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HOTEL
Gelebte Handwerkskunst

Als sich die Gelegenheit bot, mit befreundeten NachbarInnen ein Grundstück inmitten des österreichischen Ortes Mellau zu erwerben, um dort ein modernes Apartmenthaus zu realisieren, zögerten Evi und Jürgen Haller nicht lange.
von Linda Pezzei | 01.12.2022

Was entstehen kann, wenn traditionelles Handwerk, moderner Wohnkomfort und die Liebe zum Detail am richtigen Ort zur richtigen Zeit zusammenkommen, zeigt das Mesmerhaus in Bildstein. Mit Blick auf den Bodensee haben Gastgeberin Evi und ihr Mann Jürgen Haller – seines Zeichens Architekt – im österreichischen Bundesland Vorarlberg eine neue Form von Urlaubsarchitektur geschaffen und sozusagen den Prototypen für das folgende Apartmenthaus Tempel 74 entwickelt. Zwei Baukörper, in ihrer Anmutung schlicht, reduziert, natürlich und offen, schaffen in diesem mit der verbindenden "guten Stube" eine Art Dorfplatz für den Ortsteil Tempel in Mellau. Die Gäste sind herzlich eingeladen, informell zusammenzukommen. Eine richtige Gastronomie braucht es nicht, die gut ausgestattete Honesty Bar ist dafür absolut am Puls der Zeit: kein Konsumzwang, aber ein Angebot, regionale Produkte vor Ort oder zuhause zu genießen. Wer nach einem langen Tag draußen die letzten Sonnenstrahlen genießen oder vor dem lodernden Kaminfeuer die Beine ausstecken möchte, der bleibt oft nicht lange allein. Gastgeberin Evi Haller backt vielleicht gerade Waffeln in der Küche oder ihr Mann Jürgen schaut auf einen Sprung vorbei. Nicht ohne Grund befindet sich dessen Architekturbüro in einem der Apartmenthäuser: "Unsere Gäste sollen und dürfen ein Stück weit unser Leben als Gastgeber mit uns teilen. Wir tauschen uns gerne aus, geben persönliche Tipps oder erzählen Interessierten von der Bregenzerwälder Architektur."

Der Ansatz der Gastgeber wird bei einem Besuch im Tempel 74 sofort spürbar: die Apartments sind alle großzügig, hell, natürlich und schlicht gemütlich gestaltet. Unter dem Motto "weniger ist mehr" steht hier das Material Holz sowohl innen wie außen im Mittelpunkt. Die Architektur ist offen gehalten, zieht Blicke magisch an und eröffnet dementsprechend von innen heraus zahlreiche verschiedene Perspektiven auf die umgebende Naturlandschaft. Auf den ersten Blick modern, fügt sich das Ensemble dennoch nahtlos in die gewachsene Dorfstruktur ein und ist ein gelungenes Beispiel, was Architektur und Handwerk vermögen, wenn Leidenschaft und Know-how aufeinandertreffen. Im Interview spricht Architekt und Baumeister Jürgen Haller über Baukultur und Zukunftspläne.

Linda Pezzei: Euer Büro befindet sich in dem von euch konzipierten und geführten Apartmenthaus Tempel 74 – was genau verstehst du in diesem Sinne unter qualitätsvoller Baukultur?

Jürgen Haller: Handwerk und Tradition bestimmen die Identität eines Gebäudes. Klar in der Formensprache und verwurzelt in der Tradition, so erfüllen wir unsere Holzbauten mit einer Seele. Wald und Holz ziehen sich durch sämtliche Bereiche. Die sinnliche Qualität der meist unbehandelt verbauten, regionalen Baumaterialien verleiht dem Gebäude eine heimelige Atmosphäre und ein einzigartiges Wohnerlebnis.

Der Tempel 74 richtet sich hauptsächlich an Kultur- und Architekturinteressierte, die hier eine Auszeit verbringen und sich inspirieren lassen möchten – was dürfen eure Gäste erwarten?

