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Wohnen am Wendepunkt

Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein präsentiert 20 epochemachende Einrichtungen des 20. und 21. Jahrhunderts.
von Fabian Peters | 10.02.2020

"Das Thema Einrichten wird heute meistens in Coffee Table Books abgehandelt", konstatiert Mateo Kries, Direktor des Vitra Design Museums. "Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Wohnungsinterieur der Gegenwart ist dagegen die absolute Ausnahme." Um diesem blinden Fleck in der Forschung zu korrigieren, hat Kurator Jochen Eisenbrand nun die Ausstellung "Home Stories" konzipiert, die sich mit der Geschichte des Einrichtens in den vergangenen 100 Jahren auseinandersetzt. Exemplarisch hat er 20 Einrichtungen ausgewählt, die die gewaltigen kulturellen und geschmacklichen Umbrüche, die sich in dieser Zeit vollzogen haben, nachzeichnen sollen.

Eisenbrand geht es in der Ausstellung, die bis zum 23. August 2020 im Vitra Design Museum in Weil am Rhein zu sehen ist, nicht darum, die Lebenswirklichkeiten weiter Bevölkerungskreise aufzuzeigen. Vielmehr will er Wendepunkte in der Geschichte der Innenraumgestaltung herausarbeiten. Momente, in denen, wie Eisenbrand glaubt, die Avantgarde feststellte, dass die Lebensweise der Menschen nicht mehr mit ihren Einrichtungsgewohnheiten im Einklang stand. Die 20 ausgewählten Interieurs, die die Ausstellung mit Einzelmöbeln, Fotos, Zeichnungen und Modellen dokumentiert, sind fast allesamt ikonische Projekte und vermitteln dem Besucher einen profunden Überblick über das Möbel- und Raumdesign des 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Kurator Eisenbrand hat sich dafür entschieden, die Einrichtungsbeispiele in chronologisch umgekehrter Reihenfolge zu präsentieren, also mit den neuesten zu beginnen, um dann bis ins frühe 20. Jahrhundert zurückzugehen. "Ich wollte nicht den Eindruck erwecken, dass die Geschichte auf einen Höhepunkt zustrebt, sondern vielmehr retrospektiv herausfinden, wo bestimmte Entwicklungen, die bis heute nachwirken, eingesetzt haben", begründet er die Entscheidung, mit seiner Ausstellung in der Gegenwart zu beginnen.

Die ausgewählten zeitgenössischen Projekte sind natürlich besonders spannend, weil die Ausstellungsmacher sich hier nicht am kunstgeschichtlichen Kanon orientieren konnten. Wo also die Akzente setzen, bei einer so vielgestaltigen Architektur- und Designlandschaft? Die Wahl ist auf drei Entwürfe gefallen, die wie die restliche Ausstellung die künstlerische Avantgarde in den Vordergrund rücken. Mit der Entscheidung für Arno Brandlhubers zwischen 2010 und 2015 entstandener "Antivilla", dem 2015 mit dem Turner-Preis ausgezeichnete "Granby Four Streets"-Projekt von Assemble und dem Microliving-Apartment "Yoyigen Poketto" des Büros Elii aus dem Jahr 2017 wird gleich ein ganzes Bündel von aktuellen Fragestellungen aufgeworfen: von der Umnutzung über Nachhaltigkeitsaspekte, von sozialer Teilhabe und Bürgerbeteiligung bis zu Wohnraumknappheit in Ballungsräumen. Deutlich wird allerdings bei diesen aktuellen Projekten, dass Architektur und Inneneinrichtung nur noch im Ausnahmefall eine Einheit darstellen. Die Möblierung ist bei allen drei Beispielen nur ein Randaspekt. Sie sehen die Architekten hauptsächlich als Aufgabe der Bewohner an.

Abschied vom Gesamtkunstwerk?

Sind Gesamtkunstwerke, wie Loos' Haus Müller in Prag oder Mies' Villa Tugendhat in Brünn, die am Anfang der Ausstellung stehen, heute noch vorstellbar? Und sind sie überhaupt noch ein Ideal, das Architekten oder Auftraggeber für erstrebenswert halten? Oder haben Markenkult und die sich atemlos abwechselnde Modetrends solche obsolet gemacht? Wie die Maßschneider der Sevile Row kann eine kleine Anzahl von Künstlerarchitekten wie John Pawson, Claudio Silvestrin oder Glenn Sestig von einer betuchten und qualitätsbewussten Kundschaft leben, für die sie klösterlich anmutende Villen schaffen, bei denen annähernd jedes Möbelstück speziell entworfen und angefertigt wird. Auch wenn viele Architekten mit solchen minimalistischen Interieurs liebäugeln und zumindest für den Fotografen ihre Bauten sparsamst mit möglichst filigranen und skulpturalen Möbeln bestücken – die Bewohner werden sich ihre geschmacklichen Anregungen wohl eher in den sozialen Medien und in den bereits erwähnten Coffee Table Books suchen. Und sie werden vermutlich Vieles in ihr neues Heim stellen, was sie bei jenem Unternehmen gekauft haben, auf das die "Home Stories" gleich zu Beginn blickt – Ikea. Dieser Bereich der Schau wirkt fast antithetisch zum Rest der Ausstellung, die ja eigentlich proklamiert, dass es stets die Architekten, Künstler und Designer sind und waren, die mit ihren Arbeiten dem Zeitgeist Gestalt und Richtung verliehen haben. Gibt es also doch mehrere Entwicklungsstränge in der Geschichte des Wohnens? Vielleicht sollte das Museum als ein nächstes Projekt das Paralleluniversum zur kanonischen Designgeschichte dokumentieren, dass in den Angebotspaletten der Kaufhäuser und Massenhersteller, den praktischen Einrichtungsratgeber und Frauenzeitschriften existiert. Das wäre dann auch der Lackmustest für die These, dass die Avantgarde der Geschichte des Wohnens im 20. Jahrhundert die entscheidenden Impulse verliehen hat. Denn manchmal ist die beste Quelle weder ein Coffee Table Book noch eine wissenschaftliche Abhandlung, sondern ein Verkaufsprospekt.

Home Stories. 100 Jahre, 20 visionäre Interieurs
Vitra Design Museum
Charles-Eames-Str. 2
79576 Weil am Rhein
Bis 23. August 2020

Öffnungszeiten:
Montag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr