top
London Designmuseum
Als „Zelt im Park“ war das Commonwealth Institute 1962 entworfen worden. Nun sitzt darin das neue Design Museum in London.

Design unterm Zeltdach

von Rob Wilson | 22.11.2016

Auf der Pressevorbesichtigung für das neue Design Museum London musste man zunächst die imposante Eingangshalle mit ihrem Atrium durchqueren und sich auf den Weg zum Auditorium im Untergeschoss begeben, bevor man den ersten Designklassiker – oder gar einen ersten leuchtenden Farbakzent – in der Person des ursprünglichen Begründers des Museums zu sehen bekam. Der nunmehr 85-jährige Designer und Restaurantbesitzer Sir Terence Conran, der eine der Eröffnungsreden hielt, trug ein Hemd in lebhaftem Blau.

Die Innenräume des Museums hat der radikal-minimalistische Architekt John Pawson gestaltet. Im spektakulären Eingangsbereich, der von weiß verputzten Flächen und hellem Holz und nicht etwa von Exponaten dominiert wird, führt eine Freitreppe auf die umlaufenden Emporen. Die Silhouetten der Besucher bilden einen lebendigen Kontrast zur markanten Rechtwinkeligkeit der schneeweißen Treppenaufgänge und vor der geschwungenen grauen Betondecke darüber.

Die Innenräume wurden von John Pawson gestaltet, der dabei seiner minimalistischen Ästhetik treu geblieben ist.

Replik statt Sanierung

Diese Decke ist die Unterseite des Kupferdaches des ehemaligen Gebäudes des Commonwealth Institute von 1962, welches mehr als ein Jahrzehnt leer gestanden hat und nun über fünf Jahre durch das Rotterdamer Büro OMA umgebaut wurde. Das Dach mit seiner speziellen Formgebung, es handelt sich um ein hyperbolisches Paraboloid, welches die Anmutung eines Zeltes im Park haben sollte, ist im Prinzip das einzige erhaltene Element des ursprünglichen vom Architekten Robert Matthews entworfenen Baus. Reinier de Graaf von OMA beschrieb das Projekt mit den Worten: „Die Erhaltung des Gebäudes mündete zunächst in umfassende Sanierungsmaßnahmen und schließlich in eine Replik”, da das ganze Gebäude bis auf das Dach aus bautechnischen und ökologischen Gründen rekonstruiert werden musste. Die verglasten Fassaden aus den 1960er Jahren wurden durch energieeffiziente Versionen mit Fritteglas ersetzt, die dem Original ‘nachempfunden’ sein sollten, was den etwas zombiemäßigen Anblick der Außenansicht des Gebäudes erklärt.

Um das Projekt zu finanzieren, mussten die Planer außerdem Zugeständnisse hinsichtlich der ursprünglichen Gartengestaltung machen. In einem typischen Londoner Immobiliendeal wurden die Kosten von 83 Millionen britischen Pfund für den Bau (sowie eine 175 Jahre währende Pacht zu einer äußerst geringen Miete) durch das Museum selbst aufgebracht, da das Projekt einen ‘Nutzen für die Öffentlichkeit’ darstellt, so dass der Bauträger aus dem Rest des Grundstücks einen maximalen Profit ziehen konnte. Daher wurde das Museum mit drei klobigen und mit weißem Stein verkleideten Kästen mit Luxuswohnungen umstellt, die auch von OMA entworfen wurden. Man muss sogar unter der Ecke eines der Blocks hindurchgehen, um zum Haupteingang des Museums zu gelangen. Der kleine öffentliche Platz vor dem Ensemble wurde durch eine von West 8 gestaltete Bepflanzung mit Sträuchern umzäunt, um so eine Abgrenzung zum privaten Bereich der Neureichen zu schaffen. Das ‘Zelt im Park’ steht insofern nun auf einem ziemlich überfüllten Zeltplatz.

Das Dach ist quasi das einzige Element des Originalgebäudes, das erhalten blieb.
Die Glasfassaden wurden vollständig durch eine neue, energie-effiziente Version ersetzt.

