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Ich geb' Gas auf dem Weg zum Mars: Sonde Schiaparelli im Anflug auf den roten Planeten.
© ESA
Ich geb' Gas auf dem Weg zum Mars: Sonde Schiaparelli im Anflug auf den roten Planeten.

Schiaparelli meldet sich nicht mehr

von Michael Erlhoff | 25.10.2016

Da haben vor kurzer Zeit einige Fachleute aus der Raumfahrt endlich und zumindest angeblich geschafft, wieder einmal ein Ding auf dem Mars zu landen. Ein Teil mit dem Namen „Schiaparelli“. Bekanntlich eine sehr schwierige Landung, da die gegenseitige Nachrichtenlage ziemlich kompliziert ist, eben jeder Steuerungsbefehl und jede Rückmeldung etwa zehn Minuten brauchen. So kann man das Ding lediglich vorprogrammieren, fallen lassen und darauf hoffen, es werde richtig landen. Umso größer der Jubel, dass es womöglich gelandet sei. Und umso trauriger einige Stunden später die Meldung, das melde sich gar nicht mehr. Also ist erneut geschehen, was nahezu immer bei diesen versuchten Landungen auf dem Mars passiert.

Der gesamte Prozess aber ist schon sehr interessant, auch für das Design. Und dies nicht alleine deshalb, weil der Mars bloß ein Anagramm von (Dieter) Rams notiert. Dann nämlich bieten sich zuerst die Fragen an, wer denn dieser Schiaparelli war und warum man dessen Namen für das Ding gewählt hat.

Klären wir schnell auf: Ende des 19. Jahrhunderts erhielt ein Lehrer in Italien namens – man ahnt es – Schiaparelli ein neues großes Fernrohr, und mit diesem entdeckte er auf dem Mars Kanäle. Eine Sensation, das hatte noch niemand zuvor gesehen. Also publizierte er das, und sogleich wurde es in die englische Sprache übersetzt. Doch dort ergab sich ein merkwürdiges sprachliches Problem, denn anders als die italienische und auch die deutsche Sprache, die nur von „Kanal“ reden, kennt die englische Sprache „Canal“ und „Channel“. Das eine meint etwas von Menschen Geschaffenes, das andere etwas Natürliches.

Nun wählte die Übersetzerin oder der Übersetzer ganz enthusiastisch die Version des durch Menschen Geschaffenen. Eine noch größere Sensation, eine wirkliche Aufregung. Da dann doch Menschen oder andere Lebewesen auf dem Mars herumlaufen und arbeiten müssten. Und genau dies führte tatsächlich zu mannigfachen Spekulationen und beflügelte sowieso alle die angeblichen Novellen, auf dem Mars gäbe es intelligentes Leben. Bis in die 1960er Jahre hinein, als dann die falsche oder einseitige Übersetzung zum Vorschein gebracht wurde. Umso bemerkenswerter, dass nun dieses Ding den Namen Schiaparelli trägt, obwohl man doch hätte erwarten müssen, dass dies nicht funktionieren wird.

Gesellschaftlich ist dies noch in einer anderen Hinsicht sehr interessant. Denn obwohl sich die allgemein kommunizierte Sensation seiner Entdeckung als lediglich begrenzt (so aufregend sind natürliche Kanäle auf dem Mars ja nicht) erwies, kennt man seinen Namen und wird er nun mit diesem Ding sanktioniert. Beschreibt dies doch die Macht medialer Sensations-Berichterstattung.

Ein großartiges Beispiel dafür ist in der Geschichte ja schon Herostrat, und dies nicht allein aufgrund der ersten beiden Silben seines Namens „Heros“, vielmehr aufgrund seiner Tat. Denn dieser Mann legte einst (einige Jahrhunderte vor der allgemeinen Zeitrechnung) Feuer an dem Artemis-Tempel in Ephesus, einem der wichtigsten damaligen Tempel. Dies tat er so intensiv, dass der Tempel abbrannte. Sodann gefragt, warum er das getan habe, antwortete er, weil er berühmt werden wollte. Was ihm, obwohl sogar die Regierung von Ephesus die Nennung seines Namens verbot, problemlos gelang. Alle kennen seinen Namen, er wurde Held diverser Romane und Dramen. Man kennt ihn noch heute, doch wer kennt noch den Architekten des Tempels?

So kommuniziert sich meistens die Erkenntnis. Nämlich nur dann, wenn sie sensationell und wenn sie zeitgerecht ausgesprochen wird. Zweifellos gelingt das sowohl Imitationen als auch Fälschungen sehr viel besser als den Originalen. Dies ist auch substantiell für die Naturwissenschaft und deren allgemeiner Beeindruckung, und wir alle kennen doch die so vielen falschen Behauptungen, die gerade in jenen Wissenschaften schon produziert worden sind.

Allerdings finden wir Nachahmer davon ebenso im Marketing, heftig in so genannter Trend-Forschung und anderen Prognosen, aber auch im Design. Denn ebenfalls dort gibt es gerade derzeit sehr viele akademisch aufgeputschte Buzz Words, vermeintliche Kategorien, die ständig zitiert werden müssen, um als wissenschaftlich zu gelten. „ANT“ ist eine solche Dummheit. Und die andere ist sowieso, noch so verzweifelt an Wissenschaft zu glauben. Dabei bezeichnet doch schon das Wort, dass hier lediglich Wissen geschaffen, also produziert wird. Zurechtgerückt, geputzt, aufbereitet für eine allgemeine Begeisterung. Bis sich diese Mode wieder erledigt hat oder das Gegenteil vermeintlich bewiesen wurde.

Na gut, so richtig lohnt die Aufregung gar nicht. Wird doch nun der Schiaparelli vielleicht munter und fröhlich auf dem Mars herumsausen und sich mit den angeblich anderen schon dort gelandeten Figuren köstlich unterhalten. Wenn denn überhaupt irgendetwas dort gelandet ist.


Soweit der Plan: Schiaparellis vorgesehener Landevorgang auf der Marsoberfläche.
© ESA
Soweit der Plan: Schiaparellis vorgesehener Landevorgang auf der Marsoberfläche.
Ob er nun noch wirklich die Reise antritt? Der ESA Mars-Rover soll 2018 zum Mars fliegen.
© ESA
Ob er nun noch wirklich die Reise antritt? Der ESA Mars-Rover soll 2018 zum Mars fliegen.
Ab die Post: Schiaparelli mit Mutterschiff aus dem Weg zum Mars.
© ESA
Ab die Post: Schiaparelli mit Mutterschiff aus dem Weg zum Mars.