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Lagos, Nigeria
© Jeremy Gaines
Lagos, Nigeria

STYLEPARK X TECHTEXTIL
Drei Städte

"Urban Living – City of the Future" lautet dieses Jahr das Thema des Special Events auf der Techtextil 2019. Gemeinsam mit "Creative Holland" zeigt die internationale Leitmesse für technische Textilien und Vliesstoffe dort technische Möglichkeiten auf, den Herausforderungen zukünftiger Megacities zu begegnen. Was aber werden diese Herausforderungen überhaupt sein? Wir haben einen der renommiertesten deutschen Experten für Architektur und Urbanismus, den Direktor des Deutschen Architekturmuseums Peter Cachola Schmal, gebeten, Entwicklungen und Auswirkungen der weltweiten Verstädterung in einem Essay zu prognostizieren.
12.04.2019

Überall wird gegenwärtig über die Auswirkungen der weltweiten Verstädterung diskutiert. Aber über welche "Stadt der Zukunft" reden wir eigentlich? Denn es wird tendenziell drei unterschiedliche Städte der Zukunft geben und diese Städte des Nordens, des Südens und des Ostens werden sich zwar gegenseitig bedingen, aber auch widersprechen – und natürlich wird es zwischen diesen Polen eine Menge Zwischenlösungen geben. 

Die Frage aller Fragen lautet: Wie steht es um die Demographie? Im Detail, für jede Region: Steigen oder fallen die Fruchtbarkeitsraten, kann die Kindersterblichkeit bekämpft werden, wie ist der Grad der medizinischen Versorgung, wie alt werden die Menschen, wie unterschiedlich entwickeln sich die Gesellschaften unserer Welt?

Dystopia - die südliche Stadt der Zukunft

Besonders problematisch wird zukünftig die Lage in den stetig wachsenden Regionen sein. Das sind vor allem der indische Subkontinent und Subsahara-Afrika (außer Südafrika). Dort wird das ungebremste Bevölkerungswachstum jegliche Hoffnungen auf eine Stabilisierung der Gesellschaften und einer gerechteren Verteilung von Grund, Boden und Ressourcen zunichte machen. Die zehn größten Megacity-Agglomerationen der Welt werden voraussichtlich gegen Ende dieses Jahrhunderts (also schon in 80 Jahren) folgende Städte sein, deren Namen wir zum Teil noch gar nicht kennen: Lagos (Nigeria), Dar es Salaam (Tansania), Luanda (Angola), Karachi (Pakistan), Mumbai (Indien), Kinshasa (Kongo), Mexico City (Mexiko), Dhaka (Bangladesch), Delhi (Indien) und Lusaka (Sambia). Die zehntgrößte Stadt Lusaka könnte dann etwa 40 Millionen Einwohner aufweisen, Lagos sogar bis zu 100 Millionen. Solche Tausende Quadratkilometer großen Agglomerationen werden kaum mehr regierbar, steuerbar oder kontrollierbar sein. Darüber hinaus sind Folgen der globalen Erwärmung in diesen Regionen noch weitgehend unvorhersehbar. Dystopien statt Utopien geben einen realistischen Ausblick auf derart unmenschliche Gebilde. 

Natürlich werden die wirtschaftlich stärkeren und gebildeteren Schichten der Bevölkerung dieser und aller nachfolgenden urbanen Ansammlungen diesen Umständen entkommen wollen – das heißt, der Druck von Süden auf Nordafrika und schließlich auf Europa wird in gewaltigem Maße zunehmen. Wir werden uns in Europa diesem Druck nicht beugen, ganz im Gegenteil werden wir die Festung Europa weiter ausbauen. Um das dabei entstehende moralische Dilemma nicht aushalten zu müssen (denn natürlich werden wir versuchen, das Grundrecht auf Asyl beizubehalten), werden wir dafür sorgen, dass Migranten nicht mehr vor unseren Augen im Mittelmeer ertrinken, indem wir die effektive Grenze weiter nach Süden verlegen – in die Sahara hinter die erste Reihe der nordafrikanischen Länder. So weit, dass wir sie nicht mehr sehen und nicht mehr die Verantwortung für die Folgen übernehmen müssen.

