Nachhaltigkeit
Gotteshaus von Morgen
Kopenhagen wächst weiter und sogar stärker als erwartet. Aktuelle Prognosen gehen davon aus, dass die dänische Hauptstadt in den nächsten 30 Jahren über 100.000 Zuzüglerinnen und Zuzügler erwarten darf, womit die Zahl der EinwohnerInnen auf 780.000 steigen würde. Das bedeutet zusätzlichen Druck auf den ohnehin angespannten Wohnungsmarkt. Da hilft es, dass die Stadt seit mehreren Dekaden einen vorbildlichen und kontinuierlichen Entwicklungsplan verfolgt, der auf klimaresilienten Stadtumbau, den Bau neuer Wohngebiete sowie den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und der Fahrradmobilität setzt.
So entsteht bereits seit Mitte der 1990er-Jahre auf der Insel Amager im Südosten Kopenhagens der neue Stadtteil Ørestad. Bis 2030 werden hier etwa 20.000 Menschen leben, dazu entstehen rund 60.000 Arbeits- und Ausbildungsplätze. Dank des vorausschauenden Verkehrskonzepts erreicht man bereits jetzt in nur sieben Minuten das Stadtzentrum und in sechs Minuten den Flughafen, der im Südosten von Amager liegt. Von einer Stadtrandlage kann also keine Rede sein.
Dazu kommen die in Kopenhagen beinahe schon traditionell hohen Ansprüche an die Gestaltungsqualität sowohl der Neubauten wie auch der öffentlichen Räume. Im Südwesten der Insel wurden rund 20 Quadratkilometer zum Naturschutzgebiet erklärt, während in Ørestad gleichzeitig mehrere Architekturikonen gebaut wurden, darunter Hotelhochhäuser von Norman Foster, das neue Konzerthaus Kopenhagen von Jean Nouvel oder das spektakuläre Aquarium "Der Blaue Planet" direkt am Ufer des Øresunds von 3xN. Aber auch Pionierprojekte einer neuen Recyclingarchitektur sind entstanden, wie etwa der mehrfach ausgezeichnete Wohnblock "Resource Rows" der Lendager Group mit Fassaden aus wiederverwendeten Backsteinfeldern.
Dazu gesellt sich nun bald ein deutlich kleinerer und unauffälligerer, bei näherem Hinsehen jedoch kaum weniger spektakulärer Neubau: die Ørestad Church, entworfen von Henning Larsen Architekten. Das Kopenhagener Büro hatte 2022 den Wettbewerb gewonnen, aktuell ist die Kirche im Bau und soll noch 2026 feierlich eröffnet worden. Bei Fertigstellung wird dies der erste Kirchenneubau in Kopenhagen seit über 30 Jahren sein. Die Kirche entsteht im Auftrag der evangelisch-lutheranischen Folkekirken in Dänemark und deren für Amager zuständiger Pfarrgemeinde Islands Brygge. Zwar ist auch deren Mitgliederzahl rückläufig, wie bei fast allen christlichen Kirchen in Europa. Gleichzeitig zählen sich aber noch immer über 70 Prozent der Bevölkerung Dänemarks zu dieser Kirche, womit sie weiterhin und mit großem Abstand die größte Religionsgemeinschaft des Landes ist. Im neuen Stadtteil wollte man daher mit einem einladenden Neubau präsent sein. Ebenso wurde intensiv darüber nachgedacht, was ein Kirchengebäude heutzutage für ein Programm haben sollte. Dazu wurden auch Umfragen in der entstehenden Nachbarschaft durchgeführt.
"Gerade in neuen Nachbarschaften wie Ørestad fehlt es oft an ansprechenden, gemeinschaftlich nutzbaren Räumen", sagt die Architektin Greta Tiedje, die als Global Design Director bei Henning Larsen für das Projekt zuständig ist. Hier läge ein großes Potenzial für die Kirche. "Die Ørestad Church haben wir daher so entworfen, dass sie spirituelle und alltägliche Angebote an die Nachbarschaft bieten kann, mit flexiblen und einladenden Räumen sowohl für die Gemeindemitglieder wie auch für eine breite Öffentlichkeit."
Das Haus bietet eine Vielzahl unterschiedlich großer Räume, eine Kapelle, Verwaltungsbüros, einen umschlossenen Innenhof mit der Atmosphäre eines Klostergartens und einen großen Saal. Es ist eine Mischung aus Kirche und Kulturzentrum. Der flexible Grundriss ermöglicht unterschiedliche Formen von Gottesdiensten und Zeremonien, aber ebenso kulturelle wie soziale Veranstaltungen, Vereinstreffen, Bildungsangebote, Meditations- oder Yoga-Kurse. Es geht um die Integration von alltäglichen Dingen, aber ebenso um Momente der Stille, der Einkehr, der erneuerten Aufmerksamkeit und Besinnung. Tiedje spricht von "sozialer Nachhaltigkeit". Die neue Kirche wird sich mit ihrem Angebot an die gesamte Nachbarschaft richten, unabhängig von der Religionszugehörigkeit: Ein Gotteshaus für alle.
Dies sei im Übrigen nichts Neues, ergänzt Tiedje. "Die Kirchen in Dänemark haben in den letzten 20 Jahren immer stärker ihre spirituellen mit sozialen Angeboten verbunden. Mit unserem Projekt in Ørestad führen wir das fort, ergänzen es mit einer flexiblen, leicht beweglichen Möblierung, offenen Sichtachsen und Innenräumen, die sich mit großen Fenstern direkt zur Umgebung öffnen." So würden Hemmschwellen abgebaut, sich ins Innere zu wagen – sowohl für die Gemeinde wie für die gesamte Nachbarschaft.
