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„Effizienter Kochen“ ist der Tenor, mit dem Siemens seine neuen Technologien für die Küche präsentiert. Kochen als Prozess und sinnliche Erfahrung tritt in den Hintergrund bei der Digitalisierung der Küche. Foto © Thomas Edelmann, Stylepark
Küche statt Kochen
von Thomas Edelmann
03.02.2015

In der Küche ist die Hölle los: Alle Bestandteile von den Möbeln über Spüle, Herd und Ofen, Kühlschrank und Dunstabzug werden mehr als je zuvor weiter verfeinert, verbessert, vernetzt. Jedes Ausstattungsdetail nimmt nun Teil am Premium-Wettrennen. Dabei geben nicht länger Funktion oder Alltagstauglichkeit die Richtung vor, sondern ein vermeintliches Optimum und Maximum – und damit neue Ideen der Kundenbindung und Wertschöpfung. Es ist müßig, hier die Sinnfrage zu stellen. Die Living Kitchen 2015 in Köln könnte als eine Messe des Paradigmenwechsels in Erinnerung bleiben. Der Profikoch als ideelles Vorbild des ambitionierten Hobby-Kochs hat abgedankt. Er wird nur noch als Staffage, als Showdarsteller gebraucht, der „amuse gueule“ fürs staunende Messepublikum zubereitet: Ja, tatsächlich Kochen und Backen kann man mit den neuen Küchengeräten auch! Doch Gestaltung und Einrichtung der Küche orientiert sich nicht länger an der Grundausstattung und den Utensilien des Profikochs. Wer einwendet, ein Touchdisplay am Herd lasse sich mit Fingern, die eben noch Teig geknetet oder Gemüse in Scheiben geschnitten haben kaum sicher bedienen, der hat nicht begriffen, für wen die neue Technik konzipiert ist.

SMS vom Herd

Im Zentrum der Bemühungen steht mittlerweile der wohlhabende Koch-Dummie. Ein Mensch, der keine Zeit und noch weniger Lust hat zu Kochen, aber noch eine vage Ahnung davon, dass er es unter anderen Lebensumständen vielleicht doch versuchen möchte, dann aber nur mit einer Technik, die ihm die Arbeit weitgehend abnimmt. Bis zu diesem Tag aber, der womöglich nie kommen wird, möchte er am liebsten seine Tiefkühlpizza so schnell wie möglich und in perfekt gestylter Umgebung auf Touren bringen. Dazu braucht es die neuen Geräte. Auf der Messe sind es nicht so sehr die Küchenmöbel, die Neues verheißen. Die größten Innovationssprünge kommen von den Herstellern der Küchentechnik. So hat Bauknecht eine Studie von der Messe CES aus Las Vegas nach Köln mitgebracht. Sie soll das interaktiv-vernetzte Kochen der Zukunft illustrieren: Auf einem Herd, der gleichzeitig als Bildschirm für Chat-Nachrichten, Induktionsplatte und Datenbank für Rezepte dient (Zitat: „Das Gemüse in gleich große Stücke schneiden und in einen Topf geben.“). Bei den Hauptmarken der Bosch-Siemens-Hausgeräte ist man deutlich weiter. Hier ist Vernetzung bereits Gegenwart. Die Marken Bosch und Siemens etablieren zunächst in ihren Premium-Backöfen und Geschirrspülern der neuen Serien 8 und iQ 700 das Internet der Dinge, weitere Geräte sollen folgen. Die bereits 2014 vorgestellte, markenübergreifende Plattform „Home connect“ samt App für Tablet und Smartphone erlaubt die Fernüberwachung und -steuerung und bietet Rezepte und direkten Kontakt als Service für registrierte Nutzer.

Was bringt das praktisch? Der Ofen lässt sich von unterwegs aktivieren und brät auch wenn niemand zuhause ist, „damit das Hähnchen genau zum richtigen Zeitpunkt schön knusprig wird“. Im Backofen erkennen Sensoren anhand der Luftfeuchtigkeit, wann ein Kuchen fertig ist und melden sich umgehend per SMS. Bislang reichte dazu der direkte Blick in den Ofen. Ein Thermometer mit mehreren Messpunkten sorgt entsprechend für die präzise Zubereitung eines Bratens. Die Spülmaschine gibt Nachricht, sobald Salz oder Klarspüler nachgekauft werden sollten. Eine simple Kontrollleuchte am Gerät tat es bisher auch. Zwangscharaktere können frohlocken: Denn nun ist es möglich, aus der Ferne nachzusehen, ob der Herd tatsächlich ausgeschaltet ist. Noch kann der Kühlschrank zwar nicht selber Lebensmittel bestellen, doch lässt sich von unterwegs nachsehen, ob und was noch einzukaufen ist. Und auch wer wann heimlich genascht hat. So spielerisch der Ansatz erscheint, die Firma Bosch – und mit ihr die eigenen Hausgerätemarken – sehen im Internet der Dinge ein relevantes Geschäftsfeld. Eine Software-Plattform zur Vernetzung der gesamten häuslichen Technik entwickelt Bosch derzeit in Kooperation mit Cisco und ABB. All dies wird mit bewährten Versprechungen von Zeitersparnis und ubiquitärem Handeln („Hausarbeit von überall aus erledigen“) sowie „höchsten Sicherheitsstandards“ beworben. Jedenfalls sind demnächst auch Kühlschrank und Ofen in regelmäßige Update-Routinen einzuplanen.

