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Wolfgang Stahr

Eine leere Bühne

Der Fotograf Wolfgang Stahr lässt die Komposition der Kontraste, die Frankfurt am Main prägen, mit der Kamera sichtbar werden. Mit "Sentiment Index" dokumentiert er eine Stadt im Halbschlaf, die uns Zeit lässt ihre Eigenheit (wieder) zu entdecken. Den künstlerischen Prozess seiner Arbeit erkunden wir im Interview.
02.03.2026

Anna Moldenhauer: Ihre Serie "Sentiment Index“ zeigt eine leere Stadt. Auf den Fotos treten Menschen kaum auf, und wenn, dann eher über ihre Orte, Verkehrsmittel oder architektonischen Spuren. Es wirkt wie ein Wechsel aus Präsenz und Absenz. Sie sind damals gerade nach Frankfurt umgezogen. Können Sie beschreiben, wie Sie die Stadt bei Ihren ersten Erkundungstouren mit der Kamera erlebt haben?

Wolfgang Stahr: Sehr gerne. Vor meinem Umzug habe ich 25 Jahre in Berlin gelebt und kannte Frankfurt am Main nur von kurzen Besuchen – hauptsächlich, weil meine Frau von hier stammt. Ich hatte also einen familiären Bezug, aber keine klare Vorstellung der Stadt. Nur ein vages Gefühl, dass sie visuell spannend sein könnte. Einige erste Bilder der Serie sind sogar entstanden, bevor ich hergezogen bin, weil ich bei Besuchen oft mit der Kamera unterwegs war. Das Grundinteresse an dieser verdichteten Stadtstruktur war also schon da. Der Umzug mitten in die Pandemie führte dazu, dass die Stadt wie freigelegt wirkte. Es gab keine Außengastronomie, deutlich weniger Menschen auf den Straßen, der öffentliche Raum lag offen vor mir. Bei meinen ersten Streifzügen entstand dann schnell die Idee, Frankfurt wirklich zu erlaufen, zu erspüren – und die Kamera mitzunehmen. Das Projekt hat sich fast von selbst entwickelt. Kurz darauf merkte ich, dass es eine richtige Arbeit werden könnte. Ich ging zunehmend mit dem Stativ los und stellte fest, wie andersartig mir nach so vielen Jahren in Berlin selbst kleine Details vorkamen: wie Häuser zueinanderstehen, der typische Mainsandstein in den Altbauten, und diese besondere Frankfurter Verdichtung, bei der man in einem einzigen Blick oft drei oder vier Jahrzehnte Architekturgeschichte erkennt. Dass die Stadt so leer war, empfand ich als großes Glück. Als das Leben 2021 und 2022 zurückkehrte, bin ich einfach sehr früh aufgestanden – im Sommer oft schon vor sechs Uhr –, um weiterhin in dieser Ruhe fotografieren zu können. Meine Idee war, die Stadt wie eine leere Bühne zu zeigen. Menschen tauchen zwar gelegentlich auf, aber wirklich nur punktuell – als Akzente, nicht als klassisches Straßenmotiv.

Spielte der Zufall dabei eine Rolle? Oder haben Sie mitunter auch gezielt bestimmte Orten ausgesucht?

Wolfgang Stahr: Beides. Anfangs bin ich ohne Ziel losgezogen. Ich hatte mir vorgenommen, möglichst alles abzulaufen – auch die Außenbezirke. Ganz habe ich das nicht geschafft, aber beinahe. Parallel gab es immer häufiger Momente, in denen ich beim Vorbeifahren eine interessante Situation sah und dachte: "Hier muss ich bei gutem Licht noch einmal hin." Es war also eine Mischung aus flanierendem Entdecken und gezieltem Wiederkommen.

o.T. (FFM #0699), 2021
o.T. (FFM #0860), 2021

Ich finde die Lichtstimmung faszinierend: Die Bilder wirken kühl und ruhig, aber gleichzeitig verleiht das frühe Sonnenlicht ihnen eine Wärme und Vertrautheit. In der Vorbereitung auf das Interview habe ich gelesen, dass diese Atmosphäre einmal "kühl, aber mit Herz" genannt wurde.

