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‘Double Reduction’: Großformatdias, Glas, Spiegel Größe der Dias: 25 x 20 cm, 2010

Illusion eines Bildes

Die Künstlerin Sinta Werner fragmentiert in ihren Arbeiten Architektur, erkundet Ebenen zwischen Realität und Abbild, schafft neue Interpretationen von Räumlichkeit. Im Interview erläutert sie, wie sie unsere Sehgewohnheiten herausfordert.

Anna Moldenhauer: Zu Ihren Arbeiten zählen architektonische Fotocollagen, Installationen und Skulpturen in Schwarz‑Weiß, die häufig ortsspezifisch entstehen. Weshalb ist der Bezug zum jeweiligen Ort für Sie zentral?

Sinta Werner: Ich arbeite einerseits mit ortsspezifischen Installationen, andererseits mit Werken, die stärker aus dem Bild heraus entwickelt sind. Bei den Installationen bildet der konkrete Raum den Ausgangspunkt. Ich greife bewusst in seine Gegebenheiten ein, um Verschiebungen und Irritationen zu erzeugen. Häufig übertrage ich die Logik des Bildes in den Raum – nicht mit dem Ziel, im Bild Räumlichkeit zu simulieren, sondern um im realen Raum die Illusion eines Bildes entstehen zu lassen. Mich interessieren Räume mit einer eigenen Geschichte, also nicht der neutrale White Cube, sondern etwa historisch geprägte Architekturen. Die Räume im Schloss Biesdorf habe ich beispielsweise für Sehnsucht nach dem Jetzt mithilfe von Spiegeln aufgefächert und visuell vervielfältigt. Für Introducing Insitu – Episode 0 habe ich in einem Berliner Projektraum mit den spezifischen Eigenheiten des Ortes gearbeitet: Offene Heizungsrohre wurden fotografisch erfasst und durch Schwarz‑Weiß‑Fotokopien verdoppelt, wodurch gezielte Verschiebungen entstanden. Im Kern geht es mir darum, das real Vorhandene – das unmittelbar Sichtbare – mit der Bildebene zu verschränken. Bild und Raum überlagern sich, sodass Zwischenräume entstehen, die sich keiner der beiden Ebenen eindeutig zuordnen lassen. 

Wie präzise diese Illusion greift, zeigt sich auch im Werk Hang zur Selbstdarstellung.

Sinta Werner: Das Gebäude war ursprünglich eine Bank, im Keller war daher ein Tresor eingebaut, dessen schwere Tür im Hintergrund sichtbar ist. Später wurde der Raum als Waschkeller genutzt, so dass sich der Wäscheständer ganz selbstverständlich in die Situation eingefügt. Im Werk hängt der Fotoprint wie ein Wäschestück auf den Stäben. Der Raum setzt sich im Bild fort und bleibt zugleich Teil des Motivs. Solche Eingriffe lassen sich digital problemlos realisieren, sind im Analogen jedoch äußerst komplex, da Helligkeit und Tonwerte exakt aufeinander abgestimmt sein müssen. Vor Ort habe ich zahlreiche Testdrucke erstellt, um den jeweils passenden Grauwert zu bestimmen. Ein direkt ausgedrucktes Foto würde neue Schatten erzeugen und die Illusion sofort brechen. Erst durch diese sorgfältige Abstimmung ließ sich die Datei so anpassen, dass der Druck visuell nahtlos in den Raum eingefügt werden kann.

"Maßnahme des Vermessens": A4-Laserdrucke mit dem Motiv der Wand und des Heizkörpers auf die entsprechende Wand tapeziert Ausstellungsansicht: insitu ‘Episode 0: Introducing Insitu’ Berlin, 2013
"Hang zur Selbstdarstellung": Kleiderständer, Archival Pigment Print Ausstellungsansicht: ‘Das instabile Objekt’, Salon am Moritzplatz Berlin, 2015

Die Architektur, die Sie für Ihre Fotocollagen wählen, ist meist funktional, modern und weitgehend frei von Ornamentik. Worin liegt für Sie der Reiz dieser Strukturen?

Sinta Werner: Zum einen fühle ich mich von der funktionalistisch geprägten Moderne stark angezogen, zum anderen hängt diese Wahl eng mit meinem formalen Ansatz zusammen. In frühen Collagen habe ich mit Faltungen gearbeitet – mit sehr einfachen Eingriffen ins Papier. Verdoppelungen spielten von Beginn an eine zentrale Rolle, indem architektonische Faltungen in das Material übertragen wurden und den Raum entweder verstärkten oder bewusst brachen. Diese Fragestellung setzt sich auch in Serien wie Apartments fort. Für diese Werke ist die Klarheit der Architektur entscheidend, da ich sie in skulpturale, modellhafte Situationen überführe. Die Objekte entwickeln sich zu schlichten Baukörpern, die formal auf das dargestellte Motiv verweisen. Hinzu kommt mein Interesse an Geometrie, Perspektive sowie an Licht und Schatten. Gerade modernistische Gebäude ohne ornamentale Überlagerung bieten hierfür eine ideale Grundlage. Darüber hinaus interessiert mich die Fragmentierung von Architektur. Materialien wie Acryl‑ oder Glasstäbe spiegeln und brechen das Motiv, fast im Sinne einer kubistischen Auflösung. Die moderne Architektur steht für mich auch für ein idealistisches Versprechen von Ordnung und Fortschritt, das ich aus heutiger Perspektive neu befrage. In einer Zeit, in der vieles digital, fluide und instabil geworden ist, verliert diese Ordnung zunehmend an Festigkeit.

