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Truly Truly schaffen im "Das Haus" auf der imm cologne 2019 fließende Übergänge und atmosphärische Zonen.

imm cologne 2019
Wahrhaftig in Stimmung

Das Designstudio Truly Truly aus Rotterdam wird für die imm cologne 2019 "Das Haus – Interiors on Stage" in der Pure Editions-Halle 3.1 entwerfen. Was man erwarten darf, haben uns Kate und Joel Booy erzählt.
von Anna Moldenhauer | 08.01.2019

Anna Moldenhauer: Dick Spierenburg, der Creative Director der imm cologne, wird in einer Pressemitteilung zitiert mit den Worten "Ich fürchte, Truly Truly werden 'Das Haus' auf den Kopf stellen." Sollten wir ein wenig Sorge vor dem haben, was ihr vorhabt?

Joel Booy: Vielleicht meinte er es als eine Art Metapher, weil wir ursprünglich aus Brisbane, also aus "down under" kommen (lacht). Wir sind keine typischen Industriedesigner, unser Ansatz für ein Projekt geht eher von einem künstlerischen Standort aus.

Kate Booy: Wir haben nicht Architektur studiert, sondern kommen aus dem Grafik- und Produktdesign und beschäftigen uns viel mit Materialität. Man konzentriert sich mehr auf kleine Details, schaut wie Objekte das Erlebnis in der Architektur verändern, die visuelle Wirkung. Daher war es sehr spannend eine Gesamtkomposition zu entwerfen.

Wie ist euer Ansatz für "Das Haus"?

Joel Booy: Bei der Ideenfindung gab es keine Einschränkung. Aus unserer Perspektive wollten wir für die Simulation des Wohnhauses Räume schaffen, die essentiell sind. Die einen anderen Sinn bieten, als nur die praktischen Funktionen. So wird es einen Raum geben, dessen Wände komplett aus Pflanzen bestehen, sie geben die Struktur. Was so erreicht wird, ist ein "Reclusive space", ein getrennter Raum, der eine ruhigere Atmosphäre bietet. Insgesamt wird man auf den 180 Quadratmetern vier Zonen finden, die ineinander übergehen: "Reclusive" (zurückgezogen), "Serene" (ruhig), "Active" (aktiv) und "Reclining" (zurückgelehnt).

Dick Spierenburg, Creative Director der imm cologne (l.), wählte das Duo für den Entwurf von "Das Haus" aus.

Warum habt ihr euch dazu entschieden, den Räumen keinen klaren Nutzen zuzuweisen?

Kate Booy: Die Art und Weise wie Menschen heutzutage leben und wohnen ist geprägt von fließenden Übergangen. Unsere Aktivitäten sind nicht mehr bedingt einem Raum zugeordnet. Unsere Reaktion darauf war für "Das Haus" die Stimmung in den Fokus zu stellen. Es gibt kein Esszimmer, aber Orte, wo man sehr komfortabel essen könnte. Zurückgezogen oder in einer aktiveren Zone, die offen ist und in der man auch arbeitet, ganz nach dem individuellen Lebensrhythmus. 

Ein multifunktionales Haus ohne Grenzen also, das die Gemeinschaft fördert. Das erinnert mich an das Wohnen in den Siebziger Jahren. Die Funktion des Raumes folgt quasi dem Bedürfnis.

Joel Booy: Genau, das Wohnen ist organisch. Von außen ist unser Haus nicht wirklich einsehbar – aber innen gibt es nur fließende Übergänge, Menschen können interagieren. Mithilfe der Materialien und Objekte schaffen wir uns einen Freiraum, der die Funktionen der Räume miteinander vermischt. Was uns beschäftigt hat, ist das die Effizienz eines Raumes nicht zu Kosten auf unsere Entschleunigung gehen sollte, die wir in unserem Zuhause suchen. Unsere Küche, das Zentrum, besteht beispielsweise aus Einzelteilen und lässt viel Freiraum für Kommunikation, Bewegung und Individualität. Wir wollen die Option offen lassen sich Zeit zu nehmen, den Raum an sich zu nutzen statt nur seine Funktion.