Die südliche Stadt der Zukunft wird in diesen übervölkerten und überdehnten Agglomerationen eine chaotische Mischung sein, die wir Menschen aus dem Norden nicht besuchen und folglich verdrängen werden. Neuigkeiten aus diesen Teilen der Welt werden vorsorglich ausgefiltert, sodass wir sie auch nicht mehr wahrnehmen brauchen. Wie die Menschen in diesen Städten überhaupt überleben, wird ein erstaunliches Rätsel sein, von dem wir aber nicht mehr wissen wollen. Dass vielleicht die Hälfte der gesamten Weltbevölkerung unter solchen Umständen leben wird, werden wir ignorieren. Sie wird nicht hälftig teilhaben an den globalen Ressourcen und Segnungen, denn sie tut es ja heute schon nicht. Ihr möglicher Widerstand gegen eine solch ungerechte Aufteilung der Welt wird unterdrückt werden. Unsere finanzielle Ablasszahlung entrichten wir an diejenigen, die die Aufbegehrenden in Schach halten werden, also die politisch Verantwortlichen dieser Länder, die sich davon ein Parallelleben im Wohlstand (und ein Visum in den Norden) leisten können. Sehr hilfreich wird dabei digitale Unterstützung aus China sein.

Schöne neue Welt – allgegenwärtige digitale Überwachung

Die zukünftige digitale Überwachung wird sicherlich eine der folgenreichsten Stufen unserer urbanen Entwicklung sein, die sich selbstverständlich und zeitverzögert auch von urbanen in ländliche Räume verbreiten wird. In den kommenden Jahren wird dieser technologische Fortschritt, angeführt von China und (schließlich doch) unterstützt von den kalifornischen Tech-Giganten GAFA (Google Amazon Facebook Apple) perfektioniert und weltweit angewandt werden. Wer heute schon seine 1,5 Milliarden Einwohner relativ fehlerfrei identifizieren kann, per Gesichtserkennungssystemen kombiniert mit anderen biometrischen Erfassungstechniken (Stimmerkennung, Iris-Scan, DNS) und Smart Phone Tracking über WeChat, hat ein System, das auf die gesamte Weltbevölkerung ausgedehnt werden kann. WeChat ist eine allumfassende und im heutigen China unverzichtbare App der Firma TenCent (deren Name wir uns merken sollten), die Bezahlen, Identifikation, SMS-, Audio-, und Videokommunikation umfasst und weitaus mehr als nur Whatsapp und Facebook in einer einzigen Anwendung ersetzt. WeChat wird daher von der chinesischen Bevölkerung allgemein als eine befreiende und erleichternde Verbesserung des Lebens betrachtet. China ist eine komplett über Smartphones vernetzte Gesellschaft, welche die Laptop-oder PC-Stufe technologisch einfach übersprungen hat. Afrika wird bereits von China aus digital kolonisiert, die Grundlagen dafür werden derzeit geschaffen; dabei wird direkt in den Smartphone-Ausbau und generell Telekommunikations-Infrastruktur investiert. Die GAFA-Konzerne werden den nicht-chinesisch beeinflussten Teil der Welt übernehmen, wenn sie nicht zu spät kommen. Da in China bald schon alle finanziellen Transaktionen über WeChat und Alibabas Alipay ablaufen, werden die Finanzflüsse (außer sie werden naturalwirtschaftlich vollzogen) vollkommen transparent. Jedenfalls für diejenigen, die sie verfolgen können, also die Behörden samt Finanzämtern und Polizei. Für die Leseberechtigten sind solche Erkenntnisse natürlich unvorstellbar wertvoll und der Rest der Welt dürfte enorm neidisch sein (oder werden), trotz gegenteiliger Beschwörungen aller Regierungen. Kann es sogar sein, dass die amerikanischen Geheimdienste gegenüber einer solchen Machtfülle digital bereits jetzt ins Hintertreffen geraten sind? Der gesamte Schwarzmarkt, die Mafia, die Drogenkartelle, ja, alle kriminellen Parallelwelten wären künftig transparent und könnten effektiv bekämpft werden. Natürlich werden auch die anderen Parallelwelten transparent, ob politisch oder subkulturell. Ob wir aufgeklärten und demokratischen Europäer und Amerikaner wirklich so viel anders sind und eine solche Entwicklung verhindern? Unsere Begeisterung für die digitalen Helfer ist sehr groß. Wer will schon zurück in eine Zeit des Bargelds, der Kommunikation per Brief und des analogen Arbeitens? Wenn also Gesichts- und Positionserkennung weltweit kombiniert und perfektioniert werden, wird es unser Leben grundsätzlich verändern. Wir werden unser Verhalten ändern, anders reisen, anders kommunizieren und uns anders in acht nehmen und selbstdisziplinieren. Es wird uns auch nichts anderes mehr übrigbleiben, damit unser Social Score, wie in China bereits zu erleben, nicht sinkt und wir uns keine Nachteile für unseren künftigen Lebensweg einhandeln. Ob der Norden sich tatsächlich in eine so totalitäre Richtung entwickelt, wird möglicherweise irgendwann nicht mehr unsere freie Entscheidung, sondern Folge einer verhängnisvollen Verkettung technologischer Fortschritte sein. Was in der Welt ist, wird genutzt. 

