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Auf Entdeckungstour: Der Schweizer Designer Alfredo Häberli auf der Domotex, in der Hand hält er einen Linoleum-Belag mit Kakaobohnen, der als Innovation@DOMOTEX ausgezeichnet wurde.
Foto: Adam Drobiec © Stylepark
Auf Entdeckungstour: Der Schweizer Designer Alfredo Häberli auf der Domotex, in der Hand hält er einen Linoleum-Belag mit Kakaobohnen, der als Innovation@DOMOTEX ausgezeichnet wurde.

Von Innovationen überrascht

Alfredo Häberli, Special Guest der Domotex 2017, hat gemeinsam mit Robert Volhard von Stylepark und Thomas Edelmann ausgewählte Messestände sowie das Nachwuchsforum „Young Designer Trendtable“ besucht.
von Thomas Edelmann | 09.02.2017

Mit seiner Keynote Speech „Future Living: Housing – now what?“ stellte Alfredo Häberli als Special Guest der Domotex Bezüge zur eigenen Entwurfsarbeit her: Von Böden, die er etwa für das 25Hours-Hotel Zürich entwarf und damit eine großzügige Raumwirkung schuf, über Projekte der Shop-Gestaltung für Camper oder der Einrichtung des Rockefeller Dining Rooms von Fritz Glarner, die Häberli 2016 für das Zürcher „Haus Konstruktiv“ kreierte. „Ich habe beide Füße auf dem Boden“, sagte der Designer während seines Vortrags. 

Er plädiert denn auch für eine Gestaltung, die Besonderheiten von Nah- und Fernwirkung stärker beachtet und nach einer Balance von gestalterischem Ausdruck und Neutralität strebt, um Nutzer nicht in visuellen Dauerstress zu versetzen. „Viele Entwürfe für den Boden“, so Häberli, „funktionieren auf dem Computerbildschirm, aber nicht im Originalmaßstab.“

Während seiner Teilnahme an der Panel Diskussion mit Martin Haller vom Büro Caramel aus Wien (moderiert von René Spitz) sowie einigen Guided Tours vermittelte er, stets mit einer Prise Selbstironie, einem interessierten Fachpublikum persönliche Einsichten zum Thema Bodengestaltung. Anschließend ließ sich Häberli ausgewählte Produkte demonstrieren. Der Weg führte zunächst zu Herstellern von Teppichböden und flexiblen Bodenbelägen.

Hatten viel Gesprächsstoff: Thomas Edelmann, Robert Volhard und Alfredo Häberli gingen gemeinsam über die Domotex.
Foto: Adam Drobiec © Stylepark
Hatten viel Gesprächsstoff: Thomas Edelmann, Robert Volhard und Alfredo Häberli gingen gemeinsam über die Domotex.

Aus Präzision und klugen Konzepten resultiert mitunter eine neue gestalterische Qualität. Alfredo Häberli: „Beim Dessin der Teppichfliesen ‚Stony Beach’ der dänischen Firma Fletco ist es ganz gleich, wie man sie auslegt. Da sie rapportfrei sind, entsteht in jedem Fall ein durchgängiges Muster. Das ist clever. Noch raffinierter sind die ‚ZigZag Tiles’. Da sieht man kaum, wo der Teppich aneinander stößt.“ Ulrich Marsk, von Fletco sagte dazu: „Das ist unser Highlight. ‚ZigZag Tiles’ sind ein klassisches Flachgewebe, das wir auf Funktionsböden einsetzen; ein harter, flexibler Bodenbelag. Bei ‚Stony Beach’ trägt eine besondere Tuftingtechnik, die Schlingen kolorieren kann, zu diesem Effekt bei. Mit minimalistischen Oberflächen sind wir sehr erfolgreich. Die Fliesen haben eine kaum messbare Schrumpfung, wodurch ihre Kanten unsichtbar bleiben.“

Raffiniert und präzise: Die „ZigZag Tiles“-Teppichfliesen vom dänischen Anbieter Fletco faszinierten Alfredo Häberli.
Foto: Adam Drobiec © Stylepark
Raffiniert und präzise: Die „ZigZag Tiles“-Teppichfliesen vom dänischen Anbieter Fletco faszinierten Alfredo Häberli.

