Über die Neugier, in der Welt zu sein
David Kasparek: Ich finde Ihr kürzlich veröffentlichtes Buch wirklich interessant, auch weil Ihr Schaffen komplex ist und so viele verschiedene Ebenen umfasst: Fotos und Texte, Kunst, Design, Urbanismus und Architektur. Daher lautet meine erste Frage: Wie würden Sie Ihre Arbeit definieren? Sind Sie Künstler, Designer, Essayist, Lehrer oder Architekt?
Troy Schaum: Ich habe mich schon immer sehr für das Bauen interessiert; wir haben uns mit Fragen zum Maßstab von Gebäuden beschäftigt. Besonders am Anfang arbeitet man in vielen verschiedenen Maßstäben und Kontexten, darunter Stadtforschung, Installationen und Ausstellungen. Das Buch "Blanking" selbst entstand aus einer Einzelausstellung an der University of New Mexico im Jahr 2018 und zeigt wie diese eine selbstreflexive Auseinandersetzung mit der Baupraxis. Es ist auch ein Widerstand gegen den Druck, den wir im US-amerikanischen Kontext verspüren, unsere Arbeit auf eine Art singuläre Marke oder einen Forschungsschwerpunkt zu reduzieren. Stattdessen umfasst es die gesamte Komplexität des Entwerfens von Gebäuden an internationalen Standorten. In unseren Projekten befassen wir uns parallel mit vielen verschiedenen Bereichen. Wir wollten zeigen, dass dies manchmal chaotisch, manchmal provisorisch und manchmal ad hoc sein kann.
Da Sie den US-amerikanischen Kontext des Bauwesens und der Stadtplanung angesprochen haben: Wo sehen Sie die Unterschiede zwischen dem amerikanischen und dem europäischen Kontext?
Troy Schaum: Im US-amerikanischen Kontext spielt der Staat eine wesentlich geringere Rolle bei der Gestaltung der bebauten Umwelt. Wir sind an Standorten vom Nordosten der USA bis nach Texas tätig, und je näher man Texas kommt, desto geringer wird diese Rolle. Das Konzept eines rein öffentlichen Projekts, sprich eines vom Staat geförderten Projekts oder eines, bei dem der Staat der einzige Akteur ist, existiert im Wesentlichen nicht in der Form wie beispielsweise in Oslo. Jedes Projekt ist eine öffentlich-private Partnerschaft, oder private philanthropische AkteurInnen stehen hinter den meisten "öffentlichen" Arbeiten, die wir durchführen. Indirekt weiß ich durch viele europäische KollegInnen, dass der Staat dort viel aktiver ist, insbesondere in Westeuropa.
Betrachten Sie dies als ein Problem oder eher als eine Chance?
Troy Schaum: Kein Problem, aber es ist ein Thema, ein Mangel des Systems. Verhindert es gute Ergebnisse? Nein. Um Architekt zu sein, braucht man einen gewissen Optimismus. Architekturschaffende müssen sich mit der Frage auseinandersetzen, wie die Zukunft für uns aussehen könnte, mit all den Unsicherheiten und Chancen, die damit verbunden sind. Daher denke ich, dass das Modell, nach dem ich arbeite, viele Chancen bietet, insbesondere im amerikanischen Westen und an vielen Orten, an denen ich tätig bin. In Detroit oder Houston zum Beispiel sind die Menschen bereit, eine gute Idee zu unterstützen, wenn man eine Zukunft vorstellt, die besser ist als die, die wir derzeit erleben. Niemand wird sagen: "So machen wir das hier in Houston nicht." Meiner Meinung nach ist das auch der Grund, warum Frank Gehry zu dieser Zeit aus Los Angeles in die Region gekommen ist. Hier gibt es andere Möglichkeiten zum Experimentieren – anders als in Basel, New York oder Teilen Europas.
Das Buch wurde in Zusammenarbeit mit Rosalyne Shieh verfasst, mit der Sie seit 2009 zusammengearbeitet haben. Darf ich fragen, warum Sie diese Zusammenarbeit beendet haben?
Troy Schaum: Rosalyne ist Professorin am MIT in Cambridge und ich bin an der Rice University in Houston tätig. Nach etwa 15 gemeinsamen Jahren, einer Pandemie, dem Alltag, familiären und anderen Herausforderungen wurde es einfach schwierig, die Kooperation aufrechtzuerhalten. Es sind hauptsächlich praktische Gründe. Dieses Buch ist eine Zusammenfassung dessen, was wir gemeinsam erreicht haben, und bietet auch einen Ausblick auf mögliche Zukunftsszenarien.