Lagos aus der Luft
Lagos aus der Luft
© Jeremy Gaines
Lagos aus der Luft

Museale Paradiese - die nördliche Stadt der Zukunft

Die nördliche Stadt der Zukunft (in Europa, Nordamerika, Australien, Südafrika, Argentinien und Chile, Nahost) wird sich durchaus paradiesartig entwickeln können. Die Vorteile der allumfassenden Sicherheit und das Wegfallen banaler Kriminalität könnten gegenüber den Nachteilen der scheinbar fürsorglichen Überwachung in den Augen der Mehrheit der Bevölkerung überwiegen. Diese Stadt wird grüner, umweltverträglicher, älter und leiser sein als heute. Die Künste werden gefördert, die Parks gepflegt; die Erziehung der wenigen Kinder wird bedachter sein. Der Verkehr wird hauptsächlich über AVs – Autonomous Vehicles – abgewickelt, ehemalige Parkflächen und Tiefgaragen stehen für eine umweltfreundliche Umnutzung bereit. Die Städte werden geradezu Oasen sein, mit einer Vielzahl an Wohnmöglichkeiten und sogar innerstädtischer Nahrungsmittelproduktionen in vertikalen Naturfabriken. Die Luft wird daher wesentlich besser und gesünder als heute sein. Die Grenzen zwischen Stadt und Land werden fließender. In welchem Umfeld wir wohnen werden, wird eine Frage des individuellen Lebensstils sein, denn digitalisierte Arbeitsplätze werden überall zur Verfügung stehen. Wir werden weniger arbeiten als heute, dabei noch gesunder sein und noch länger leben. Körperpflege, Körpermodifikation und Körperkult werden eine noch größere Rolle spielen als bisher. Die Einwohnerzahl von Europa wird kleiner sein als heute, der Altersdurchschnitt aber deutlich höher. Wir stellen eine Art museales Paradies dar und produzieren in Manufakturen mit historisch wohlklingenden Namen, gerne auch in Handarbeit, hauptsächlich Luxusprodukte. Unsere Museen und historischen Stätten werden als symbolisch bedeutend und besichtigungswürdig angesehen. Unsere Haupteinnahmequelle wird folglich der gehobene Tourismus sein. Die Haupttätigkeit unserer Einwohner wird die Verwirklichung individualistischer Lebensstile, seien sie kulturell, religiös oder ökologisch orientiert. Räumlich oder architektonisch kann kein Feuerwerk erwartet werden, die „europäische Stadt“ wird weiter bis ins kleinste Detail ausgebaut und verfeinert, denn das erwarten die wohlhabenden Touristen aus den wirtschaftlich dynamischen Gegenden der östlichen Städte, denn in ihrer Welt ist dafür kein Platz mehr. Die ein oder andere Metropole wird in gewissen Vierteln den globalen Anschluss feiern, aber die Städte werden im Ganzen europäisch bedächtig sein, relativ dünn besiedelt und erstaunlich ruhig, da von Verkehrslärm befreit. Lärm wird als allgemeines Ärgernis gelten, das verhindert werden muss, wie Schmutz und Krankheit. Für die kleine und rechtlose Gruppe der Jugendlichen wird es dagegen schwer werden. Nicht nur unter ihnen, sondern auch unter Erwachsenen müssen aufkommende Langeweile und ein immer stärker werdender Wunsch nach Abenteuer und existenziellen Erfahrungen sowie sinnbildender Spiritualität kompensiert werden, zum Beispiel außerhalb ihrer sicheren Umwelt.

