Die Ästhetik des Wandels
Der Raum, für den Ihre Skulptur bestimmt ist, hat großen Einfluss auf ihre endgültige Form und Farbe. Wie gestaltet sich Ihr Rechercheprozess?
Janet Echelman: Ich suche überall um mich herum nach Inspiration – in den Formen unseres Planeten im Makro- und Mikrobereich, in den Lebensmustern auf ihm, in der Zeitmessung, in Wetterphänomenen oder in den Bahnen, die durch Strömungsdynamik entstehen. Ich bin stets auf der Suche nach Impulsen aus dem Leben. Das ist meine Art, die Welt zu verstehen und meinen kleinen Moment innerhalb der größeren, sich entfaltenden Geschichte der Menschheit auf unserem Planeten einzuordnen. Der jeweilige Ort ist für jedes Kunstwerk mein Leitmotiv. Bei meinem ersten Besuch verschaffe ich mir ein Gespür für den Raum und erkunde seine Geschichte und Beschaffenheit, um zu verstehen, welche Bedeutung er für die Menschen vor Ort hat. Gemeinsam mit meinem Team brainstormen, skizzieren und diskutieren wir alle Ideen – ohne sie in der Anfangsphase zu zensieren. Mit fortschreitender Entwicklung der Entwürfe arbeiten unsere StudioarchitektInnen, DesignerInnen und ModellbauerInnen mit einem externen Team aus Luft- und RaumfahrtingenieurInnen, BauingenieurInnen, InformatikerInnen, LichtdesignerInnen, LandschaftsarchitektInnen und StadtplanerInnen zusammen, um meine ersten Skizzen in die Realität zu übersetzen.
Die Fertigung erfolgt durch eine Kombination aus Handarbeit – Spleißen und Knoten – sowie industriellen Webstühlen. Die Installation findet schließlich vor Ort statt. Es ist in jeder Hinsicht ein schrittweiser, kollaborativer und iterativer Prozess, der von der Idee bis zum fertigen Kunstwerk meist mehr als ein Jahr dauert. Die Form von "Earthtime 1.78 Frankfurt" ist von Umweltdaten inspiriert und Teil meiner Earthtime-Serie, die die Verflechtung natürlicher Zyklen mit menschlicher Interaktion untersucht. Diese Skulpturen werden durch Wind und Licht verwandelt und erinnern uns daran, dass wir nur ein Knoten in einem miteinander verbundenen Netz aus Zeit und Raum sind. Im Zuge meiner Recherchen über Frankfurt erfuhr ich, dass hier 178 Nationalitäten leben. Deshalb hatte ich das Gefühl, dass der Datensatz über die Verkürzung eines Tages um 1,78 Mikrosekunden unmittelbar zu Frankfurt spricht.
Luft und Licht erwecken die Netzskulpturen zum Leben. Im öffentlichen Raum lässt sich das Wetter nicht beeinflussen. Wie berücksichtigen Sie das in Ihrer Arbeit?
Janet Echelman: Meine Skulpturen sind lebendig und befinden sich in ständiger Verwandlung. Sie reagieren auf jede Bewegung des Windes und auf die langsamen Veränderungen von Licht und Schatten. Meine Kunst verwandelt sich von einem Objekt, das betrachtet wird, in einen Raum, in dem man sich verlieren kann, und lädt zu immersiven Erfahrungen ein statt zu statischer Beobachtung. Bei Werken für Klimazonen mit potenziell extremen Wetterbedingungen haben sich Formen bewährt, die sich fließend und anmutig an wechselnde Umstände anpassen können. Sie sind weich und flexibel, geben nach und gewinnen ihre Stärke aus Belastbarkeit, nicht aus Starrheit. Dafür mussten wir neue Arten von Fasern finden und arbeiten heute mit einer Vielzahl von Hightech-Materialien. Eine von mir verwendete Strukturfaser ist fünfzehnmal stärker als Stahl und unempfindlich gegenüber UV-Strahlung, hohen Temperaturen, Umweltverschmutzung und sogar chemischen Reaktionen – und bleibt dabei stabil und ultraleicht. Je nach Aufgabe innerhalb der Skulptur wählen wir unterschiedliche Fasertypen, ob für strukturelle Aufgaben oder für die Ausdruckskraft der Farbe. Einschränkungen können Kreativität beflügeln. Ich entwerfe Werke, die Taifunwinden, Eis und Schnee standhalten, und versuche, diese Herausforderungen als gestalterische Qualitäten zu begreifen, nicht als Begrenzungen.