Die minimalistische Ruhe von Pawson

Allen Zugeständnissen, die hier gemacht wurden, zum Trotz ist dieses über zehn Jahre währende Projekt doch nur der Vision und der Beharrlichkeit von Sir Terence Conran und des Museumsdirektors Deyan Sudjic zu verdanken. Das Museum verfügt nun über 10.000 Quadratmeter Fläche, also beinahe dreimal so viel wie am früheren Standort in Shad Thames. Es stehen nun drei Ausstellungsräume zur Verfügung, einer für die ständige Sammlung und zwei für wechselnde Ausstellungen, sowie ein Auditorium mit 200 Sitzen, Ateliers für ‘Designers in Residence’, eine Bibliothek, ein Archiv und umfassende neue museumspädagogische Einrichtungen. 

Von all dem ist dennoch kaum etwas zu spüren, wenn man die von Pawson bewusst ruhig gestaltete Architektur der eindrucksvollen Eingangshalle mit ihrem Atrium betritt. Pawson selbst hat den Raum mit einem ‘Tagebau’ verglichen, eine merkwürdige Metapher für einen Ort mit derartig makellosen Oberflächen und einer solchen Eleganz und auch Leere. Der minimalistische Ansatz von Pawson ist nach zwanzig erfolgreichen Jahren fast so etwas wie eine Marke und der bevorzugte und allgegenwärtige Stil, wenn es darum geht, hochwertige Büros, Läden oder Apartments auszustatten. Insofern ist er nicht wirklich überraschend. Der Raum hat sicherlich einen Wow-Faktor, aber dieser ist eher leise. Wie bei so vielen anderen Museen und Kunsträumen heutzutage scheint hier weniger das Anschauen von Ausstellungen als von Personen im Vordergrund zu stehen. Es ist eine Architektur, die nicht in erster Linie von A nach B führt, sondern eine in der es sich umherwandeln lässt, die eine spektakuläre Kulisse für Selfies schafft, in der es um das Sehen und Gesehenwerden geht – wie beispielsweise auch im Falle des glorifizierten Treppenaufgangs des neuen Erweiterungsbaus der Tate Modern.   

Farbe und Bewegung bringen die Besucher selbst in das zurückhaltend gestaltete, luftige Atrium.

Erst mit dem Betreten des Obergeschosses findet sich ein Raum der auf zufriedenstellende Weise mit Objekten gefüllt ist und in dem die ständige Sammlung des Museums untergebracht ist. Zu sehen ist hier Großes (eine ‘Gerberette’, eines der Trägerelemente des Centre Pompidou in Paris in voller Größe, ein Prototyp eines neuen U-Bahn-Waggons im Maßstab 1:1 sowie ein riesiges Autobahnschild), die zu erwartenden Klassiker (Thonet-Stühle, Braun-Produkte von Dieter Rams sowie Margarethe Schütte-Lihotzkys Frankfurter Küche), Tödliches (ein AK47-Gewehr) und letztlich auch einst Abgründiges (mit den frühen Punkobjekten von Vivienne Westwood).

Kontext statt Objekt-Verehrung

Mit dem Titel der Präsentation “designer maker user” wird auf die kuratorische Verschiebung vom reinen Objektkult und Autorendesigner – vom objektiven reinen Problemlösungsauftrag der Gestaltung – zur
Technologie und Herstellung und insbesondere der Nutzerbeteiligung verwiesen. Dies wird durch die prominenteste Wandfläche versinnbildlicht auf der Exponate versammelt wurden, die von der Öffentlichkeit über Crowdsourcing als Beispiele für Lieblingsdesignobjekte ausgewählt worden sind.

Über dem Atrium zieht die offene Betonstruktur des originalen Zeltdachs die Blicke auf sich.
Gleichzeitig lässt das Zeltdach indirektes Licht in die Ausstellungsräume darunter fallen.

Wenn diese Präsentation sozusagen ‘Designgeschichte’ präsentiert, dann geht es in der alljährlichen Ausstellung Beazely Designs of the Year im großzügigen Ausstellungsraum im Untergeschoss wohl um die ‘Designgegenwart’ – hier findet sich das Cover von David Bowies Album „Blackstar“, aber auch Pezo von Ellrichshausens „Nida House“ in Chile. „Fear and Love – reactions to a complex world“, der Ausstellungsbeitrag des Chefkurators des Museums Justin McGuirk, liefert hingegen die stärksten Denkanstöße und widmet sich der Frage wie einzelne Designbereiche mit dem sozialen und technologischen Wandel verflochten sind. Im Einführungstext ist zu lesen, dass es auch bei dieser Präsentation um ‘Kontexte und nicht Objekte’ gehe, um eine ‘Form von Weltauffassung’. Das ausgezeichnete Ausstellungsdesign von Sam Jacob Studio unterteilt diese ‘Kontexte’ durch Vorhänge aus grauem PVC, die die Anmutung von weichen Wellblechwänden haben. 

