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Die kleine Welt der Multifunktionsmöbel
von Nancy Jehmlich | 19.11.2011

Das Bezeichnung Multifunktionsmöbel wird schnell mal verwendet, klingt der Begriff doch vielversprechend. Schaut man aber genauer hin, entpuppt sich das sogenannte Multifunktionsmöbel überhaupt nicht als multifunktional, wenn nicht sogar als Mogelpackung, denn oft ist es nur modular oder universell oder seiner ursprünglichen Funktion entfremdet. Selbst Möbelstücke, die zwei Funktionen übernehmen können, sind schon selten vertreten. Zum Beispiel scheinen viele Einbaumöbel praktisch, sind aber nicht multifunktional. Ebenso der Typus Systemmöbel – oder ist ein Möbel, das auf dem Baukastenprinzip aufgebaut ist, schon ein Möbel, das mehrere Funktionen erfüllen kann? Ein kleines Regal, nehmen wir beispielsweise das Regalsystem „String" von Nisse Strinning, kann zu einem großen Regal mit Schrankelementen anwachsen. Aber es ist und bleibt schlicht ein Möbelstück zum Aufbewahren, und nicht zum Sitzen, Lesen oder Schlafen.

Bi- statt multifunktional

Der Klassiker unter den Multifunktionsmöbeln ist wohl das Schlafsofa. Im „normalen" Zustand ist es ein Sofa, ausgeklappt wird es zur Schlafgelegenheit. Auch eine Sitzbank, die unter ihrer Sitzfläche Stauraum bietet, wird gern verwendet. Dennoch bleiben die wenigen Beispiele – ob eine Sitzbank, die mit einer Garderobe kombiniert wird, wie bei „Yak" von Rupert Kopp, oder ein Paravent, der ebenfalls Möglichkeiten anbietet, Kleidung aufzuhängen, wie bei „nan10" von Fabio Biancaniello, oder eben das Schlafsofa, wie bei „Janus" von Pascal Mourgue – eher bifunktional als multifunktional. Selbst der ausziehbare oder höhenverstellbare Tisch bleibt letztlich ein Tisch.

Der große Bruder Einbaumöbel

Der Anlass, ein Multifunktionsmöbel zu entwerfen, bedarf eines gewissen Zwangs. Meist äußert sich der Zwang in Platz- oder Geldmangel, sich mehrere verschiedene Möbel anzuschaffen. Dabei entstehen weniger Multifunktionsmöbel als vielmehr verwandte Produktkategorien wie Anbau-, Aufbau- oder auch Systemmöbel. Möbelstücke, die als Teil eines ganzen Programms mit anderen Stücken der gleichen Art zusammengesetzt und kombiniert werden können.

Auch Einbaumöbel können intelligente Lösungen für Platz- und Raummangel sein. So entstand in der Nachkriegszeit aufgrund großer Wohnungsnot unter der Leitung des Architekten Ernst May eines der bedeutenden Siedlungsbauprojekte für die klassische Moderne in Deutschland. Zwischen 1925 und 1930 wurden in und um Frankfurt am Main verschiedene Siedlungen des Neuen Bauens errichtet. Für die mitunter knapp bemessenen Grundrisse waren auch neue Möbel und Möbelsysteme gefragt. Margarete Schütte-Lihotzky entwarf die Frankfurter Küche, ein effektives, raumausnutzendes Einbaumöbelprogramm. Im Zuge des Siedlungsbaus entwickelte Frank Schuster ein Aufbaumöbelsystem, das durch den variablen Charakter der Möbel flexibel auf die räumliche Situation reagieren konnte, wie ein Tisch, der doppelt so viel Fläche bot, wenn man ihn aufklappte. Auch Ferdinand Kramer entwarf kombinierbare Möbel, die sich für die kleinen Wohnungsgrundrisse eigneten. Die Kleinstwohnungen waren fast komplett mit Einbaumöbeln ausgestattet; es wurde gesagt, dass man hier nur mit Tisch und Stühlen einziehen müsse. Praktisch, aber damit schon multifunktional?

