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Design als Gesprächskultur
27.04.2011
Jasper Morrison; alle Fotos: Kvadrat

„Everything is running smoothly. And you?“, lautet ein Statusbericht des Computers „HAL 9000“, der perfektesten Maschine aller Zeiten, an den Astronauten Dave. Wir wissen: Es ist längst nicht alles in Ordnung. „HAL“ der Computer, bekannt aus „A Space Odyssey“ von Regisseur Stanley Kubrick, ist eine unerbittliche Maschine, die sich nicht abschalten lassen will. Ganz anders als „HAL“, der Stuhl von Jasper Morrison, den Vitra in Mailand in neuen Versionen für Haus und Wohnung vorstellt, nachdem bereits auf der Orgatec 2010 erste Modelle fürs Büro zu sehen waren. Er ist unspektakulär und ein Gegenstand für den zweiten Blick. Und vor allem: zum Ausprobieren. Denn er verspricht, ein wahrer Universalist zu sein. Thomas Edelmann traf Jasper Morrison für ein Gespräch.

Thomas Edelmann: Sie sind in New York aufgewachsen. Heute leben und arbeiten Sie in Paris, London und Tokio. Welche Rolle spielen diese Städte für Ihre Arbeit?

Jasper Morrison: All diese Orte prägen und beeinflussen mich. Es könnten auch fünf oder zehn Arbeitsorte sein, das würde mich nicht stören. Mailand und Basel gehören sicher auch dazu. Mich interessieren unterschiedliche Lebensweisen, die Atmosphäre, aber auch Dinge aus der Vergangenheit, das ist sehr inspirierend. Es gab mir sehr viel Energie, ein Studio in Paris zu eröffnen.

Wie viele Leute arbeiten in all ihren Büros?

Morrison: Das sind wenige. Insgesamt sind wir zu siebt. Wir würden leicht in einen Raum passen. Allein in London haben wir zehn Arbeitsplätze, die wir nie alle besetzen werden. Säßen alle in einem Raum, fiele die Produktivität vermutlich geringer aus, auch ich wäre weniger produktiv. In Paris machen wir hauptsächlich Stühle und andere Möbel, in London die übrigen Produkte und in Tokio konzentrieren wir uns auf Muji. Es ist sehr schön, mit frischen Ideen an einen neuen Ort zu kommen und an einem Projekt zu arbeiten.

Der Stuhl „HAL“ sieht einfach aus. Wie wird aus einem Entwurf ein fertiges Produkt?

Morrison: In Paris arbeite ich mit Jun Yasumoto an einer Reihe von Stuhl-Projekten. Wir sind eingearbeitet in dieses Thema. Ich zeichne und er baut es im Computer zusammen bis etwas Glaubwürdiges entsteht. Im Fall von „HAL“ haben wir die Ergebnisse an Vitra geschickt, daraufhin entstanden Modelle und Prototypen. So ging das über fünfzehn Mal. Zu Beginn des Projektes waren die Schritte jeweils sehr groß, gegen Ende wurden sie merklich kleiner. Die Ingenieure von Vitra, Rolf Fehlbaum und Eckart Maise brachten sehr viel Input, zum Beispiel was ihre Vorstellungen von Komfort und Aussehen angeht. Wir haben viel und ausführlich diskutiert. Das ist ohnehin eine Entwicklung, die immer wichtiger wird: Design entsteht durch Debatten. Mehr als durch Zeichnen oder isoliertes Nachdenken im Studio entwickelt es sich heute im Verlauf von Diskussionen über das Projekt. Für mich ist das der Schlüssel – ein gutes Projekt ist in dieser Hinsicht äußerst ergiebig.

Womit beginnt ein solches Projekt?

Morrison: Das unterscheidet sich von Mal zu Mal. Start und Verlauf sind unvorhersehbar. In diesem Fall drehte sich alles um die Schale, die allen Varianten des Stuhls gemeinsam ist, das Gestell schafft Vielfalt und macht „HAL“ zum Universalstuhl. Es gibt Versionen mit Kufen, mit vier einzelnen Holzbeinen, selbst einen Freischwinger, wobei das Aussehen des Stuhles sich jedes Mal stark verändert.

Die Verbindung zwischen Schale und Gestell ist bei „HAL“ also der springende Punkt?

Morrison: Ja. Das war wirklich schwierig und hat uns eine Menge Kopfschmerzen bereitet. Denn jedes Gestell, so unterschiedlich es auch ist, hat an der Schale genau vier Verbindungspunkte – und die müssen bei allen Versionen gleich sein. Das bedeutete sehr viel Arbeit; zeichnen, zeichnen und noch mal zeichnen. Als der Stuhl auf der Orgatec im vergangenen Jahr erstmals vorgestellt wurde, waren wir noch mit der zweiten Welle von Produkten beschäftigt, die jetzt in Mailand vorgestellt wird.