Welche Bedeutung haben Natur- und Kunststoffe bei den Bodenmaterialien? Alfredo Häberli: „Mit Linoleum hat man schon zu Zeiten der frühen Moderne Oberflächen von Möbeln belegt. Ich habe es immer wieder eingesetzt, es ist ein Naturprodukt.“
Robert Volhard: „In diesem Linoleum-Boden sind Schalen von Kakaobohnen eingearbeitet. Wie wirkt sich das aus?“ 


Carsten Fähmel, Forbo Flooring: „Die gemahlene Kakao-Schale wird als fünfte natürliche Zutat in den sogenannten Linoleumzement eingearbeitet. Anschließend wird die Oberfläche vergütet. Daraus resultiert ein Designeffekt mit einer bestimmten Haptik. Neue Impulse sind wichtig, da der Markt für dieses natürliche Material leider schrumpft.“ 


Willem Burmanje, Forbo Flooring: „Für Bereiche, in denen Linoleum heute nicht mehr verwendet wird, etwa im Gesundheitssektor oder der Pflege, haben wir einen homogenen PVC-Boden entwickelt, die Produktion erfolgt ohne Abfall- oder Reststoffe. Die Kollektion ‚Energetic’ etwa braucht nicht verschweißt zu werden und kommt ohne problematische Weichmacher aus. Ein weiterer Vorteil ist, dass das Material dimensionsstabil ist, sich also weder ausdehnt noch zusammenzieht.“

Auf dem Boden wird‘s bunt: Willem Burmanje von Forbo Flooring zeigte der Runde die Farboptionen für einen Linoleum-Belag.
Foto: Adam Drobiec © Stylepark
Auf dem Boden wird‘s bunt: Willem Burmanje von Forbo Flooring zeigte der Runde die Farboptionen für einen Linoleum-Belag.

Welche Rolle spielen Recycling-Materialien bei der Entstehung neuer Produkte? Robert Volhard: „Das Garn dieses Teppichbodens, der ’Metal-X-Collection‘ von Tapibel, besteht aus recycelten Fischernetzen und anderen Nylon-Stoffen.“ Alfredo Häberli: „Für mich ist das ein Beispiel eines gelungenen changierenden Effekts, der beispielsweise in einem Korridor eine interessante Wirkung entfalten kann.“ Philippe Renard, Tapibel: „Wir arbeiten seit langem mit Econyl-Garn. Es ist an der Zeit, grüne Produkte auf den Markt zu bringen. Das Produkt bietet alle erdenklichen Vorzüge, wie etwa antistatische Wirkung. Bei ‚Metal-X’ gibt es eine limitierte Farbpalette. Die silbergrauen Töne gefallen mir sehr, die Gold- und Bronzetöne empfinde ich als etwas zu hell. Doch ich bin nur der Eigentümer, mein Sohn ist fürs aktive Geschäft zuständig.“

Changierender Effekt: Der Teppichboden „Metal-X-Collection“ von Tapibel wird aus Garnen aus recyceltem Nyon hergestellt.
Foto: Adam Drobiec © Stylepark
Changierender Effekt: Der Teppichboden „Metal-X-Collection“ von Tapibel wird aus Garnen aus recyceltem Nyon hergestellt.

Präzision spielt auch bei einer neuartigen Fußbodenheizung die zentrale Rolle, hier geht es um die Einhaltung bestimmter Temperaturvorgaben. Dirk Held, Lofec: „Mit unserer elektrischen Flächenheizung können wir jeden Bodenbelag erwärmen, da wir die Oberflächentemperatur auf exakt 27 Grad begrenzen.“ Elektrische Fußbodenheizungen ließen sich bislang nicht genau genug regeln, um die Maximaltemperatur einzuhalten, die je nach Material unterschiedlich ist. Jürgen Schneider, Lofec: „Egal, was der Hersteller vorschreibt: Wir halten die vorgegebene Temperatur genau ein. Mit laminierten Bahnen können wir auf Basis von Niederspannung Böden, Wände oder Decke temperieren. Wir haben eine Aufbauhöhe von 0,5 Millimeter, das ist ideal für Sanierung im Bestand.“ Alfredo Häberli: „Wie breit sind diese Bahnen?“ Schneider: „Die Standardbreite ist 60 Zentimeter, die schmale Variante hat 17 Zentimeter. Man verlegt sie mit einem Zentimeter Abstand.“ Häberli: „Kann ich das direkt in die Steckdose einstecken und unter den Teppich legen?“ Schneider: „Wir bringen die Wärme dahin, wo Sie es wollen. Aber es ist keine Yogamatte. Die Bahnen sind fest installiert und benötigen ein Regelsystem, das per Funk oder Kabel gesteuert wird.“

Reversible Verlegetechnik: Beim „Clip up System“ von Parchettificio Garbelotto werden die Parkett-Planken auf Metallschienen fixiert.
Foto: Adam Drobiec © Stylepark
Reversible Verlegetechnik: Beim „Clip up System“ von Parchettificio Garbelotto werden die Parkett-Planken auf Metallschienen fixiert.