Bruno Paul liefert mit dem Programm „die wachsende Wohnung", das in den Deutschen Werkstätten Hellerau von 1930 bis 1958 produziert wurde, ein frühes Beispiel für Anbaumöbelkonzepte. 1950 entwirft Hans Gugelot das Möbelsystem „M 125", ein Baukasten mit Platten, Winkeln und Beschlägen, womit verschiedene Korpusse, Regale, raumteilende Kombinationen bis hin zu Einbauwänden aufgestellt werden konnten. Rudolf Horn entwickelte ein variantenreiches Möbelsystem zum selbst zusammenbauen, das in der von Mangelwirtschaft geprägten DDR sehr verbreitet war. Flexibel, aber multifunktional?

Zum diesjährigen DMY in Berlin stellte Le Van Bo sein Möbelexperiment für die „Hartz-IV-Wohnung" vor. „Die Idee ist, auf engstem Raum maximale Lebensqualität zu schaffen", sagt der Architekt. Für 21 Quadratmeter, so groß beziehungsweise klein wie die kleinste genormte Einzimmerwohnung im Plattenbau, entwarf er eine komplette Wohnungseinrichtung, die vom Nutzer selbst zusammengenagelt und verleimt wird. Der „Berliner Hocker", angelehnt an den „Ulmer Hocker", ist Teil des Programms und kann ähnlich wie sein populärer Vorgänger als Tisch, Hocker oder Regal verwendet werden. Sinnvoll, aber multifunktional?

Mit Klappen zur Multifunktion?

In anderer Hinsicht multifunktional sind klappbare Objekte, sofern man „Klappen" als Funktion bezeichnen möchte. Ziel sowohl von klappbaren als auch multifunktionalen Produkten ist die raumsparende Wirkung. Der Kommunikationsdesigner Per Mollerup unterscheidet dabei von der Zielfunktion des Möbels, zum Beispiel dem Sitzen, und der Hilfsfunktion, der Klappbarkeit. „Klappobjekte beruhen auf dem Grundkonzept der Anpassung, einem Prinzip, das zugleich eine fundamentale Überlebensstrategie ist: keine Anpassung, keine Zukunft" schreibt er in seinem Buch „Collapsibles". Und weiterhin stellt er fest „Der Mensch, selbst physisch und psychisch wandelbar, braucht und wünscht sich wandelbare Objekte." Dabei gibt es nicht nur Objekte, die im klappbaren Zustand „nutzlos" sind. Die „Ottakringer Stuhlleiter" beispielsweise wurde im 19. Jahrhundert von Tiroler Mönchen für ihre Klosterbibliothek entwickelt. Ottakring ist der Name des Wiener Stadtteils, wo sie heute von der Firma Section N hergestellt wird. Sie hat zwei Zielfunktionen, eine als Leiter und eine als Stuhl. Das Prinzip wurde vielfach adaptiert und gestalterisch unterschiedlich umgesetzt. Mit einem gewissen Anspruch an Design hat Scoope Design mit ihrem „Elda Chair" oder Benedetto Quaquaro mit seinem „Scalo" die Stuhlleiter neu aufgelegt. Wandelbar, aber multifunktional?

Von der Not zur Freiheit

Ob klappbar oder multifunktional, ein weiteres Bedürfnis treibt uns heutzutage an, nach flexiblen, anpassungsfähigen Möbeln zu streben. Das Bedürfnis nach Freiheit. Der Freiheitsdrang äußert sich zum Beispiel in Wohnwagen und -mobilen, die mit komplexen Einbaumöbellösungen ausgestattet sind. Meist besteht die Funktionalität darin, dass die Sitzecke zum Doppelbett umgebaut werden kann. Ansonsten gibt es viele praktische und vor allem raumsparende Maßnahmen wie verstellbare Regalböden oder versenkbare Edelstahlspülen. Doch wir sind nicht nur im Urlaub mobil unterwegs. Wir leben in einer dynamischen und vernetzten Gesellschaft. Wir ziehen dem Job hinterher, lagern unsere Kinderbücher in Containern ein und pflegen unsere weltweiten Kontakte via Facebook. Dabei ist der Wunsch nach Mobilität weniger von Bedarf gekennzeichnet als vielmehr von Zwang. Die gleichen Ansprüche, die an uns gestellt werden, erwarten wir auch von unserem Umfeld, unseren Werkzeugen und Hilfsmitteln. Anpassungsfähige Wohnung, multifunktionale Assistenzsysteme, dynamische Infrastruktur. Große Visionäre ahnten, welche Zeiten auf uns warten und entwarfen in verschiedenen Zukunftsszenarien die flexible Wohnung. Joe Colombo, um nur einen von vielen zu nennen, entwarf so genannte „dynamischen Möbelstücke" oder „Wohnmaschinen", die alle benötigten Funktionen in sich vereinen und sich an den jeweiligen architektonischen Rahmen anpassen können sollten. Die „Total furnishing unit" ist ein kompaktes Modul, was verschiedene Funktionen wie Küche, Schlafzimmer, Schrank und Bad vereinte. Kompakt, aber multifunktional?