Was ist die Grundidee?

Morrison: Die Schale ist neutral genug, um in unterschiedlichste Situationen und Umfelder zu passen und behauptet dabei stets ihre klare Identität. Die große Investition für das Unternehmen ist die Schale, nicht das Gestell. Deshalb mussten wir sie sehr sorgfältig entwickeln. Es ist vermutlich der erste Schalensitz, den man vollständig schreddern und recyceln kann. Es gibt kein Metall in der Schale. Für die vier Schraubverbindungen haben wir einen Nyloneinsatz in die Schale integriert. Eine saubere Lösung. Solche Schritte, so klein sie auch sein mögen, sind wichtig, denn sie setzen einen neuen Standard. Es ist gut, ein aktuelles Projekt mit den Vorteilen moderner Technologie auszustatten.

Was macht einen guten Stuhl aus?

Morrison: Ist es ein Schalenstuhl wie „HAL“, sollte sich die Rückenlehne nicht zu weit nach hinten bewegen, wenn man sich hinsetzt. Zugleich muss sie aber doch ein wenig nachgeben. Wichtig war uns, dass man auf dem Stuhl möglichst viele verschiedene Positionen einnehmen kann, zur Seite ebenso wie rittlings, ohne dass die Form der Schale dabei hinderlich ist. Das ist alles nicht einfach zu lösen. Eine weitere Herausforderung bestand darin, die Beine oder Kufen so zu befestigen, dass Schale und Basis immer einen ansprechenden Gesamteindruck machen. Noch schwerer ist es, eine stapelbare Version zu erzeugen.

Die Schale hat eine seitliche Verstärkung, wie ist sie zu erklären?

Morrison: Man setzt Material nur dort ein, wo es gebraucht wird. Das ist eine Frage der Statik und der Materialersparnis.

Sie gehören zu den Designern, die nicht auf ein Themenfeld festgelegt sind. Sie entwerfen Möbel, haben aber auch eine Straßenbahn entworfen, Haushaltsgeräte, Kühlschränke und Telefone, um nur einige zu nennen. Gibt es große Unterschiede zwischen diesen Entwurfsaufgaben, den Möbeln auf der einen Seite und den eher technischen Objekten?

Morrison: Für mich ist es sehr positiv, gleichzeitig an Projekten zu arbeiten, die sich sehr stark unterscheiden. Die Arbeit besteht immer aus mehreren Schritten. Wenn man nach zwei Wochen an ein Projekt mit einem scheinbar vertrackten Problem, das kaum lösbar erschien, zurückkehrt, lässt sich diese Schwierigkeit plötzlich auflösen. Das wäre anders, wenn man nur Stühle oder nur Mobiltelefone entwerfen würde. So bleibt mein Interesse erhalten. Oft gibt es auch Querverbindungen, kleine Entdeckungen bei einem Projekt, die bereichernd wirken, da man sie auch in einem anderen Zusammenhang nutzen kann.

Warum ist es so schwierig, das Design von elektronischen Produkten zu verbessern?

Morrison: Ich habe mehrere Jahre für Samsung gearbeitet, wobei durchaus gute Projekte entstanden sind. Oft ist das Problem, dass die Unternehmen so groß sind, dass man keinen „Sinn“ in das Projekt bekommt. In den Meetings sind mitunter Leute, die nicht gewohnt sind, ein gemeinsames Projekt voranzubringen. Es fehlt die gemeinsame Motivation der Beteiligten. Es klingt albern, aber oft gibt es auf der Seite des Unternehmens niemanden, der die Verantwortung für ein Projekt übernimmt, Fehlentwicklungen stoppt und der Sache die entscheidende Richtung gibt. Genau das ist es, was Rolf Fehlbaum bei Vitra immer wieder macht.

Und vergleichbare Strukturen gibt es bei Elektronik-Herstellern nicht?

Morrison: Oft ist die starke Stellung am Markt das Problem, das Denken in großen Stückzahlen. Das verhindert es, konsequent neue Wege zu gehen. Vor Kurzem haben wir ein schnurloses Telefon entworfen. Die Firma „Punkt.“ ist ein neues Unternehmen. Eine sehr kleine Firma, bei der wir alle um einen Tisch versammeln und jeden Aspekt diskutieren konnten. Mein Beitrag bestand darin, die Position des Designs zu stärken. Zugleich haben wir für die neue Firma die Agenda definiert. Das Telefon unterscheidet sich von bestehenden Produkten, weil es sich auf das Wesentliche konzentriert, aber auch einige Verbesserungen für den täglichen Gebrauch bietet. In Mailand stellen wir einen neuen Wecker vor, der den gleichen Prinzipien folgt.

Sie haben sehr viele Stühle entworfen und 2009 in Paris eine Ausstellung über Stühle kuratiert. Warum kann man als Designer nicht aufhören, über Stühle nachzudenken?