Wer Parkett nicht dauerhaft verkleben möchte, braucht ausgefeilte neue Methoden. Das „Clip up System“ von Parchettificio Garbelotto ist eine reversible Verlegetechnik, wobei untergelegte Metallschienen die Parkettplanken fixieren. Alfredo Häberli: „Man muss immer wissen, wo die Ansatzpunkte sind. Wenn man Parkett nicht verkleben muss, könnte das sicher ein Vorteil sein. Etwa, wenn man als Mieter eine Wohnung oder einen Laden nur für begrenzte Zeit nutzt und die Räume mit dem eigenen Parkettboden ausstatten möchte, den man später wieder mitnimmt.“

Verwenden Verschnittreste: Die peruanische Firma Maderacre präsentierte auf der Domotex die Outdoor-Planken „Munay Deck“.
Foto: Adam Drobiec © Stylepark
Verwenden Verschnittreste: Die peruanische Firma Maderacre präsentierte auf der Domotex die Outdoor-Planken „Munay Deck“.

Gibt es nachhaltiges Wirtschaften inklusive Nutzung von Produktionsresten auch bei Tropenhölzern? Maderacre ist eine peruanische Marke. „Munay Deck“ sind Planken für Outdoornutzung, die aus schmalen Leisten verleimt sind. Selbst dieses Ausgangsmaterial ist FSC-zertifiziert. Dazu Jose Canchaya von Maderacre: „Bei der Herstellung unserer Planken fällt Verschnitt an, der bislang nicht zu verwerten war. Wir erhalten den Amazonas-Wald und kontrollieren die gesamte Herstellungskette, die daher zertifiziert ist. Jetzt können wir die Reste unserer Produktion sinnvoll nutzen und die lokale Entwicklung stärken. Deutschland, Belgien, die Niederlande und andere europäische Länder sind unsere wichtigsten Abnehmer.“ Alfredo Häberlis Kommentar: „Ich finde es gut, dass hier in einem kleineren südamerikanischen Land ein Nischenprodukt entwickelt wird, wobei offenbar auch auf Zertifizierungen Wert gelegt wird.“

Für Naturliebhaber: Li&Co stellen Platten aus gepresstem Heu her.
Foto: Adam Drobiec © Stylepark
Für Naturliebhaber: Li&Co stellen Platten aus gepresstem Heu her.

Was passiert, wenn Heu von der Alm mit industriell gefertigtem Plattenmaterial verschmilzt? Alfredo Häberli: „Wir hätten gern etwas über ihr Produkt erfahren…“  Edwin Lingg, Li&Co: „Das ist ein Boden für den, der etwas Besonderes will. ‚Lico Pur’ ist ein Heuboden. Der Oberbelag besteht aus Tiroler Bergheu, das mit natürlichem Bindemittel auf eine wasserfeste, mineralische Trägerplatte aufgebracht und mit einem reaktivem Polyurethan beschichtet ist, womit wir beste Werte für den Abrieb erreichen. Produzieren kann man das auch mit allen erdenklichen Kräutern, Blumen oder Samen. Einige Monate hält sogar der Duft an.“ Häberli: „Wo wird das eingesetzt?“ Ling: „In außergewöhnlichen Wohnungen und Projekten, etwa einem Haus in Japan, einer Villa in Florida, im Wellnessbereich oder auch im Schlafzimmer. Der Endkunde wird ca. 150 Euro pro Quadratmeter bezahlen.“

Wie in der Diskothek: Die Fugen des vom Jungdesigner Klaas Kuiken im Rahmen des "Young Designer Trendtable“ entwickelten „Living Materials“-Bodenbelag leuchten.
Foto: Adam Drobiec © Stylepark
Wie in der Diskothek: Die Fugen des vom Jungdesigner Klaas Kuiken im Rahmen des "Young Designer Trendtable“ entwickelten „Living Materials“-Bodenbelag leuchten.

