Überraschend anders
Gabriela Beck: Herr Schmal, Sie sind seit 2006 Direktor des Deutschen Architekturmuseums DAM in Frankfurt. 2007 haben Sie den DAM Preis ins Leben gerufen. Warum?
Peter Cachola Schmal: Das DAM wurde als Institution 1979 gegründet, 1984 kam das Museumsgebäude hinzu. Meine Vorgänger haben Jahrbücher herausgegeben, in denen sie jeweils eine subjektive Auswahl dessen präsentierten, was sie als wichtigen Beitrag zur Architektur in Deutschland betrachteten. Als ich dann Direktor wurde, hat mich ein Frankfurter Architekt angerufen und gefragt: "Wie viel kostet es, damit ich im Jahrbuch erscheine? 20 oder 30.000?" Denn so lief das vorher seiner Meinung nach. Diese Einschätzung wollte ich ändern. Ich entschied mich, einen Preis mit einer Jury einzuführen und das umgenannte Deutsche Architektur-Jahrbuch als Organ des neuen Preises zu nutzen.
Erinnern Sie sich an die Anfänge?
Peter Cachola Schmal: Die Idee war, mindestens hundert Projekte zu nominieren, damit die Jury etwas auszuwählen hat. Am Anfang gab es noch keine Finalisten, nur den Gewinner. 2007 waren das Wandel Hoefer Lorch + Hirsch für das Dokumentationshaus der KZ-Gedenkstätte Hinzert. Der DAM Preis 2008 ging dann an das Kolumba Kunstmuseum in Köln von Peter Zumthor − ein Jahrhundertprojekt, natürlich hatte es gewonnen. Ich erinnere mich aber, dass es nicht so einfach war, Peter Zumthor zur Teilnahme an der Preisverleihung in Frankfurt zu bewegen. Er fragte mich "Nützt mein Projekt Ihrem Preis oder nützt Ihr Preis meinem Projekt?" Er war ja damals schon renommiert und der Preis war neu. Ich bin extra mit dem Schweizer Konsul zu ihm gefahren und bei dessen Einladung zum Abendessen konnte ihn dann umstimmen.
Inzwischen gehört der DAM Preis zu den begehrtesten Auszeichnungen der Branche. Überzeugungsarbeit müssen Sie wohl nicht mehr leisten.
Peter Cachola Schmal: Überraschungen gibt es dennoch immer wieder. Die Elbphilharmonie in Hamburg zum Beispiel war 2017 auch so ein potentiell klarer Gewinner. Doch Jacques Herzog und Pierre de Meuron wollten den Preis "lieber Jüngeren überlassen" und nicht daran teilnehmen. Wir haben uns dann darauf geeinigt, das Projekt als Sonderthema im Jahrbuch zu präsentieren – so ähnlich wie in Cannes, wo der Hollywood-Blockbuster die Filmfestspiele außer Konkurrenz eröffnet. Schließlich haben wir als Deutsches Architekturmuseum auch eine Chronistenpflicht. Auf unserer Webseite stehen bereits weit über 1000 Projekte, eine relevante Übersicht der letzten zehn Jahre. Im nächsten Jahr wird es übrigens auch wieder ein Projekt außer Konkurrenz geben: Die Jung Gründervilla in Schalksmühle von Nehse & Gehrstein. Es kann ja nicht sein, dass sich unser Hauptsponsor an der Preisverleihung selbst feiert.
Wie kam die Kooperation mit Jung zustande?
Peter Cachola Schmal: 2016 hat das DAM zusammen mit den Designern Something Fantastic die Ausstellung "Making Heimat" im deutschen Pavillon der 15. Architekturbiennale in Venedig konzipiert. Die Zusammenarbeit mit Jung im Rahmen einer Sponsoring-Partnerschaft war sehr harmonisch. So wurde das Unternehmen kurz darauf auch unser Partner beim DAM Preis und stellte seine Produkte für unser Haus zur Verfügung. Das passt gut, denn Jung organisiert selbst auch viele Architektur-Events, wir befruchten uns gegenseitig sehr gut.
Es gibt Preise wie den Red Dot Award der Designszene, bei dem die Einreichung Geld kostet und bei einer Auszeichnung die Buchung eines "Winner Packages" anfällt.