Das entfremdete Objekt

Andersherum schließt sich eventuell der Kreis. Nicht unsere Bedürfnisse bestimmen die Gestalt der Objekte, sondern die Objekte verändern unsere bestehenden Gewohnheiten und Handlungsrituale. Einige multifunktionale Gegenstände vermögen unsere Beziehung zu den Dingen des Alltags zu verändern. Beispielsweise vereint die Kleiderbügelbürste von Konstantin Grcic das Aufhängen mit dem Abbürsten. Die Stuhlhockerbank von Yvonne Fehling und Jennie Peiz verbindet drei verschiedene Sitzmöglichkeiten zu einer Raumskulptur. Oder Bina Baitel entwarf mit „Snug" eine Leuchte, die sich in einem Teppich ergießt. Auch wenn sich bei diesen Beispielen scheinbar verschiedene Funktionen zu einem Möbel oder Accessoire paaren, denken wir dabei an Multifunktionsmöbel? Oder eher an Hybride oder an Skulpturen, die sich zwischen Produktdesign und Kunst bewegen, an neuartige Objekte, die unseren Sehsinn anregen und unsere Gewohnheiten hinterfragen?

Eine umfassende Übersicht an Schlafsofas finden Sie hier:
Schlafsofas bei Stylepark

In unserer Serie zu den Produkttypologien sind bisher erschienen:
„Alles, was Möbel ist" von Thomas Wagner
„Nicht anlehnen!" über Hocker von Nina Reetzke
„Von Ruhe und Gemütlichkeit" über Lounge Chairs von Mathias Remmele
„Schaumstoffwiese, länger frisch" von Markus Frenzl
„Im Universum der Stühle" von Sandra Hofmeister
„Alles, was Stuhl sein kann" von Claus Richter
„Das Regal – ein Möbel der öffentlichen Ordnung" von Thomas Edelmann
„Wie der Sessel Ohren erhielt" über Sessel von Knuth Hornbogen
Die Stütze der Gesellschaft" über Regale von Thomas Edelmann
Der Schaukelstuhl als Passagenphänomen" von Annette Tietenberg

Stool for Two von Yuya Kurata
Scalo von Benedetto Quaquaro für Cerruti Baleri
Ein kompaktes Modul: Total Furnishing Unit von Joe Colombo, 1971-72 Ignazia Favata/Studio Joe Colombo, Milan
Gesamtansicht der Innenausstattung des Appartments Joe Colombo IV, via Argelati 30b, Mailand, 1970 Ignazia Favata/Studio Joe Colombo, Milan
Inneneinrichtung des experimentellen Interieurs Visiona I von Joe Colombo auf der Kölner Möbelmesse für die Firma Bayer, 1968
Living Center Dinner-Element 1970 von Joe Colombo, Foto: Galerie Ulrich Fiedler, Berlin
Die wachsende Wohnung von Bruno Paul, Foto: Repros DW
MDW Programm von Rudolf Horn, Foto: Repros DW
MDW Programm von Rudolf Horn, Foto: Repros DW
Eine Neuinterpretation der Stuhlleiter: Elda Chair von Scoope Design
Elda Chair von Scoope Design
Ottakringer Leiterstuhl, Foto: Jürgen Hammerschmid für prodomoWien
Ein bifunktionales Objekt: Leuchte „Snug“ von Bina Baitel
Leuchte „Snug“ von Bina Baitel
Margarete Schütte-Lihotzky entwarf die Frankfurter Küche, ein effektives, raumausnutzendes Einbaumöbelprogramm.
Frankfurter Küche von Margarete Schütte-Lihotzky
Klappwand von ID Modus
Stuhlhockerbank von Yvonne Fehling und Jennie Peiz, Foto: Philip Radowitz
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