Räume ohne Grenzen, die sowohl ungewöhnlich wie einladend sind – wie wollt ihr die Balance finden?

Joel Booy: Das ist eine der Fragen, die wir uns stellen. Unsere Lösung ist die Abstraktion. Wir versuchen Vertrautheit mit einem neuen Erlebnis zu kombinieren. Die Objekte lassen Spielraum für Assoziationen und Interpretationen. So schaffen wir z.B. Möbel die nahe an dem sind, wie wir sie kennen aber anders zusammengesetzt als üblich.

Kate Booy: Wir hatten vorhin den Punkt der Materialität und hier wird dieser entscheidend. Material, Textur und Farbe sprechen die Sinne an. Wir untersuchen welcher Effekt entsteht, welche Gefühle kommuniziert werden und welche Eigenschaften sich ergeben, wenn man diese Elemente neu kombiniert. Wir wollen einen Reiz schaffen, der die Besucher neugierig macht sich die Objekte näher anzuschauen, zu berühren und den Raum auf sich wirken zu lassen. Uns geht es um die Kombination, um das Experiment. Und um Gegensätze, in der Küche kombinieren wir zum Beispiel glasierte Lavasteinfliesen mit poliertem Edelstahl.

Materialität und Farbe sind zwei Faktoren, mit denen Truly Truly im "Das Haus" arbeiten.
Funktion und Erlebnis: Feine Strukturen und Kontraste finden sich auch bei den Textilien.

Entwerft ihr alle Objekte speziell für "Das Haus", oder zeigt ihr auch bereits bestehende Arbeiten?

Joel Booy: Teils, Teils. Wir arbeiten gerade an einem Sofa und an einem Bett speziell für "Das Haus". Wir werden aber auch einige unserer liebsten Produkte, die bereits existieren, in das Projekt einbringen. Zum Beispiel das "Fuse Cabinet #2", einen Schrank aus Marmor und Zedernholz, der wie ein Totem wirkt. Dazu kommen die Arbeiten anderer Designer, die wir zeigen möchten.

Plant ihr Klänge und Düfte in eurem Haus einzusetzen um die Atmosphäre der Räume zu unterstreichen?

Joel Booy: Wir versuchen möglichst nicht zu dramatisch zu werden, daher wenn nur sehr subtil.

Ihr habt bereits für Museen und Hersteller Ausstellungkonzepte entworfen und Produkte entwickelt, wie für das TextielMuseum in Tilburg oder das Nationaal Glas Museum in Leerdam, für Ikea, Dexter oder Tacchini Italia – was war bei der Zusammenarbeit mit der Messe Köln anders?

Kate Booy: Das Projekt ist sehr persönlich. Es gibt keinen direkten Auftrag, außer seine Vision von "Das Haus" umzusetzen und natürlich die Erwartung das wir etwas Spektakuläres schaffen sollen. Unsere Erfahrung in der Realisation von Installationen und Projekten hilft uns bei der Konzeption sehr. "Das Haus" ist für uns ein Höhepunkt aus all dem, was wir bisher realisiert haben.

Joel Booy: Die Entwicklung ist umfassend. Man muss das Gesamtbild des Raumes komponieren, aber auch die einzelnen Produkte. Die Messe hat uns da viel Freiraum gegeben. Den meisten Druck machen wir uns selber – wenn du auf die Arbeiten deiner Vorgänger schaust, wie Sebastian Herkner oder Nipa Doshi und Jonathan Levien, nimmst du das Projekt sicher nicht auf die leichte Schulter.

Organisches Wohnen: Truly Truly wollen im "Das Haus" einen Freiraum schaffen, der die Funktionen der Räume miteinander vermischt.

Ich habe gelesen, dass ihr eure Arbeit als Schnittstelle zwischen Industrie und Kunst versteht. Kann man also sagen eure Projekte sind eine Mischung aus Funktion und Experiment?