Alfredo Häberli steuert auf die „Living Materials“ des jungen Designers Klaas Kuiken aus den Niederlanden zu: „Der Boden wird bewegt. Von wo kommt das Licht? Das ist wie in der Diskothek. Sehr interessant, man hinterlässt Spuren, die wieder verschwinden. Die Form der Platten finde ich sehr interessant. So etwas gibt es sicher im Orient, das ist sehr schön. Robert Volhard: „Wir haben das Projekt mit Stylepark begleitet und die Designer, allesamt in ihrem ersten bis drittem Jahr nach Studiogründung ausgewählt. Es startete mit einem Workshop mit Stefan Diez in München, der als Mentor in das Thema eingeführt hat. Jeder der beteiligten Designerinnen und Designer hat sich auf das Thema eingelassen.“ Alfredo Häberli: „Das ist wichtig für eine Messe, dass man nicht nur Aussteller mit ihren Produkten einlädt, sondern auch aktiv Research betreibt.“

Nach japanischem Vorbild: Die Planken der neuen „Shou Sugi Ban“-Kollektion von Havwoods werden zunächst abgeflämmt, danach abgebürstet und dann versiegelt.
Foto: Adam Drobiec © Stylepark
Nach japanischem Vorbild: Die Planken der neuen „Shou Sugi Ban“-Kollektion von Havwoods werden zunächst abgeflämmt, danach abgebürstet und dann versiegelt.

Traditionelle Techniken treffen auf neue Designideen. Robert Volhard: „Können Sie uns den Effekt dieses Materials erklären?“ Susanne Pertl, Havwoods: „Die neue Kollektion ‚Shou Sugi Ban’ wird nach einem traditionellen japanischen Verfahren der Holzbearbeitung hergestellt. Zunächst wird die Oberfläche abgeflämmt und danach abgebürstet, wobei die weichen Faserbestandteile verschwinden. Dann wird es mit einer speziellen wasserlöslichen Lasur versiegelt. Die Oberfläche ist also nicht vollständig geschlossen. Dadurch entsteht der charakteristische Farbschimmer. Die Carbonisierung macht das Holz widerstandsfähig.“

Eine eigene Welt auf ausgedehnten Flächen der Domotex bilden die Teppiche. Hossein Rezvani: „Ich bin der einzige in diesen Hallen, der traditionelle Perser im modernen Design herausbringt. Anlässlich von acht Jahren auf der Domotex haben wir eine limitierte Sonderauflage mit zehn Designs aufgelegt. Teppiche aus Indien oder Nepal haben in der Regel 200.000 bis 300.000 Knoten pro Quadratmeter. Wir beginnen bei 400.000 Knoten. Unsere feinsten Teppiche haben 1.000.000 Knoten pro Quadratmeter. Weltweit sind wir die einzigen, die mit modernem Design eine solche Qualität anbieten. Ein solches Stück hat insgesamt sechs Millionen von Hand geknüpfte Knoten. Da sitzen zwei Personen sieben Monate dran. Anfangs war es schwer, unser Konzept umzusetzen, weil kaum jemand bereit war, die traditionellen Formen zu brechen, zu abstrahieren und zu verändern. Trotz der Veränderung finde es schön, wenn man noch erkennt, wo der Teppich herkommt.“

Handarbeit en detail: Nicht weniger als eine Million Knoten pro Quadratmeter haben die Teppiche von Hossein Rezvani.
Foto: Adam Drobiec © Stylepark
Handarbeit en detail: Nicht weniger als eine Million Knoten pro Quadratmeter haben die Teppiche von Hossein Rezvani.

Abschließend zieht Alfredo Häberli sein Resümee:„Einige der innovativen Produkte, die ich auf der Messe entdecken konnte, haben mich sehr überrascht“, sagt der Designer. „Mich interessiert die Spannbreite, auf die man hier trifft. Sie reicht vom handwerklichen Unikat bis zum industriell gefertigten Produkt. Beide besitzen eine ganz eigene Präzision. Erfahrungswissen trifft auf eine Begeisterung für Neues. Genau in diesem Bereich arbeite ich. Insbesondere Formate wie das kuratierte Nachwuchsforum ,Young Designer Trendtable’, eröffnen neue Perspektiven.“

Selfie-Man: Alfredo Häberli hatte sichtlich Spaß auf der Domotex.
Foto: Adam Drobiec © Stylepark
Selfie-Man: Alfredo Häberli hatte sichtlich Spaß auf der Domotex.

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