Ich möchte noch einmal einen Schritt zurückgehen. Wann wurde Ihnen bewusst, dass Sie das, was Sie heute tun, zu Ihrem Beruf machen möchten? Und: Ist das dieselbe Frage wie die, wann Sie sich entschieden haben, Architektur zu studieren?
Troy Schaum: Ich denke, ich kann diese Frage auf verschiedene Arten beantworten (lacht). Ich habe mich für ein Architekturstudium entschieden, bevor ich wusste, dass ich dies zu meinem Beruf machen wollte. Als ich jünger war, vor dem College, interessierte ich mich für Theater, Kunst, Zeichnen, Schreiben und für das Herstellen von Objekten. Ich hatte einen Freund, der wie ich Redakteur bei der Literaturzeitschrift meiner Highschool war und einige Jahre vor mir an die Universität ging. Ich besuchte ihn an der Universität, während er an der Architekturschule der Virginia Tech in Blacksburg, Virginia, studierte. Das war ein besonderes Erlebnis. Die Architekturschule war in den frühen 90er Jahren ... (zögert). Ich muss das etwas näher erläutern: Es gibt diesen Apple-Werbespot, in dem sie alles, was wir kreativ tun, in das iPhone integrieren. Die Architekturschule war der Vorläufer. Wir hatten Dunkelkammern, Druckgrafik, Töpferei, wir konnten Kameras ausleihen, wir hatten eine Metallwerkstatt. Ich dachte: "Oh mein Gott, man kann zur Hochschule gehen und all das machen! Das ist Bildung!" Und so schrieb ich mich ein. Mich reizte in erster Linie dieses kreative Umfeld, und erst auf den zweiten Blick faszinierte mich die Komplexität der Tätigkeit. Als ich mein Studium abgeschlossen hatte und zu praktizieren begann, wurde mir klar, dass ich diesen Beruf ernsthaft ausüben wollte. Ich zog nach San Francisco, gerade als das Internet aufkam. Damals gab es in diesem Bereich viel Kreativität, und viele fragten sich, ob dieser entstehende virtuelle Raum etwas völlig Neues sein könnte. Architektur fühlte sich damals sehr haptisch an, als würde man lernen, wie man Fässer herstellt oder so ähnlich. Mit dem Aufkommen des Internets tauchten Fragen auf wie: "Was, machst du das immer noch? Beschäftigst du dich immer noch mit realen, materiellen Problemen?" Die Zukunft schien eine immaterielle Praxis zu sein. Doch je mehr ich mich mit den Herausforderungen und der Art der Zusammenarbeit im Bereich der Architektur beschäftigte, desto mehr wurde mir bewusst, was für eine beeindruckende Praxis das ist. Ohne die vielfältigen Reize, die die Architektur bietet, würde ich mich langweilen.
Sie haben an der Princeton University und der Virginia Tech studiert, das haben Sie bereits erwähnt. Gab es dort Lehrende, die für Sie wichtig waren, vielleicht sogar prägend?
Troy Schaum: Das ist eine gute Frage. Rosalyne und ich haben uns in Princeton kennengelernt. Wir waren dort im selben Studio wie Paul Lewis, der Partner bei LTL Architects ist. Stan Allen hatte gerade das Dekanat übernommen und einen Diskurs initiiert, der Persönlichkeiten wie Sarah Whiting an Bord holte, die meine Doktorvaterin und später als Dekanin an der Rice University eine Art Mentorin für mich wurde.
Wie war Ihre Zeit an der Technischen Hochschule Virginia?
Troy Schaum: Virginia Tech war zu meiner Zeit ein wildes Pflaster. Ein Lehrer, den ich dort besonders hervorheben möchte, ist Hunter Pittman. Er war ein sehr bescheidener Professor, der mich für meine erste Berufserfahrung eingestellt hat. Er hatte ein kleines Büro in seinem Dachgeschoss, und ich fertigte Handzeichnungen und Tuschezeichnungen auf Mylar für einige Gewerbegebäude an, an denen er in der Gegend arbeitete und die heute noch existieren. Vor drei oder vier Jahren habe ich sie anlässlich eines Vortrags besucht und finde, dass sie sich gut gehalten haben. Es sind einfache, kommerzielle Projekte. Aber ich habe gelernt, Details zu durchdenken und die Einschränkungen einer bestimmten Art von amerikanischen Gebäuden zu verstehen. Er war ein großzügiger Chef und Mentor.