Jürgen Haller: Meine Frau Evi steht für die Leidenschaft des Gastgebens, ich für die Verbindung von Architektur und Handwerk. Gemeinsam stehen wir für Wohnkultur vom Feinsten im Tempel 74. Wer hier Urlaub macht, erlebt uns beide – authentisch und persönlich. Ich bin in Mellau aufgewachsen. Ein Kenner des Dorfes und der eindrucksvollen Bregenzerwälder Baukultur. Ich habe die Chance genutzt, in dieser einzigartigen Lage in Zusammenarbeit mit Bregenzerwälder HandwerkerInnen ein Apartmenthaus zu bauen, in dem auch mein Architekturbüro untergebracht ist. Ziel war es, ein Projekt zu entwickeln, das in jedem Detail unserer Vorstellung von Wohnkultur entspricht. Die sinnlichen, räumlichen und funktionellen Qualitäten machen den Aufenthalt im Tempel 74 zu etwas Besonderem. Mittelpunkt des Weilers Tempel ist der gemeinschaftliche Laufbrunnen, der bereits in vergangenen Tagen als Waschplatz und Viehtränke Treffpunkt und Begegnungsort war. Daran orientiert sich auch das neue Gebäude indem es das bestehende Ensemble in Maßstab, Material und Form ergänzt. All das, was den Alltag im Bregenzerwald so gemütlich und hochwertig macht, war Vorbild und Ansporn für unser Apartmenthaus in Mellau – insbesondere die Stube als gelungener Beitrag der Alpen zur Wohnkultur. Für meine Frau Evi steht neben der Ästhetik vor allem das Persönliche im Vordergrund. Von der ersten Anfrage bis zur Abreise kümmert sie sich um die Wünsche der Gäste, unter anderem mit persönlichen Tipps zum Kulturangebot und der umgebenden Natur. Evis hausgemachte Kuchen und das umfangreiche Frühstück, das jeden Morgen vor die Apartmenttür gestellt wird, sind bereits echte Klassiker.

Inwiefern ist der Tempel 74 ein Vorzeigeobjekt, wenn es um die Verbindung von Architektur und Handwerkskunst geht?

Jürgen Haller: Der Tempel ist in Mellau architektonisch gesehen der Bregenzerwald im Miniaturformat und weist alle Vorzüge der Baukultur des Bregenzerwaldes auf. Das Haus A ist der detailgetreue Wiederaufbau eines Gebäudes mit handwerklich-bäuerlicher Tradition. Typisch dafür sind z.B. Kasten- und Rautenfenster sowie die Rundschindeln. Das Haus B ist ein Neubau, der die regionale Bautradition in freier Interpretation fortschreibt. Es ist mit einem transparenten Holzvorhang verkleidet, der mit offenen und geschlossenen Fassadenflächen spielt. Außen und innen kommen heimische Holzarten wie Fichte und Eiche sowie geschliffener Estrich mit Sandzuschlag aus der Bregenzerach als Bodenbelag zum Einsatz. Verbunden sind die beiden Häuser im Untergeschoss über die Tiefgarage, sowie im Eingangsgeschoss über eine große Stube, die zum Verweilen und Entspannen einlädt. Eckbank, Kredenz und Sitzmöbel in der Tradition des Kanapees sowie der Ofen als zentrale Feuerstelle stehen für die typische Bregenzerwälder Gemütlichkeit und bieten dem Gast einen Wohlfühlort. Es wurden ausschließlich Handwerker und Betriebe aus der Region beauftragt.

Die Vorarlberger Architektur ist stark geprägt von der Region, dem Baustoff Holz und seiner handwerklichen Verarbeitung sowie dem eigenen Verständnis von Wohnkultur – wie lässt sich das euren Gästen (auch über die Grenzen hinaus) vermitteln?

Jürgen Haller: Vorarlberg baut anders. ArchitektInnen und HandwerkerInnen gestalten überraschend Modernes. Werke von schlichter Eleganz, mit besonderen sinnlichen Qualitäten. Der Baustil von heute basiert auf traditionellem Wissen und Können, das ständig weiterentwickelt wird. Kaum eine Region weltweit verfügt über eine derartige Dichte an hochwertiger Holz-Architektur und setzt alte und neue Baukultur in eine harmonische Beziehung. Genauso hoch wie der Anspruch an die Gestaltung ist jener an Energieeffizienz und Nachhaltigkeit. Die außergewöhnliche Vorarlberger Holzbauarchitektur ist mittlerweile bis weit über die Grenzen hinaus bekannt und macht die Region zu einem beliebten Urlaubsziel für architektur- und kulturinteressierte Gäste.

Ihr habt euch mit eurem Bürositz bewusst gegen die Stadt und für die "Provinz" entschieden – warum?