Die großen Schaufenster sind dabei nur ein Teil eines bemerkenswerten Äußeren des Kirchenbaus, der sich selbst jeden Anflug von abschreckender oder ehrfurchtgebietender Monumentalität verbietet. Diese Kirche entsteht auf einem rechteckigen Grundriss mit rund 2.000 Quadratmetern Fläche am nördlichen Ende eines Platzes. Alle herkömmlichen Insignien eines Kirchenbaus fehlen. So gibt es keinen Glockenturm, der Bau steht auf keinem Podest, es führen keine Treppen hinauf und zumindest auf den Visualisierungen der ArchitektInnen ist kein einziges Kreuz zu sehen. "Unser Entwurf ist offen und horizontal statt abgeschottet und vertikal, dadurch schaffen wir starke Verbindungen mit der Umgebung." Es gibt mehrere, relativ gleichwertige Ein- und Ausgänge. Der Fußboden führt ebenerdig ins Innere als unauffällige Fortführung des Straßenpflasters, lediglich die Farbe der verwendeten Steine wird verändert.
Nach außen dominieren die warmen Töne der kleinen Holzschindeln das Bild der Fassaden. Sie werden vollständig aus Baumresten von kanadischen Zedern hergestellt und nehmen mit der Zeit einen silbergrauen Ton an. Wo die Fassade nicht aus Schaufenstern besteht, bietet sie als "urbanes Regal" kleine Sitznischen an, einen Schrank für Tauschbücher, einen kleinen Trinkbrunnen oder sogar Tischchen zum Schachspielen. Auch das soll die Menschen anlocken und buchstäblich näher ans Haus bringen. Die Dachkonstruktion unterstützt den gewünschten Ausdruck. Statt einer alles überspannenden einzelnen Fläche wird das Haus durch starke Fugen in den Fassaden optisch in einzelne Quader aufgebrochen. Diese verjüngen sich nach oben in verschiedene Richtungen, was dem Gebilde einen leicht organischen Hauch verpasst, ohne allzu verspielt zu erscheinen. Im übertragenen Sinne soll das einzelne Körper symbolisieren, die sich zu einer Gemeinschaft versammeln – wie die Menschen in der Kirche oder wie Bäume zu einem Wald werden. Zum Zentrum hin verdichtet sich diese Gemeinschaft beinahe unmerklich: Über dem großen Saal sitzen 16 Dachhauben wie quadratische Waben. Sie sind mit 13 Metern höher als die anderen und markieren dadurch auch von außen deutlich sichtbar die Position des ansonsten vollständig innen liegenden Saals im Gebäude.
Jede der Waben über dem Saal enthält ein Oberlicht, durch das gefiltertes Tageslicht herabfällt. Der Raum soll damit wie eine Lichtung im Wald wirken, in der das Licht im Laufe des Tages immer andere Muster auf den Boden zeichnet – ein Ort der sinnlichen Kontemplation, der sich zudem mit den Landschaften im nahegelegenen Naturschutzgebiet verknüpfe, so die ArchitektInnen von Henning Larsen. Die Lichtdecke über dem Saal ist die einzige Stelle im Gebäude, wo die Konstruktion mit Stahlträgern und Stahlstützen verstärkt werden musste. Ansonsten wird der gesamte Kirchenneubau als Skelettbau aus Brettschichtholz errichtet. Die Wände entstehen als Holzrahmenbauten, die Rippendecken sind aus Furnierschichtholz. Das sorgt für eine erhebliche CO2-Einsparung im Vergleich zu einem konventionellen Stahlbetongebäude.
Ob ich den Entwurf auch als Fortsetzung der jahrhundertealte Tradition von Holzkirchen in Skandinavien verstehen könne, möchte ich von Greta Tiedje noch wissen. Natürlich, sagt sie, aber es sei eben auch eine zeitgenössische Interpretation der Geschichte: "Die Beschäftigung mit der Tradition hat uns inspiriert, Holz zu verwenden, die Wärme des Materials und die Liebe zum handwerklichen Detail bei seiner Bearbeitung zu nutzen." Aber die skulpturale Dachkonstruktion, die benutzbare Regal-Fassade oder die integrierten landschaftlichen Elemente im Innenhof zeigten gleichzeitig die zeitgenössische Fortsetzung der Tradition.
Alles in allem steht der Kirchenneubau in Ørestad damit beispielhaft für eine Architektur, wie wir sie im 21. Jahrhundert erwarten dürfen: Es wird in den kommenden Jahren darum gehen, eine Architektur und entsprechende Bauweisen zu entwickeln, wie wir gleichzeitig den ökologischen und sozialen Ansprüchen unserer Zeit gerecht werden, ohne dabei die Freude an guter Gestaltung zu verlieren. Die umstehenden Ikonen wie das Aquarium oder die Konzerthalle wirken dagegen, obwohl kaum fünfzehn Jahre alt, bereits jetzt wie hoffnungslos veraltete Bauwerke eines vergangenen Jahrhunderts. Ob der Kirchenbau allerdings alle Vorsätze tatsächlich einlösen kann, werden wir nach der Fertigstellung begutachten können – man kommt ja gut hin, insbesondere mit dem Fahrrad oder mit den Öffentlichen.













