Die Agentinnen der Stadt
Andrea Eschbach: Sie bezeichnen sich auf Ihrer Website als "Agenten in der Stadt". Was meinen Sie damit?
Shadi Rahbaran: Wir verstehen darunter eine Haltung von Verantwortung: Wir sollten uns bewusst sein, was wir bauen und welche Wirkung Architektur auf die Stadtgesellschaft hat. Als wir unser Büro vor über zehn Jahren gegründet haben, hat sich dieser Begriff für uns richtig angefühlt. Er hat sich im Laufe der Zeit weiterentwickelt, aber grundsätzlich geht es im Kern darum, jedes Projekt weiterzudenken: Mit wem bauen wir? Was heisst das für den Ort? Was ist die spezifische Qualität, die wir hinzufügen können?
Ursula Hürzeler: Als Agentinnen wollen wir mehr, als nur ein Wettbewerbsprogramm abbilden. Diese enthalten häufig nur die Nutzungen, die konkreten Anforderungen an das Gebäude. Uns interessiert aber, welche gesellschaftlichen Möglichkeiten man zusätzlich schaffen kann – etwa gemeinschaftliche Räume oder Orte für unterschiedliche Gruppen von NutzerInnen. Das wird selten so bestellt, ist aber zentral für die Qualität eines Projekts.
Shadi Rahbaran: Wir versuchen in frühen Phasen möglichst offen zu denken und verschiedene Optionen auszuloten. Der Ort spielt in dieser Phase eine zentrale Rolle. Durch diese Offenheit entstehen oft kleine Entdeckungen, die dann das ganze Projekt tragen. Wenn wir uns in einer frühen Phase unsicher sind, wie wir ansetzen sollen, hilft es fast immer, uns den Kontext sehr genau anzusehen – die Menschen, die Umgebung, die Geschichte.
Sie haben Ihr Büro 2013 gegründet. Es gibt nicht allzu viele junge Architektinnen, die ein Büro gründen. Wie war Ihr Weg?
Ursula Hürzeler: Ich wollte immer ein eigenes Büro, aber es hat gedauert, bis die Konstellation stimmte. Und es ist richtig, viele Schritte im Leben fallen in denselben Lebenszeitraum: zwischen 30 und 40 Jahren. Genau dann entscheidet man sich für ein eigenes Büro – und gleichzeitig steht die Familienplanung an. Der Beruf ist sehr intensiv. Die Branche ist zudem sehr wettbewerbsgetrieben und nach wie vor männlich geprägt. Das erfordert viel Energie und Zeit, sich da durchzusetzen. Und in unserer Branche herrschen weiterhin Arbeitsbedingungen, die schwer mit dem Wunsch nach besseren Work-Life-Balancen vereinbar sind.
Shadi Rahbaran: Dazu kommt, dass die strukturellen Probleme bestehen bleiben. Es herrscht ein enormer Druck in der Branche: AuftraggeberInnen verlangen viel, Nachhaltigkeit wird gefordert, alles soll schnell gehen und gleichzeitig perfekt sein. Außerdem gibt es immer noch das Gefühl, Männer arbeiteten "verlässlicher" oder "schneller" – ein veraltetes, aber hartnäckig wirkendes Narrativ.
Ursula Hürzeler: Vorbilder sind wichtig. Viele Projektabläufe sind heute komplexer, aber gleichzeitig gibt es zu wenig sichtbare Beispiele von Architektinnen oder gemischten Teams. Das ändert sich, aber langsam.
Ihr Portfolio ist unglaublich vielfältig – von experimentellen und öffentlich-institutionellen Projekten bis hin zu urbanen Strategien, Rauminstallationen und Ausstellungs-Szenografie. Was verbindet all diese Projekte?
Shadi Rahbaran: Die Raumszenographie ist uns sehr wichtig – ob Enfilade, Cross-Views oder die Betonung der Diagonalen. Wir haben großen Spaß, neue Lösungen zu erfinden, etwas anders zu machen als vorhergesehen.
Ursula Hürzeler: Im Entwurf dreht sich häufig alles um Bewegungen im Raum und Beziehungen zwischen Räumen – innere Durchlässigkeit, Übergänge zwischen innen und aussen, Proportionen, Lichtführung, Materialien. Für uns ist Architektur immer mit Menschen verbunden: Wie nehmen sie Räume wahr? Wie fühlen sie sich darin? Das ist keine rein konzeptionelle Übung – der Raum muss am Ende funktionieren.
Ihr Team scheint dabei eine große Rolle zu spielen.
