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"Apani", 2011
Foto: Florian Holzherr © Museum Frieder Burda
"Apani", 2011

Architekt des Lichts

Unter dem Titel "James Turrell – The Substance of Light" widmet das Museum Frieder Burda in Baden-Baden dem amerikanischen Lichtkünstler aktuell eine Einzelschau.
von Anna Moldenhauer | 20.09.2018

Ein abgedunkelter Gang im Erdgeschoss des Museum Frieder Burda in Baden-Baden: Das Stimmengewirr aus der belebten Eingangshalle direkt nebenan klingt herüber. Schwarzer Teppichboden dämpft die Schritte. Orientierung bietet nur ein sanfter Lichtschein, der aus dem Raum am Ende des abgewinkelten Ganges dringt. In diesem gibt es nichts als eine Wartebank und eine Treppe. Aus einer fensterförmigen Öffnung am Kopf des Aufgangs strahlt das Lichtspektrum in fließenden Übergängen: Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau und Violett. Wie eine plane Fläche wirkt das farbige Quadrat in der Wand, das den Zugang zu der Installation "Apani" von James Turrell gewährt. Mit Schuhüberziehern an den Füßen erklimmt man die Stufen, um dann einen reinweißen Raum zu betreten. Stille. Noch bevor die farbige Lichtinszenierung erneut beginnt, stellt der gestreckte White Cube die Wahrnehmung auf die Probe. Das Auge sucht in den abgerundeten Ecken vergebens nach Halt, nach Kontrast, nach Orientierung. Es vermag nicht einzuschätzen, wo die Grenzen der Wände in der Höhe und die des Bodens in der Tiefe liegen. Sobald das farbige Licht den konturlosen Raum langsam erobert, verschwimmen die Dimensionen endgültig. Ein diffuser Farbverlauf ohne sichtbaren Ursprung füllt ihn gleichmäßig, lässt ihn unwirklich werden und umschließt die Körper der Besucher. Man kann die Anwesenheit des Lichtes förmlich auf der Haut spüren und wird gleichzeitig ein Teil von Turrells Werk.

Modell des Roden Crater
Foto: Anna Moldenhauer © Stylepark
Modell des Roden Crater

Traumlandschaft

James Turrells Medium ist die Wahrnehmung des Betrachters. Erst durch sie erhalten seine Werke ihre Vollendung. Er schafft Kunstwerke ohne Objekt, ohne Bild. Stattdessen wird in seinen illusionistischen Lichträumen, den Ganzfeldern, die Farbe zur wahrnehmbaren Materie. Eine Verbindung zwischen Materiellem und Immateriellem entsteht. Zurückgeworfen auf sich selbst starrt man ohne Fokus auf den monotonen Farbwechsel, bis der Geist zur Ruhe kommt und sich öffnet für die Energie, die Emotion, die Selbstreflektion der eigenen Wahrnehmung. "Apani" ist ein Teil der Ausstellung "James Turrell – The Substance of Light", die noch bis zum 28. Oktober 2018 im Museum Frieder Burda in Baden-Baden zu sehen ist. Turrell lässt uns in dieser mit offenen Augen träumen. Das Spektrum der Farben, das er zeigt, ist angelehnt an die Lichtphänomene des Himmels. Schon als Kind konnte Turrell diesen nachspüren, an Bord des Leichtflugzeugs seines Vaters, eines Flugingenieurs. Heute bezeichnet er das Flugzeug als sein Atelier. Inspiration findet er in den Wolken, den Ganzfeldern in luftigen Höhen. Beim Blick aus dem Fenster seiner fliegenden Arbeitsstätte entdeckte Turrell in den 1970er Jahren nach monatelanger Suche den Roden Crater, einen erloschenen vulkanischen Schlackenkegel, rund 400.000 Jahre alt, mitten in der Wüste Arizonas. Er wurde zum Ausgangspunkt für sein Lebensprojekt. Turrell kaufte den Vulkan und begann ihn in ein Himmelsobservatorium umzubauen. Sechs Tunnel und 21 Räume soll es einmal umfassen, die jeweils unterschiedliche Ausschnitte des Himmels zeigen um dessen Phänomene elementar zu erleben. Überwiegend finanziert durch Spenden, schreiten die Bauarbeiten nur schleppend voran. Was aber bereits fertiggestellt wurde, ist beeindruckend: Wie der Alpha Tunnel, der sich über 260 Meter durch den Kegel gräbt und in einer Art Altarraum endet, in dem die Öffnung zum Himmel frei liegt. Fern von den störenden Lichtern der Zivilisation werden für den Besucher des Roden Kraters Sonnenwenden, Himmelskonstellationen und die Erddrehung sichtbar.