Ihre Werke erzeugen mitunter einen surrealen Zwischenraum, der die Wahrnehmung von Architektur verändert. Was fasziniert Sie an diesen Brüchen und Übergängen?

Sinta Werner: Mich interessiert, das Bild räumlich und zeitlich zu öffnen. Die Werke aktivieren die betrachtende Person, denn erst durch Bewegung entfalten sie sich vollständig. Der Blick muss sich ständig neu ausrichten, wodurch die Fotografie eine Dynamik entwickelt, die fast filmisch wirkt. Gleichzeitig möchte ich die Wahrnehmung von Architektur im Stadtraum schärfen. Gebäude werden oft als statisch wahrgenommen, während sie im Gehen vielmehr flüchtig erscheinen. Im Werk Korrektur der Gegenbewegung, in dem Streifen verdreht sind, greife ich dieses Moment des Wegfließens durch die Bewegung auf. So wird das Werk selbst zu einem Ereignis – vergleichbar mit Architekturwahrnehmung im urbanen Raum, die nie statisch, sondern stets situationsabhängig ist.

Ihre Arbeiten lassen sich kaum geografisch verorten, viele Orte bleiben anonym. Warum verzichten Sie bewusst auf einen klaren Kontext?

Sinta Werner: Mich interessiert weniger das einzelne Gebäude als solches, sondern die ästhetische Qualität alltäglicher, oft unscheinbarer Architektur. Häufig genügt ein markanter Schlagschatten, um diesen Bauten eine unerwartete Präsenz zu verleihen. Viele Glaswerke beziehen sich auf Gebäude im International Style, die weltweit ähnlich erscheinen, etwa Banken, Bahnhöfe oder Hochhäuser. Glas wird dabei zu einem symbolischen Material, das für Datenströme, Geldflüsse und eine zunehmend virtuelle Welt steht. Für mich fungiert es als Interface. Ähnlich wie bei Bildschirmen erleben wir auch Architektur zunehmend vermittelt. Das Glas schiebt sich zwischen Betrachter und Baukörper, erzeugt einen nahezu hologrammartigen Effekt, zieht das Motiv nach vorne und hält den Blick in ständiger Bewegung. Stabilität geht verloren, Fragmentierung tritt an ihre Stelle.

"Partments IV": Acrylglasvierkantstelen, Fine Art Print auf MDF, Stahl Skulptur 66 x 38 x 38 cm, Sockel 110 x 48 x 31,5 cm, 2025
"Partments IV": Acrylglasvierkantstelen, Fine Art Print auf MDF, Stahl Skulptur 66 x 38 x 38 cm, Sockel 110 x 48 x 31,5 cm, 2025

Glas wirkt in Ihren Werken zugleich fragil und schwer. Manche Arbeiten evozieren Erinnerungsbilder oder ein Gefühl von Vergänglichkeit. Teilen Sie diese Lesart?

Sinta Werner: Ja, durchaus. In früheren Glasarbeiten mit integrierter Lichtquelle hatte ich selbst stark das Gefühl eines Erinnerungsraums. Glas fungierte dort zugleich als Objekt und als Projektionsfläche; Spiegelungen und Vervielfältigungen erzeugten eine traumähnliche, teils desorientierende Situation – vergleichbar mit einem Spiegelkabinett. Die Flüchtigkeit des Materials, dessen Erscheinung sich mit jeder Bewegung verändert, lässt sich gut mit Erinnerung in Verbindung bringen. Zugleich spielt die Zerbrechlichkeit eine wichtige Rolle, denn Glas kann jederzeit brechen. In neueren Werken wird diese Fragilität bewusst der großen materiellen Schwere entgegengestellt. Ich arbeite inzwischen mit bis zu 15 Millimeter starkem Exemplaren, die massiv und scharfkantig sind und dennoch eine flüssige Anmutung bewahren. Glas ist letztlich ein verfestigtes Flüssigmaterial, dessen organische Qualität besonders an den Bruchkanten sichtbar wird.

Sie realisieren zudem Arbeiten im Kontext von Kunst am Bau. Wie gehen Sie dort vor?

