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Rückkehr des Rasters
von Markus Frenzl | 03.08.2010

Kantig, eckig, orthogonal, nüchtern, emotionslos - Systemmöbel, die ab den fünfziger Jahren zum Ausdruck des funktionalistischen Designs wurden, verkörperten all das, was Funktionalismuskritiker zutiefst verabscheuten. Es waren strenge, vernunftbetonte Entwürfe, die Seriosität demonstrieren wollten, sich unterordnen und einfügen, zurückhalten und still ihre Arbeit verrichten, die aber als „gute Form" immer auch ein wenig moralische Überlegenheit demonstrierten. An der Hochschule für Gestaltung in Ulm wurden Ideen wie Modularität, Stapelbarkeit oder Multifunktionalität erstmals umfassend analysiert und in mehr oder weniger funktionale Produkte überführt. Es entstand der Begriff des „Systemdesigns", der heute mit Ulmer Größen wie Hans Gugelot verknüpft wird. Und es entstand das Bild einer normierten, standardisierten und geradlinigen Designwelt, deren angebliche Spaßfreiheit die ideale Angriffsfläche für die Funktionalismuskritik bot: Alles nur graue Würfel! Zwar verschwanden Systemmöbel selbst mit der Postmoderne nie ganz von der Bildfläche, doch aus der Mode gekommen waren sie im Avantgardedesign der letzten Jahrzehnte allemal: Wer hatte sich nicht irgendwann an Büros mit USM Haller-Interieurs satt gesehen? Und wer wollte sich noch wie in den siebziger Jahren Flötotto-Profilsystem-Landschaften zusammenstellen?

Seit kurzem aber kehren Raster, Geradlinigkeit und Systemmöbel mit Macht zurück. Ebenso wie die Ulmer Entwürfe erst im Kontext von Nierentisch und Blumendekor als Avantgarde gelten konnten, wirken vernünftige Systemmöbel in einer Zeit der divenhaften Einzelstücke nun wieder wie bewusste Gegenentwürfe. Und so war es ein cleverer Schachzug, dass Stefan Diez kürzlich ausgerechnet für die Kollektion von Established & Sons, die bisher vor allem aus prägnanten Solitären bestand, das modulare Regalsystem „New Order" entwarf, das in diesem Kontext als durchdachter und bescheiden zurückhaltender Entwurf auffallen konnte. Auch Naoto Fukasawa präsentierte im Frühjahr ein modulares „Shelving System" für Artek, mit dem er sich nach eigener Aussage auf die Ästhetik von Bauklötzen bezieht. Die „Surface"-Beistelltische des Belgiers Vincent van Duysen für B&B Italia erinnern mit grafischer Strenge an Mondrian-Raster oder die Möbelentwürfe Donald Judds und vermitteln mit ihren fein austarierten Proportionen und Materialkombinationen tatsächlich viel der einstigen Werte funktional reduzierter Gestaltung. Der Finne Mika Tolvanen entwickelte mit „Jono" für Zanotta ein schlichtes Regal- und Aufbewahrungssystem aus Stahlblech, dessen Einzelmodule sich mit Magneten verbinden lassen und so sowohl lineare als auch „inselartige" Formationen ermöglichen.

Immer mehr Nachwuchsdesigner befassen sich wieder mit Systemmöbeln und modularen Strukturen, ordnen ein ganzes Badezimmer-Interieur dem Raster der Kacheln unter oder orientieren sich bei Regalentwürfen am „606"-System von Dieter Rams, der ihnen nicht nur dank Apple als Vorbild dient. Längst sind die einst als verknöchert und dogmatisch geltenden Funktionalisten zu neuen Idolen einer jungen Designergeneration geworden, die funktionale Entwürfe für klassisch und sexy hält und keineswegs mehr als nüchtern und aseptisch betrachtet. Und so wurde in jüngerer Zeit nicht nur Dieter Rams wiederentdeckt, sondern auch Architekten und Designer wie Sep Ruf, Egon Eiermann, Dieter Waeckerlin oder Horst Brüning mit Ausstellungen und Buchpublikationen gefeiert oder zu neuen Lieblingen ambitionierter Designsammler auserkoren. Nach all den Reeditionen der siebziger Jahre und den Retroanleihen beim „Space-Age-Design" gibt es nun auch Reeditionen der Entwürfe von Funktionalisten wie Herbert Hirche bei Richard Lampert oder Hans Gugelot bei habit.

Die schlichten Formen der Moderne sind heute - anscheinend von allen Dogmen befreit - zu Wegmarken der Designgeschichte geworden, die als Vorbilder dienen, die man aber auch angstfrei neu interpretiert. Noch vor zehn oder zwanzig Jahren hätte die Neuentwicklung eines funktionalen Systemmöbels für einen Gestalter bedeutet, sich nicht klar genug von den Dogmen des Funktionalismus und den alles erdrückenden Übervätern der Ulmer Schule gelöst zu haben. Jetzt steht die Wiederentdeckung von Prinzipien wie Stapelbarkeit und Modularität, von Systemgedanke und formaler Einfachheit für eine Suche nach nachhaltigen Formen und im besten Fall für eine Rückkehr zur Vernunft im Design. Sie steht aber auch für ein gewandeltes Verständnis der Moderne, nach dem Funktionalismus als ein Stil gilt, obwohl er doch gerade das nie hatte sein wollen. Und so trifft auch auf viele der neuen Entwürfe das zu, was bereits für manchen Ulmer Entwurf galt: Wichtiger als die tatsächliche Verstellbarkeit, Modularität und Erweiterbarkeit ist häufig die bloße Demonstration der Genialität eines ausgetüftelten Systemmöbels. Ein einzelnes Stück eines solchen Systems kann Vernunft, Langlebigkeit, Dauerhaftigkeit und Anpassungsfähigkeit selbst dann verkörpern, wenn es doch wieder nur ein starrer Solitär ist. So sind auch viele der neuen Systemmöbel weniger inhaltlicher Neo-Funktionalismus als vielmehr Ausdruck einer Gegenbewegung zu Design Art, Unikaten und limitierten Editionen, deren Glanzzeit mit der Finanzkrise zu Ende ging. Und sie sind Zeugnisse der Erkenntnis, dass ein vernünftiges, niederkomplexes Objekt in einer Welt voller laut schreiender Einzelstücke eine visuelle Oase darstellen und sogar als radikale Position durchgehen kann.

Else von Werner Gasser für Nils Holger Moormann
Alternata von Lemongrass für De Padova
Surface von Vincent van Duysen für B&B Italia
Jono Storage Unit von Mika Tolvanen für Zanotta
Shelving System von Naoto Fukasawa für Artek, Foto: Jouko Lehtola
New Order von Stefan Diez für Established & Sons
New Order von Stefan Diez für Established & Sons
Multiuse von Angelo Mangiarotti für Agapecasa

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