Wolfgang Stahr: Das stammt tatsächlich von Florian Illies, der das einmal über meine Arbeit gesagt hat. Und ich kann mich darin gut wiederfinden. Meine Bildsprache neigt zu klaren, flächigen Kompositionen und einer gewissen formalen Strenge – das hängt auch mit meiner Auftragsarbeit, insbesondere der Architekturfotografie, zusammen. Anfangs war ich aber einfach überwältigt von der Vielfalt der Stadt und folgte meinem Instinkt. Erst im Prozess merkte ich, wie stark die Kombination aus meinem Blick und dem warmen Morgen- oder Abendlicht die Stadt verwandelt. Sie erscheint im wahrsten Sinne des Wortes in einem anderen Licht. In manchen Bildern tauchen Bezüge zu anderen Städten auf – nicht nur die naheliegenden wie New York City, sondern auch Orte wie Helsinki oder East London. Das Licht verstärkte diese Ortlosigkeit. Fotohistorisch wollte ich mich ein wenig vom rein dokumentarischen, sachlich-nüchternen Ansatz lösen, wie man ihn etwa von Thomas Struths Straßenfotografie kennt. Ich wollte mehr Stimmung, mehr "Soul" hineinbringen – weil Sentiment Index ein persönliches Stadtporträt ist.

Die Sonne wirkt mitunter wie ein Spotlight, das architektonische Details hervorhebt – so, als würde man Gebäude neu entdecken.

Wolfgang Stahr: Das ist mir bei der Ausstellung auch aufgefallen: Selbst Frankfurterinnen und Frankfurter haben bei sehr bekannten Orten nachgefragt, wo genau das sei. Ein Beispiel ist das braune Gebäude der Deutschen Vermögensberatung am Willy-Brandt-Platz. Ein extrem frequentierter Ort, aber durch das Morgenlicht wirkt das Gebäude fast skulptural. Ich fand es spannend, dass selbst Menschen, die täglich daran vorbeigehen, ihre Stadt auf einmal neu sehen.

o.T. (FFM #5973), 2020
o.T. (FFM #1392), 2021
o.T. (FFM #5550), 2015

Was ich ebenfalls interessant fand, waren die starken Kontraste des Alltags: ein teures Auto in einem heruntergekommenen Hinterhof, das Hochhaus einer Bankzentrale aus Glas und Stahl neben Nachkriegsarchitektur und den Spuren des dörflichen Ursprungs der Stadt. Frankfurt am Main hat viele Schichten. In Ihren Fotos wird das sehr deutlich. Was hat Sie daran gereizt?

Wolfgang Stahr: Da ich Menschen bewusst weitgehend aus den Bildern herausgelassen habe, konnte ich Architektur und Materialität gewissermaßen als Bausteine nutzen, um die Stadt zu erzählen. Ich fand es reizvoll, Frankfurt fragmentarisch aufzuschlüsseln: mal ein Bodenbelag, mal ein Close-up, dann eine Totale. Frankfurt ist in seiner Verdichtung einzigartig. Alles trifft hier auf engem Raum aufeinander – Architektur, Geschichte, soziale Strukturen. Die Fragmentarisierung war meine Strategie, das sichtbar zu machen: durch schönes Licht, leere Straßen und kompositorische Bausteine ein Bild der Stadt zu erzeugen, wie ich sie als Neuankömmling wahrgenommen habe. Vielleicht konnte die Serie auch nur zu diesem Zeitpunkt entstehen. Als ich nach dem Studium nach Berlin gezogen bin, habe ich dort kaum die Stadt fotografiert und mich später geärgert. In einem neuen Umfeld sieht man alles mit wachem Blick. Dieser Zustand hielt in Frankfurt zwei Jahre an – sogar banale Dinge wirkten spannend. Nach fünf Jahren Arbeit merke ich aber, dass dieser Blick nicht mehr derselbe ist. Ich bin angekommen – und damit ist das Kapitel abgeschlossen.

Als Akzent taucht Rot in den Fotografien präzise gesetzt auf. Welche Rolle spielt diese Farbe für Sie?

Wolfgang Stahr: Rot hat für mich eine besondere Bedeutung – vermutlich durch meine analoge Zeit im Farblabor. Es gibt ein typisches "Kodak-Rot", das mich immer anspricht. Und natürlich spielt das Licht eine große Rolle. Frankfurt hat durch die Glasfassaden der Hochhäuser oft reflektiertes, indirektes Sonnenlicht. Das erzeugt eine beinahe theatralische Atmosphäre – die Stadt wirkt wie eine Bühne. Solche Momente ziehen mich automatisch an.

In der Serie ist auch Natur zu sehen, die im Vergleich zur Architektur fast wild wirkt. Warum war Ihnen das wichtig?

Wolfgang Stahr: Weil eine menschenleere Stadt automatisch sehr steinern wirkt. Natur ist ein wichtiges Gegengewicht. Frankfurt hat viel mehr Grün, als man oft annimmt, und ich fand es spannend, Momente einzufangen, in denen die Natur sich regelrecht vor die Architektur schiebt – wie ein Vorhang. Frankfurt ist historisch aus kleinen Dörfern zusammengewachsen, und dieser Bezug zur Natur ist bis heute spürbar. Das wollte ich sichtbar machen.

o.T. (FFM #3865), 2021
o.T. (FFM #2942), 2021

Sie fotografieren auch Innenarchitektur. Worauf kommt es Ihnen dabei an?