Sinta Werner: Ein zentrales Werk ist "Der CMYK-Farbraum" aus dem Jahr 2015, realisiert in einer Münchner Schule. Es handelt sich um den Windfang des Gebäudes, in dem ich mich explizit auf Farbenlehre und Farbmodelle bezogen habe. Die architektonischen Elemente – Türen, Fenster und Wandflächen – dienten als Raster, dem ich Farbfelder nach dem Prinzip eines Farbwürfels zugeordnet habe. Wände, Fenster, Boden und Decke wurden so gestaltet, dass das Farbmodell räumlich erfahrbar wird. Da das Gebäude unterschiedliche Nutzungen vereint – darunter Schulen, Werkstätten, eine Sporthalle und eine Kita –, greife ich diese Vielschichtigkeit auf und stelle Bezüge zu schulischen Themen wie Biologie, Physik, Chemie und Kunst her. Der Raum fungiert wie eine sinnliche Schleuse, die man beim Betreten und Verlassen der Schule durchläuft.

"Imperial Measurements": MDF, Holz, Pressspanplatten, Styrodur, Plexiglas, Aluminium, Farbe Ausstellungsansicht: ‘Magic Show’, Hayward Touring Exhibition, The Grundy Blackpool, 2010
Sinta Werner
"Die verflüssigte Stadt" (Wroclaw) Fine Art Print, Glasstreifen, Stahlrahmen 112,3 x 74,4 x 7,5 cm, 2026

Welche Elemente aus Ihrer Ausbildung begleiten Ihre künstlerische Praxis bis heute?

Sinta Werner: Ich habe Malerei studiert, zunächst an der Kunsthochschule Berlin‑Weißensee mit einer stark bauhausorientierten Grundausbildung, in der handwerkliche Grundlagen, Farbenlehre und Zeichnung eine zentrale Rolle spielten. Im Hauptstudium an der UdK Berlin habe ich zwar in einer Malereiklasse gearbeitet, jedoch medienübergreifend mit Fotografie, Siebdruck und Objektformen. Fragen nach Geometrie sowie nach der Übertragung zwischen Medien standen im Mittelpunkt. Am Goldsmiths College in London habe ich meine Praxis noch einmal grundlegend neu ausgerichtet. Dort begann ich mit Architekturcollagen und ortsspezifischen Installationen. Besonders prägend war die intensive theoretische Auseinandersetzung sowie das Arbeiten jenseits klarer Mediengrenzen. Diese kritische Haltung ist bis heute ein wesentliches Werkzeug meiner künstlerischen Arbeit.

2012 haben Sie in einem Interview seitens des Berliner Atelierprogramm auch über die schwierige Raumsituation für junge Kreative in Berlin gesprochen. Wieviel Raum wird jungen Kreativen heute noch zugestanden?

Sinta Werner: Die Raumsituation in Berlin hat sich in den letzten Jahren total verschärft. Das Interview entstand damals in Zusammenarbeit Berufsverband Bildender Künstler, bei dem die Atelierräume gefördert werden. Das ist jetzt durch Kürzungsmaßnahmen immer wieder bedroht. Zudem sind die Ateliermieten extrem teuer geworden. Man muss eigentlich auf die Peripherie von Berlin ausweichen. Es ist schon sehr schwierig geworden für junge KünstlerInnen, einen Atelierraum oder Ausstellungsmöglichkeiten zu finden, da auch die Projekträume selbst mit hohen Mieten kämpfen und kostenfreie Zwischennutzungen kaum noch möglich sind

Sie unterrichten an der UdK Berlin. Was ist Ihnen in Ihrer Lehre besonders wichtig?

Sinta Werner: Ich arbeite vor allem mit StudienanfängerInnen im Lehramtsbereich. Da es keine klassische Grundlehre mehr gibt, versuche ich, diese Inhalte auf andere Weise zu vermitteln. Mir ist wichtig, praktisch zu arbeiten, Workshops anzubieten und gemeinsam Museen sowie Künstlerateliers zu besuchen. Die Studierenden sollen eine große Bandbreite kennenlernen, experimentieren und zunächst offenbleiben, ohne sich zu früh festzulegen.

Woran arbeiten Sie aktuell?

Sinta Werner: Momentan bereite ich zwei Ausstellungen vor. Im September eröffnet eine Einzelausstellung in der Galerie Alexander Levy, für die sich die konzeptionelle Ausarbeitung nun verdichtet. Ein neues Werk bezieht sich auf den Hansaplatz in Berlin. Vier Scheiben aus transparentem Schwarz‑Weiß‑Glas sind im rechten Winkel zueinander angeordnet. Die Architektur rahmt sich selbst, Überdachungen werden zu Blickachsen, die den Raum dahinter strukturieren. Diese Selbstrahmung interessiert mich sehr, und an diesem Werk arbeite ich gegenwärtig intensiv.

 

Tipp: Arbeiten von Sinta Werner sind bis zum 4. Oktober 2026 auch in der Ausstellung "Neue Frau, Neues Sehen. Die Bauhaus-Fotografinnen" im Museum für Fotografie, Jebensstraße 2, 10623 Berlin zu sehen. 

"Der CMYK-Farbraum": Kunst am Bau Polyurethanbeschichtung, farbige Gläser, Fugenbild, Lichtkonzept Ansicht: Schule Meindlstraße, München 2015