Transformation als Methode
"Die Dinge sind aktuell austauschbar, werden schnell, auch durch die digitale Welt bedingt. Ich denke, wir befinden uns gerade in einer transitorischen Zeit und dazu passen Übergangsräume", so Olaf Holzapfel. Für die Schirn Kunsthalle hat er eine begehbare Skulptur geschaffen, die im öffentlichen Hof der ehemaligen Dondorf Druckerei vor der Halle 2 in die Höhe gebaut ist. "Parlament" stellt traditionelle Gewerke zur Schau: Das Flechten von Weiden, das Decken eines Reetdachs, das Zimmern eines Fachwerks. Analoge Fertigkeiten, die selbst in digitalen Zeiten ihre Modernität nicht eingebüßt haben und eine eigene Sprache bieten, die auf unserer Kultur und Gemeinschaft basiert.
Die akkurat angeordneten Zweige, Halme und Balken der handwerklichen Musterbeispiele zeigen trotz ihrer festen Strukturen im Gefüge einen individuellen Ausdruck. Teils miteinander verbunden, teils frei sind die Komponenten übereinander angeordnet, so dass sie in Richtung der stark befahrenden Straße einen Sicht- und Lärmschutz bieten, während sich die ovale Form zum Museum hin öffnet. Platz nehmen darf man im "Parlament" auf einem sieben Meter langen Fichtenstamm. Eine Loggia des Handwerks, die mitten im Stadtraum eine Plattform für die Gemeinschaft bietet. Das Zusammenwirken der natürlichen Materialien ist dabei ein Angebot, uns auf die Wurzeln zu besinnen, die unsere Kulturen auszeichnen. "Frankfurt am Main ist eine Stadt des Handels und im 'Parlament' geht es auch um eine Handlung. Ebenso sind die Dinge in gewisser Weise eine Verhandlung, die wir mit der Hand und den Materialien ausdrücken.", sagt er. Gleichwohl bietet die Skulptur einen Platz, um über unsere gemeinsamen Aufgaben als Gesellschaft zu diskutieren: Wie können wir uns neu verbünden? Wie unsere Fertigkeiten in die Zukunft tragen? Wie den Prozess gestalten?
Einen Fingerzeig bietet der Titel des Werks, den Olaf Holzapfel auch mit Blick auf das Buch "Das Parlament der Dinge. Für eine politische Ökologie" des Soziologen und Philosophen Bruno Latour gewählt hat. "Die Dinge, die Gegenstände, die Materialien sind demzufolge Teil unseres Diskursraums und HandwerkerInnen transformieren diesen.", so Holzapfel. In der abstrakten Ästhetik des Flechtens, Anordnens und Zusammenfügens sind wie in der Metapher von Latour die Verbindungen zwischen Mensch, Technik und Natur ablesbar. Die Dinge werden in den demokratischen Diskurs miteinbezogen. Ein Gegenentwurf zur anthropozentrischen Sichtweise, in der sich der Mensch als Mittelpunkt aller Prozesse versteht.
Die Zeit für den Austausch im Parlament ist indes begrenzt, denn wie der Mensch selbst ist auch die Materialität der Skulptur vergänglich. Ihr Platz im Interimsquartier der Schirn Kunsthalle im Stadtteil Bockenheim wurde zudem vorerst auf zweieinhalb Jahre bestimmt. Der künstlerische Impuls von Olaf Holzapfel unterstreicht so auch die Dringlichkeit eines Miteinanders im Prinzip der Gegenseitigkeit, in Frankfurt am Main und über die Grenzen hinweg.






