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Foto: Uwe Dettmar © Dom Römer GmbH

Lesehilfe

Kaum ein städtebauliches Projekt der letzten Jahre hat in Frankfurt am Main eine ähnlich emotionale Debatte ausgelöst wie die Teilrekonstruktion der im Krieg völlig zerstörten historischen Altstadt. Ein Kommentar zur Fertigstellung.
von Fabian Peters | 17.05.2018

Da ist es nun also, Frankfurts neues kleines Stadtquartier: autofrei, ein Mix aus kleinem Einzelhandel, Wohnen und Kulturnutzung und mit direktem Anschluss an den öffentlichen Nahverkehr. Es sind mehrere neue öffentliche Platzräume mit hoher Aufenthaltsqualität entstanden und die verbauten Materialien wirken durch die Bank weg sehr hochwertig. Das Projekt hat vieles auf der Habenseite zu verbuchen, was bei vielen anderen innerstädtischen Entwicklungsprojekten fehlt. Und dennoch polarisiert es nicht nur die Bewohner der Stadt, sondern auch große Teile des Feuilletons. Zu den Vorwürfen der Geschichtsklitterung und "Disneylandisierung" kamen zuletzt auch Stimmen, die einige der Initiatoren des Projektes im politisch rechten Spektrum verorteten und mahnten, dass viele Rekonstruktionsinitiativen als Sammelbecken nationalistischer und ultrakonservativer Kräfte dienten. Dass isolierte Randgruppen allerdings in der Lage sein sollten, Mehrheiten für solche Bauvorhaben zu finden, darf bezweifelt werden. Eher diskreditieren sie diese. Die Teilrekonstruktion der Frankfurter Altstadt wurde von einer breiten bürgerschaftlichen und politischen Mehrheit getragen. Andrang und Besucherreaktionen der ersten Tage sprechen die gleiche Sprache. Man kann sich bei einigen der kritischen Beiträge nicht von dem Verdacht freimachen, dass hier alte Fronten wiedererneut eröffnet werden sollen - vielleicht gerade wegen des zu erwartenden Erfolges der "neuen Altstadt": gute moderne Architektur links, böser Historismus rechts.

Dabei prägt das Modell des Lebens und Arbeitens in durchmischten, autofreien Quartieren seit den 1970er Jahren die Vorstellungen von gutem Städtebau. Für eine solche Lebensform in den alten Gründerzeitquartieren haben auch die Initiativen und Hausbesetzter im Frankfurter Westend und anderswo gekämpft: Gegen die Niederlegungspolitik, die die Vorstellungen der CIAM-Moderne vom räumlich getrennten Arbeiten und Wohnen verwirklichen wollte. Gegen das Ideal von der autogerechten Stadt und dem Häuschen im Taunus. Natürlich ist das Argument der Geschichtsklitterung nicht von der Hand zu weisen. Und natürlich können die neu errichteten Bauten nur Chiffren für die Vorgängerbauten sein. Sie sind Stellvertreter. Aber können Sie nicht zum allergrößten Teil das leisten, was die Originalbebauung geboten hätte? Wir reden hier nicht von Funktionalitäten (in denen die Neubauten ihren Vorgängern gewiss überlegen sind). Wir reden von ihrem Informationsgehalt, von der Lesbarkeit der Stadt. Der Charakter der in Jahrhunderten gewachsenen Bebauung einer der bedeutendsten Metropolen des Heiligen Römischen Reiches ist wieder erkennbar. Die zentrale Durchwegung der mittelalterlichen Stadt, der historische Krönungsweg zwischen Rathaus und dem sogenannten Kaiserdom St. Bartholomäus ist zurückgewonnen. Mit dem Hühnermarkt hat Frankfurt zudem einen intimen Platzraum zurückgewonnen, der einen Gegenpol zum Anger-Charakter des Römerberges bildet.  

Auch wenn die Stellvertreterbauten des historischen Bestandes brandneu sind: Sie werden die Wahrnehmbarkeit, die Erlebbarkeit der historischen Stadt immens befördern. Nicht unwahrscheinlich ist auch, dass sie zu einem Standortvorteil werden. Paradebeispiel für die Anziehungskraft einer großmaßstäblich wiederhergestellten Altstadt ist Münster, wo nach verheerenden Weltkriegszerstörungen die Eigentümer und Kaufleute eine teils genaue, teils freie Rekonstruktion des Prinzipalmarktes und angrenzender Areale durchsetzten – auch damals unter dem Protest und Spott progressiver Kräfte, denen das Münsteraner Modell als Beispiel für Geschichtsvergessenheit und Provinzialität galt. Längst hat es sich dagegen als Glücksfall für die Stadt erwiesen. In nur wenigen ähnlich zerstörten Kommunen dürfte der Bürgerstolz ähnlich ausgeprägt sein. Wegen des attraktiven Stadtbildes zieht Münster zudem zahlreiche Einkaufstouristen aus dem Ruhrgebiet an, wo die Innenstädte weit pragmatischer wiederaufgebaut wurden.

Natürlich darf der absehbare Erfolg der "neuen Altstadt" kein Freibrief für Investorenprojekte sein, die schlechte Architektur mit kitschigen historisierenden Fassaden aufmotzen wollen. Was bei der berechtigten Freude über die zurückgewonnene Altstadt vor allem nicht vergessen werden darf: Der Schutz der gerade in Frankfurt oftmals hochqualitätvollen Nachkriegsarchitektur verdient besonderes Augenmerk und die gleichen Anstrengungen wie das Rekonstruktionsprojekt. Deshalb sind Initiativen wie die "SOS Brutalism"-Ausstellung des Deutschen Architekturmuseums höchst wichtig. Zudem muss darauf geachtet werden, dass der zunehmend gefährdete Bestand an postmoderner Architektur, die in Frankfurt mit hervorragenden Beispielen vertreten ist, weitgehend erhalten bleibt. Erste Abgänge sind auch hier bereits zu beklagen. Vielleicht kann die "neue Altstadt" auch zu der Erkenntnis beitragen, wie schmerzvoll und einschneidend Verluste am kulturellen Erbe einer Stadt sein können.