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Das Pixel als Ikone unserer Zeit
19.01.2011
Cristian Zuzunaga

Jung, dynamisch, kosmopolitisch. Cristian Zuzunaga, in Spanien geboren, in London sesshaft, hat sich im Laufe seines Lebens mit vielen Disziplinen beschäftigt: von der Biologie über die Typografie bis hin zur Mode. Seit einigen Jahren lässt er sich für seine Textilentwürfe von räumlichen Elementen inspirieren. Für seine Kollektion „Squaring of the circle" zoomte er in Fotos von Stadtlandschaften so nahe heran, bis sie in ihre Pixelstruktur, also in winzig kleine geometrische Formen zerfielen. Für Kvadrat hat er neue Entwürfe vorgestellt, in denen er über Raum und Zeit, Urbanität und Globalisierung nachdenkt. Nancy Jehmlich traf Cristian Zuzunaga und sprach mit ihm über den Regen in London, glückliche Zufälle und über die Leidenschaft, mit Pixeln zu arbeiten.

Nancy Jehmlich: Sie sind in Barcelona geboren und aufgewachsen, leben heute jedoch in London. Können Sie sich vorstellen nach Barcelona zurückzukehren?

Cristian Zuzunaga: Eine Frage, die mich selbst beschäftigt. Ich sehe Barcelona, die Stadt meiner Kindheit, nun in einem besseren Licht. Barcelona ist inspirierend, es ist aufregend - die Farben, die Natur, die Leute, die Verrücktheit. Aber wahrscheinlich werde ich aufs Land ziehen. Und dann bräuchte ich die sowohl die Nähe von London als auch von Barcelona. Europa liegt mir näher als Spanien.

Wann haben Sie Barcelona verlassen?

Zuzunaga: Ich war siebzehn. Mein Vater kommt aus Peru, meine Mutter aus Barcelona. Obwohl ich in Spanien aufwuchs, fühlte ich mich weder hundertprozentig katalanisch, noch hundertprozentig spanisch - und sicher auch nicht peruanisch. Als ich nach London kam, mochte ich die Stadt am Anfang nicht. Aber nach einer Weile stellte ich fest, dass ich mich geirrt hatte. London konfrontiert mich mit Dingen, die ich nicht sehen wollte. In Spanien ist es sonnig und du denkst, dass alles in Ordnung ist. Sobald die Sonne nicht scheint, endet plötzlich deine ganze Welt. Wenn in London die Sonne scheint, ist es ein Bonus, vor allem vor zehn, zwölf Jahren. Nun regnet es weniger. Einmal hat es sehr stark geregnet und ich dachte, dass ich etwas für mich selber brauche, denn ich kann nicht vom Wetter abhängen. Es braucht Jahre, aber dann merkst du, dass du sehr produktiv wirst. Ich denke nicht, dass ich zurückgehen werde, um auf die gleiche, mir gewohnte Weise zu leben.

Worin liegt aus Ihrer Sicht der Vorteil, in London zu arbeiten?

Zuzunaga: London konfrontiert dich. Es ist eine schwierige Stadt, aber zur gleichen Zeit gibt sie dir alles, was du brauchst. Du kannst deinen Weg finden, auch wenn es ein Hindernis nach dem anderen gibt, weißt du am Ende besser, wer du bist und was du sein willst.

Wie ist die Zusammenarbeit mit Kvadrat zustande gekommen?

Zuzunaga: Ich bin nahezu zeitgleich auf verschiedenen Wegen zu Kvadrat gekommen. Ich schloss meinen Master am Royal College of Art mit einer Modekollektion für Männer ab, die zusammen mit Peter Smith entstand. Wir nannten die Kollektion „Quadrat". Als ich die Kollektion vorstellte, kam jemand vorbei und hat mir empfohlen zu Kvadrat zu gehen. Ich dachte erst, dass er von der Kollektion „Quadrat" spricht, aber dann haben wir das Missverständnis aufgeklärt und er hat mir gezeigt, was Kvadrat macht. Für die Präsentation einer Modekollektion hab ich ein Ikea-Sofa mit einem meiner Textilentwürfe überzogen und auf einer Show gezeigt, bei der aber die Kleidungsentwürfe im Mittelpunkt standen. Plötzlich kam jemand vorbei und wollte das Sofa kaufen. Ich sagte ihm, dass es nicht zu verkaufen ist. Doch derjenige bestand darauf. Am nächsten Tag sah ich Ron Arad und erzählte von der Situation. Er sagte mir, dass ich den Showroom von Moroso in London anrufen soll. Also bin ich mit Grüßen von Ron Arad zu Moroso gegangen. Und der Direktor von Moroso in London hat mich zu Kvadrat geschickt. All das geschah innerhalb einer Woche.