Was war Ihnen bei der Schaffung von "Earthtime 1.78 Frankfurt" im Rahmen von "World Design Capital 2026" besonders wichtig?
Janet Echelman: Bei dieser Arbeit für die Konstablerwache geht es um mehrere ineinander verwobene Farbstränge, die sich im Einklang mit der Natur bewegen. Damit passt das Werk sehr gut zum Leitmotiv "Design for Democracy. Atmospheres for a Better Life". Die "Konsti" hat eine vielschichtige Geschichte und eine sehr heterogene heutige Nutzung. Lebendig ist sie vor allem an den beiden Markttagen. Anwohner:innen erzählten mir, dass sich der Platz zu anderen Zeiten oft leer und mitunter unsicher anfühlt. Aus Erfahrung weiß ich, dass ein ortsspezifisches Kunstwerk einem urbanen Raum Intentionalität und Aktivität verleihen kann – mit messbaren positiven Effekten auf das Sicherheitsempfinden. Darüber hinaus ist dieses Projekt für mich auch persönlich bedeutsam. Aufgrund meiner jüdischen Herkunft bedeutet es mir viel, gemeinsam mit deutschen KollegInnen einem zentralen Platz neues Leben und Farbe zu geben, der im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt wurde und dessen historische Struktur später durch nüchternen, grauen Beton im Stil des Brutalismus ersetzt wurde. Dieses Projekt lässt mich spüren, dass wir Brüder und Schwestern sind – gemeinsam auf der Suche nach einem besseren Leben für alle.
Für Ihre Skulpturen wurde eine eigene Aero-Computing-Software entwickelt. Wie unterstützt sie Ihren kreativen Prozess?
Janet Echelman: Seit fünfzehn Jahren arbeitet mein Atelier mit InformatikerInnen und IngenieurInnen weltweit zusammen, um maßgeschneiderte Software-Designtools zu entwickeln. Sie ermöglichen Soft-Body-3D-Modellierungen und detaillierte Analysen unserer monumentalen Entwürfe. Wir benötigen präzise digitale Modelle, damit unsere IngenieurInnen die Auswirkungen von Schwerkraft, Wind, Schnee und Eis berechnen können – sowohl zur Sicherheit als auch für behördliche Genehmigungen. Die digitalen Werkzeuge helfen uns außerdem, Farbe, Muster und Form im städtischen Kontext zu evaluieren. Gleichzeitig entstehen unsere physischen Skulpturen in handwerklicher Arbeit, mit sehr alten Techniken wie Flechten, Knoten und Spleißen. Ein wesentlicher Teil der Bedeutung dieser Werke liegt für mich in der Verbindung menschlicher Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, wobei digitale Werkzeuge im Dienst der Schaffung eines besseren menschlichen Lebens stehen.
Sie arbeiten interdisziplinär, Ihr leitender Ingenieur ist beispielsweise auch ein Bildhauer. Wie beeinflusst das Ihren Ansatz?
Janet Echelman: Da meine Projekte mittlerweile den Maßstab von Wolkenkratzern und ganzen Stadtvierteln erreicht haben, stehe ich immer wieder vor enormen Herausforderungen. Zusammenarbeit ist der Weg, auf dem ich ihnen begegne. Ich arbeite mit ExpertInnen aus Ingenieurwesen, Lichtdesign, Landschaftsarchitektur und Architektur. Die Kooperation bereichert mich: Die Möglichkeit, mit so vielen talentierten Menschen zu arbeiten, erweitert die Sprache, mit der ich als Künstlerin kommuniziere. Ich lerne ständig dazu, und das, was wir gemeinsam erschaffen, ist größer als alles, was ich allein realisieren könnte.
Sie verwenden in jeder Skulptur verschiedene Fasertypen, je nach Funktion des Bauteils und den klimatischen Bedingungen. Wie entscheiden Sie, welche Faser geeignet ist?