Und um das Spektrum dieser Ausstellung wenigstens zu skizzieren, möchte ich nur einige wenige Beispiele aus der Fülle dieser Ausstellungen nennen. So hat der spanische Architekt Andrés Jaques die Nutzung von Grindr – einer Dating-App für Homosexuelle – untersucht  und wie diese sich auf das Leben und Verhalten nicht nur im Kontext einer großen Stadt auswirkt, sondern auch als alternatives Netzwerk welches Unterstützung für junge schwule Flüchtlinge bietet. Indessen führt uns ein Industrieroboter, der mit einer speziellen Software der Designerin Madeline Gannon programmiert wurde und lediglich auf Bewegungen in seinem Umfeld reagiert, die möglichen Verschiebungen der Grenzen von Interaktion und Empathie zwischen Mensch und Maschine vor Augen. An anderer Stelle erkundet Rural Urban Framework die Veränderungen der Lebensweise der Nomaden in der Mongolei und wie diese ihre traditionellen Jurten einem sesshafteren urbanen Leben anpassen.

Unter den Ausstellungsstücken: ein 1:1-Prototyp einer neuen Londoner U-Bahn.
Auch Klassiker wie die berühmten Logos der Londoner Tube sind zu sehen.
Das fast altmodisch wirkende, aber hintergündige Zimmer von OMA.
Großes und Kleines, Altes und Neues, Bekanntes und Wunderliches.

OMA und der Brexit-Filter

Eine geradezu altmodisch erscheinende Präsentation ist der von OMA gestaltete Raum, in dem 28 Designobjekte und Produkte aus dem häuslichen Umfeld, jeweils ein Exponat aus einem Mitgliedstaat der EU, gezeigt werden. Nach dem Brexit-Votum am 23. Juni hat OMA allerdings die Ausstellung nochmals völlig neu konzipiert. Als Hintergrund dient ein Vorhang aus der von OMA entworfenen EU-Flagge – ein vielfarbiger Barcode, der aus allen Farben der Nationalflaggen der Mitgliedstaaten der Europäischen Union besteht. Sie bewegt sich gelegentlich und offenbart ein Schwarz-Weiß-Foto von Rotterdam, welches durch Feuerbomben in Schutt und Asche gelegt wurde. Hier werden Design und Ästhetik nicht auf subtile, dafür aber unmittelbare Weise mit Aspekten und Problemen von kultureller und politischer Identität verknüpft. 

Die Bandbreite des hier ausgestellten Designs ist frei von alten disziplinären Unterteilungen und schöpft lustvoll aus dem Vollen – es wird nicht nur durch visuell beeindruckende, instagram-taugliche Objekte repräsentiert, sondern liefert auch einen Kommentar zu psychologischen, anthropologischen und soziologischen Prozessen. Mitunter vermisst man allerdings die einfachen Gewissheiten eines Designs welches eine konkrete Problemlösung bietet anstatt das Problem nur auf epische Weise darzustellen. 

Ebenso scheint das Gebäude mit seiner komplizierten Entstehungsgeschichte und mit einem Inneren, das wenig Verbindung zu seinem Äußeren zeigt, eher ein Symptom eines Zustands zu sein als eine Lösung und damit bildet das neue Museum vielleicht auch das Großbritannien dieser Tage ab und wie es sich selbst in dieser Welt sieht. Es ist ein Bau der einst den Handelsbeziehungen des Commonwealth und den alten Verbindungen des Empire gewidmet war und der nun Großbritannien als Mittelpunkt der Kreativbranche feiert und die “Bedeutung von Design für die Bürger dieses Landes, für seine Wirtschaft und seine Hersteller” unterstreichen möchte, so die Worte von Sir Terence Conran in seiner Eröffnungsrede. Allerdings fiel es schwer, in diesem Zusammenhang den Brexit-Filter auszuschalten. 

Conran sagte weiter: “Beim Design geht es um Optimismus”. Das neue Museum scheint diesen Optimismus jedoch in einen gewissen Vorbehalt zu kleiden.

Das weite, helle Atrium ist das Zentrum des Gebäudes.
Die angenehm beleuchtete Treppe.
Die Treppe wird breiter, um sie auch als Auditorium nutzen zu können.
Die Nachbarn stehen zu eng: drei klobige Luxuswohnblöcke, ebenfalls von OMA entworfen.