Die Vorstellung von der „Quadratur des Kreises" ist eine Metapher für eine unlösbare Aufgabe. Warum heißt Ihre Kollektion „Squaring of the Circle"?

Zuzunaga: Ein Großteil der Inspiration kam aus der Alchemie, von den verschiedenen Stadien und chemischen Prozessen, von unserer eigenen Entwicklung vom Körper zum Geist. Ich dachte, der Titel könnte gut beschreiben, was ich versuchte, mit meiner Arbeit darzustellen. Letztendlich gibt es Pixel schon seit Jahrhunderten. Es ist nicht wirklich die eigene Idee, man ist nur der Katalysator. Aber vielleicht wird das nicht jeder verstehen. Das ist mir egal. Wir sind alle Alchemisten, wir versuchen unmögliche Dinge mit unserem Leben zu machen, wir wissen nicht, warum wir hier sind, doch irgendwie kommen wir durch. Ich dachte, das ist ein guter Grund, die Kollektion nach einer unlösbaren Aufgabe zu benennen.

Wie werden die Pixelbilder generiert?

Zuzunaga: Das kommt darauf an. Es begann vor Jahren, als ich noch Biologie studierte. Man schaut durch das Mikroskop und sieht Formen und Farben. Plötzlich wird es eine Hingabe, genau hinzusehen und man beginnt die Welt in verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Dann, Jahre später, als ich längst mit Biologie aufgehörte hatte, entdeckte ich die Fotografie. Ich kaufte einen Scanner, scannte Fotos und fing an, die Bilder zu bearbeiten. Man kann Stunden damit verbringen, die Bilder vom Staub zu reinigen. Es ist wie eine Sucht und irgendwann wird das Pixel immer wichtiger. Wir reden hier von einer Zeit um das Jahr 2000. Die Zeit verging, ich studierte Typografie. Im Jahr 2004 entdeckte ich den Buchdruck und damit Gutenberg, das Bauhaus und so weiter. Eine neue Welt eröffnete sich mir.

Als ich dann für meine Abschlussarbeit 2006 nach Shanghai fuhr, um die schnellen Veränderungen der Globalisierung zu studieren, fielen mir die vielen Plasmabildschirme, digitalen Reklamen und eben das Pixel auf. Und plötzlich machte es „klick": das Pixel als Ikone unserer Zeit. Wir sehen die Welt durch diese winzig kleinen Formen, die wie ein Atom sind. Du kannst es sehen, aber nicht verstehen. Und es ist endlos. So fing ich an, die Projekte zu entwickeln. Mir war klar, dass das Konzept dahinter einen realen, gegenwärtigen Bezug haben sollte. Etwas, dass uns alle einbezieht. Ich kann nicht nur mein eigenes Ding machen. Das kümmert keinen.

Den spanischen Einfluss bei den Pixelbildern erkennt man an der Wahl der leidenschaftlichen Farben. Es war sowohl eine digitale als auch eine analoge Herangehensweise, weil ich eben auch oft handwerklich vorgehe. Ich bearbeite meine Fotos, arrangiere, beobachte und schaue, wie sie im gepixelten, also abstrahierten Zustand aussehen. Ich habe keine Angst vor dem Digitalen, das Digitale wurde für mich zu einer Lösung der Probleme.

Heißt das, wir sollten mehr auf Details achten?