Jürgen Haller: Wer unternehmerisch Erfolg haben will, stellt sich früher oder später die Frage, ob er nicht besser von der Provinz in die Stadt ziehen sollte. Für uns stellt sich diese Frage nicht. Unsere Heimat Bregenzerwald ist der richtige Ort für unseren Zugang zur Architektur. Wir haben aber unser Büro bewusst in einem Apartmenthaus untergebracht – im Tempel 74 in Mellau. Denn dort, wo die Welt zu Gast ist, finden wir Impulse von außen, die uns fordern und inspirieren.

Welchen besonderen Herausforderungen kann man als ArchitektIn im Bregenzerwald begegnen und welche einmaligen Möglichkeiten können sich ergeben?

Jürgen Haller: Da Vorarlberg und vor allem der Bregenzerwald für Architektur- und Kulturbegeisterte ein Paradies ist, ergeben sich oft Begegnungen, aus denen sich dann auch manchmal schöne Projekte im Ausland entwickeln. Manchmal entstehen aus solchen Zusammentreffen auch enge Freundschaften und langjährige Verbindungen.

Du führst jeden Freitag durch Mellau und erzählst von der Bregenzerwälder Architektur – warum ist dir das ein besonderes Anliegen und wer sind deine ZuhörerInnen?

Jürgen Haller: Als leidenschaftlicher Baumeister lebe ich die erfolgreiche Verbindung von Architektur und Handwerk. Das Büro ist immer offen für unsere Gäste des Tempel 74 und des Mesmerhauses. Bei meinen wöchentlichen Führungen zu den architektonischen Höhepunkten in Mellau und Umgebung teile ich meine detailreichen Erfahrungen von der Idee bis zur Umsetzung eines Bauwerks. Fachsimpelei und persönlicher Austausch in Urlaubsstimmung – was gibt es Schöneres?

Ein Projekt, das du unbedingt in der Region realisieren möchtest und warum?

Jürgen Haller: Da unsere beiden Kinder ins jugendliche Alter kommen, mache ich mir Sorgen, wo und wie sie ihre Freizeit verbringen und sich vor allem ihre Nachtzeiten um die Ohren schlagen können. In unserer Jugendzeit gab es noch einige Nachtlokale, Discos und Treffpunkte für die Jungen. Mit dem Gasthaussterben sind auch diese Lokalitäten verschwunden. Es gibt mittlerweile auch Ambitionen, solche Räumlichkeiten in halböffentlichen Projekten unterzubringen. Leider geht das alles sehr schleppend voran und scheitert meistens an den Kosten und den politischen Entscheidungsträgern. Ein Haus für die Jugend mit Disco, Lokalitäten et cetera wäre eine schöne Herausforderung.

Tipps von Jürgen Haller – Besuch im Bregenzer Wald

Must-do: BUS:STOP Krumbach. ArchitektInnen aus sieben verschiedenen Ländern gestalteten sieben verschiedene Bushaltestellen in Krumbach, kleine Nutzbauten im öffentlichen Raum. Doch das ist nur eine Seite eines mutigen Projekts. Auf der anderen Seite steht ein ungewöhnlicher Dialog mit Vorarlberger Tradition, Baukultur und Handwerk.

Must-try
: s`Ernele Hittisau. Die Ladenwirtschaft ist ein Schaufenster der Region – in mehrerlei Hinsicht: Küchenmeister Felix Groß, ein guter Freund von uns, bereitet die Gerichte direkt im Gastraum zu. Es kommen ausschließlich Produkte aus maximal 100 Kilometern Entfernung und dem hauseigenen großen Gemüse- und Kräutergarten auf die Teller. In den gut bestückten Regalen werden ausgewählte Preziosen mit Bregenzerwälder Wurzeln angeboten. Und auch die Formensprache des modernen, lichtdurchfluteten Holzkubus ist einzigartig in Vorarlberg. Die Nähe zum Gast, die kompromisslose Beziehung zu den Produkten und Lieferanten und die außergewöhnliche Architektur und Atmosphäre machen das Ernele unvergleichlich.

Must-see:
Werkraum Andelsbuch. Sich gegenseitig inspirieren, anpacken, lernen und wachsen – wer sich dem Werkraum Haus nähert, erkennt die Gemeinschaftlichkeit, die diesem Bauwerk vorausgeht. Pionier und Architekt Peter Zumthor lernte Mitte der 1990er-Jahre beim Bau des Kunsthauses Bregenz die HandwerkerInnen aus dem Bregenzerwald kennen. Zusammen mit ihnen setzte er von 2008 bis 2013 den visionär kraftvollen Entwurf des Werkraum-Hauses um.

Kontakt

Tempel 74
6881 Mellau, Österreich

Telefon: +43 5518 21076