15 Beheizungsarten

Auch die gestalterische Qualität der Geräte hat durchaus Sprünge gemacht. Die Strukturierung und Menü-Führung bei der Bosch „Serie 8“ ist für Menschen, die täglich mit dem Tablet-Computer umgehen klar und eindrucksvoll. Alle anderen müssen sich daran erst gewöhnen. Robert Sachon, Global Design Director von Bosch, vergleicht die Funktionsfülle, die in den neuen Geräten unterzubringen war mit dem Steuerpult eines Aufnahmestudios. Doch soll der Nutzer möglichst intuitiv die neuen Möglichkeiten der Technik kennenlernen. Ein Kreiselement – es erinnert auf den ersten Blick an das „Auge“ – ein gestalterisches Merkmal von Loewe-Fernsehgeräten – hebt dabei wesentliche Bild- und Textinformationen hervor, seitlich davon werden auf dem Touchdisplay passende Auswahloptionen angezeigt. Modularer Aufbau und gestalterische Abstimmung der Geräte sind gelungen.

Betrachtet man entsprechende Geräte-Serien bei Siemens oder V-Zug, Miele oder Bauknecht, unterscheiden sich die Zutaten aus Metallgriffen, farbigem Glas und Edelstahlelementen kaum, auch wenn das Ergebnis jeweils markentechnische Eigenständigkeit dokumentiert. Miele verkündet, dass die Ausstattung von 3.000 Apartments eines riesigen Golf-Resorts im indischen Gurgaon begonnen habe. Insgesamt werden rund 12.000 Haushaltsgeräte geliefert, der größte Einzelauftrag, den das Gütersloher Familienunternehmen bislang erhielt. Großaufträge dieses Formats machen deutlich, weshalb europäische Maßstäbe sich mitunter relativieren. Das gilt für das 1,22 Meter breite XXL-Gerät, eigentlich für den amerikanischen Markt, das testweise in Köln zu sehen war – vielleicht gibt es auch hier genügend Abnehmer dafür? Auch wenn auf dem heimischen Markt der Dampfgarer als „gut“, die Mikrowelle als „böse“ gelten, wie jüngst die Süddeutsche Zeitung befand, bietet Miele nun – wie andere Hersteller auch –, eine Kombination aus Dampfgarer mit einer Mikrowelle in ein und demselben Gerät an. Ältere HiFi-Freunde mag dies an die historische Debatte erinnern, ob Kompaktgeräte nicht störanfälliger seien als die Kombination modularer Komponenten. Die Mikrowelle integriert V-Zug in seinen bereits mit Umluft versehenen Dampfgarer. Entsprechend den Strategien der Autoindustrie wird dieses Hybrid-Konzept als „Booster“ der Essenszubereitung offeriert. Die Mikrowelle macht neben 15 Beheizungsarten und einem Dampfstoß das Modell iQ 700 von Siemens, zum „schnellsten Backofen, den es je gab“.

Küchen für Veganer

Extreme ganz anderer Art gab es bei der österreichischen Firma Vooking zu bestaunen, die sich an die wachsende Schar all derer richtet, die auf tierische Produkte in der Küche verzichten möchten. Ihr Zubereitungsort besteht aus sieben Grundelementen, aktiven und passiven Zonen. Neben einer Getreidemühle, die auf den ersten Blick aussieht wie ein eingebauter Kaffeevollautomat, gehört dazu ein Arbeitsplatz mit einer Art Küchenorgel, die Behältnisse für Kräuter und getrocknete Zutaten in Griffweite bereithält. Bei Siematic, erstmals seit langem wieder auf der Messe präsent, gab es mit dem Programm „SieMatic 29“ vom Büro Kinzo aus Berlin eine moderne Interpretation des traditionellen Küchenbuffets zu entdecken. Eine ähnlich kompakte Lösung bot Dauphin Home mit seinem Küchenblock, der weniger auf Vollausstattung denn auf ein individuelles Minimal-Arrangement setzt.

