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Ettore Sottsass mit knapp 90 Jahren in Köln
© Thomas Edelmann

Was machen die da drinnen?

Heute wäre Ettore Sottsass hundert Jahre alt geworden. Noch immer wissen wir viel zu wenig über einen, der hinter die Mauer des Gewohnten geschaut hat.
von Thomas Wagner | 14.09.2017

Viele, die den Namen Ettore Sottsass hören – ganz besonders heute, an dem Tag, an dem er hundert Jahre alt geworden wäre –, glauben, sie wüssten, was er getan, was er geschaffen und wie er gedacht hat. Nicht, wer er als Mensch war, das können nur seine Familie, seine Freunde sagen, wenn sie sich an ihn erinnern, aber doch, was er als Designer und als Architekt gewollt, was er tatsächlich erreicht, welche außergewöhnlichen Dinge er gestaltet hat. Rasch fallen dann Schlagworte und Namen: Ganz sicher Memphis, Möbel – hohe Schränke mit bunt gestreiftem Kunststofflaminat, deren Anblick einem noch heute alles Gewohnte infrage stellend in die Knochen fährt –, manchmal auch Radikal- und Anti-Design. Oder Olivetti, eine ganze Arbeitswelt auf dem Sprung zur "Business Machine", oder bewegliche, modulare Einrichtungssysteme, Architekturen für ferne Planeten, farbenfrohe Glasobjekte. Dabei stehen all diese Dinge und Ideen noch immer vor uns, als seien sie fremde, von einem unbekannten Mythos getragene Geister oder Totemzeichen einer hektischen Zivilisation, die sich unablässig in ihren Hervorbringungen selbst zu ergründen sucht, im Gespräch von Mensch und Mensch, Mensch und Natur, Mensch und Technik. Alles doch nur Designgeschichte ­– erstarrt in Plastik, Holz, Marmor, Glas und Metall?  

Möchte man mehr darüber erfahren, und der hundertste Geburtstag bietet eine gute Gelegenheit dazu, wie Ettore Sottsass die Welt um ihn herum wahrgenommen und empfunden hat, so sollte man seine Reiseerinnerungen lesen. Anfang der 1990er Jahre wurden sie im Rahmen einer Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen unter dem Titel "Adesso però" gezeigt und sind jetzt auf Deutsch publiziert worden.
 
In ferne Länder, nach Indien, Nepal, Birma, aber auch in die Vereinigten Staaten, nach New York oder San Francisco, zu reisen, das bedeutete für Sottsass, wie er selbst sagt, sich den Menschen und der Welt gegenüber zu öffnen, "einen neuen Bezugspunkt für unser Gedanken, unsere Gesten, unsere Gefühle" zu finden, uns selbst zu erneuern. Vielleicht, schreibt er, sind wir nach einer schönen Reise auch "geduldiger geworden gegenüber all denen, die mit uns zusammenleben". Reisen irritiert, korrigiert, relativiert das eigene Tun und den eigenen Standpunkt, es rückt eingeübte Bedeutungen zurecht.
 
So notiert Sottsass 1962, als er und Nanda Vigo, unterwegs nach Rangun, auf dem Flughafen von Kalkutta gestrandet sind und sich ein hilfsbereiter indischer Polizist als Präsent aus Italien ausgerechnet einen Füllfederhalter wünscht: "Italien wurde klein, entfernt, überflüssig und sinnlos und, es war ganz klar, dass die nationalen Ruhmestaten nur einen kleinen privaten Wirkungskreis hatten, so wie der gute Kuchen der Mutter." Der Fokus hat sich verschoben, was man für das Zentrum nicht nur des eigenen Lebens, sondern der ganzen Welt hielt, rückt plötzlich an den Rand, ist nur noch halb so wichtig. 

Stylepark Ettore Sottsass smoking Bruno Gecchelin
© Bruno Gecchelin

In Indien beschäftigen ihn 1962 die Liebesphilosophie, die Farben und kleinen Gesten. Schwer zu verstehen erscheint es ihm, dass es "zu viel Spannung" gibt, "zu viel Vitalität, zu viel Freiheit, zu viel Herrschaft eines nicht kartesischen Raumes, zu viel Herrschaft eines irrationalen Raumes". Und als er 1966 durch Nordamerika reist, notiert er unter der Überschrift "Was machen die da drinnen?" über die Wohnungen an der Westküste: "Die Wohnungen der Freunde der Freunde der Freunde der West Coast, wie man sagt, sind nichts Anderes als Schalen. Die dann weggeworfen werden. Die Wohnung ist nichts Anderes als ein "packaging" für die Gesten des Alltagslebens, eine Idee, die funktionieren mag, auch wenn das Wort packaging mit so vielen kommerziellen und mit Geld zusammenhängenden Bedeutungen belastet ist, dass es Mühe macht, es zu benutzen. Aber das ganze amerikanische Leben lebt und bewegt sich auf Grundlage dieses Konzepts des packaging. Packaging heißt verpacken, der Vorgang, ein Paket zu machen, und das heißt, etwas zu verhüllen: Der Inhalt ist das Wichtigste am Paket, die Umhüllung wird normalerweise weggeworfen. Das Leben ist wichtig. Die Gesten des täglichen Lebens. Die Gesten ohne Mythos, die Gesten, die sich in sich selbst eine nach der anderen verbrauchen, die eine aus der anderen entstehen in einem Prozess der fast unkontrollierbaren Vervielfältigung, all dies ist wichtig." 

Eine ganz andere Reise beginnt, als Sottsass drei Jahre später in einem Hotel in Manhattan "den Farbfernseher mit den falschen Knöpfen“ anstellt, und Sofia Loren erscheint, "mit dem schönen Gesicht voller lila Streifen in der Farbe von Zyklamen, jenen wildwachsenden, die man im Schatten der Wälder fand, und die es heute nicht mehr gibt, und der Himmel hinter der Loren war ein wenig grün, wie gute Jade, apfelfarben sagt man, und ein wenig rosa, wie die Farbe der Bergnelken ..." Was ihn fasziniert und ihn nachdenken lässt über ein gefilmtes Leben, "losgelöst von den Bedingungen des Planeten, losgelöst von der Geschichte, also von der Zeit und von der Relation Zeit-Raum, wie wir sie unten auf dem Planeten haben".
 
Vieles verändert sich, selbst das Reisen. Und so notiert er 1992 in seinen Reisenotizen "Über Küchen": "Die neuen Rituale gleiten über die fotografierten Etiketten ... Wir reisen immer in einem langsamen dauerhaften Regen aus wunderschönen Etiketten, einem so schweren, so dichten Regen, dass wir durch all diese Etiketten hindurch nicht einmal sehen können, was, vielleicht, jenseits davon ist; vielmehr wollen wir alles, was vielleicht jenseits davon ist, gar nicht sehen, weil wir über das, was hier ist, sehr glücklich sind ... Die Zensur der Dinge, die nicht funktionieren, wächst, es wächst die Mauer der Etiketten."

Ettore Sottsass hat immer versucht, hinter die Mauer zu blicken.