Morrison: Weil man sie immer noch besser machen kann. Nicht immer, aber gelegentlich, kann man ihre Ergonomie, ihren Komfort verbessern, die Art wie sie zusammengesetzt sind, oder die Produktionskosten verbessern, was sich auf den Preis auswirkt. Das ist ein evolutionärer Prozess, bei dem sich Stühle insgesamt verbessern. Sie werden leichter, sind einfacher zu produzieren, können besser recycelt werden. Auf allen Feldern, wo Verbesserungen möglich sind, finden sie auch statt. Generell ist es gut, dass viele Leute bereit sind, neue Stühle zu entwerfen und herzustellen. Da längst nicht alle dieser Stühle in großen Stückzahlen hergestellt werden, ist das kein Problem und nur selten ist ein schlechter Stuhl auf dem Markt erfolgreich.

Welche Rolle spielen Ihre früheren Stühle für Sie?

Morrison: Es ist wie ein Stammbaum. Man sollte sich für seine alten Projekte nicht all zu sehr schämen. Sie repräsentieren mich zu einem bestimmten Zeitpunkt. Die besseren haben zu weiteren Projekten geführt, zu einigen, die ich heute mache. In Kortrijk habe ich vergangenes Jahr nur Entwürfe gezeigt, die zwischen 1981 und 1989 entstanden sind. Ich habe versucht, mit Zeichnungen, Zeitschriftenartikeln und sonstigen Texten den damaligen Kontext zu rekonstruieren. Es war ein merkwürdiges Gefühl, die alten Dinge zu zeigen, ganz ohne etwas Neues dabei zu haben.

Sie betreiben einen Shop – online und als Ladengeschäft – in London. Dort bieten Sie eigene Produkte an, aber auch Dinge aus dem Kontext Ihres Projektes „Super Normal“, das Sie mit Naoto Fukasawa entwickelt haben. Welche Bedeutung hat dieses Projekt?

Morrison: Es ist etwas zwischen Shop, Showroom und Museum. Wir haben alle drei Arten von Kunden. Da gibt es welche, die nur schauen und nicht einmal eine Postkarte kaufen. Einige kommen, um zu kaufen. Andere wollen meine Produkte sehen und wissen, was es Neues gibt. Während der London Design Week gibt es im hinteren Raum jeweils eine thematische Ausstellung. Letztes Mal ging es dabei um Tabletts aus aller Welt – und vorne an der Straße um den Launch von drei Produkten. Dazu gehörte das schon erwähnte Telefon, ein Schuh für Camper und eine Armbanduhr für Rado. Es ist ein kulturelles und kein kommerzielles Projekt, denn jedes Mal, wenn wir etwas verkaufen, verlieren wir Geld damit. Der Shop zahlt keine Miete, hat auch keinen Angestellten. Sobald die Türklingel geht, ist jemand aus dem Team in London, also gut bezahlte Designer, da und stellt sich in den Laden, solange sich jemand umsieht. Der Shop ist für uns ein wichtiges Projekt, weil es den Kreis schließt. Wir haben mit Herstellern zu tun und auch mit Händlern, aber selten trifft man mit den Käufern der Produkte zusammen. Es ist eine Art zu kommunizieren, man ist in der Stadt integriert. Die Verbindung von Studio und Shop habe ich in Japan bei Sori Yanagi kennengelernt. Das fand ich eine gute Idee.

Wie hat sich Design verändert?

Morrison: Es ist für eine größere Zahl von Menschen attraktiv geworden. Mehr Leute interessieren sich dafür. Manche aber womöglich aus den falschen Gründen. Oft geht es dabei eher um die Performance des Marketings als um die des Konsumenten. Das ist für mich eine schlechte Seite des Designs. Aber auf der anderen Seite sind wir sehr viel mehr in den industriellen Prozess einbezogen als noch in den achtziger Jahren. Heute tauschen wir dreidimensionale Konstruktionsdaten mit den Unternehmen aus, früher mussten wir Kopien unserer Zeichnungen an die Firmen schicken und bekamen als Prototyp bestenfalls eine Interpretation unserer Ideen zurück. Design ist stärker involviert. Studios müssen sich ernsthaft damit beschäftigen, ein Produkt zu entwickeln. So wie es Dieter Rams damals schon getan hat, mehr als die meisten von uns heute. Vielleicht bin ich es ja, der alt geworden ist – oder erwachsen.

Aktuelle Ausstellung:
Danish Design – I like it! Jasper Morrison
Vom 8. April 2011 bis zum 2. Januar 2012
Designmuseum Danmark, Kopenhagen
http://designmuseum.dk

www.punktgroup.com

Jasper Morrison; alle Fotos: Kvadrat
Ausstellung im Designmuseum Danmark
Jasper Morrisons neuer Entwurf für Punkt., der Wecker "AC01", vorgestellt im Spazio Rossana Orlandi in Mailand

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