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Kooperation zweier Architektinnen: Das Gemeindezentrum in Dandaji von Mariam Issoufou und Yasaman Esmaili

Blickpunkt: Architektinnen – Mariam Issoufou

In unserer Serie "Blickpunkt: Architektinnen" stellen wir Ihnen in regelmäßiger Folge das Werk von Architektinnen vor – wie das von Mariam Issoufou, die mit ihrer Arbeit den Blick auf die Architektur Afrikas lenkt.
von Alexander Russ | 25.01.2024

Spätestens seit der Verleihung des Pritzker-Preises an Diébédo Francis Kéré vor zwei Jahren ist Architektur aus Afrika in aller Munde. Regionales, klimagerechtes und soziales Bauen zeichnet viele dieser Projekte aus, die vermehrt den Architekturdiskurs prägen. Geradezu paradigmatisch für diese Entwicklung steht Mariam Issoufou. Dabei studierte die im Niger aufgewachsene Architektin eigentlich zunächst Informatik in den USA. Anschließend arbeitete sie dort mehrere Jahre als Softwareentwicklerin, bevor sie schließlich zur Architektur wechselte. Nach ihrem Master 2013 an der University of Washington schloss sie sich zunächst dem Architekturkollektiv united4design an und gründete kurz darauf ihr eigenes Büro Atelier Masōmī im Niger. Masōmī bedeutet so viel wie Anfang. In ihrer Arbeit setzt sich Issoufou kritisch mit der Dominanz westlicher Architektur und dem Idealbild des Stararchitekten auseinander. Als Gegenentwurf arbeitet sie oft in Kooperation mit anderen ArchitekInnen, wie etwa Yasaman Esmaili aus dem Iran. Gleichzeitig beschäftigt sie sich mit der Baukultur ihrer Heimat und deren historischen, gesellschaftlichen, kulturellen und klimatischen Rahmenbedingen, um daraus ihre eigene Architektursprache zu entwickeln.

Die Architektin Mariam Issoufou

Trotz der Inspiration durch die traditionelle Architektur des Niger, ist Issoufou auch von aktuelleren ProtagonistInnen geprägt – zum Beispiel von Diébédo Francis Kéré oder ihrem Landsmann Falké Barmou, dessen Moschee in Dandadji sie 2018 in ein Gemeindezentrum mit Bibliothek umwandelte. Zudem zählen Architekten wie Charles Correa, Balkrishna Doshi und Louis Kahn zu ihren Einflüssen, allesamt Baumeister, die in der Lage waren, die Moderne mit den spezifischen Rahmenbedingungen eines Ortes und der regionalen, traditionellen Architektur zu verknüpfen. Der Ansatz der ghanaischen Architektin Alero Olympio, die sich mit lokalen nachhaltigen Handwerkstechniken, Bauweisen und Baustoffen beschäftigte, findet sich ebenfalls in ihrer Arbeit.

So verwendet Issoufou oftmals Lehm für ihre Bauten. Ein Beispiel ist die 2016 fertig gestellte Wohnanlage Niamey 2000, die sie zusammen mit united4design in der Hauptstadt von Niger verwirklichte. Das zweistöckige Gebäudeensemble setzt sich aus sechs ineinander verschachtelten Einheiten zusammen, die mehrere Innenhöfe und mit Pergolen überdachte Dachterrassen ausbilden. Die Architektur ist einerseits von der räumlichen Dichte regionaler Bauten inspiriert, reagiert aber auch auf die klimatischen Bedingungen. Anstatt einer aufwendigen Haustechnik sorgen die ungebrannten Ziegel des Lehmmauerwerks für eine verzögerte Aufheizung der Gebäude. Hinzu kommt ein natürliches Ventilationssystem für die Innenhöfe, die so zusätzlich gekühlt werden.

Wohnanlage Niamey 2000

Bei der Umwandlung der Moschee von Falké Barmou arbeitete Issoufou mit der iranischen Architektin Yasaman Esmaili von Studio Chahar zusammen. Das baufällige Gebäude im Dorf Dandaji sollte zuerst abgerissen werden. Beide Architektinnen konnten die Bevölkerung davon überzeugen, die Bausubstanz zu bewahren und als Gemeindezentrum mit Bibliothek zu nutzen. Dazu wurde die Fassade restauriert, das Dach ausgebessert und die Gebäudestruktur des Lehmbaus ertüchtigt. Zu den neuen Elementen zählen Bücherregale, die gleichzeitig als Trennwände für die Lesebereiche dienen, und Plattformen in einer Holz-Stahl-Konstruktion, die über Treppen mit dem Erdgeschoss verbunden sind.

