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Als wir die Baustelle von Jean Nouvels neuer Philharmonie in Paris besuchen, erscheint es kaum vorstellbar, dass hier in wenigen Tagen das Eröffnungskonzert erklingen soll. Es fiept und brummt und quietscht zwar in allen Ecken, aber nicht Musiker geben den Ton an, sondern eine Masse an Bauarbeitern mit ihrer Gerätschaft. Die Fassade des Baus glitzert müde im Licht – sie ist noch nicht ganz vollendet und wirkt doch schon überholt. Montagekräne versperren die beiden zentralen Zugänge, schieben sich wie Rampen in den Parc de la Villette und vervollständigen den Eindruck, hier sei ein Raumschiff abgestürzt. Die grauen Massen der Stararchitektur türmen sich über mehrere Geschosse, knicken hier ab, bäumen sich an anderer Stelle auf und umschließen dann doch irgendwie das gläserne Foyer. Ein anderer Teil des zerschmolzenen Raumschiffes reicht bis zum Parkgelände herab, möchte Teil der Umgebung werden und am Haupteingang wird eine große Treppe sehr bald beliebt bei Skateboardern und Parcour-Artisten sein. Es ist ein wirrer Wille zu einer – irgendeiner – Form, der hier auf einer Wiese im Park explodiert ist. Mit den schicken Visualisierungen hat der Bau nicht mehr allzu viel gemein.

O sole mio: Der Konzertsaal

Wir werden durch den Künstlereingang in den Bau geführt. Statt großem Foyer, gibt es also erst einmal Bürotristesse – und zwar mit Fluren, die vom Boden bis zur Decke in Schwarz oder Rot gehalten sind – bis wir endlich das Herzstück des Baus erreichen: Den Konzertsaal.

Auch hier wird noch eifrig gearbeitet. Die Ränge sind nur teilweise verkleidet, viele Akustikelemente an den Wänden fehlen noch, ebenso wie die Akustiksegel an der Decke. Trotz der Baustellenatmosphäre ist der Saal beeindruckend und hilft, die missglückte Architektur der Philharmonie zu vergessen. Nach dem Vorbild von Hans Scharouns Berliner Philharmonie hat Nouvel die Bühne ins Zentrum des Saals gerückt, die rund 2400 Sitzplätze sind um die Bühne herum angeordnet und steigen terrassenartig an. Auch vom höchsten Rang aus fühlt man sich noch angenehm nah am Geschehen, denn anders als in der Berliner Philharmonie, steigen die Ränge in Paris steiler an, was den neuen Saal sehr kompakt und deutlich dynamischer erscheinen lässt.

Die einzelnen Ränge kragen in den Saal aus, sind nur zum Teil mit den Wänden verbunden. Dadurch fließen die Klänge um die Ränge herum und werden von den Saalwänden reflektiert, sodass sich auch auf den weiter entfernten Rängen eine Mischung aus direktem und reflektiertem Schall ergibt. So in der Theorie. Beurteilen kann man es nicht, schließlich stehen wir noch immer auf einer Baustelle. Davon abgesehen, wie erfahrene Dirigenten äußerten, muss ein Saal, ähnlich wie ein Instrument, allmählich eingespielt und angepasst werden – ein seriöses Urteil über die Qualität des neuen Saals wäre erst nach einer Saison möglich. Man solle also die Erwartungen fürs Eröffnungskonzert nicht zu hoch schrauben. Hauptsache, er kann wie geplant eröffnet werden, erklärt der Direktor der Cité de la Musique, Laurent Bayle.

Kostenkiller in persona

Der Bau war kein leichtes Unterfangen: Finanziell, politisch und architektonisch. An allen Fronten ist es zu Zerwürfnissen gekommen. Und so weigert sich der Architekt zur Eröffnung zu erscheinen, schließlich sei das Gebäude noch nicht fertig. Und auch sonst fühlt sich Nouvel von allen Seiten unverstanden. Nachdem die Kosten explodierten, wurde ihm ein „Kostenkiller“ – so lautete die Berufsbezeichnung der Person tatsächlich – auf den Hals gehetzt. Dabei gehöre es doch fast zum guten Ton, dass sich solche Stararchitekturen preislich mindestens verdoppelten, wenn nicht verdreifachten. Aber in Zeiten der Krise kann man das dem Steuerzahler schlecht erklären und so gehen sozialistische Präsidenten, Premier- und Kulturminister sowie der Bürgermeister von Paris auf vorsichtige Distanz zu dem kostspieligen Vorhaben. Zumal in Frankreich das Engagement für klassische Musik den Ruf des Elitären genießt und man Verstimmungen beim finanzkräftigen Wähler vermeiden möchte.