Joel Booy: Ja. Ich denke, unsere Projekte sollten optisch oder zumindest taktil überraschend und interessant sein. Ein Gleichgewicht bieten zwischen Funktion und Erleben.

Ihr habt beide Grafikdesign am Queensland College of Art, Griffith University studiert, wie beeinflusst diese Ausbildung eure aktuelle Arbeit?

Kate Booy: Die Arbeit mit Grafikdesign lässt in uns immer die Frage aufkommen, was wir mit diesem Material, mit dieser Kombination vermitteln, welche Botschaft kommunizieren wir? Es geht nicht um Branding, sondern um Kommunikation und darum eine Faszination in eine haptische Form zu bringen. Daher hat der grafische Hintergrund eine tiefe Bedeutung in unserer Arbeit.

Joel Booy: Der Prozess des Grafikdesigns ist sehr stark auf eine Komposition ausgerichtet, mit der eine Botschaft übermittelt wird. Wir beschäftigen uns viel mit der Wirkung von Farbe, Material und Form auf die Stimmung des Menschen. Unser Wissen über Kommunikationsdesign fließt so in unsere Produkte mit ein. Zudem ist die Handarbeit mit dem Material, die Haptik für uns sehr wichtig. Wir haben extra eine Werkstatt gemietet, um so viele Objekte wie möglich selbst bauen zu können.

Mit abstrakten Entwürfen erforschen Kate und Joel Booy die Wirkung von Farbe, Material und Form auf die Stimmung des Menschen.
Die Objekte im "Das Haus" sollen in ihrer Optik ausreichend Spielraum zulassen für Assoziationen und Interpretationen.

Ursprünglich kommt ihr aus Brisbane, Australien, warum habt ihr Rotterdam als Standort für eurer Designbüro ausgesucht?

Joel Booy: Zwei Gründe: Der erste war die Design Academy in Eindhoven, an der ich 2010 nach meiner Ausbildung in Australien studieren wollte. Mir war eine praxisnahe, konzeptionell gesteuerte Ausbildung wichtig und die Design Academy hat das geboten. Der andere Grund ist die starke Gemeinschaft innerhalb des Kultursektors in den Niederlanden. Wir haben dank dieser Verbindung bei der Gründung des Studios im Jahr 2014 sehr viel Unterstützung für unsere kreative Arbeit erhalten.

Kate Booy: Australien ist im Vergleich zu den Niederlanden ein sehr junges Land. Die Designindustrie wächst, aber die Gemeinschaft ist noch nicht sehr stark. Daher bieten uns die Niederlande und Europa allgemein mehr und andere Möglichkeiten als Designer zu arbeiten.

Der Name eures Designstudios lautet "Truly Truly", sprich "WahrhaftigWahrhaftig". Ein Wort, das für Ehrlichkeit und Authentizität steht, und den Anspruch den eigenen Weg nicht zu verlieren. Wie schwer war es seit der Gründung vor vier Jahren diesen Leitgedanken aufrecht zu erhalten?

Kate Booy: Bisher hatten wir damit keine Probleme. Es ist glücklicherweise so, dass Unternehmen auf uns zukommen und wir viele verschiedene Projekte realisieren können. Anders als im Grafikdesign, wo man weniger die Möglichkeit frei zu kreieren, weil man im Namen eines anderen kommuniziert.

Joel Booy: Es ist so, wie wir es uns immer gewünscht haben. Wir wollten nie das unsere Arbeit nur ein Job ist. "Das Haus" ist eine Umsetzung unserer Ideen, Visionen, quasi ein Manifest. Ein Manifest auch an uns selbst, sich nicht in den gleichförmigen Strom ziehen zu lassen, sondern immer den eigenen Weg zu suchen.

Von außen kaum einsehbar, bietet "Das Haus" im Innenbereich fließende Übergänge und multifunktionale Räume.