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Gamma 7 – Gamma, Patrick Jouin iD

"Design schafft Ordnung"

Patrick Jouin arbeitet mit international agierenden Unternehmen wie Ligne Roset, Pedrali oder Louis Vuitton. Parallel ist seine Arbeit in Paris auf einer anderen Ebene präsent: im Stadtraum selbst. Was das bedeutet, erklärt er uns im Interview.

Robert Volhard: Patrick, wir sind hier in Paris – als Designer prägst du den Raum der Stadt mit: Die Gestaltung vieler Taxischilder, öffentlicher Toiletten sowie die Beschilderung in der Metro wurde in deinem Büro entwickelt. Viele dieser Dinge nimmt man kaum bewusst wahr. Wie fühlt es sich an, den eigenen Entwürfen im Alltag immer wieder zu begegnen?

Patrick Jouin: Besonders auf das Taxischild bin ich sehr stolz. Solche kleinen Elemente tragen zur Schönheit einer Stadt bei und schaffen Ordnung innerhalb der Unordnung. Beides ist notwendig. Wenn alles von einer einzigen Person gestaltet würde, wäre das schrecklich – unmenschlich sogar, fast wie eine übersteigerte Vision von Le Corbusier. Das Leben in der Stadt ist komplex. Wir brauchen innerhalb dieser urbanen Unordnung Strukturen, die Orientierung geben und Identität schaffen. Stadtmöbel oder Taxischilder sind nicht nur funktional oder ästhetisch – sie stiften Zugehörigkeit und letztlich auch sozialen Frieden. Diese soziale und politische Dimension von Design ist mir sehr wichtig. Wenn die Metro Menschen effizient transportiert, dann muss auch ihr Umfeld von hoher Qualität sein.

Dein Studio Patrick Jouin ID bewegt sich an der Schnittstelle von Produktdesign, Innenarchitektur und Architektur. Wie prägt dieser multidisziplinäre Ansatz deine gestalterische Handschrift?

Patrick Jouin: Für mich existieren zwischen diesen Disziplinen keine wirklichen Grenzen. Alles beginnt beim Menschen. Ich arbeite mit einem humanistischen Ansatz, der an das Denken der Renaissance erinnert. Es geht immer um menschliche Bedürfnisse: berühren, sehen, schlafen, essen. Räume sind im Grunde eine Verlängerung des Körpers – deshalb ist für mich alles gleichwertig und miteinander verbunden.

Patrick Jouin und Robert Volhard im Gespräch

Seit 2006 betreibst du zusätzlich zum Studio Patrick Jouin ID mit dem kanadischen Architekten Sanjit Manku das Studio Jouin Manku. Mit rund 50 Mitarbeitenden realisiert ihr Projekte wie die Umgestaltung des Bahnhofs Montparnasse in Paris, die Renovierung von La Mamounia in Marrakesch oder die behutsame Neugestaltung des Ayat Park Hotels in Tokio von Kenzo Tange, das im Film "Lost in Translation" zu sehen ist. Das Gebäude habt ihr vollständig erneuert, ohne seinen Charakter zu verändern.

Patrick Jouin: Genau. Die DNA des Hauses war unantastbar – der Turm ist ikonisch, auch durch den Film. Das Hotel besitzt eine besondere Atmosphäre, die wollten wir unbedingt bewahren. Alles andere konnten wir verändern. Der ursprüngliche Entwurf ist stark von der Moderne geprägt, sehr kühl. Ich selbst bin kein Modernist: Ich schätze den Funktionalismus, aber lege Wert auf die Sinnlichkeit. Menschen wollen Dinge berühren und sich wohlfühlen. Das fehlte im Entwurf von Kenzo Tange. Wir haben also die DNA beibehalten, aber diese menschliche Ebene ergänzt. Das hat sehr viel verändert.

Wie bringst du diese Vielzahl an Projekten unter einen Hut? 

Patrick Jouin: Ich habe ein sehr gutes Team. Die eigentliche kreative Phase macht vielleicht zehn Prozent der Arbeit aus, danach beginnt die Entwicklung. Ich brauche die Vielfalt unterschiedlicher Maßstäbe. Wenn ich nur ein Projekt hätte, würde ich es wahrscheinlich aufschieben – viele Projekte hingegen aktivieren mich.