Während die chinesischen Architekten Lyndon Neri und Rossana Hu, Gestalter von „Das Haus“ auf der imm cologne, zwar nicht aufs Bad aber gänzlich auf eine Küche verzichteten, erhielt erstmals eine studentische Küche den 1. Preis des „Pure Talents Contest“ der Messe. Mit seinem „Cooking Table“ beschreitet Designer Moritz Putzier analoge Wege. Ähnlich den Visionären von Bauknecht dürfte Ratatouille das ideale Rezept für seinen Steh-Koch-Tisch mit in der Mitte eingehängten Propan-Gaskocher sein. Denn es gibt nur eine einzige Feuerstelle. Ein durchaus realistischer Minimalismus.

Kochen im Museum In der Villa Zanders in Bergisch Gladbach ist auch nach Ende der Messe eine interessante Bestandsaufnahme zum Thema Küche zu sehen. Die Ausstellung „Topf und Deckel – Kunst und Küche“ dokumentiert Exponate aus Malerei, Fotografie, Video und Skulptur bis hin zum Design. Ergänzend werden experimentelle Entwürfe von Studierenden der Köln International School of Design gezeigt. Um Essenszubereitung geht es bei den von Professor Wolfgang Laubersheimer betreuten Projekten zum Thema „Metamorphosen des Lagerfeuers“ logischerweise nur noch am Rande. Die „Fit Cusine“ von Jana Dreyer und Pia-Marie Stute lässt Mucki-Bude und Küche verschmelzen. Kochen und Trainieren fallen zusammen. „Gunfire“ von Patrick Bischinski holt das Lagerfeuer in die Wohnung – mit lauten Gasbrennern, die in einer kompakten Kugel Nahrungsmittel erhitztem. In der Ausstellung und den studentischen Entwürfen ist das Kochen auch als Geruch – „Smellmory“ von Daniel Slowes und Lizbeth Pasqulli oder Geräusch – „The audible Kitchen“ von Angelia Knyazeva – noch gegenwärtig. Und doch wirkt all dies wie ein Fall fürs Museum, Abteilung für ausgestorbene Kulturtechniken.


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Topf und Deckel
Kunstmuseum Villa Zanders
25. Oktober 2014 bis 8. März 2015
www.villa-zanders.de

Die Formel 1 Küche: 15 Beheizungsarten machen das Modell der Serie 8 von Bosch zum „schnellsten Backofen, den es je gab“. Foto © Thomas Edelmann, Stylepark
Robert Sachon, Global Design Director von Bosch, vergleicht die Funktionsfülle, die in den neuen Geräten unterzubringen war mit dem Steuerpult eines Aufnahmestudios.
Foto © Thomas Edelmann, Stylepark
Panasonic präsentiert seine neuen Geräte wie Autohersteller High-Tech-Motoren in ihren Rennboliden. Foto © Thomas Edelmann, Stylepark
Siematic präsentiert mit dem „SieMatic 29"-Programm – entworfen vom Berliner Büro Kinzo – eine moderne Interpretation des traditionellen Küchenbuffet. Foto © Siematic
Eine ähnlich kompakte Lösung bot Dauphin Home mit seinem Küchenblock, der weniger auf Vollausstattung denn auf ein individuelles Minimal-Arrangement setzt. Foto © Dauphin Home
Frei vom digitalen Schnick-Schnack: Designer Moritz Putzier gewinnt mit seinem „Cooking Table“ den 1. Preis des „Pure Talents Contest“ der imm cologne. Foto © Moritz Putzier
„Vooking“, die erste Küche für Vegetarier und Veganer – hier mit integrierter Getreidemühle.
Foto © Michael Liebert
Die „Zutatenorgel“ – eines der sieben Module bei „Vooking“. Foto © Michael Liebert
Die Linie „Neo Salon“ von Nolte wurde von Meiré und Meire gestaltet. Foto © Thomas Edelmann, Stylepark
In der Ausstellung „Topf und Deckel – Kunst und Küche“ der Villa Zanders zeigen Studierende der Köln International School of Design experimentelle Projekte zum Thema Kochen und Küche. Die „Fit Cusine“ von Jana Dreyer und Pia-Marie Stute lässt Mucki-Bude und Küche verschmelzen. Foto © VG Bild-Kunst, Michael Wittassek
Hätte auch von Chuck Norris entworfen sein können: „Gunfire“ von Patrick Bischinski holt das Lagerfeuer in die Wohnung. Foto © VG Bild-Kunst, Michael Wittassek

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