JUNGE TALENTE
Experiment gelungen
Julia Hauch: Dein Design soll sich selbstverständlich in den Alltag einfügen und gleichzeitig überraschen – wie wirst du diesem Spannungsfeld gerecht?
Steven Dahlinger: Ich verzichte auf kurzlebige Effekte oder übermäßig stilisierte Formen und setze stattdessen auf ausgewogene Proportionen, präzise Details und eine innere Logik, die einem Objekt Dauer verleihen. Oft zeigt sich die eigentliche Besonderheit erst auf den zweiten Blick oder im Moment der Verwendung. Das kann in einer besonderen Funktion liegen, in einer ungewohnten Materialwahl oder in einer Konstruktion. Beim "Nesting" Sofa etwa tritt die Rückzugsfunktion nur dann in Erscheinung, wenn sie gebraucht wird und verschwindet im zusammengeklappten Zustand.
Die "Nesting"-Kollektion ist im vergangenen Jahr bei Wagner Living erschienen. Ein sehr erfolgreiches Projekt, das noch während deines Studiums realisiert wurde. Wie kam es dazu?
Steven Dahlinger: Die Entwürfe entstanden im Kontext unseres Seminars "workspace in progress" – einer Auseinandersetzung mit der Zukunft unserer Arbeitswelten. Dabei interessierte ich mich besonders für das Verhältnis von Offenheit und Privatheit. Möbel für den persönlichen Rückzug oder Abgrenzung gibt es zwar viele, oft sind diese jedoch sehr rigide und nicht besonders flexibel. Die Idee eines Möbels, das bei Bedarf Raum zum Rückzug anbietet, sich damit aber nicht aufdrängt, gefiel mir. Das über eine klappbare, doppelte Rückenlehne zu lösen, war auch gestalterisch eine spannende Aufgabe. Peter Wagner war damals sehr begeistert von meinem 1:1 Mockup des "Nesting" Sofas. Die Idee kam zum richtigen Zeitpunkt.
Welche Erfahrungen hast du aus dieser Zusammenarbeit mitgenommen?
Steven Dahlinger: Wichtig ist es, offen in eine Kooperation zu gehen. Eine Idee verändert sich oft mehrmals, bevor sie in der finalen Version steht – und das ist gut so. Ein gewisses Maß an Pragmatismus und Flexibilität gehören dazu, solange man nicht das Wesentliche aus den Augen verliert. Als Designer ist man nicht nur Gestalter, sondern auch Projektmanager. Eine gute Idee allein reicht nicht aus – Herstellung, Transport, Marketing und Vertrieb spielen ebenso eine Rolle.
Du hast Industriedesign an der Universität für angewandte Kunst in Wien studiert und bei Stefan Diez abgeschlossen. Was wirkt bis heute nach?
Steven Dahlinger: Von Stefan habe ich viel gelernt. Vor allem, wie entscheidend gut gelöste Details sind und wie wichtig es ist, beim Entwerfen auch das größere Bild mitzudenken, bis hin zu Geschäftsmodellen. Er hat ein feines Gespür dafür, was ein Entwurf wirklich braucht, und er hat mich ermutigt, auf Hersteller zuzugehen. Insgesamt habe ich an der Angewandten gelernt, mich Themen mutig zu nähern, nicht so schnell aufzugeben und Impulse in Richtung einer nachhaltigeren und zirkulären Gestaltung zu setzen.
Du näherst dich deinen Projekten meist sehr experimentell.
Steven Dahlinger: Es interessiert mich, Ästhetik und Form aus dem Material und seinen Eigenschaften heraus entstehen zu lassen. Ein gutes Beispiel dafür ist mein Tisch "Bow", dessen Form durch das Verdrehen der Beine und das Fixieren im maximal gespannten Zustand entstand. Auch bei "Tens" habe ich in zahlreichen Versuchen das Verhältnis zwischen Unterkonstruktion und Materialspannung ausgelotet. Dieser praktische Prozess macht mir großen Spaß.
Dein Tisch "Tens" ist im Rahmen deiner Diplomarbeit entstanden, die sich mit den Potentialen selbstragender Textilien beschäftigt. Wie bist du auf dieses Thema gekommen?
