Herman Hertzberger praktiziert haben. De Graaf nennt einen überraschenden zusätzlichen Grund für das Anknüpfen an brutalistische Formen: mit seinem polarisierenden Design, das (noch) abseits des Mainstreamgeschmacks liegt, will er nicht zuletzt Spekulanten abschrecken. Das Haus soll von den Käufern der Wohnungen auch bewohnt werden. Hierin waren sich Architekt und Investor offenbar einig. 

Entstanden ist eine pixelartig aus Einzelkuben konstruierte Großform, die Anklänge an Moshe Safdies Habitat 67 in Montreal ebenso erkennen lässt, wie an Kurakawas Nekagin Capsule Tower in Tokio. Wie seine Vorbilder versucht auch de Graaf mit vorfabrizierten Standardelementen, ein Höchstmaß an Varianz zu erzielen – ein weiteres Lieblingsthema des Architekten. So werden Betonkuben abwechselnd vor- und rückspringend mit leichtem Versatz geschichtet. Die Zerlegung der Großform in einzelne Module besitzt einen weiteren Vorteil, der mit der Genese des Baus zusammenhängt. Ursprünglich sollte auf dem Bauplatz ein Bürohochhaus errichtet werden. Als dieses Projekt aufgegeben wurde, erklärte die Stadt das Volumen des angefertigten Architekturentwurfs kurzerhand als verbindlich. OMA und Oscar Properties durften dieses Volumen an keiner Stelle überschreiten. Der Aufbau des Baukörpers aus Einzelkuben ermöglichte, den zur Verfügung stehenden Luftraum bestmöglich zu nutzen. 

Blick auf den Wohnturm "Norra Tornen" von OMA. Er erhält derzeit ein Pendant auf der gegenüberliegenden Straßenseite.
Blick auf den Wohnturm "Norra Tornen" von OMA. Er erhält derzeit ein Pendant auf der gegenüberliegenden Straßenseite.
© Ossip van Duivenbode
Blick auf den Wohnturm "Norra Tornen" von OMA. Er erhält derzeit ein Pendant auf der gegenüberliegenden Straßenseite.
Die Großform des "Norra Tornen" war durch ein Vorgängerprojekt bereits festgeschrieben.
Die Großform des "Norra Tornen" war durch ein Vorgängerprojekt bereits festgeschrieben.
© Ossip van Duivenbode
Die Großform des "Norra Tornen" war durch ein Vorgängerprojekt bereits festgeschrieben.

Struktur und Tiefe erhält die Betonfassade durch ein vertikales Rippenmuster. Die Rippen selbst sind mit einem Überzug aus braunem Waschbeton und bunten Kieseln versehen, was den Bezug zum Brutalismus noch augenfälliger werden lässt. Es waren lange Testreihen notwendig, bis Farbe und Struktur den Vorstellungen der Architekten entsprachen. Dabei beruht die Entscheidung, den Turm in einen bräunlichen Ton zu tauchen, auf einem Unfall: Als ein Lasercutter das erste 3D-Modell des Hochhauses zurechtschnitt, versengte er die Außenflächen dunkel. Dies inspirierte de Graaf und sein Team dazu, auch die reale Architektur zu "bräunen". 

Das Spektrum der Wohnungen im "Norra Tornen" reicht von der Einzimmerwohnung mit 44 Quadratmeter Fläche bis zum 281 Quadratmeter großen Penthouse; mehrheitlich besitzen die Wohnungen allerdings eine Größe zwischen 80 und 120 Quadratmetern und drei oder vier Zimmer. Auffällig ist, dass die Grundrisse fast gänzlich ohne Erschließungsräume auskommen. Die meisten Schlafräume werden durch einen zentralen Wohn-, Ess- und Küchenraum betreten. Auch Windfänge sind nicht immer vorhanden. Zudem besitzen auch Familienwohnungen nicht zwingend eine zweite Toilette. Die Schlaf- beziehungsweise Kinderzimmer sind teils sehr klein, besitzen aber große Fenster und zuweilen auch kleine Balkone, so dass trotzdem kein Eindruck von Enge entsteht. OMA schlägt hier insgesamt sehr pragmatische Lösungen für das Familienwohnen auch auf knapper Grundfläche vor. Das zeugt von einem sehr guten Blick für das Machbare – ganz jenseits experimenteller Ansätze. 

Ganz simpel mit "Box in, Box out" beschreibt Reinier de Graaf von OMA das Gestaltungsprinzip.
Ganz simpel mit "Box in, Box out" beschreibt Reinier de Graaf von OMA das Gestaltungsprinzip.
© Laurian Ghinitoiu
Ganz simpel mit "Box in, Box out" beschreibt Reinier de Graaf von OMA das Gestaltungsprinzip.

Das zweite Projekt "79 & Park" ist schon auf den ersten Blick als BIG-Entwurf erkennbar. Das Kopenhagener Architekturbüro variiert ein Konzept, mit dem es schon zuvor Erfolge gefeiert hat: Ein Wohnhaus, das sich um einen Innenhof gruppiert und dessen Höhe auf den verschiedenen Hofseiten stark variiert. In seiner bislang extremsten Form hat BIG dies bei seinem vielfach ausgezeichneten "Courtscraper", dem "Via 57 West" in Manhattan, realisiert. Das New Yorker Gebäude wächst an einer Ecke des rechteckigen Hofes bis auf 142 Meter an, während es auf der gegenüberliegenden Seite kaum drei Stockwerke hoch ist. 