Direkt daneben befindet sich eine neue, ebenfalls von den Architektinnen entworfene Moschee, die über eine großzügige Außenanlage mit dem Bestandsgebäude verbunden ist. Die jeweiligen Eingänge liegen direkt gegenüber und rahmen so den Platz, der sich dazwischen aufspannt. Für den Neubau verwendeten Issoufou und Esmaili ungebrannte Lehmziegel wie bei der Wohnanlage in Niamey. Zudem sahen sie Öffnungen in der Gebäudehülle vor, die für eine natürliche Ventilation sorgen. Hinzu kommt ein Bewässerungssystem für die Pflanzen der Außenanlage, dessen unterirdisches Reservoir den Regen in niederschlagsreicheren Monaten speichert.

Gemeindezentrum in Dandaji mit Moschee und Bibliothek

In Dandaji realisierte Issoufou auch einen regionalen Markt. Einfache Mauern aus Lehmziegeln umfassen hier die Bereiche für die einzelnen Markstände, die sich als kleine Bungalows entlang der orthogonal angeordneten Erschließungsstraßen aufreihen. In der Mitte der Anlage befindet sich ein abgesenkter Platz, der wie ein kleines Amphitheater aufgebaut ist. Ein großer Baum spendet Schatten und markiert den Ort. Zusätzlichen Schutz vor der Sonne bieten die prägnanten farbigen Schirme aus recyceltem Metall, die über den Markständen angeordnet sind. Darüber hinaus dienen sie als Ventilationssystem, da durch die unterschiedlichen Höhen der Schirme ein Luftstrom entsteht, der die heiße Luft nach oben abführt.

Mittlerweile plant Issoufou auch größere Projekte, wie das Kulturzentrum in Niamey, das unter anderem öffentlichen Plätze und eine große Bibliothek beinhalten soll. Das Gebäudeensemble wird nicht nur als neuer Treffpunkt für die Stadtgesellschaft dienen. Es soll gleichzeitig zwei Stadtteile miteinander verbinden, die aufgrund eines Masterplans der ehemaligen französischen Kolonialmacht bislang räumlich voneinander getrennt sind. Dazu verorten vier prägnante, halbkreisförmige Türme das neue Kulturzentrum im Stadtgefüge, während ihre spezifische Anordnung für eine Verschattung und Belüftung der Plätze sorgt. Ein weiteres Beispiel ist das Museum Bët-bi in der Kaolack-Region im Senegal, ebenfalls ein Kulturzentrum. Aus Dreiecksformen hat die Architektin hier ein Ensemble entworfen, in dem ein tiefergelegter Platz, ähnlich wie beim Markt in Dandaji als Amphitheater funktioniert. Eines ihrer derzeit größten und prestigeträchtigsten Projekte ist das Ellen Johnson Sirleaf Presidential Center for Women and Development in Monrovia, der Hauptstadt von Liberia. Dafür arbeitet Issoufou mit der südafrikanischen Architektin Sumayya Vally und der liberianischen Architektin Karen Richards Barnes zusammen. Der Bau soll als Lernraum dienen und für Veranstaltungen genutzt werden. Er ist Ellen Johnson Sirleaf gewidmet, der ersten gewählten Präsidentin eines afrikanischen Landes, die 2011 den Friedensnobelpreis erhielt. Die prägnanten Pultdächer der sieben Häuser des Zentrums sind einerseits von der regionalen Architektur inspiriert. Sie sollen andererseits aber auch die Regengeräusche während der starken Niederschläge in der Regenzeit dämpfen.

Marktgebäude in Dandaji

Mittlerweile unterrichtet Mariam Issoufou an den renommiertesten westlichen Universitäten. Seit 2022 hat sie den Lehrstuhl für Architektonisches Erbe und Nachhaltigkeit an der ETH Zürich inne, das sogenannte Studio Atavism. Davor unterrichtete sie unter anderem an der Graduate School of Design (GSD) in Harvard. In der Lehre will sie nichts weniger, als „den Status quo in Frage zu stellen und die Art und Weise, wie wir Architektur angehen, neu definieren“, wie es auf der Homepage von Studio Atavism heißt. Es ist eine Kritik an der westlichen Moderne, die hier formuliert wird, ein Ansatz, der den Architekturdiskurs zunehmend prägt. Das zeigt sich unter anderem an der Teilnahme von Atelier Masōmī an der Architekturbiennale 2021 in Venedig, aber auch an der Biennale zwei Jahre später, die von Lesley Lokko, einer ghanaisch-schottischen Architektin, kuratiert wurde. Der Fokus lag dabei vor allem auf der Architektur Afrikas, weshalb mehr als die Hälfte der eingeladenen Büros von dort kam oder afrikanische Wurzeln hatte. Issoufous Bauten verdeutlichen jetzt schon eindrücklich, wie sich traditionelle und moderne Ansätze verbinden lassen, um intelligente soziale und klimatische Lösungen zu schaffen. Inwieweit diese Lösungen irgendwann die westliche Architektur prägen, wird sich zeigen.