Janet Echelman: Alle meine großformatigen Arbeiten stellen uns vor gewaltige technische Herausforderungen hinsichtlich der Einwirkungen von Wind und Wetter, an deren Bewältigung mein internationales Team seit mehr als zwei Jahrzehnten arbeitet – unter Einsatz neuer, leichter Materialien und Methoden. So verwenden wir beispielsweise eine Faser, die fünfzehnmal stärker ist als Stahl und von der NASA im Weltraum zur Verankerung des Marsrovers eingesetzt wird. An der Konstablerwache gibt es zusätzliche Herausforderungen, die dort einzigartig sind, da wir unsere tragenden Fundamente in einen belebten Marktplatz einbinden müssen, der direkt über einer U-Bahn-Station liegt. Wäre dies auf freiem Gelände, wäre es einfach, tiefe Betonfundamente zu gießen, um starken Windkräften an einer großen Netzskulptur standhalten zu können, aber für die Installation an der Konstablerwache hat unser brillantes deutsches IngenieurInnenteam neue Lösungen entwickelt, um eine elegante Struktur zu schaffen.
Mit Ihren Skulpturen schaffen Sie in den jeweiligen Räumen eine neue räumliche Qualität. Ihre Werke offenbaren eine Nutzungsmöglichkeit, die wir an diesem Ort zuvor nicht wahrgenommen hatten. Wie legen Sie die Größe der Skulptur im Verhältnis zur Architektur und zu den Menschen fest?
Janet Echelman: Um etwas in der Größenordnung eines öffentlichen Raums wie an der Konstablerwache zu schaffen, das mit großen technischen Herausforderungen verbunden ist, muss ich intensiv planen. Ich muss mich an die von uns erstellten Bauunterlagen halten, die beispielsweise von der Stadt auf ihre Sicherheit geprüft werden. Manche Dinge muss man also aufgeben, wie zum Beispiel die Spontaneität des Schaffensprozesses. Aber ich glaube, dass die Spontaneität der Ästhetik erhalten bleibt. Und ich denke, es ist eine Gleichung, deren Ergebnis mir gefällt, denn die Möglichkeit, es im Maßstab einer Stadt zu teilen, in einer Höhe, die über all unseren Köpfen liegt – egal, ob gerade Markt ist oder ein ganz normaler Tag –, ich glaube, diese Erweiterung des Maßstabs erweitert das Potenzial dessen, was Kunst sein kann. Also verzichte ich natürlich auf etwas handwerkliche Spontaneität, aber ich denke, das Gesamtergebnis ist es wert.
Die Inspiration für die Netzskulpturen kam Ihnen, als Sie in Indien Fischernetze sahen, nachdem Ihre Malutensilien verloren gegangen waren. Können Sie diese Entwicklung näher erläutern?
Janet Echelman: As a young painter, I was in India on a Fulbright scholarship. I had sent my painting materials ahead, but they never arrived. Whilst I waited, I lived in a fishing village in southern India and watched the fishermen mending their nets every day. What I had previously perceived only in passing, I suddenly saw in a different light: as a new approach to sculpture, as a way of creating volume without heavy materials. My first sculptures were created in collaboration with the fishermen. As I photographed them in the wind, I recognised the poetic potential of moving surfaces. That moment fundamentally changed my work.
Sie glauben, dass Kunst ein Motor für Veränderungen sein kann und nicht vom Leben getrennt werden sollte. Auch die "Patterns of Life" sind Teil Ihrer Arbeit. Was muss gegeben sein, damit Kunst diese Rolle erfüllen kann?
Janet Echelman: Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass unsere visuelle Umgebung Einfluss darauf hat, wie wir uns fühlen. Sie prägt, wie wir unser Leben erleben. Das Aussehen und die Funktionsweise unserer Städte sind das Ergebnis der Entscheidungen, die Menschen beim Bauen treffen, und ich glaube, dass wir gemeinsam die Kraft haben, sie anders zu gestalten. Meine Kunstwerke bringen eine Erfahrung von Weichheit in den Maßstab der Stadt. Sie bilden einen Kontrapunkt zu den harten Kanten der Gebäude. Mein Ansatz im öffentlichen Raum besteht darin, unseren Blick zum Himmel zu lenken und die Natur zur belebenden Kraft meiner Arbeit werden zu lassen. Sie verändert sich ständig und ist interessanter als jedes Muster, das ich selbst erschaffen könnte.
Bei der Vorbereitung auf dieses Interview habe ich gelesen, dass Ihr Interesse daran, wie der Raum Ihre Gefühle und damit Ihr Selbstbild in jedem einzelnen Moment beeinflusst, Sie zur Kunst geführt hat. Nun beeinflussen Sie den Raum und wie wir uns darin fühlen. Welche Emotion ist es Ihnen wichtig, hervorzurufen?
