Belgisches Multiversum
Auch Belgien hatte sein Manhattan-Projekt. Anders als beim gleichnamigen US-amerikanischen Vorhaben ging es hier jedoch um Stadtentwicklung. Im Zuge der Industrialisierung zog es zwischen 1850 und 1890 viele Menschen in jenen Teil der belgischen Hauptstadt, der heute Quartier Nord oder Noordwijk heißt. Der Stadtteil, in dem hauptsächlich Familien der Arbeiterklasse lebten, galt damals dem Vernehmen nach als sehr beliebt und zeichnete sich durch eine ausgeprägte kulturelle Vielfalt und Identität aus. Als "ungesund" gebrandmarkt, erlebte das Viertel in den 1960er-Jahren die größte Enteignungskampagne der belgischen Geschichte im eigenen Land, in deren Zuge es weitestgehend dem Boden gleichgemacht wurde: Das Manhattan-Projekt. Ziel war es schließlich, hier einen Finanzdistrikt nach New Yorker Vorbild zu errichten, geprägt von orthogonalen Straßen und Hochhaustürmen. So wurden einerseits Gebäude des ehemaligen Arbeiterviertels auf einer Fläche von 53 Hektar abgerissen und andererseits die Neugestaltung des Areals nördlich der Place Rogier in Angriff genommen, das durch den Abriss des alten Nordbahnhofs im Jahr 1956 frei geworden war. Der Bebauungsplan wurde am 17. Februar 1967 vom damaligen Premierminister Paul Vanden Boeynants genehmigt. Heute liegt das Gebiet unmittelbar westlich angrenzend an den Gare du Nord.
Entstanden ist ein Finanz- und Handelsdistrikt, vergleichbar mit den Docklands in London oder La Défense in Paris. Zentraler Baustein der 60er-Jahre-Planung war die Kreuzung aus Boulevard Simon Bolivar in West-Ost- und Boulevard du Roi Albert II in Nord-Süd-Richtung. Hier sollten acht Hochhaustürme den Mittelpunkt des Geschäftsviertels bilden, je zwei orthogonal zueinander stehende Scheiben auf einem Block. Es gibt historische Visualisierungen aus der Zeit, die die Idee gut illustrieren: zum einen die voneinander getrennten Verkehrswege von Autos und Fußgänger:innen, zum anderen die Basis bildenden Blöcke, aus denen die Hochhausscheiben als gemeinsames Ensemble ganz im Sinne der Stadtidee der architektonischen Moderne entwachsen.
Nach 40 Jahren schon nicht mehr zeitgemäß
Teil dieses Ensembles war auch das belgische World Trade Center. Ursprünglich sollte es zwei Blöcke, also vier Türme umfassen, je gut 100 Meter hoch. Drei wurden zwischen 1972 und 1983 realisiert, der vierte folgte nie. Seit rund 16 Jahren trägt man sich mit Plänen, den vierten Turm doch noch zu bauen, während – fast ein ironischer Zug der Geschichte – immer deutlicher wurde, dass die ersten beiden Türme aus den Jahren 1972 und 1976 heutigen Standards an Arbeitswelten auf der einen und Energieflüssen auf der anderen Seite nicht mehr genügten.
Die Arbeitsgemeinschaft der Architekturbüros 51N4E, Jaspers-Eyers Architects (beide Brüssel) und l’AUC (Paris) hat das Hochhausduo dafür einer grundlegenden bautechnischen Bestandsaufnahme unterworfen. Ziel war es dabei, eine größtmögliche Wiederverwendung von Materialien mit der Berücksichtigung der baulichen Einschränkungen der bestehenden Gebäude in Einklang zu bringen. Dafür wurden die tragenden Kerne der Türme und die Untergeschosse ihrer gemeinsamen Basis erhalten, aus statischen Gründen jedoch nicht die Deckenplatten der Hochhäuser. Während der Abrissphase ab 2020 ragten so zeitweise nur zwei sehr schlanke, 30-stöckige Betonkerne in die Höhe. Trotz des Teilabrisses konnten auf diesem Weg 171.000 Tonnen Material erhalten werden, was rund 85 Prozent der ursprünglichen baulichen Masse entspricht – über 70.000 Kubikmeter Beton.
Eine neue, gemeinsame Basis für die Eingangszonen wurde ebenso errichtet, wie zwei neue Hochhäuser, die auch in ihrer äußeren Erscheinung deutlich an die Zeit ihrer Vorgänger erinnern. Merklich versprühen sie den Charme des International Style. Zwischen die beiden erhaltenen Erschließungskerne aber fügte die Arbeitsgemeinschaft einen zentralen Verbindungsbau ein – deutlich als Element unserer Gegenwart erkennbar. Markanteste Unterscheidung zum ehemaligen Welthandelszentrum ist schließlich der Zweck dieses Neubau-Umbau-Hybrids: Statt nur mehr als Büro zu dienen, sollte das Gebäude künftig neben Büros auch Wohnungen und ein Hotel aufnehmen, ergänzt um Sportanlagen, Geschäfte und Grünflächen, das gesamte Quartier langfristig wieder jenem dynamischen und Funktionsgemischten Stadtteil angeglichen werden, der es vor dem Manhattan-Projekt war.
Buntgemischt statt monofunktional
"ZIN in No(o)rd", wie das Ensemble nun heißt, bildet diese Heterogenität auch formal-ästhetisch in sich ab. Zwei niedrige Baukörper nehmen öffentliche Funktionen auf, mit ihren rohen Betonoberflächen, den Terrazzoböden und einer Vielzahl von Grünpflanzen, bilden sie Schwellenräume zwischen dem Stadtraum und dem Inneren des Hauses. Der neue Querriegel wiederum verfügt im Inneren über Räume, die doppelt so hoch sind wie die der beiden äußeren Türme. Aufgeständerte Böden lassen Pflanztröge zu, als Schaltraum dient die Struktur dazu, unterschiedliche Nutzungen möglich zu machen und auch künftig immer wieder aufs Neue angepasst werden zu können. Die an diese Schalträume angrenzenden Etagen wechseln zwischen Büroflächen, Wohneinheiten und Hotelzimmern. Und ganz oben wird all das abgerundet von einer öffentlichen Dachterrasse in der 29. Etage.
Anstelle einer während der Geschäftszeiten emsigen, in den Abend- und Nachtstunden aber weitestgehend entvölkerten Großstruktur ist so ein rund um die Uhr belebtes Haus voller Unterschiedlichkeiten entstanden. Was hier auf Ebene eines Gebäudes gelungen ist, könnte Beispiel für das ganze Quartier, ja, Prototyp für viele vergleichbare Fälle von monofunktionalen Architekturen der Nachkriegsmoderne sein. Dafür war das Gebäude in diesem Jahr für den EU Mies Award nominiert und ist jüngst mit dem Internationalen Hochhaus Preis ausgezeichnet worden. Neben anderen prämierten Hochhäusern ist es damit bis zum 4. April 2027 im Rahmen der Ausstellung „Best Highrises“ im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main zu sehen. Die Verleihung des Preises an die Büros 51N4E, Jaspers-Eyers Architects und l’AUC findet am 3. November ab 18:30 Uhr in der Frankfurter Paulskirche statt.
Best High-Rises. Internationaler Hochhauspreis 2026/27
5. November 2026 – 4. April 2027
Vernissage mit kurzen Vorträgen von Vertretern der Finalisten:
4. November 2026, 17 Uhr
Deutsches Architekturmuseum (DAM)
Schaumainkai 43
60596 Frankfurt am Main
Di-So 11–18 Uhr
Mi 11–20 Uhr


