Peter Cachola Schmal: Der Red Dot Award hat pro Jahr etwa 4.000 Einreichungen, da kommt so viel Geld zusammen, dass der Preis einen Riesengewinn erwirtschaftet. Viele Unternehmen machen mit, weil sie die international bekannte Auszeichnung für ihr Produkt brauchen. Ähnliches gibt es inzwischen auch in der Architektur. Ich finde solch kommerzielle Konstrukte aber nicht zuträglich, da sie weder der Verbreitung von Baukultur dienen, noch den Berufsstand unterstützen. Da verdient ganz einfach jemand Geld – und das tun wir nicht. Dennoch kosten die Jury, die FotografInnen, die Texterinnen und Texter, die Ausstellung, die Preisverleihung, die Bücher. Deshalb geht es nicht ohne Sponsor, aber den halten wir zumindest transparent.
Wie unterscheidet sich der DAM Preis vom Deutschen Architekturpreis des BDA?
Peter Cachola Schmal: Der Deutsche Architekturpreis findet alle zwei Jahre statt und hat etwa vier- bis fünfhundert Einreichungen. Ich halte dagegen qualifizierte Nominierungen mit Hilfe von ExpertInnen für besser. Ansonsten besteht das Risiko, dass manch gutes Projekt durchrutscht, weil sich das Büro nicht beworben hat, aus welchen Gründen auch immer. Das mag undemokratisch sein, aber es geht uns um die Besten. Ich habe das Verfahren vom Mies van der Rohe Award übernommen, bei dem ich im Steering Committee sitze.
Viele Preise sind in Kategorien unterteilt. Der DAM Preis nicht. Warum?
Peter Cachola Schmal: Kategorien kommen dem kommerziellen Ansatz zugute. Je mehr Kategorien umso mehr Gewinner, desto mehr Einnahmen. Am Ende sind irgendwie alle Preisträger. Ich war in München an der expo real an einer Preisverleihung, da gab es sage und schreibe über 130 Gewinner – mehr als wir nominieren. Andererseits können Kategorien einengen und die Qualität beeinträchtigen. Da gewinnt dann nicht das beste Projekt, vielleicht noch nicht einmal ein gutes, einfach, weil in dieser Kategorie überhaupt nur zwei Projekte eingereicht wurden. Im Moment zum Beispiel wird sehr viel Wohnungsbau gemacht und sehr wenig Bürobau. Das war auch schon mal anders. Ein anderes Beispiel sind Schulen und Kindergärten. In dieser Kategorie wird es in Zukunft aufgrund des demografischen Wandels weniger Projekte geben.
Wenn es keine Kategorien gibt, haben dann kleine Projekte beim DAM Preis überhaupt eine Chance?
Peter Cachola Schmal: Durchaus. Es ist oft einfacher ein kleines Projekt architektonisch hervorragend umzusetzen als ein großes, weil die Komplexität geringer ist. Ich denke da zum Beispiel an das Klohäuschen im Park an der Ilm in Weimar, erdacht vom Büro Naumann Wasserkampf Architekten und auf der Shortlist 2024. Dadurch war es auch im Jahrbuch und das junge Büro hat in der Folge viele Vorträge gehalten und im Anschluss größere Aufträge bekommen.
Aus 100 nominierten Gebäuden wird jährlich ein Gewinner gekürt. Wie ist der Ablauf?
Peter Cachola Schmal: Jedes Mal haben wir noch eine Liste von dreißig bis vierzig bemerkenswerten Bauten übrig, die bald fertig werden und noch nicht fotografiert wurden. Die wird dann im Lauf des Jahres auf 150 bis 180 Projekte aufgefüllt. Am Anfang haben wir die Gebäude selbst ausgewählt, seit 2016 berücksichtigen wir auch Vorschläge der Jurys der Architektenkammern und regionaler Fachleute. Darüber bitten wir auch alle BDA-Ländervorsitzende um Vorschläge. Damit stellen wir sicher, dass auch Lokalmatadore eine Chance haben, die uns vielleicht noch nicht bekannt sind. Die Expertenjury trifft dann die Auswahl aus den rund 100 Nominierten und bestimmt die rund 25 Bauten der Shortlist. Nach einer intensiven Diskussionsrunde werden aus diesen Gebäuden vier bis fünf Bauwerke in die engere Wahl genommen. Bei einem zweiten Jurytreffen bereisen wir diese Finalisten in einer Tour von drei bis vier Tagen und küren schließlich das Preisträgerprojekt.
Warum machen Sie sich diese enorme Mühe, die Projekte vor Ort zu besichtigen?
Peter Cachola Schmal: Wir beschäftigen uns nur mit Projekten, die bereits fotografiert wurden. Oft wirken Gebäude auf Fotos aber anders als die gebaute Wirklichkeit. Und manchmal werden auch gar nicht alle Aspekte abgebildet. Beim Wabenhaus in München von Peter Haimerl zum Beispiel – einer der Finalisten letztes Jahr – wurde erst vor Ort klar, dass die notwendigen barrierefrei zugänglichen Wohnungen in einem Nachbargebäude untergebracht waren. Die Projektbesuche sind deshalb wesentlich, denn nur so kann man das Umfeld und die Stimmung erleben und mit den NutzerInnen oder BewohnerInnen sprechen. Meistens ist der Bauherr mit dabei, neben den ArchitektInnen.
Wie stellen Sie die Jury zusammen?
Peter Cachola Schmal: Die Zusammensetzung der Jury wechselt jedes Jahr und wir achten sehr auf eine gute Mischung: der Gewinner oder die Gewinnerin des letzten Jahres ist auf jeden Fall mit dabei und auch zwei Personen von JUNG. Dann geht es um das Verhältnis Frauen und Männer sowie Jüngere und Ältere. Wir laden jemand von der Fachpresse ein wie dieses Jahr Anna Moldenhauer von Stylepark und KuratorInnen von anderen Architektur-Institutionen, dazu mindestens drei praktizierende ArchitektInnen und auch LandschaftsarchitektInnen, denn Menschen aus der Praxis kennen die aktuellen Probleme der Branche und sehen daher manche Lösungsansätze anders.
Aus welchen Bundesländern erreichen Sie die meisten Vorschläge? Gibt es da Unterschiede?
Peter Cachola Schmal: Das "Deutsche Architektur Jahrbuch" wie es korrekt heißt, lassen wir seit 2017 im Verlag DOM publishers veröffentlichen. Darin werden die Projekte der Shortlist vorgestellt. Überdies gibt es jährlich den "Architekturführer Deutschland", in dem alle rund 100 Nominierten aufgeführt sind und eine Deutschlandkarte die Projekte verortet. Auffällig ist, dass der Süden deutlich stärker vertreten ist als der Norden. Der Osten bleibt manchmal leer, dafür drängeln sich die Markierungsfähnchen in und um Berlin und München. Zuerst dachten wir, das läge vielleicht an unseren InformantInnen, doch wir können noch so viele SpezialistInnen dazuholen, das ändert sich nicht. Man kann also sagen: Die Architekturqualität ist unterschiedlich verteilt in Deutschland. Ich nehme an, das liegt an der Menge und Qualität der Wettbewerbe, die ausgelobt werden.
Was sagen die Einreichungen über den aktuellen Diskurs in der Architektur in Deutschland aus?
Peter Cachola Schmal: Der Zeitgeist spiegelt sich natürlich in den Projekten wider – dazu muss man sich nur die Finalisten der letzten Jahre ansehen. Aktuell spielen Themen wie Nachhaltigkeit oder der Umgang mit dem Bestand eine große Rolle. 2023 hat zum Beispiel das Landratsamt Starnberg von Auer Weber gewonnen – ein Gebäude aus den 1980ern, das formal ähnlich weitergebaut wurde. Die Kunst lag in der adäquaten Transformation der Details, ohne den Charakter des Bauwerks zu zerstören. Diese Haltung hätte vor zehn Jahren nicht viel Beifall bekommen.
Sie hören im Sommer 2027 als Direktor des DAM auf. Wird der Preis weitergeführt?
Peter Cachola Schmal: Ja, das ist sicher. Wie genau bleibt meinem künftigen Nachfolger oder meiner Nachfolgerin überlassen.
Preisverleihung & Vernissage:
Freitag, 30. Januar 2026, 19 Uhr
Ausstellung:
31. Januar – 3. Mai 2026
im Deutschen Architekturmuseum (DAM)
Schaumainkai 43, 60314 Frankfurt am Main

Architekturführer Deutschland 2026
Yorck Förster, Christina Gräwe, Peter Cachola Schmal (Hg.)
135 x 245 mm
240 Seiten
600 Abbildungen
Softcover
ISBN 978-3-86922-954-6
28 Euro