Wolfgang Stahr: Ich habe früh gemerkt, dass ich gerne mit Räumen arbeite – im Bild. Auch Portraits denke ich oft über den Raum, nicht zuerst über die Person. Ich beschreibe Menschen gerne über ihr Umfeld. Mich reizt das Gestalterische: Räume so zu fotografieren, dass sie Atmosphäre erzeugen. Was mir dagegen gar nicht liegt, ist das klassische Stillleben – etwas komplett von Grund aufzubauen. Ich arbeite lieber mit vorhandenen Räumen und entwickle daraus etwas.

Warum macht Ihnen die Inszenierung eigener Räume keine Freude?

Wolfgang Stahr: Weil mir das zu viel Freiheit lässt. Ich arbeite lieber innerhalb eines bestehenden Rahmens – Architektur, Räume, Gegebenheiten. Von null an visualisieren liegt mir nicht so sehr. Ich habe über die Jahre gemerkt, dass ich in vorhandenen Räumen viel besser arbeiten kann.

o.T. (FFM #6696), 2023

Ich würde gerne mit einem Blick auf Ihre Portraitarbeiten anschließen, die Sie gerade angesprochen haben. Die fotografierten Personen zeigen überwiegend eine konzentrierte Stimmung und innere Ruhe. Wie entsteht diese Atmosphäre?

Wolfgang Stahr: Porträt ist immer Zusammenarbeit. Und ich finde, man darf dem Bild ansehen, dass es ein bewusst gesetzter Moment ist. Ich arbeite gerne mit Stativ und Mittelformat. Das schafft automatisch Ruhe. Dazu kommt, dass ich die Szene wie eine kleine Bühne aufbaue: Ich suche den Raum, dann einen Platz für die Person. Oft entsteht dabei eine konzentrierte, offene Stimmung – und ein Blick, der nicht unbedingt direkt in die Kamera gehen muss.

Ihre Arbeiten wurden mitunter mit Gemälden verglichen, zum Beispiel seitens des Schriftstellers und Journalisten Niklas Maak, der für das Buch auch ein Nachwort verfasst hat. Wie sehen Sie das?

Wolfgang Stahr: Das ist natürlich ein Kompliment. Ich bin sicher von Malerei beeinflusst – wie von Vilhelm Hammershøi oder den holländischen Meistern –, aber ich arbeite nie mit einem konkreten Gemälde im Kopf. Das ist kein bewusster Prozess.

o.T. (FFM #5508), 2021

Sie sagen Haltung sei wichtiger als Technik. Können Sie das näher ausführen?

Wolfgang Stahr: Technik ist wichtig, aber zweitrangig. Sie hat sich enorm vereinfacht. Haltung betrifft die grundlegenden Fragen: Wie gehe ich mit Menschen um? Welche Themen wähle ich? In welchem Kontext zeige ich meine Arbeiten? Diese Fragen prägen die eigene fotografische Sprache viel stärker als jede Kamera.

Und technisch – haben Sie Favoriten in Ihrer Ausrüstung?

Wolfgang Stahr: Etwa 90 Prozent meiner Arbeit fotografiere ich mit digitalem Mittelformat von Fujifilm. Der größere Sensor bietet mehr Detail und Tonwertumfang. Die Farbigkeit entsteht heute stark in der Postproduktion – und ist sehr individuell. Drei Menschen können dieselbe RAW-Datei völlig unterschiedlich entwickeln. Trends beeinflussen das zwar, aber letztlich hat jede Fotografin und jeder Fotograf einen eigenen Farbeindruck.

Woran arbeiten Sie aktuell?

Wolfgang Stahr: Auftragsseitig bin ich gut ausgelastet – viele Projekte und Reisen stehen in 2026 an. Eine neue freie Arbeit gibt es noch nicht. Ich sammle erst einmal Bilder und warte, bis sich ein Thema herausschält. Das kann dauern. Ein größeres Projekt ist aktuell die komplette fotografische Dokumentation des neu entstehenden Hessischen Hofs. Darauf freue ich mich sehr. Die Publikation zu "Sentiment Index" schließt symbolisch mein Ankommen in Frankfurt ab. Es steckt zwischen zwei Buchdeckeln – und damit ist dieses Kapitel für mich rund.

Wolfgang Stahr
SENTIMENT INDEX FRANKFURT MAIN

Mit einem Nachwort von Niklas Maak
KRAUTin Verlag, März 2026
220 x 280 mm, 120 Seiten
ISBN 978-3-96703-176-8
38 Euro