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© Thomas Wagner, Stylepark

Lesen bildet 06
Vom Rand aus

von Thomas Wagner | 11.10.2016

Zugegeben, die Marginalistik ist eine recht junge Wissenschaft. Vielleicht gilt sie deshalb gemeinhin als nicht unbedingt seriös, erweist sich dafür aber als umso humorvoller. Dabei sind ihre Themen auf den zweiten Blick weniger abseitig als im besten wissenschaftlichen oder gar philosophischen Sinne „randständig“ (nicht von ungefähr hat der französische Philosoph Jacques Derrida „Randgänge der Philosophie“ unternommen). Wo viele andere noch immer glauben, sie müssten sich fokussieren, sprich sich auf das beschränken, auf das alle glotzen, hält sich die Marginalistik bewusst an Dinge, deren Konturen verschwimmen. Was nichts anderes heißt, als dass die Fragen und Rätsel der Welt nicht von einem vermeintlichen oder tatsächlichen Zentrum aus, sondern von ihren Rändern her aufgerollt werden. Was fernab des Mainstream an der Peripherie beginnt, kann freilich ebenso geistvoll wie kritisch enden, schließlich ist das, was wir Wissenschaft nennen, selten so rational wie ihre objektivitätsversessenen Vertreter uns weißmachen wollen. Zumal so mancher Sammler im Garten der Wissenschaft zuweilen mehr Unkraut in seinem Körbchen wiederfindet als der Exaktheit seines Fachs lieb sein kann.

Wer das neue „Jahrbuch für Marginalistik IV“ – ein kleines Büchlein, das in jede Jackentasche passt – zur Hand nimmt, wird rasch bemerken, was es mit dieser ebenso seltsamen wie anregend-widerborstigen Wissenschaft auf sich hat. In personeller Hinsicht lässt sich der Begriff „Marginalistik“ zunächst auf nur marginal vom forscherischen Ernst abweichende Wissenschaftssatiren und in diesem Zusammenhang auf den 2010 emeritierten Eichstätter Journalistik-Professor Walter Hömberg und dessen Ko-Autor und Wissenschaftsjournalisten Eckart Roloff zurückführen, die auch diesen vierten Band herausgegeben haben. Und so enthält das Jahrbuch, fein säuberlich gegliedert, denn auch Beiträge zur Theorie, Historie und Phänomenologie neuester marginalistischer Forschung.

Kurz, hier erfährt man, was man nie wissen wollte oder sich niemals zu fragen getraut hätte. Ein Architektendasein beispielsweise erscheint ohne fundiertes historisches Wissen „Über die Reißzwecke“ wie das Leben mit einem Mops zwar möglich, aber sinnlos. Oder, um ein anderes Beispiel zu nennen, könnten Sie auf Anhieb etwa die Frage beantworten „Warum wird die Wurst schief durchgeschnitten?“ Ob mal mehr oder mal weniger, ein Schuss Eulenspiegelei ist immer dabei, wenn vom Rand aus die Formalitäten wissenschaftlichen Arbeitens oder deren politisch-soziologischen Rahmenbedingungen unter die marginalistische Lupe genommen werden.

Während sich August Gloi-Hänsle um „Das Zentralitäts-Marginalitäts-Pardoxon als marginalitätswissenschftliches Problem“ kümmert, lässt die von Kurt Hesse und Walter Hömberg beigesteuerte Abhandlung über „Das Canis Paradigma“ nicht nur die kommunikationswissenschaftliche Theoriebildung in ganz neuen Licht erscheinen, sondern kommt auch ganz umstandslos auf den Hund. Dieser nämlich, so erfährt der Leser, steht überraschend oft im Zentrum vieler Geistes- oder Naturwissenschaften, nicht nur, was die Philosophie Arthur Schopenhauers angeht, der im zweiten Band seiner „Pererga und Paralipomena“ nüchtern feststellt hat: „Daher eben kommen die vierbeinigen Freundschaften so vieler Menschen besserer Art: denn freilich, woran sollte man sich von der endlosen Verstellung, Falschheit und Heimtücke der Menschen erholen, wenn die Hunde nicht wären, in deren ehrliches Gesicht man ohne Misstrauen schauen kann?“

Auch in der Raumfahrt waren es ja Hunde, die Pionierleistungen erbracht haben, weshalb Juri Gagarin 1961 gesagt haben soll: „Ich weiß immer noch nicht, wer ich bin: der erste Mensch oder der letzte Hund im All“. Zwar fehle, so die Autoren, in der Scientific Community nach wie vor eine Zusammenschau der Ursachen, Umstände und Folgen, die zentrale Rolle des Canis Paradigmas für die Theoriebildung lasse sich aber an zahlreichen Beispielen belegen. Was denn auch geschieht und was wahr sein mag, auch wenn weiterhin unter Veterinären umstritten ist, weshalb Ottos Mops kotzt und keiner weiß, wie groß der Beitrag seines nach einer Erzählung Thomas Manns benannten Hundes Bauschan zu Niklas Luhmanns Theorie der „Sozialen Systeme“ und zum Verständnis von System/Umwelt-Relationen gewesen ist.

So erweist sich die Marginalistik ein ums andere Mal als heitere Schwester der Fußnote und als erfolgreich den Zentralitätswahn korrigierende Randbemerkung. Bleibt, mit Blick auf das Canis Paradigma nur noch anzumerken, dass mit marginalistischem Gespür herausgefunden wurde, dass die gelegentlichen Spannungen zwischen Angela Merkel und Horst Seehofer keinen politischen Hintergrund haben, sondern auf Streiflichtern der „Süddeutschen Zeitung“ beruhen, da man sich in München keine Vorstellung davon machen könne, was es bei der Bundeskanzlerin Angela Merkel auslöse, wenn sie in einem Streiflicht über den bayerischen Ministerpräsident lese: „A Hund is er scho, der Horst.“ Den Rest regelt das Zentralkomitee.

Walter Hömberg, Eckart Roloff (Hg.)
Jahrbuch für Marginalistik IV

Reihe: *fußnote: anmerkungen zum wissenschaftsbetrieb Bd. 11,
260 S., br.
LIT Verlag, Berlin 2016
ISBN 978-3-643-99793-7
12,90 Euro