Zuzunaga: Ja, ich mag das. So ist es. Am schwierigsten war es, den Weg zu wählen, den man gehen möchte. Die gesamte Kollektion, auch „Shanghai", „Skyline" oder „Cityshapes", resultiert aus irgendwelchen Formen, aus Schatten, aus Reflektionen, so wie sich beispielsweise dort auf der Fensterscheibe die zwei Winkel der verschiedenen Schatten überschneiden. Dann machte ich Fotos, von Barcelona, London, Shanghai, New York und bearbeitete die Fotos, schaute wie sich Reflektionen gegenüber Gebäuden verhielten und so weiter. Die Dinge verschieben sich und werden realer oder eben nicht. Man sieht die Stadt danach ganz anders. „Skyline" ist wie ein frontales Bild von New York. Andere Entwürfe zeigen eher verschiedene Perspektiven auf eine Stadt. Das ist auch eine Weise, auf mehr Details zu achten. Wenn man sich den Stoff genauer anschaut, sieht womöglich jeder etwas anderes darin. Und ich liebe den kritischen Austausch. Ich mag auch Farben. Farben bringen Atmosphäre in den Raum.

Sie sprachen einmal davon, Design sei eine „playful interpretation of reality"- eine spielerische Interpretation der Wirklichkeit. Müssten die Entwürfe dann nicht eher Schwarzweiß aussehen?

Zuzunaga: Ich kann mich nicht daran erinnern, so etwas gesagt zu haben. Aber es klingt gut. (lacht) Es geht um Identitäten und wie du dich selbst projizierst, auch durch die Projekte, die du machst. Wir brauchen Farben. Farben und Formen arbeiten Hand in Hand. Wir haben Farben in der Natur, um uns herum, sie sind da. Es ist wie mit den Details, man fängt an, eine Blume genau zu betrachten, warum also verfahren wir nicht auch beim Design so? Wir brauchen das. Wir brauchen Schwarz und Weiß - und zugleich auch mehr Farben.

Haben Sie die Befürchtung, dass Sie Ihr Pixeldesign zu sehr festlegen könnte?

Zuzunaga: Darüber muss ich lachen. Weil die Schönheit der Dinge darin liegt zu wissen, wann man weitermachen und wann man aufhören muss. Das ist schwierig. Gute Ideen kann jeder haben - und manchmal machst du etwas daraus. Ich habe nicht nur einen Druck gemacht, ich habe tausende gemacht, aber nur einer bleibt am Ende übrig. Man wählt letztendlich einen aus - und das ist und bleibt schwierig. Man erinnert sich bei einem guten Fotografen an vielleicht zwanzig Fotos, obwohl er mit Sicherheit tausende Fotos während seines Lebens gemacht hat. Ich finde das erstaunlich. Es gibt so viele Möglichkeiten. Seit sechs Jahren arbeite ich nun an Quadraten. Es ist nicht langweilig, es eröffnet mir eine Menge von Möglichkeiten. Noch mache ich mir keine Sorgen. Ich sehe es als eine Herausforderung, wenn ich solche Dinge gefragt werden. Leute wollen, dass man weitergeht und was Neues bringt. Machen Sie sich Sorgen?

Nein, noch nicht.

Zuzunaga: Aber nach ein paar Jahren werden Sie vielleicht denken: jetzt wird's aber Zeit.

Ihr Design ist ein Bekenntnis zur Digitalisierung. Durch die zunehmende Digitalisierung wird das Urheberrecht mehr und mehr unterwandert. Wem gehört Ihrer Meinung nach die Idee? Einem oder allen?

Zuzunaga: Was ich mache, ist auch eine Umdeutung, eine Reinterpretation einer Arbeit, die mich persönlich fasziniert. Als ich einmal in Paris zu einer Messe war und alle die Sachen sah, die dort standen - Vasen, Dekor und viele Produkte - fragte ich mich unwillkürlich: Wer braucht das alles? Gleichzeitig habe ich erlebt, wie die Leute mich fragten, wann ich meine Sachen verkaufen werde. Später dachte ich, dass es faszinierend ist, wie kindlich aufgeregt die Leute reagieren und wie glücklich sie mitunter sind, wenn sie farbige Dinge sehen. Dabei können kräftige Farben verspielte Emotionen wecken. Schlussendlich geht es um Gefühle. Auch ein Künstler wie Gerhard Richter hat mit Pixeln gearbeitet. Es ist alles schon einmal gemacht worden. Also kommt es darauf an, wie man mit einer Idee weiterarbeitet, sie neu interpretiert, wie die Leute darüber sprechen und ob die Zeit, in der die Idee entstand, sich verändert hat.

Cristian Zuzunaga
"Squaring of the Circle"-Kissenkollektion: Fire, Soul, Spirit
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