Shadi Rahbaran: Ja, wir arbeiten intensiv im Team und haben MitarbeiterInnen aus vielen Ländern mit unterschiedlichen Ausbildungswegen. Diese Vielfalt ist wertvoll und stärkt die Vision des Büros.
Ursula Hürzeler: Wir fordern uns gerne selbst heraus und auch das Team. Das verhindert, dass wir einfach wiederholen, was schon einmal funktioniert hat. Unterschiedliche Perspektiven bringen neue Zugänge hervor. Das motiviert uns sehr.
Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich in den letzten zehn Jahren verändert. Inwiefern betrifft das die Architektur?
Ursula Hürzeler: Sehr stark. Nicht nur in Bezug auf Nachhaltigkeit oder Klimafragen, sondern auch sozial. Die Bedürfnisse der NutzerInnen haben sich verändert, aber die Räume hinken oft hinterher. Viele Programme bilden gesellschaftliche Realitäten nicht ab – etwa gemeinschaftliche Räume, flexible Nutzungen oder Orte, die verschiedene Lebensmodelle ermöglichen.
Shadi Rahbaran: Themen wie Bestand, Verdichtung, Reduktion und Transformation spielen für uns eine wichtige Rolle. Wenn wir entwerfen, versuchen wir stets, sie mitzudenken.
Reduktion stand schon 2018 bei Ihrem "Movable House" im Vordergrund.
Ursula Hürzeler: Genau. Das "Movable House" ist ein Experiment, ein Haus in Bewegung. Das für eine Familie realisierte Wohnhaus hat einen minimalen Flächen- und Materialverbrauch. Es lässt sich in sehr kurzer Zeit aufbauen, rückbauen und wiederverwenden.
Shadi Rahbaran: Es ist ein Haus ohne Ort. Es ist nicht für einen bestimmten Standort entwickelt, sondern soll an verschiedenen Orten und auf Zeit umsetzbar sein. Ziel des Pilotprojektes war das Ausloten von statischen und bauphysikalischen Grenzen und der Einsatz von neuen Materialkombinationen.
Ist das Haus aus seinem Hinterhof im schweizerischen Riehen schon einmal ausgezogen?
Ursula Hürzeler: Nein, noch nicht. Im Moment fühlt sich die Familie mit ihren zwei Kindern sehr wohl in dem Haus. Aber es liegt in der Natur der Sache, dass sich die Bedürfnisse der BewohnerInnen ändern werden. Diesem Umstand wollten wir Rechnung tragen und haben das Gebäude flexibel gedacht.
"Keeping what’s good" lautet einer Ihrer Grundsätze. Was meint das genau?
Ursula Hürzeler: Wir streben bei der Arbeit mit dem Bestand Lösungen an, die mit und nicht gegen das bestehende Objekt arbeiten.
Wie in der Renovierung und Erweiterung der Hebelschule in Riehen, wo Sie 2023 den Wettbewerb für sich entschieden haben.
Shadi Rahbaran: Ja, in unserem Wettbewerbsbeitrag werden die 12 bestehenden Klassen um weitere 12 erweitert, während der denkmalgeschützte Teil des Schulhauses erhalten bleibt und die Hebelmatte weitgehend freigehalten wird. Es war uns wichtig, diesen grünen Aussenraum zu erhalten. Ein Neubau hätte diesen Raum zerstört. Stattdessen haben wir aufgestockt und ergänzt. Das war statisch anspruchsvoll, aber gemeinsam mit guten IngenieurInnen möglich. Die Jury fand diesen Ansatz überzeugend, auch für das Quartier war er zentral. Dies zeigt auch wieder, dass Wettbewerbe offen formuliert sein sollten, damit alternative Lösungen Raum bekommen.
Ein weiteres Thema Ihrer Arbeit ist Dichte. Um Verdichtung ging es beispielsweise auch im Projekt Colmi. Hier ist in einem Basler Hinterhof ein dichtes städtisches Ensemble aus Wohnen, Kleingewerbe und Ateliers entstanden.
Ursula Hürzeler: Wir haben die neuen Wohn- und Arbeitsräume entlang der bestehenden Hofmauern angeordnet und sowohl als Umnutzungen der bestehenden Strukturen, wie auch als ergänzende Neubauten konzipiert. Die räumliche und soziale Mitte des Projekts bildet der gemeinschaftliche Hof, der allen MieterInnen gleichermaßen zur Verfügung steht und als Treffpunkt dient. Wir haben das Areal maximal ausgenutzt, ohne jedoch den Hofgarten zuzubauen, sondern ihn im Gegenteil freizuspielen. Unser Ziel war es, einen Ort für ein Miteinander zu schaffen. Das ist gelungen, inzwischen gibt es sogar einen Gruppen-Chat der BewohnerInnen.
