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Kissen, viele Kissen: für die Schweden eine absolute Selbstverständlichkeit. Foto © Martina Metzner, Stylepark
Hinter schwedischen Gardinen
von Martina Metzner
24.12.2014

„Ein Schwede hört fast auf, ein Schwede zu sein, nachdem es ihm gelungen ist, ein feiner Herr zu werden. (...) Deshalb, Schwede, rette dich, solange es noch Zeit ist, werde wieder einfach und würdig, sei lieber ungeschlacht als elegant, kleide dich in Pelzen, Leder und Wolle, fertige dir Möbel an, die zu deinem schweren Körper passen, und verwende dazu kräftige Farben, ja, die sogenannten Bauernfarben, die notwendig sind als Gegensatz zu dem tiefgrünen Kiefernwald und zum glitzernden weißen Schnee, und bearbeite und bemale deine Möbel unbefangen und versieh sie mit Schnörkeln und Schnitzereien, die dir gefallen.“

Dieses Zitat stammt von dem schwedischen Künstler Carl Larsson (1853 bis 1919), der sich in seinen Gemälden mit der schwedischen Wohnkultur befasste und gemeinsam mit seiner Frau Karin „den Geschmack und das Familienleben“ reformieren wollte. Auch wenn er sich auf die schwedische Bauernkultur bezog, so trat er doch für eine moderne Lesart derselben ein – und veranschaulichte dies in seinem Bilder-Buch „Ett Hem“ („Unser Haus“). Wer heute an „Schweden“ und „Wohnen“ denkt, dem kommt sogleich Ikea in den Sinn: Ein Klischee von schwedischer Landlust und Gemütlichkeit. Doch wie ausgeprägt ist der Sinn fürs Wohnliche und Dekorative bei den Schweden heute? Eine Reise nach Stockholm gibt Antworten.

Vorweg: Den Schweden geht es gut. Ihre Binnenwirtschaft ist robust, ihre Handelsbilanz ist – dank einem starken Export – seit Jahren positiv, dem Fahrzeug- und Maschinenbau und Rohstoffen wie Holz und Erz. Aber auch der Außenhandel mit Alltagsgegenständen wie Möbel, Keramik und Textil trägt zur guten Wirtschaftslage bei. Ein kurzer Selbstcheck und man stellt fest: Die Hälfte der Kleider, die man trägt, sind schwedischer Herkunft – von den Möbeln zuhause ganz abgesehen.

Für die Skandinavier eine absolute Selbstverständlichkeit in Sachen Dekoration sind Kissen! Bei Svenskt Tenn, dem alt-eingesessenen Einrichtungshaus, der an der noblen Promenade Strandvägen direkt am Wasser liegt und der für gehobene schwedische Textilien steht, sind es große, bunt-gemusterte Kissen, die auf ausladenden Sofas platziert sind. Überraschend sind die Motive der Kissen, die mit Schweden so viel gemeinsam haben wie Rentiere mit der Savanne: „Hawaii“, „Brazil“ oder „Elefanten“, sind zu sehen. Motive, für die sich Gründerin Estrid Ericson von ihren Auslandsreisen Anfang des vergangenen Jahrhunderts inspirieren ließ und in die Heimat importierte. Schon seit 1924 propagierte Ericson und ihr Kompagnon, der Wiener Architekt Josef Frank, einen eklektizistischen Stil, in dem sie die Souvenirs mit traditionell-schwedischen Objekten kombinierten.

„Unsere Bauern und deren Frauen, die sich im Winter mit Schreinern und Spinnen beschäftigt haben, ließen nichts aus den Händen, ohne eine künstlerische oder persönliche Note darauf zu hinterlassen. Das gestrickte Tuch lag auf dem gescheuerten, stabilen, selbstgeschreinerten Tisch und roch nach Sauberkeit.“

Weniger kosmopolitisch, dafür sehr traditionell sind die textilen Kostbarkeiten, die man im Handarbetets Vänner (HV) findet. HV ist eine Textil-Fachschule, die 1874 von Frauen gegründet wurde, um wirtschaftlich unabhängig von den Männern zu werden – und nicht, wie man vermuten könnte, mit dem Ziel, eine besonders kompetente Hausfrau zu werden. Heute fertigt die Schule hochkomplizierte Tuche wie etwa Nationalflaggen oder Wandteppiche an, wie jenem im UN-Gebäude in New York City. In der gerade eröffneten Galerie an der Längsseite des alten Gebäudes treffe ich die Textilkünstlerinnen Katerina Brieditis und Katerina Evans von Re Rag Rug. Sie präsentieren blau-weiße, dick-geknotete Teppiche, deren Fäden aus Resten von T-Shirts gewonnen werden und somit ein gelungenes Beispiel der Wiederverwertung von Materialien darstellen. Die Teppiche lassen Brieditis und Evans in Indien herstellen, sie selbst sind ehemalige Schülerinnen der Schule.

