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Patrick Jouin, Michel Roset (v.l.n.r.)

Der Möglichmacher

Michel Roset steht für eine Unternehmenskultur, die auf Vertrauen, Intuition und langfristige Zusammenarbeit setzt. Als prägender Kopf von Ligne Roset hat er stets junge Kreative gefördert – darunter Patrick Jouin. Ein Gespräch über Vertrauen, Intuition und die Fragilität guter Ideen.

Robert Volhard: Michel, Sie bekommen sicher viele Anfragen von Designerinnen und Designern für eine Zusammenarbeit?

Michel Roset: Wir erhalten sehr viele Anfragen, im Jahr mehrere Hundert, pro Quartal können es bis zu 80 sein. Unsere Kollektion soll sich kontinuierlich weiterentwickeln: Möbel, Teppiche, Leuchten, Accessoires. Entsprechend sorgfältig wählen wir aus. Qualität entsteht nicht durch Menge.

Patrick, kannst du dich noch an deine erste Zusammenarbeit mit Ligne Roset erinnern?

Patrick Jouin: Ja, das ist lange her. Damals habe ich beim VIA (Valorisation de l’Innovation dans l’Ameublement) eine sogenannte Carte Blanche bekommen. Dieses Programm gibt es heute leider nicht mehr. VIA war ein echtes Sprungbrett. Die gesamte französische Möbelindustrie hatte diese Plattform geschaffen, um junge DesignerInnen mit der Industrie zu verbinden. Für viele wäre es sonst unmöglich gewesen, einen Prototyp zu finanzieren. Durch VIA konnten wir experimentieren, Ideen testen und sehr früh mit Industriepartnern arbeiten. Es war eine goldene Ära und meines Wissens weltweit einzigartig. 

Michel Roset: Und so haben wir uns kennengelernt. Patrick hat 1998 sein erstes Sofa-Projekt vorgestellt.

Patrick Jouin: Es war kein Erfolg. Das Projekt war zu komplex, der Preis zu hoch. Aber die Idee dahinter war spannend: ein echtes Sofa und ein echtes Bett in einem Objekt zu vereinen. Und über VIA hast du damals viele DesignerInnen entdeckt.

Michel Roset: Das stimmt. Aber es ging nie nur um Entwürfe oder Produkte. Kommunikation spielte eine wichtige Rolle, aber sie allein reicht nicht. Entscheidend ist, ob ein Produkt auch nach fünf oder zehn Jahren noch relevant ist. Nachhaltiger Erfolg entsteht nicht durch kurzfristige Sichtbarkeit.

Michel, Sie gelten als jemand, der gestalterisches Potenzial sehr früh erkennt. Woran machen Sie das fest?

Michel Roset: Es gibt dafür keine Formel. Für mich zählt das menschliche Gefühl: Vertrauen, Psychologie, die persönliche Beziehung. Nicht nur das Portfolio ist entscheidend, sondern ob man sich eine langfristige Zusammenarbeit vorstellen kann.

Neuer Prototyp: Stuhl "Karen" von Patrick Jouin für Ligne Roset

Wir sitzen hier auf dem neuen Stuhl "Karen" von Ligne Roset. Was zeichnet ihn aus?

Patrick Jouin: "Karen" ist sowohl für den Wohn- als auch für den Objektbereich gedacht. Deshalb gibt es zwei Versionen: mit Holzbeinen für den Wohnbereich und mit Stahlbeinen für den Objektbereich. Natürlich kann auch die Holzversion im Objekt eingesetzt werden.

Das kann ich bestätigen, der Stuhl ist sehr bequem, fast schon gemütlich.

Patrick Jouin: Aktuell ist es noch ein Prototyp. Wir werden ihn etwas breiter machen und den Schaum minimal fester, quasi die Feinarbeit.

Patrick, was macht die Zusammenarbeit mit Michel Roset für dich besonders?

Patrick Jouin: Es geht um Kultur und Vertrauen. Objektiv betrachtet braucht die Welt keinen weiteren Stuhl oder ein weiteres Sofa. Aber es gibt ein menschliches Bedürfnis nach Erfindung. Am Anfang ist eine Idee fragil – eine Skizze, fast nichts. Und manchmal sieht man im Blick des Gegenübers: Da ist etwas. Dieser Moment rechtfertigt es, weiterzugehen.

Michel, was muss Design heute leisten, um relevant und wirtschaftlich erfolgreich zu sein?

Michel Roset: Die größten Herausforderungen liegen heute weniger im Design selbst als in der industriellen Realität: Fachkräfte, Handwerk, Lieferketten. Ohne qualifizierte Menschen verzögern sich Projekte massiv. Das ist eine zentrale Frage unserer Zeit.

Patrick Jouin, Robert Volhard, Michel Roset (v.l.n.r.)

Welchen Rat würden Sie Ihrem jüngeren Ich geben?

Patrick Jouin: Der eigenen Intuition vertrauen. Das habe ich von Philippe Starck gelernt. Die erste innere Reaktion ist oft die richtige – man muss lernen, ihr zu glauben.

Michel Roset: Für mich ist entscheidend, ein Unternehmen langfristig und verantwortungsvoll zu entwickeln – gemeinsam mit Familie und Mitarbeitenden. Loyalität und Kontinuität sind die eigentlichen Stärken.

Wie sieht Ihre zukünftige Zusammenarbeit aus?

Michel Roset: Patrick ist frei. Wenn er anklopft, öffnen wir die Tür.

Patrick Jouin: Unsere Zusammenarbeit ist nie geplant. Sie entsteht aus Gesprächen, Ideen und gemeinsamen Momenten – so wie immer.

Stuhl "Karen" von Patrick Jouin für Ligne Roset