Brutalistische Ikone
Mit einer spektakulären ersten Auktion eröffnete das neue Global Headquarter von Sotheby’s Ende letzten Jahres in New York: Das Klimt-Gemälde "Bildnis Elisabeth Lederer" wurde für 235,4 Millionen Dollar versteigert – nach Leonardos "Salvator Mundi" ist es das teuerste je versteigerte Kunstwerk überhaupt. Bevor das großformatige Porträt unter den Hammer kam, war es in der neu eröffneten Sotheby’s Zentrale an der Upper Eastside in Manhattan ausgestellt. Bis zu einer Stunde Wartezeit nahmen die BesucherInnen in Kauf, um einen Blick auf Frau Lederer zu werfen. Das Warten in der Schlange lohnte sich jedoch doppelt: Neben dem Gemälde, das jetzt für unabsehbare Zeit in einer Privatsammlung verschwunden ist, war das neu eröffnete und renovierte Gebäude von Marcel Breuer aus den 1960er-Jahren die zweite Sensation. Die Architektur-Ikone in der Madison Avenue wurde von Herzog & de Meuron und den New Yorker Partnerarchitekten PBDW Architects behutsam saniert. Das Eckgebäude zur 75th Street ist das neue Zuhause des Auktionshauses Sotheby’s, das hier sein internationales Headquarter eingerichtet hat.
Granitskulptur im Straßenraum
Der markante fünfgeschossige Baukörper mit Fassaden aus Granit setzt ein skulpturales Zeichen im Stadtraum. Nur sieben trapezförmige abgewinkelte Fenster in unterschiedlicher Größe öffnen die geschlossenen Fassaden des massiven Volumens. Zur Madison Avenue, wo sich auch der Haupteingang befindet, kragen die Stockwerke nach oben zunehmend aus wie ein umgekehrter Tempelturm, ein Zikkurat. Marcel Breuer, Bauhaus-Schüler und später Leiter der Möbelwerkstatt der Avantgarde-Schule in Dessau, hatte die Vision, die "Vitalität der Straße in die Aufrichtigkeit und Tiefgründigkeit der Kunst" zu verwandeln. Genutzt wurde das einzigartige Baukunstwerk seit 1966 vom Whitney Museum of American Art sowie vom Metropolitan Museum und anderen Kunstinstitutionen. Dass es nach rund einjähriger Sanierungsphase weiterhin der Kunst gewidmet ist, ist eigentlich ein Glücksfall. Der denkmalgeschützte Bau hat heute rund 3300 Quadratmeter öffentliche Flächen in seinen Innen- und Außenbereichen. Die Architektur entspricht erstmals seit vielen Jahren weitgehend dem originalen Entwurf von Marcel Breuer.
Kontinuität und Transformation
Die sorgfältig geplante Sanierung des Landmarks versteht das Team von Herzog de Meuron als einen Rückbau zur Originalversion mit sensiblem Update. "Paradoxerweise bleibt unser architektonischer Beitrag zu diesem Gebäude fast unsichtbar, als ob Alles schon immer so gewesen wäre", bilanziert Jacques Herzog die Intervention seines Büros. "Die Schönheit und Klarheit von Breuers Originalentwurf strahlt – auch mit der neuen Nutzung – und macht ihre Relevanz für zukünftige Generationen deutlich." Eine überdachte Brücke an der Madison Avenue führt über den 4,5 Meter tieferliegenden Innenhof zum Haupteingang. Die Zitterpappeln im abgesenkten Außenraum strecken ihre Baumkronen bis hinauf zum Straßenniveau, sie zeigen den Passanten auf dem Bürgersteig den neuen öffentlichen Raum des Hofs an und machen neugierig.
Die zentrale Lobby im "The Breuer" öffnet sich mit großen Glasflächen zum Stadtraum. Breuers markante aufeinander abgestimmte Materialpalette blieb erhalten, einzelne Funktionen jedoch wurden behutsam ergänzt. Auf dem durchgängigen originalen Schieferböden stehen Einbauten, Vitrinen und Bänke in dunklem Mahagoni und Bronze. Die rauen Wände mit Oberflächen aus gehämmertem Beton wirken wie mineralischer Naturstein. Die markante Deckenbeleuchtung aus Glühbirnen in weißen kreisrunden Reflektoren wurde auf der Basis der Notizen von Marcel Breuer auf bespoke LEDs mit vergleichbarer Wirkung umgestellt. In den neuen Vitrinen sind zukünftige Ausstellungen angekündigt, die Rezeption und das Sicherheitsdesk sind mit großen LEDs ausgestattet, die Bänke hingegen sind Originale von Marcel Breuer. "Unser Ziel ist es, Breuers künstlerisches Vermächtnis sowie die Materialien und die historische Bedeutung seines Entwurfs zu stärken und sicherzustellen, dass das Gebäude als erstklassiger Ausstellungs- wie Auktionsort funktioniert“, resümiert Wim Walschap, Senior Partner bei Herzog & de Meuron und Projektleiter der Sanierung.
Von der Ausstellung zur Auktion
Um die Ausstellungsflächen um 27 Prozent zu erweitern, mussten frühere Büro- und Verwaltungsbereiche weichen. Die Galerien in den einzelnen Geschossen sind teils wieder geöffnet worden, ihre Flächen orientieren sich zu den ikonischen Fensteröffnungen, die Innen-und Außenraum verbinden. Die Infrastruktur ist flexibel nutzbar, die Räume können an kuratorische Anforderungen angepasst und zu gegebenen Anlässen für Events und Auktionen mit bis zu 220 Gästen genutzt werden. Im vierten Obergeschoss mit über fünf Meter hohen Decken öffnet sich ein zentrales Fenster über der Madison Avenue, und ein kleiner Bürobereich in der fünften Etage steht dem Sotheby’s Team für den Alltag im "The Breuer" zur Verfügung. Neben der Beleuchtung und der Klimatechnik, die im gesamten Gebäude erneuert wurde, ist auch ein notwendiges Sicherheitssystem eingebaut worden. Der neue Service-Aufzug ist auf der Grundfläche des Originalentwurfs untergebracht und wird in Zukunft dafür sorgen, dass Ausstellungen schneller auf- und abgebaut werden können.
Architektur als Haltung
Ende gut, alles gut? frage ich mich man am Ende des Rundgangs. Ein bisschen Wehmut gehört einerseits schon dazu, denn als das Whitney Museum noch im Breuer residierte, kam es zu dieser einzigartigen Symbiose aus zeitgenössischer Kunst mit Breuers brutalistischer Architektur. Und andererseits zeigt sich nach der gelungenen Sanierung ein Gebäude, das soviel Breuer wie noch nie war. Architektur sei kein Stil, sondern eine Haltung, heißt ein berühmtes Bonmot des ungarisch-amerikanischen Architekten. In der Madison Avenue 945 zeigt sich, was Breuer damit meint.