Steven Dahlinger: "Tens" entstand aus der Auseinandersetzung mit der Materialität von Arbeits- und Stauraumflächen, mit Fokus auf Leichtbau, Nachhaltigkeit und zirkuläre Materialien. Da wir tagtäglich von riesigen Flächen aus komplexen Verbundstoffen umgeben sind, wollte ich mich auf die Suche nach leichteren, besser trennbaren und vor allem zirkulären Alternativen machen. Die konkrete Idee formte sich dann während meines Besuchs der Orgatec. Dort traf ich auf Krall+Roth und ihr patentiertes Material "Shrinx". Ursprünglich für leichteres und schaumfreies Polstern entwickelt, schrumpft das Textil bei Hitzeeinwirkung zwischen 80 und 120 Grad Celsius, wodurch es eine hohe Spannung aufbaut und selbsttragend wird. Dieses Material aus seinem gewohnten Kontext in etwas völlig Neues zu übertragen, faszinierte mich.
Das Projekt ist ja erst mal eine Designstudie – wie geht es jetzt weiter?
Steven Dahlinger: Ich sehe in der Konstruktionslogik gespannter Textilflächen noch großes Potenzial, das es weiter zu erforschen gilt. Der nächste wichtige Schritt wird sein, "Tens" über einen längeren Zeitraum im realen Alltag zu testen, um praktische Erfahrungen und Feedback zu sammeln. Für eine serielle Produktion fände ich ein zerlegbares Gestell interessant, um Transport und Logistik zu erleichtern. Ebenso spiele ich mit Ideen für einen höhenverstellbaren Einzelarbeitsplatz oder eine klappbare Variante. Auch an der Übertragung der Prinzipien auf andere Möbeltypen, etwa Regalsysteme, arbeite ich. Umso mehr freue ich mich auf eine mögliche Zusammenarbeit mit einem Hersteller, der Lust hat, das Projekt gemeinsam weiterzuentwickeln.
Woher kommt deine Leidenschaft für Design?
Steven Dahlinger: Gestaltung in all ihren Facetten hat mich schon immer fasziniert. Als Kind war ich begeistert von Archäologie, um vergangene Welten wieder sichtbar zu machen. Später wollte ich Maler werden, dann zog es mich zu Animationsfilmen und Videospielen, in denen man ganze Universen erfinden kann. Mich fasziniert die emotionale Wirkung, die Räume und Gegenstände auf uns haben können. Gleichzeitig wollte ich immer verstehen, wie Dinge entstehen, ob handwerklich oder industriell. Die Erfahrung, etwas zu entwerfen und es dann physisch vor sich zu haben, ist für mich bis heute eine der größten Motivationen.
Du hast zunächst Politikwissenschaften studiert – inwiefern unterstützt dich das heute als Industriedesigner?
Steven Dahlinger: Das Studium hat auf jeden Fall meinen Blick für den komplexen sozialen, politischen und vor allem ökonomischen Kontext von Design geschärft.
In der Regel ist es eher selten, dass sich junge Talente bei großen Unternehmen beweisen dürfen. Was würdest du deinen KollegInnen mit auf den Weg geben?
Steven Dahlinger: Am Anfang hat man einen unglaublichen Respekt davor auf Unternehmen zuzugehen. Man vergisst jedoch, dass am anderen Ende oft sehr motivierte und nette Menschen sitzen, die auf die richtigen Ideen warten und auf der Suche sind, ihre Produkte weiterzuentwickeln. Auch der persönliche Kontakt auf Messen und Events ist ungemein hilfreich. Womit man definitiv punktet, ist eine möglichst klare Vorstellung der Idee – sei es über einen Prototyp oder tolle Visualisierungen.
An was arbeitest du gerade?
Steven Dahlinger: Gerade arbeite ich daran "Tens" weiterzuentwickeln und an einem Leuchten-Entwurf, der mir schon länger im Kopf herumschwirrt. Außerdem baue ich meine digitalen Fähigkeiten aus. Mich interessiert, wie die Integration von AI-Tools den Designprozess verändern wird, im Guten wie im Schlechten. Und ich stelle gerade die Weichen für meine berufliche Zukunft: Es gibt einige Projekte, die ich selbstständig weiterverfolgen möchte, aber ich kann mir auch gut vorstellen, in einem Designstudio zu arbeiten, um noch mehr Erfahrung zu sammeln und mich auszutauschen.