In Deutschland gibt es das Sprichwort: Ein Entwurf kann immer nur so gut sein wie sein Auftraggeber. Der Standort, die Aufgabe, die gewählten Materialien und die daraus resultierende Konstruktion sind bedeutsam für den Entwurf. Auch die Zeit spielt eine Rolle bei der Suche nach Form und Raum. Gibt es bestimmte Schritte im Prozess, die in Ihrer Arbeit unabhängig vom Projekt vergleichbar sind?
Troy Schaum: Eines der Themen, das uns sehr beschäftigt hat – und das hängt mit der Idee zusammen, dass die Baupraxis im Mittelpunkt unserer Arbeit steht, auch wenn wir sie auf sehr unterschiedliche Weise umsetzen –, ist die Frage nach der Form. Man kann dies teilweise als eine Weiterführung der Arbeit von Personen wie Stan Allen und Sarah Whiting betrachten, die zu der Publikation beigetragen haben. Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht die Frage, wie wir Form nicht als Selbstzweck oder sprachliches Problem, sondern auf raffinierte Weise als Werkzeug einsetzen können. Als Werkzeug, um die Darstellungsprobleme verschiedener Ebenen zu lösen: Wie zeichnen wir die Stadt, wie denken wir über den Ort und welche Diagramme verwenden wir? Wenn man sich Projekte wie das Shenandoah House oder die Transart Gallery ansieht, gibt es Hinweise darauf, wie wir formale Ansätze nutzen, wie wir darüber nachdenken, wie Objekte relativ zu Oberflächen positioniert sind und welche Spannungen zwischen diesen entstehen. Wir beschäftigen uns auch damit, wie man über ein System von Objekten denkt und wie dies mit Monumentalität zusammenhängt.
Starten Sie also mit der Form in den Entwurfsprozess?
Troy Schaum: Wir möchten das Projekt nicht ausschließlich mit der Form beginnen und beenden, aber es gibt immer einen Punkt, an dem diese Techniken zum Einsatz kommen. Wir möchten den Ort sehen, zeichnen ihn und versuchen ihn anhand von Diagrammen zu verstehen. Das wird unter anderem im Entwurf für das Kaohsiung Pop Music Center durch das Raster aus Kreisen deutlich. Mit der Zeichnung betrachten wir den Ort wie durch eine Linse, die uns in eine Art autonomen Raum führt. Wir möchten die Ausgangslage verstehen, bevor wir damit beginnen einen neuen Raum zu schaffen.
Wie wichtig ist für Sie persönlich wie für Ihre praktische Arbeit die Lehrtätigkeit an der Rice School?
Troy Schaum: Ich sehe das Unterrichten als etwas, das mir ein wenig Abstand von den Anforderungen meiner Praxis gewährt. Es zwingt mich wirklich dazu, aus dem Tagesgeschäft meiner Praxis herauszutreten und zu reflektieren. Wir unterrichten montags, mittwochs und freitags nachmittags im Studio. Auch wenn das viel Zeit in Anspruch nimmt, ist es doch auch ein Raum, in dem man aus dem Alltag ausbrechen und darüber nachdenken kann, was man tut und sagt. Gegenüber den Studierenden muss man seine Aussagen und Arbeiten erklären, vor allem bei grundlegenden Dingen. Das Besondere an der Universität ist zudem, dass diese Art der Interaktion uns dazu zwingt, darüber nachzudenken, mit welchen Probleme wir in Zukunft konfrontiert sein werden und es ermöglicht, sich diesen zunächst in Form von allgemeinen Fragen zu nähern. Wie gehen wir mit der Globalisierung um, mit ihrem Potenzial, aber auch mit ihren kleinen und großen Tyranneien? Unsere materielle Praxis ist zudem stark von der Aufgabenstellung geprägt, einen nachhaltigen Ansatz mit Blick auf den CO2-Ausstoß beim Bauen und im Umgang mit Materialien zu finden. Daher beschäftigen sich auch unsere Studierenden intensiv mit materiellen Praktiken, die dazu beitragen können. Die Herausforderung wird zunehmend sein, wie wir Darstellungs- und Kommunikationsmittel einsetzen können, um diese Fragestellungen branchenübergreifend zu untersuchen. Vom Bauarbeiter bis zum Bauträger befinden wir uns zunehmend auf denselben Plattformen. Wie wir die Stadt auf allen Ebenen gestalten, wird für die Erforschung dieser Herausforderungen immer wichtiger.
