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Nickerchen gefällig?
von Nina Reetzke | 27.11.2010

Eine gepflegte Siesta hat Stil - zumindest in den Ländern des Mittelmeerraums. Auf ein gutes Mittagessen folgt ein kleines Schläfchen. Das turbulente Tagesgeschehen kommt zur Ruhe, ganze Städte fallen in den Dornröschenschlaf. Je nach Vorliebe legt sich der eine dazu auf eine Korbliege im Garten, idyllisch neben Obstbäume, Gewürzsträucher und Blumenstauden, blinzelt kurz etwas in die Sonne und lauscht dann im Halbschlaf dem Zwitschern der Vögel. Andere wählen als Ruhestatt ein kuscheliges Sofa im schattigen Wohnhaus, ausgestattet mit vielen Kissen und einer dünnen Baumwolldecke, es ist nichts weiter zu hören als das leise Rauschen des Ventilators. Spätestens nach ein bis zwei Stunden stehen alle wieder auf: Jeder geht zurück an seinen Arbeitsplatz, die Städte erwachen wieder zum Leben - der Tag beginnt ein zweites Mal.

Siesta, Mittagsschlaf, Nickerchen, Powernapping, Schönheitsschlaf - viele Worte gibt es für den Schlaf am Tag. In Südeuropa, den Vereinigten Staaten und fernöstlichen Ländern wie China und Japan genießt der Mittagsschlaf einen guten Ruf. Leider ist das nicht überall so - in vielen Regionen, auch in Deutschland, ist der Mittagsschlaf gelinde gesagt, wenig akzeptiert, ja verpönt. Zugestanden wird er hierzulande nur Kindern, Kranken und Alten. Unter dem arbeitenden Teil der Bevölkerung gilt es als Zeichen der Schwäche, tagsüber zu schlafen. Doch warum sollten nicht auch die Gesunden, Starken und Leistungsfähigen zusätzliche Kraft schöpfen? Länder wie Italien, Frankreich und Spanien machen es vor, und auch wissenschaftlich gilt es als erwiesen, dass eine Ruhepause am Nachmittag die Leistungsfähigkeit erhöht. Der Körper entspannt, der Kopf wird frei - und vielleicht beflügelt den Schlafenden auch der eine oder andere süße Traum.

Der arbeitende Teil der Bevölkerung muss für die Siesta nicht unbedingt nach Hause gehen. Inzwischen haben einige Unternehmen und Behörden in ihren Büros Ruhebereiche eingerichtet, für deren Ausstattung es ein breites Sortiment an teilweise äußerst skulpturalen und gleichzeitig bequemen Liegen gibt. Bei erstaunlich vielen dieser Loungemöbel folgt die Form jener geschwungenen Linie, die für Menschen mit Durchschnittsmaßen die vermeintlich komfortabelste Position beim Liegen auf dem Rücken abbildet - sofern sie nicht lieber auf der Seite oder dem Bauch schlafen. Am bekanntesten ist wohl die Liege „LC4" von Le Corbusier, gefolgt von Klassikern wie dem „PK24" von Poul Kjaerholm und jüngeren Entwürfen wie dem „LL04" von Maarten van Severen. Manche dieser Liegen lassen sich alternativ in zwei unterschiedlichen Winkeln aufstellen, man kann also von der Sitzposition in die Liegeposition wechseln, wie bei der „MvS Chaise" auch von Maarten van Severen, vorausgesetzt man vertraut darauf, nicht zusammen mit der Liege umzukippen. Es gibt jedoch auch zahlreiche Liegen mit einer geraden Fläche und einer mehr oder weniger verstellbaren Lehne, wie zum Beispiel die „PP 524" von Hans Wegner oder „Club" von Piero Lissoni. Formal erscheinen sie vielleicht weniger interessant als geschwungene Chaisen, dafür erweisen sie sich auch für besonders kleine und große Menschen als bequem und lassen mehr Liegepositionen zu. Interessanterweise sind einige der Produkte mit Rädern ausgestattet, besonders prominentes Beispiel ist der „F41" von Marcel Breuer. Wobei man sich gelegentlich fragt, ob die Räder als dekoratives Element, zum besseren Verschieben des Möbels oder zum Abtransport der Schlafenden in Richtung Bett dienen sollen. Nicht zu vergessen die Outdoor-Versionen für die Sonnenterasse wie die „Outdoor Chaise Longue" von Richard Schultz, „Leaf" von Lievore Altherr Molina oder „Shadowy Sunny Longer" von Tord Boontje, der sogar mit einem Sonnendach ausgestattet ist.