Wie viel Dichte ist dicht genug?
Ursula Hürzeler: Der Ausdruck "Dichtelust", der von einer Ausstellung im SAM Schweizerischen Architekturmuseum in Basel stammt, gefällt uns sehr. Dichte ist in der Schweiz oft negativ besetzt. Dabei gibt es zahlreiche Beispiele für sinnvolle städtische Verdichtung, um die Attraktivität des urbanen Zusammenlebens zu fördern.
Shadi Rahbaran: Dichte kann sehr gut funktionieren, wenn die Qualität stimmt. Gute gemeinschaftliche Räume sind entscheidend. Die Wohnfläche pro Person steigt aber kontinuierlich – das verschärft den Wohnraummangel. Kleinere Wohnungen mit hochwertigen, geteilten Räumen wären für viele attraktiver als große Einheiten, die oft nicht leistbar sind.
Ursula Hürzeler: Viele Menschen – Singles, ältere Menschen – bräuchten kleinere, gut gestaltete Wohnungen plus gemeinschaftliche Räume. Aber der Markt produziert nach wie vor Standardgrundrisse. Die Realität hinkt den Bedürfnissen hinterher.
Shadi Rahbaran: Wir haben mit dem "Movable House" eine Ergänzung für die BewohnerInnen im Hinterhof der Eltern gebaut – eine Art "Stöckli" für die Jungen. Es ist ein Projekt, das zeigt, wie man auf begrenztem Raum zusätzliche Wohnmöglichkeiten schaffen kann, ohne große Ressourcen. Solche kleinen punktuellen Verdichtungen könnten in vielen Quartieren viel bewirken.
Seit Sommer 2025 leiten Sie gemeinsam das Institut für Architektur der Fachhochschule Nordschweiz in Basel. Zuvor haben Sie dort als Duo Entwurf und Konstruktion gelehrt. Wie wirkt die Arbeit mit Studierenden auf Ihre eigene Praxis zurück?
Ursula Hürzeler: Der Austausch mit den Studierenden ist enorm wichtig. Sie bringen Energie und Neugier mit, sind getrieben von dem Wunsch, etwas zu verändern – und sie haben noch keine Ermüdungserscheinungen. Wir lernen viel gemeinsam – über neue Materialien, nachhaltige Bauweisen, neue Lebensformen, die Lust am Experiment. Die Hochschule bietet einen guten Gegenpol zur oft trägen Bauwirtschaft. Dort sieht man, wohin sich die Architektur entwickeln könnte.
Shadi Rahbaran: Interessanterweise geht es in den Ausbildungsstätten viel rascher in die Zukunft als in der Branche selbst.
Worum geht es in der Lehre?
Shadi Rahbaran: Wir haben eine dreijährige Themenfolge entwickelt. In diesem Jahr geht es um "Transformation", nächstes Jahr mit "Staying Cool" um klimatische Veränderungen sowie darum, wie man aus der Vergangenheit lernt und Gebäude als Teil ökologischer Kreisläufe betrachtet. Die Hochschule soll ein gemeinsames Labor sein, vom ersten Studienjahr bis zum Master.
Nochmals zurück zur Praxis: Derzeit widmen Sie sich dem Thema Transformation im großen Massstab – mit der Entwicklung eines ehemaligen Industrie-Areals in Sachseln.
Ursula Hürzeler: Auch in grösseren Projekten – wie aktuell in Sursee – versuchen wir, bestehende Qualitäten zu respektieren und zu stärken. Wir arbeiten dort mit einer Idee aus zwei Bereichen: eine dichte "Werkgasse" vorne und eine offene "Gartenstadt" dahinter. Dieses räumliche Aufladen schafft Charakter. In Sachseln geht es um echte Transformation: bestehende Substanz weiternutzen, Identität erhalten und gleichzeitig neue Wohn- und Arbeitsformen ermöglichen.
Was macht Transformationsprojekte für Sie interessant?
Shadi Rahbaran: Sie sind komplex, aber überschaubar. Man kann gezielt eingreifen, ohne Identität zu zerstören.
Am Ende geht es also immer um das Zusammenspiel aus Raum, sozialem Kontext und NutzerInnen?
Ursula Hürzeler: Ja. Architektur entsteht in langen, komplexen Prozessen mit vielen Beteiligten: Team, FachplanerInnen, Bauherrschaften, Behörden. Es braucht Dialog und Ausdauer – aber nur so gelingt es, gestalterische Qualität nicht zu verlieren und gleichzeitig realisierbar zu bleiben.
