In Stockholm bringt BIG dieses Konzept in weit gemäßigterer Form zur Anwendung – vergleichbar etwa dem 2009 fertiggestellten "8 House" in Kopenhagen. Die Ausrichtung des Gebäudes gibt der im Süden und Westen anstoßende Park vor, zu dem sich der Hof an seinen niedrig bebauten Seiten öffnet, während die höheren Gebäudeteile den Hofraum von der Stadt abschirmen. Zudem erlauben die flachen Bauten auch vielen Bewohnern der anderen Flügel einen Ausblick ins Grüne. Wie OMA konstruieret auch BIG seinen Entwurf aus pixelartigen Einzelmodulen, die hier eine quadratische Grundfläche besitzen und sich rings um den rechtwinkligen Hof gruppieren. Allerdings sind die Module zum Hof um 45 Grad gedreht, so dass die Kontur des Gebäudes sich wie ein einziges Zackenband ausnimmt. Durch diese Drehung können die Architekten weit mehr Fensterflächen auf den Park ausrichten. Gleichzeitig nutzen sie die Fassadenform für einen gestalterischen Effekt: Eine Seite jedes "Zackens" besteht fast vollständig aus Fensterflächen, die andere aus der Zedernholzverkleidung des Baus. Je nach Betrachterstandpunkt erscheint die Fassade fast völlig aus Glas oder als skulpturales Gebilde aus Holz.

Die Wohnungsgrößen im "79 & Park" reichen von 35 bis 137 Quadratmeter Fläche und von einem bis zu sechs Zimmern. Im Gegensatz zum "Norra Tornen" finden sich hier zahlreiche Maisonetten. Zudem variieren die Deckenhöhen. Das bringt teilweise ästhetisch sehr schöne Lösungen hervor, bei denen der große Hauptraum eine angenehme Gliederung in Zonen des Wohnens, des Essens und des Kochens erfährt. Allerdings ist an einigen Stellen nicht zu übersehen, dass die Planer an dieser zusätzlichen entwerferischen Herausforderung auch scheitern können– etwa wenn schmale Flure plötzliche eine Deckenhöhe von über fünf Metern besitzen. Als weiteres gestalterisches Element verwenden die Architekten das Stahlskelett des Gebäudes: Pfeiler und Unterzüge bleiben in den Innenräumen unverkleidet und werden so vom konstruktiven Element zum Baudekor. Auch "79 & Park" fällt beim Blick auf die Grundrisse auf: Wie beim "Norra Tornen" werden sehr kleine Räume durch große Fenster und Austritte entgrenzt. Die Deckenhöhe von mindestens 2,75 Metern sorgt zusätzlich für ein Mehr an Licht und Luft.

BIGs "79 & Park" besteht aus einer Vielzahl von quadratischen Modulen. Die Architekten ordneten sie um 45 Grad gedreht zum Hof und zu den Grundstückskanten an.
BIGs "79 & Park" besteht aus einer Vielzahl von quadratischen Modulen. Die Architekten ordneten sie um 45 Grad gedreht zum Hof und zu den Grundstückskanten an.
© Laurian Ghinitoiu
BIGs "79 & Park" besteht aus einer Vielzahl von quadratischen Modulen. Die Architekten ordneten sie um 45 Grad gedreht zum Hof und zu den Grundstückskanten an.

In beiden Projekten sind die Architekturbüros ihrem Ruf durchaus gerecht geworden. Sie haben für ihre Bauaufgaben innovative Lösungen gefunden – und sind dabei in mehreren Punkten zu ähnlichen Lösungen gelangt. Das betrifft insbesondere die Modularität. Reinier de Graaf und OMA verfolgen diesen Ansatz bei ihrem Projekt noch etwas konsequenter, weil sie das Prinzip der Vorfabrikation miteinbeziehen. Allerdings hat BIG mit der Wohnbebauung am Dorthervej in Kopenhagen gerade ein Projekt für kostengünstigen Wohnbau realisiert, bei dem die Vorfabrikation großer Elemente ebenfalls eine Schlüsselrolle spielt.Es ist dieser Bauweise enorm dienlich, dass Ingels und de Graaf zeigen, welche ästhetischen Möglichkeiten sie bietet. Das gleiche gilt für die teils sehr pragmatischen und effizienten Grundrisse, die verdeutlichen, dass ein Weniger an Grundfläche nicht zwingend auch Verzicht bedeutet – wenn, wie hier, der fehlende Platz etwa durch große Fensterflächen und Balkone ausgeglichen werden kann. 

Die Konzepte von OMA und BIG haben übrigens auch auf dem Wohnungsmarkt überzeugt. Bei beiden Projekten waren alle Wohnungen weit vor Fertigstellung verkauft. Der "Norra Tornen" wird ein Pendant auf der gegenüberliegenden Straßenseite erhalten, für das die Bauarbeiten kürzlich begonnen haben. Und der Projektentwickler plant bereits den nächsten Streich für Stockholm: Herzog & de Meuron liegen gerade mit den Planungen für einen Wohnturm in den letzten Zügen. 

Ein typisches BIG-Element: Dachterrassen und -gärten schaffen zusätzliche Aufenthaltsräume im Freien für die Bewohner.
Ein typisches BIG-Element: Dachterrassen und -gärten schaffen zusätzliche Aufenthaltsräume im Freien für die Bewohner.
© Laurian Ghinitoiu
Ein typisches BIG-Element: Dachterrassen und -gärten schaffen zusätzliche Aufenthaltsräume im Freien für die Bewohner.
Leuchtturm in der Stadtlandschaft: Der "Norra Tornen" von OMA markiert den Übergang zwischen Stadt und Peripherie.
Leuchtturm in der Stadtlandschaft: Der "Norra Tornen" von OMA markiert den Übergang zwischen Stadt und Peripherie.
© Ossip van Duivenbode
Leuchtturm in der Stadtlandschaft: Der "Norra Tornen" von OMA markiert den Übergang zwischen Stadt und Peripherie.