Zwischen den Welten

Welche architektonische Präzision es braucht, um das natürliche wie das künstliche Licht so perfekt zu inszenieren, wird spätestens anhand der Projektfotografien und Baumodelle in der Ausstellung ersichtlich. "Licht verhält sich wie Musik, um damit zu arbeiten musst du das Instrument dazu bauen", so Turrell. Neben der Arbeit am Roden Crater Project hat er weltweit zahlreiche "Skyspaces" errichtet, Räume mit einer quadratischen, meist farbig beleuchteten Öffnung in der Decke. Die geometrische Aussparung lässt den Himmel über ihr eben erscheinen, eingelassen in die Architektur und damit geradezu greifbar. Ein konzentriertes Stück vom Ganzen, dessen atmosphärische Vielfalt sich wie gerahmt vom Sonnenaufgang bis in die Dunkelheit der Nacht beobachten lässt. Dass Turrells Bauwerke an jene Monumente erinnern, die einst die indigenen Völker für ihre Zeremonien errichteten, ist kein Zufall. In eine streng religiöse Quäker-Familie hineingeboren, ist die Arbeit des amerikanischen Künstlers geprägt von der Erfahrung des stundenlangen Innehaltens in der Mediation und dem Glauben an eine übersinnliche, spirituelle Kraft. Seine späteren Studien der Astronomie, Mathematik, Wahrnehmungspsychologie und der Kunst weckten sein Interesse an der Wirkung des Lichts auf unser Bewusstsein und waren der Ausgangspunkt für die Arbeit mit zukunftsweisenden Technologien – bereits in den 1990er Jahren experimentierte Turrell etwa mit LED-Leuchten. Das facettenreiche Oeuvre des 75-Jährigen Künstlers wird in der Ausstellung anhand raumgreifender Installationen, Projektionen, Modellen, Hologrammen und Papierarbeiten sichtbar.  

Skyspace Stone Sky, Stonescape Calistoga, Kalifornien, USA
Foto: Florian Holzherr © Museum Frieder Burda
Skyspace Stone Sky, Stonescape Calistoga, Kalifornien, USA

Turrell selbst sieht sich als Landschaftsmaler, als Architekt des visuellen Raums. Wenn seine Lichtkunst auf bereits bestehende Architektur trifft, verändert sich ihr Eindruck maßgeblich: Strukturen werden flüchtig, zeitweilig geradezu absorbiert. Um mit dem Licht als Baumaterial für unser Bewusstsein einen grenzenlosen Ort zu schaffen, muss er die Ausgangssituation auf ein Minimum reduzieren. So auch die Rotrunde des Guggenheims Museums von Frank Lloyd Wright in New York City, die Turrell 2013 für die Skylight-Installation "Aten Reign" nutzte. Ein Effekt, der nicht immer gerne gesehen ist. Richard Meier, Schöpfer des Baus für die Sammlung Frieder Burdas soll demnach von der Idee der Ausstellung nicht gerade begeistert gewesen sein. Dabei steht Turrells Erkenntnisarchitektur für den Besucher im Ergebnis nicht wirklich in Konkurrenz zu dem Haus, in dem sie gezeigt wird. Sie öffnet eher in diesem ein Zimmer zu einer sinnlichen Traumwelt, in der man der eigenen Wahrnehmung und ihrer Fehlerhaftigkeit nachspüren kann. Die Emotionen, die man dabei fühlt, können wie bei einem Drogentrip von Beklemmung bis zur Euphorie reichen.

Um seine Arbeiten in Gänze zu erfahren, braucht es eine Atmosphäre der Konzentration, Stille und Klarheit. Im günstigsten Fall ist man mit dem Werk allein. Turrells Kunst ist Kunst für das Individuum, nicht für die Menge. Sie lässt sich nicht im Vorbeigehen konsumieren. Voraussetzungen, die in einer öffentlichen Ausstellung oft schwer umzusetzen sind. Die Exponate der Ausstellung im Museum Frieder Burda sind so über mehrere Etagen verteilt und auf dem Gang nach oben passiert man eine separate Schau mit Werken des deutschen Künstlers Gerhard Richter. Diese Besucherführung macht es mitunter etwas mühsam, alle Arbeiten von James Turrell im Haus auf Anhieb zu finden und sie ohne Ablenkung in sich nachklingen zu lassen. Wer sich davon nicht irritieren lässt, wird belohnt – neben den Werkgruppen der letzten Jahrzehnte werden bislang nicht präsentierte Arbeiten der "Hologram Series" gezeigt. Der Lichtraum "Accretion Disk" wurde in Zusammenarbeit mit Zumtobel, Turrells langjährigem Partner, eigens für die Schau entworfen und geht anschließend in die dauerhafte Ausstellung des Museums über. Somit besteht die Möglichkeit, auch noch nach der Finissage in einen intensiven Dialog mit seiner Arbeit zu treten – eine Erfahrung, die eine zweidimensionale Abbildung nicht vermitteln kann. "Ein Foto neigt dazu, alles konkreter darzustellen als es ist. Ein Teil der Magie ist aber, ein Kunstwerk auch in seiner Vergänglichkeit zu sehen – und zum anderen, selbst wirklich körperlich anwesend zu sein", so James Turrell.