Und auch in der Galerie des HV findet man sie wieder: Kissen. Sie stammen von Edna Martin, einer der ehemaligen Direktorinnen des HV, die die Kissenbezüge in den 1950er Jahren herstellte und Do-it-yourself-Sets mit Stickgarn und Stickanleitung zum Versand anbot. Der Unterschied zu heute ist augenfällig – und erschließt sich spätestens, als ich die junge Schwedin Karin Rapp treffe. Die Kissen von Martin sind klein, bestickt, die Farben schwach-bunt. Die Kissen von Rapp dagegen sind doppelt so groß und bereits mit Mustern versehen. Aufwendig bestickt werden sie nicht mehr, sondern bei einem Onlineanbieter bedruckt und versendet.

Neben den Kissen sind es viele andere Textilien wie Vorhänge, Decken und Teppiche, die das Heim der Schweden gemütlich machen sollen. Typisch für „Ett Hem“ sind auch Teppichläufer, die wir in Deutschland eher von unseren Großmüttern kennen – in Schweden gelten sie alles andere als altbacken. Die Jungdesignerinnen von Varg Designkollektiv bieten sie in grafischen Mustern an. Doch sind sie aus Plastik geknüpft. Ressourcenschonend soll das Heim ausgestattet sein; dieser Designansatz ist typisch für junge schwedische Designer.

„Männer, die von einem alten Kriegervolk abstammen, halten es für richtig, auf einem Daunenbett zu liegen und Kopfkissen und Laken mit Spitzen zu haben und in jeder Hinsicht sehr kokett zu sein.“

Vom Teppich aufs Bett: Der Schwede liebt es weich und will wie bei Frau Holle schlafen. Himmelbetten sind keine Seltenheit im traditionell schwedischen Haushalt, dicke Matratzen eine Nationalpflicht – Boxspring-Betten mit zwei aufeinander gelegten Matratzen sind auch eine Erfindung der Schweden. Vorzugsweise schläft man hier im Norden in Leinenbettwäsche. Leinen ist überhaupt ein beliebtes Tuch: So hat die Designer-Kooperative Note Design Leinen-Haushaltstücher für Växbo Lin vorgestellt, die durch zwei zusammengenähte Teile an einer Stelle offen sind, damit man sie dort aufhängen kann.

Es sind die naiven Bauernmuster, die einem immer wieder auf Porzellan und Textilien begegnen, vor allem solche, die aus der Region Dalarna stammen, nördlich von Stockholm gelegen. Dorthin fahren die Schweden gerne im Sommer wie im auch Winter, um Ferien zu machen, Feste zu feiern und um in etlichen Freilichtmuseen die Kultur ihrer Vorfahren näherzukommen. Von hier stammt auch das Dalahäst-Pferd, eines der beliebtesten Dekorations-Objekte im schwedischen Heim und unverzichtbares Touristensouvenir, typischerweise in Rot und mit Ornamenten verziert, das heutzutage auch in etlichen adaptierten, modernisierten Varianten – etwa in purem Weiß – erhältlich ist.

„All diese fröhlichen Bauernmuster, die man überall findet, sind für mich in den meisten Fällen bedeutendere Kunstwerke als die meisten Ölgemälde. (...) So ein tiefes, ernstes Gefühl, gepaart mit so einem drastischen, gesunden Humor. Und welch’ nationales Stilgefühl!“

Vieles, was Schweden an Keramik zu bieten hat, kommt fröhlich-verspielt daher. Die Tischkeramik von Kristina Stark hingegen ist klar und massiv. Stark, die an Schwedens berühmter Design-Akademie Konstfack in Stockholm und auch am Londoner Central Saint Martins College studiert und für Firmen wie Design House Stockholm gearbeitet hat, betreibt nun seit einigen Jahren ihr eigenes Label. Spontan verortet man ihre reduzierte Formensprache eher nach Dänemark, und daher stelle ich ihr bei unserem Treffen die – zugegeben sehr pauschale – Frage, was die Schweden von den Dänen in ihrer Geschmacksbildung unterscheide. „Dänen sind mehr Bohème, Schweden mehr bodenständig und einfach“, weiß die Designerin.

Als ich bei Monica Förster in ihrem Studio in Södermalm vorbeischaue, stoße ich erneut auf einen Typus Teller, von dem ich am Abend zuvor im neuen Restaurant des Spritmuseums hervorragende New Nordic-Küche genossen habe. Er ist mehr eine flache Schale als ein tiefer Teller. Försters Schalen sind Teil ihrer neuen, groß angelegten Kollektion für den schwedischen Tradition-Porzellananbieter Rörstrand, der mittlerweile zur finnischen Fiskars-Gruppe gehört und in etwa das für Schweden ist, was Rosenthal in Deutschland darstellt.