Zwischen den Welten - die Grenzzonen

Ein wachsendes Problem wird die Grenzzone zwischen den beiden extremen Welten sein, den Städten des Nordens und denen des Südens, nicht nur zwischen Europa und Sub-Sahara, sondern auch zwischen Nordamerika und Mittelamerika. Ihre Länder (in Nordafrika) werden stark subventioniert und müssen dafür die dreckige Arbeit der Grenzsicherung leisten. Ein illegales Überqueren dieser Grenze wird dabei (fast) unmöglich gemacht. Die weltweit vereinheitlichte Identifikation jedes Einzelnen wird effektive Kontrollen ermöglichen und so größere Migrationszüge verhindern. Anonymität wird nicht mehr existieren, außer im kriminellen oder geheimdienstlichen Untergrund. Selbstverständlich wird die Umgehung und Unterwanderung der allgegenwärtigen Kontrollen und technologischen Systeme eine große Herausforderung für junge Abenteurer darstellen. Aber wir, die Allgemeinheit, werden davon nichts mitbekommen. 

Hochverdichtet - die östliche Stadt der Zukunft

Die dritte Stadttypologie wird die östliche Stadt der Zukunft sein – hauptsächlich in China, Japan und Südostasien gelegen. Einerseits werden dort alle technologischen Errungenschaften implementiert sein, im Gegensatz zur nördlichen Welt aber bei wesentlich höherer Dichte und tendenziell schrumpfender Bevölkerung. Hochhäuser werden die vorherrschende Bauform sein, egal für welche Nutzung. Geringere bauliche Dichten wie einzelne Häuser oder Reihenhäuser werden außer bei historischen Denkmälern (und Villen für einige Privilegierte) verboten sein. Der Verkehr mit autonomen Fahrzeugen wird ausgebaut und für alle zur Verfügung stehen. Lebensmittel werden sorgfältig und strategisch angebaut, sehr große Firmenkomplexe werden die Versorgung sicherstellen, auch mit verträglichem Grundwasser. Solche Megacities werden dank smarter Technologie sicher und kontrollierbar sein. Ob ein Land zu dieser glücklichen Gruppe oder zum globalen Süden gehört, wird die Folge seiner Bevölkerungspolitik sein, die wiederum oft religiös begründet ist. In den Philippinen und in Indonesien zum Beispiel stellt dies eine echte Herausforderung dar. Auch für manche Länder Südamerikas (wie Brasilien) kann heute nicht vorausgesagt werden, wohin ihr Schicksal tendiert. 



Techtextil
Messegelände Frankfurt/Main
14. bis 17. Mai 2019

Öffnungszeiten:
14. bis 16. Mai 2019: 9 – 18 Uhr
17. Mai 2019: 9 – 17 Uhr

Peter Cachola Schmal, Jahrgang 1960, leitet seit 2006 das Deutsche Architekturmuseum DAM in Frankfurt am Main. 

Peter Cachola Schmal
© Bernd Gabriel