Guter Ansatz, Thema verfehlt

Dabei hatten alle Beteiligten des Projektes gute Absichten. Und einige davon sind glücklicherweise übrig geblieben. So entschied man sich für die Lage im sozial abgehängten Pariser Norden, damit der Konzertsaal auch für die Bewohner der ärmeren Vorstädte erreichbar ist. Jean Nouvel dachte beim Entwurf an einen Ballungsraum mit 13 Millionen Einwohnern und schichtet deswegen die Form der Philharmonie zu einem weithin sichtbaren Wahrzeichen. Ein Riegel quer über das gesamte Gebäude soll Autofahrer auf dem „Boulevard périphérique“, der stark befahrenen Stadtautobahn rings um das Zentrum von Paris, auf das Gebäude aufmerksam machen und mit Leuchtschriften über das Programm informieren. Der Intendant möchte mit Live-Übertragungen der Proben und Konzerte im öffentlichen Vorbereich des Gebäudes eine erste Neugier zur Musik wecken. Und auch die Karten sollen nicht mehr als Kinokarten kosten. Man wird der Philharmonie sogar auf das Dach steigen können: Ein schmaler Pfad führt hinauf zu einer Aussichtsplattform mit einem Blick über Paris und seine Vorstädte. Aber das alles ist durch Kostenkiller, die Zahlen, statt räumliche Qualität sehen, und dem Formwillen des Architekten in den Hintergrund getreten. Jetzt hängt es an dem Intendanten, den Ort mit Leben zu füllen und ein breites, jüngeres Publikum anzulocken – aber das wäre sowieso seine Aufgabe gewesen, ganz gleich wer den Bau entworfen hätte. Und deswegen wird nicht nur klassische Musik gespielt werden, sondern auch Pop und Jazz im neuem Saal erklingen, eine David Bowie Ausstellung gezeigt und sich vor allem der Jugendarbeit gewidmet.

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Von verborgenen Helfern: Konzerthaus des dänischen Rundfunks von Jean Nouvel in Kopenhagen.

In guter Gesellschaft: Zwischen Tschumi und de Portzamparc quetscht sich nun der Nouvel in den Parc de la Villette. Foto © Guy Montagu-Pollock
Fitzcarraldo in Paris
von Ralf Wollheim
19.01.2015
Nouvel romantisch: Man kann dem Bau aufs Dach steigen und den Ausblick auf die Randgebiete von Paris geniessen. Foto © Ralf Wollheim
Der Zick-Zack-Weg nach oben erinnert an einen Bergpfad. Foto © Ralf Wollheim
Eine lange Treppe führt in den Bauch des Raumschiffes. Foto © Guy Montagu-Pollock
Ein Funken Venturi: Der Bau als Reklametafel neben der Autobahn. Bild © Atelier Jean Nouvel
Wenige Tage vor dem Eröffnungskonzert ist der Bau noch nicht fertig. Immer Sommer sollen dann die Bauarbeiten – endlich – vollständig abgeschlossen sein. Foto © Ralf Wollheim
Blick in den "Himmel" des Konzertsaals. Foto © Julien Mignot
Akustikwand im Probesaal. Foto © Julien Mignot
Nouvel arbeitete für das Projekt mit dem Akustiker Sir Harold Marshall zusammen.
Foto © Julien Mignot
Der Konzertsaal ist wenige Tage vor der Eröffnung noch nicht fertig. Foto © Julien Mignot
Auch die Akustiksegel waren noch nicht alle angebracht. Foto © Julien Mignot
Ein Konzertsaal ist wie ein Instrument: Bis er letztlich eingespielt ist, werden viele Einstellungen noch verändert um den Klang zu verbessern. Foto © Julien Mignot
Die Probesäle sind in einem hellen Holz gehalten. Foto © Julien Mignot
Eigentlich verspricht die Architektur einen beeindruckendes Foyer. Aber das ist eher bescheiden gehalten. Foto Ralf Wollheim
Detail der Fassade. Foto © Ralf Wollheim
Letzte Arbeiten in einem der Probesäle. Foto © Julien Mignot
Die aufwendige Fassade ist ein großes Puzzle aus unterschiedlichen Grautönen.
Foto © Guy Montagu-Pollock
Es ist eine gute Idee von Nouvel, das Dach der Philharmonie zu einem öffentlich Ort zu machen. So wird es zu einem Teil der Parklandschaft. Foto © Ralf Wollheim

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