Powernapping war auch Thema auf dem diesjährigen Orgatec-Stand von Vitra. Der Designklassiker „Soft Pad Chaise" von Charles&Ray Eames wurde extra für die diesjährige Kölner Büromöbelmesse von Antonio Citterio - als Italiener kennt er sich mit dem Thema gut aus - mit einer Kopfhaube ähnlich eines Minizelts und einem Deckchen mit der Beschriftung „15 Minutes Power Nap" ausgestattet. Die „Soft Pad Chaise" entwarf das Ehepaar Eames ursprünglich für ihren Freund Billy Wilder - auch die Amerikaner schätzen ja traditionell die Wirkung des leistungssteigernden Powernaps. Der Hollywoodregisseur wollte eine Liege für kurze Nickerchen im Büro, die jedoch nicht länger als zwanzig Minuten dauern sollten. Die Liege ist mit 45 Zentimetern so schmal gestaltet, dass in der Rückenlage durch die zunehmende Entspannung des Körpers im Schlaf nach etwa zwanzig Minuten die Hände herunter fallen, wodurch der Schläfer von selbst wieder aufwacht. Charles Eames hatte ein Exemplar der „Soft Pad Chaise" übrigens auch in seinem eigenen Büro stehen. Die Haube von Antonio Citterio ist nicht für die Serienproduktion gedacht, sondern verleiht dem Möbel den Charakter einer Installation. Während im Erdgeschoss des Messestands die „Soft Pad Chaise" in der Citterio-Variante von allen Besuchern getestet werden konnte, stand sie im ersten Stock hinter einer Glasscheibe inszeniert in einem „Silence Room" zwischen Rosmarinpflanzen, Sträuchern und Bäumen - fast wie in einem südländischen Garten.

Als besonders charmant erweist sich eine andere Kategorie von Schlafstühlen. Die Dimensionen von Sitzfläche, Rücken- und Armlehnen fallen bei diesen Exemplaren so groß aus, dass man sich im Stuhl - einer Katze gleich - zusammenrollen kann. Die Ruhestatt muss natürlich weich und einladend wirken, wobei sie gelegentlich direkt an das eine oder andere gefaltete Bettzubehör erinnert. Um der zentralen Sitz- beziehungsweise Liegefläche formal nicht die Schau zu stehlen, fällt das Stuhluntergestell meist eher dezent aus. Der „Sleepy Chair" der japanischen Architekten Daisuke Motogi erinnert beispielsweise an eine mehrfach zusammengeklappte Matratze, die auf kleinen Holzfüßchen lagert. Die englische Designerin Charlotte Kingsnorth experimentierte für „Felt Up" mit gefaltetem Filz und lässt ihn auf einem Gestell aus gebogenem Stahlrohr ruhen. Die gepolsterte Schale des „Dancing Chair" der Französin Constance Guisset präsentiert sich auf einem krinolinenförmigen Schaukelgestell. Und für den, der den Platz dafür hat, bleibt schließlich auch noch das veritable „Daybed", stamme es von Mies van der Rohe, George Nelson oder - gerade wieder aufgelegt ¬- aus der Ideenschmiede von de Sede.

Es kann wohl nicht darum gehen, die ganze Welt zur Siesta bekehren zu wollen. Auch wenn es unterhaltsam ist, sich vorzustellen wie es wäre, wenn alle Länder der Erde - Zeitzone für Zeitzone - jeden Mittag für ein bis zwei Stunden in Schlaf versinken würden, zumindest teilweise. Doch wie wir alle wissen, fühlen sich die einen durch ein Nickerchen erfrischt, andere jedoch eher zerschlagen. Idealerweise hätte jeder Mitarbeiter, egal in welchem Land er nun arbeitet, die Möglichkeit, sich je nach der eigenen Befindlichkeit dreißig Minuten pro Tag Zeit für ein Powernap nehmen zu können. Bis diese Idee Wirklichkeit wird, bleibt nur eines: der Traum des Arbeitenden von einer Korbliege am Mittelmeer.

Produktübersicht zu Liegen/Chaiselongues

Daisuke Motogi Architekten: dskmtg.com
www.charlottekingsnorth.com
www.constanceguisset.com

Vitra Stand Orgatec 2010, Photographer Eduardo Perez © Vitra (www.vitra.com)
Dancing chair von Constance Guisset, Foto: Ribon
Sleepy Chair von Daisuke Motogi Architecture
Vitra Stand Orgatec 2010
Soft Pad Chaise, Charles & Ray Eames © Vitra (www.vitra.com)
Vitra Stand Orgatec 2010, Photographer Eduardo Perez © Vitra (www.vitra.com)
Dancing chair von Constance Guisset, Foto: Ribon
Felt Up von Charlotte Kingsnorth

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