Janet Echelman: Verbundenheit. Wenn man seine Aufmerksamkeit auf einen einzelnen Knoten in der Skulptur richtet, wird man erkennen, wie schon eine winzige Verschiebung seiner Position die Bewegung jedes anderen Knotens in der Skulptur beeinflusst. Die Choreografie der Natur und ihre wechselnden Muster aus Wind und Licht führen zu einem sich ständig wandelnden, lebendigen Kunstwerk menschlicher Schöpfung, das im Einklang mit den Kräften unseres Planeten und untereinander steht. Diese Neugestaltung eines brutalistischen Architekturplatzes mit Farbe und fließender Bewegung ist der Beweis dafür, dass der Status quo verändert werden kann, dass wir die gebaute Umwelt nicht so akzeptieren müssen, wie sie ist, sondern sie verwandeln können. Meine Hoffnung ist, dass die Tatsache, dass wir einen einzelnen Ort verwandeln können, eine Erweiterung des Denkens über die Möglichkeiten der Neugestaltung unserer gemeinsamen physischen Welt eröffnen könnte.
Ihre Interessen als junge Frau waren vielfältig; Sie hätten gerne als erste Frau am Obersten Gerichtshof gedient, als Teenager waren Sie Solopianistin beim Florida Orchestra. Sie haben in Harvard studiert und sich der Psychologie und der Malerei gewidmet. Wie beeinflusst dieser abwechslungsreiche Werdegang Ihr künstlerisches Schaffen heute?
Janet Echelman: Ich war eine junge Malerin, als ich mit einem Fulbright-Stipendium nach Indien reiste. Da ich versprochen hatte, im Auftrag der US-Botschaft landesweit Ausstellungen zu veranstalten, schickte ich meine speziellen Farben und meine Ausrüstung nach, um neue Bilder zu schaffen. Der Termin für die Ausstellungen rückte näher – doch meine Farben kamen nicht an. Ich war in einer schrecklichen Zwickmühle, da ich keine Materialien hatte, um meine Kunst zu schaffen. Ich wohnte in einem südindischen Fischerdorf, und jeden Nachmittag spazierte ich den langen Strand entlang und beobachtete die Fischer, wie sie ihre Netze zu Haufen auf dem Sand zusammenbanden. Ich hatte das jeden Tag gesehen, doch dieses Mal sah ich es mit anderen Augen – als neuen Ansatz für die Bildhauerei, als Möglichkeit, volumetrische Formen ohne schwere, feste Materialien zu schaffen. Meine ersten gelungenen Skulpturen waren handgefertigte Netzformen, die in Zusammenarbeit mit diesen Fischern entstanden. Ich brachte sie zum Strand und hob sie in die Luft, um sie zu fotografieren. Da entdeckte ich, dass ihre weichen Oberflächen jede Windwelle in sich ständig verändernden Mustern widerspiegelten, und war fasziniert – und habe mich nie wieder davon abgewandt.
Sie glauben, dass Kunst ein Motor für Veränderungen sein kann und nicht vom Leben getrennt werden sollte. Auch die "Patterns of Life" sind Teil Ihrer Arbeit. Was muss gegeben sein, damit Kunst diese Rolle erfüllen kann?
Janet Echelman: Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass unsere visuelle Umgebung Einfluss darauf hat, wie wir uns fühlen. Sie prägt, wie wir unser Leben erleben. Das Aussehen und die Funktionsweise unserer Städte sind das Ergebnis der Entscheidungen, die Menschen beim Bauen treffen, und ich glaube, dass wir gemeinsam die Kraft haben, sie anders zu gestalten. Meine Kunstwerke bringen eine Erfahrung von Weichheit in den Maßstab der Stadt. Sie bilden einen Kontrapunkt zu den harten Kanten der Gebäude. Mein Ansatz im öffentlichen Raum besteht darin, unseren Blick zum Himmel zu lenken und die Natur zur belebenden Kraft meiner Arbeit werden zu lassen. Sie verändert sich ständig und ist interessanter als jedes Muster, das ich selbst erschaffen könnte.

Tip:
Radical Softness – The Responsive Art of Janet Echelman
Princeton Architectural Press
Publisher: Gloria Sutton
2025
English
288 pages
ISBN-10: 1797228676
ISBN-13: 978-1797228679
US$55





