In Deutschland wird intensiv über ein Bauverbot diskutiert, sowohl in der Praxis als auch an den Universitäten. Die Probleme, die das Bauen verursacht, sind offensichtlich: Kohlendioxidemissionen, Ressourcenknappheit, enorme Abfallmengen, die beim Bauen und Abriss anfallen, et cetera.
Troy Schaum: Viele Menschen in den USA stellen sich auch die Frage, ob wir überhaupt auf noch unbebauten Grundstücken bauen sollten. Können wir nur adaptive Wiederverwendung betreiben oder nur auf bereits erschlossenen Flächen bauen? In einigen Regionen, wie beispielsweise Houston, ist das aufgrund des Bevölkerungswachstums und des Migrationsdrucks schwer zu beantworten. Man befindet sich in einer Zwickmühle: Kann man angesichts des Ausmaßes des Bevölkerungswachstums wirklich eine Art absolute Grenze setzen und dennoch den grundlegenden menschlichen Bedürfnisse, wie bezahlbaren Wohnraum, entsprechen? Das ist sicherlich von Ort zu Ort unterschiedlich, aber es sind Fragen, die wir uns unbedingt stellen sollten.
Zum Schluss noch einmal zurück zu Ihrem Buch "Blanking". Darin haben Sie einen sehr schönen Text über das Staunen geschrieben. Könnten Sie unseren LeserInnen erläutern, warum das Staunen für Sie und Ihre Arbeit so wichtig ist?
Troy Schaum: Dies steht in Zusammenhang mit der Frage, zu welchem Zeitpunkt ich mich entschlossen habe, Architekt zu werden, sowie was Architektur für mich und für uns bedeutet. Letztendlich handelt das gesamte Buch von einem Konzept unserer Praxis als einer Verbindung zwischen Lehre, akademischer Forschung und Baupraxis. Es geht um eine Art Neugierde darüber, wie man sein Leben gestaltet und in der Welt steht. Architektur ist ein Mittel, um sich damit auseinanderzusetzen sowie von Menschen und materiellen Objekten zu lernen. Die Publikation dient also auch als Rechtfertigung – falls Architektur überhaupt einer Rechtfertigung bedarf – für das, was uns antreibt, abseits von zweckorientierten Konventionen. "Blanking" versucht, mit einer Reihe von Überlegungen zu erforschen, was uns antreibt. Die Zusammenarbeit zwischen Rosalyne und mir war stets eine Zusammenarbeit zweier Individuen, die gemeinsame wie unterschiedliche Ziele hatten. Auf diese Weise lernten wir voneinander und über unsere eigene Neugier. Und genau das möchte ich mit meinem Text "Wonder" im Buch demonstrieren: die Motivation hinter der Praxis zu verdeutlichen. Mit "Wonder" möchte ich auch ein Argument für unsere akademische Arbeit liefern. An Universitäten besteht ein großer Druck, die eigene Forschung, die eigene Produktion, wie in der Wissenschaft in einer sehr engen Kategorie zu definieren. Das kann die Designpraxis nicht leisten. Baupraktiken, die sich zu sehr darauf stützen, wirken entweder naiv oder übermäßig abgeleitet. Wir möchten demonstrieren, dass es in Ordnung ist, in der Designpraxis breiter und vielseitiger aufgestellt zu sein. Denn das ist es, was wir tun. Wir synthetisieren, wir fassen zusammen, wir versuchen, in einem viel breiteren Spektrum zu reagieren als viele unserer KollegInnen in anderen Disziplinen.

Blanking
An Annotated Archive of Projects and Thoughts on Architecture
Das erste Buch über die Arbeit und Vision des texanischen Architekturbüros Schaum/Shieh.
Von Troy Schaum, Rosalyne Shieh
Park Books, 2025
Broschiert
Sprache: Englisch
336 Seiten, 198 farbige und 89 s/w-Abbildungen
17 x 24 Zentimeter
ISBN 978-3-03860-400-6
38 Euro

