Bayerischer Hof Hotel, Agence Jouin Manku
Bayerischer Hof Hotel, Agence Jouin Manku

In München habt ihr unter anderem im Bayerischen Hof gearbeitet. Was genau war das Projekt?

Patrick Jouin: Das liegt mittlerweile einige Jahre zurück. Ich habe dort eine Etage sowie eine Bar gestaltet – inklusive Kamin. Es war mein erster bewusster Einsatz von Farbe in diesem Kontext. Die Bar ist in Grüntönen gehalten, außerdem habe ich Porzellan verwendet, weil dieses Material in München eine besondere kulturelle Bedeutung hat. Das Projekt entstand in enger Zusammenarbeit mit Innegrit Volkhardt aus der Eigentümerfamilie. Sie ist eine außergewöhnliche Persönlichkeit, und gemeinsam konnten wir diese Idee realisieren.

Seit vielen Jahren arbeitest du zudem mit dem Koch Alain Ducasse zusammen. Eines deiner aktuellen Projekte ist die "Maison du Peuple" in Paris – ein gastronomisches Zentrum mit Manufakturen für Schokolade, Kaffee, Eis und Gebäck sowie einem öffentlich zugänglichen Speisesaal und einer kulinarischen Residenz. Wie ist der aktuelle Stand?

Patrick Jouin: Das Projekt ist fast abgeschlossen. Der Bau wird im Juli übergeben, anschließend beginnt der Innenausbau. Anfang nächsten Jahres soll alles fertiggestellt sein – Büros, Manufakturen und Gastronomie. Es ist ein äußerst spannendes Projekt.

Was ist dein persönliches Highlight daran?

Patrick Jouin: Es geht um die Renovierung eines historischen Denkmals. In Frankreich wird ein solches Gebäude von spezialisierten ArchitektInnen betreut – in diesem Fall Perrot & Richard Architectes. Jouin Manku verantwortet alles, was neu im Inneren integriert wird. Unser Konzept ist, das Denkmal selbst so gut wie nicht zu berühren. Alles, was wir einbauen, kann in 50 Jahren wieder entfernt werden, ohne das Gebäude zu beschädigen. So bleibt dieses bedeutende Werk von Eugène Beaudouin, Marcel Lods, Vladimir Bodiansky und Jean Prouvé dauerhaft erhalten.

Peak Lounge, Park Hyatt Tokyo by Jouin Manku
Vorschau: Maison du Peuple Studio

Dein Möbeldesign zeichnet sich darüber hinaus durch starke Intuition und Emotionalität aus, wie mit Blick auf den neuen Stuhl "Karen" für Ligne Roset.

Patrick Jouin: Absolut. Ein Stuhl muss zuerst körperlich überzeugen. Sitzt man im Restaurant schlecht, nützt das beste Essen nichts. Gestaltung findet nicht nur über das Auge statt, sondern über den Körper. Design ist für das Gefühl gemacht, nicht allein für den Blick. Es ist zutiefst menschenzentriert.

Dennoch fragt man sich: Es gibt doch schon so viele Stühle – warum überhaupt noch neue entwerfen?

Patrick Jouin: Brauchen wir sie? Nein. Und gleichzeitig doch. Sonst hätten wir in der Renaissance aufgehört, Stühle zu entwerfen. Wir Menschen müssen uns ausdrücken. Wir müssen handeln, arbeiten, etwas tun. Deshalb sind wir nie fertig.

Du hast einmal gesagt, du träumst davon, ein komplettes Haus zu gestalten. Wie sähe dieses Traumhaus aus?

Patrick Jouin: Es wäre ein Haus ohne Grenzen zwischen Architektur, Innenraum und Möbeln. Alles wäre aufeinander abgestimmt, jede Bewegung bewusst gestaltet – wie ein Filmset, in dem jede Perspektive einen perfekten Moment erzeugt. Es geht darum, Lebensqualität zu gestalten: für eine Familie, für echte Begegnungen. Glück ist nicht einfach zu kreieren, aber Gestaltung kann helfen, ihm Raum zu geben.

Van Cleef & Arpels Seoul Maison, Studio Jouin Manku
Van Cleef & Arpels Seoul Maison, Studio Jouin Manku
Van Cleef & Arpels Seoul Maison, Studio Jouin Manku