Was noch fehlt, auf dem Gang durchs schwedische Heim, ist das Licht. Es ist vor allem der weiche Schein von Kerzen, den die Schweden lieben. Gerne kommt der Kerzenschein mit einer feinen Note daher: Schweden sind weltweit die Nummer eins, was den Verbrauch von Duftkerzen angeht. Am liebsten ist den Schweden die Note Leinen, heißt es beim Hersteller Woodwick, der 100 Duftnoten vorrätig hält. Und damit es noch kuscheliger wird, gibt es Duftkerzen, die beim Abrennen knistern – so als säße man vor dem Kamin.

Eine ganz andere Lichtquelle bieten da die beiden jungen Designerinnen Siri Bahlenberg und Sofia Bergfeldt. Sie kombinieren künstliches Licht mit natürlichem Eis, indem sie den Leuchtkörper mit Wasser umschließen und ins Gefrierfach stellen. 10 Stunden hält die Leuchte, die natürlich zu schmelzen beginnt, sobald man sie in Betrieb nimmt.

„Wenn Du dieses Hauses Schwelle betrittst, bist Du bei glücklichen Menschen. Sonst ist nichts Merkwürdiges hier, außer der Hütte selbst.“

Ein Blick hinter schwedische Gardinen zeigt: Die Schweden, sie bleiben die Könige der Dekoration – mit ihren Dalahäst-Pferden, Duftkerzen und den vielen Kissen. Das schwedische Gemütlichkeitsgefühl und die Verwurzelung in der Bauernkultur mit einem ausgeprägten Bezug zur Natur macht das schwedische Geschmacksmuster aus, allerdings ohne zu sehr die Vergangenheit zu romantisieren oder dogmatisch zu bewahren. Das schwedische „Hem“ ist daher früher wie heute ein stimmiges Zusammenspiel unterschiedlichster Dekorationsobjekte – und dadurch ein Sehnsuchtsort von anderen.

www.clg.se
www.svenskttenn.se
www.hvskola.se
www.reragrug.blogspot.de
www.karinrapp.com
www.vargdesignkollektiv.se
www.vaxbolin.se
www.designkristinastark.se
www.monicaforster.se
www.rorstrand.se


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In seinen Illustrationen beschäftigte sich der schwedische Maler Carl Larsson (1853 bis 1919) mit der schwedischen Wohnkultur: „Lathörnan“, 1894. Foto © nationalmuseum.se
Schon Anfang des 20. Jahrhunderts propagierte die Svenskt Tenn-Gründerin Estrid Ericson einen eklektizistischen Stil. Foto © Martina Metzner, Stylepark
Willkommen im Handarbetets Vänner (HV), eine Textil-Fachschule, die 1874 von Frauen gegründet wurde, um wirtschaftlich unabhängig zu werden. Foto © Martina Metzner, Stylepark
Textile Schmuckstücke im Handarbetets Vänner (HV): Katerina Evans und Katerina Brieditis von Re Rag Rug präsentieren ihre Teppiche aus T-Shirt-Resten. Foto © Martina Metzner, Stylepark
Kissen von der ehemaligen HV-Direktorin Edna Martin, die in den 1950er Jahren Do-it-yourself-Sets mit Stickgarn und Stickanleitung anbot. Foto © Martina Metzner, Stylepark
Typisch für „Ett Hem“ sind Teppichläufer, hier aus Plastik von den Designerinnen von Varg Designkollektiv. Foto © Martina Metzner, Stylepark
Vorzugsweise schläft man in Schweden in Leinenbettwäsche. Foto © Martina Metzner, Stylepark
Und nochmals Leinen: Note Design haben jüngst Leinen-Haushaltstücher für Växbo Lin vorgestellt. Foto © Växbo Lin
Unverzichtbares Touristensouvenir: Das Dalahäst-Pferd aus der Region Dalarna gibt es heute auch "pur" – in Weiß. Foto © Martina Metzner, Stylepark
Schlicht und massiv – auch das ist Schweden: Tischkeramik von Designerin Kristina Stark.
Foto © Martina Metzner, Stylepark
Ein Blick ins schwedische Schlafzimmer von vor 100 Jahren: "Ett hem åt solsidan" von Carl Larsson. Photo © nationalmuseum.se
Gusseiserne Kerzenständer gehören in jedes schwedische Haus: hier von Note Design für Menu. Foto © Martina Metzner, Stylepark
Nordlicht, mal anders: Siri Bahlenberg und Sofia Bergfeldt kombinieren künstliches Licht mit natürlichem Eis. Foto © Martina Metzner, Stylepark
Zwischen flacher Schale und Teller: Monica Försters neue, große Kollektion für den schwedischen Tradition-Porzellananbieter Rörstrand. Foto © Rörstrand

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