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Denkmalschutz in Zeiten des Krieges

Russlands Angriffskrieg in der Ukraine gilt auch der Baukultur: Unser Autor Falk Jaeger sprach mit dem Architekten Philipp Meuser über das architektonische Erbe der Ukraine und über die Planung des Wiederaufbaus nach Kriegsende.
07.03.2023

Philipp Meuser, gelernter Architekt und Journalist, führt mit seiner Frau Natascha Meuser in Berlin ein Architekturbüro sowie den Architekturbuchverlag DOM publishers. Teil des Programms sind einzigartige Architekturführer von Berlin bis Pjöngjang und Monografien über die Architektur der Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Meuser promovierte mit einer Arbeit über den sowjetischen Wohnungsbau zwischen Stalin und Glasnost und wurde 2017 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande für den kulturellen und wissenschaftlichen Austausch mit den postsowjetischen Staaten ausgezeichnet. Seit 2018 ist er Ehrenprofessor der Beketov Universität in der derzeit umkämpften Stadt Charkiw und hat dort einen Lehrauftrag.

Falk Jaeger: Wie muss man sich die Architektur in der Ukraine vorstellen?

Philipp Meuser: Die Ukraine ist für mich das europäische Land per excellence, weil es Einflüsse aus allen geografischen Richtungen gibt. In der Westukraine zwischen den beiden Weltkriegen den polnischen Einfluss, dazu Slowakisch und auch Ungarisch. Der Süden ist durch das Schwarzmeerklima mediterran geprägt. Es gab orientalische Einflüsse und die aus Konstantinopel. Aber was man auch nicht außer Acht lassen darf, ist natürlich der russische Einfluss. Das wird in der Diskussion gerne etwas marginalisiert, aber die Ukraine war über mehrere hundert Jahre Teil des Russischen Reiches. Russland und später die die Sowjetunion haben einen großen Einfluss auf die Entwicklung gehabt. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind viele Gebiete erst industrialisiert und urbanisiert worden. Vor allem die Ostukraine mit Charkiw, dem Donbas, Lugansk haben somit auch eine russische Vergangenheit.

Was geschah nach dem Zerfall der Sowjetunion?

Philipp Meuser: Man kann feststellen, dass die Ukraine durchaus eine eigene Architektursprache hervorgebracht hat. Man muss aber als Westeuropäer kritisch anmerken, dass sie natürlich diesem Turbokapitalismus der Oligarchen, die den Wohnungsmarkt unter sich aufgeteilt haben, erlegen ist. Andererseits gibt es gewissermaßen eine informelle Architektur, hinter der ambitionierte ArchitektInnen stehen, die nicht vom Staat oder von Oligarchen beauftragt werden, sondern als zivilgesellschaftliche AkteurInnen eine europäische Architektur pflegen. Dazu zählen etwa Oleg Drozdov oder Viktor Zotov.

Wir sehen die kriegszerstörten Häuser im Fernsehen, offenbar in erster Linie Plattenbauten. Welche Rolle spielt denn heute der Plattenbau?

Philipp Meuser: In der Chruschtschow-Zeit der späten 50er Jahre wurde der Massenwohnungsbau vorerst in Ziegel gebaut, ab 1960 entstanden industriell vorgefertigte Plattenbauten. Bis Kriegsbeginn vor einem Jahr lebten etwa 70 Prozent der Bevölkerung in diesem Wohnungsbestand aus der Sowjetzeit. Nun ist ein Drittel geflüchtet oder vertrieben worden.

Handelt es sich um russische Bausysteme?

Philipp Meuser: Interessanterweise sind die Bausysteme dezentral in den einzelnen Sowjetrepubliken entwickelt worden. Der im Osten vorherrschende Typ II–57 kommt zwar aus Moskau, aber es gibt auch einige Serien, die in der Ukraine entwickelt worden sind. Das sieht man an den ukrainischen Namen der ArchitektInnen und IngenieurInnen. Dazu zählt etwa die Serie I-438, die über ein Viertel aller Plattenbauten in der Ukraine ausmacht. Aus unserer westlichen Perspektive war das alles eine von der Moskauer Parteizentrale gesteuerte Planung, aber es gab in den 70er und 80er Jahren eben auch eine ukrainische Architektur mit eigenständigen ArchitektInnen. Das haben wir lange ignoriert.

Zerstörte Wohnbauten in der Großsiedlung Saltiwka in Charkiw, Oktober 2022

Wie steht es mit dem nationalen Bewusstsein für die eigene Baukultur, für Denkmalschutz?

Philipp Meuser: Bis vor zehn Jahren hat man das wie in Russland gehandhabt. Denkmalschutz in Russland kennen wir so: Ein Gebäude wird abgerissen und 1:1 wieder aufgebaut. Es geht also nicht um die Originalsubstanz, sondern darum, das Haus in seiner Erscheinung wieder auferstehen zu lassen. In der Ukraine entwickelt sich ein neues Verständnis von Denkmalschutz. Zum Beispiel ist der Klub der Eisenbahner in Charkiw unter möglichst weitgehender Beibehaltung der Originalsubstanz saniert worden.

Also eigentlich nach unseren Kriterien. Steht der Klub noch?

Philipp Meuser: Er ist im März und im August 2022 durch Raketen getroffen worden. Ich bin im November dagewesen und wollte mir die Schäden anschauen. Aber der Ort ist vom Militär gesperrt, man kommt leider nicht rein. Das Gebäude ist wohl ausgebrannt, aber das ist in Charkiw bei vielen Gebäuden so. Es bleibt schwierig, wenn die Menschen frieren, hungern und kein Dach über dem Kopf haben, über Denkmäler, über Baukultur zu sprechen. Doch ich glaube, das ist für Identität der Menschen vor Ort und auch für unsere europäische Identität ganz wichtig. Die Ukraine ist ein Land mit einem hohen Bildungsgrad. Die Menschen kennen diese Architektur, und sie können sie wertschätzen.

Kulturklub der Eisenbahnarbeiter in Charkiw, 2016
Das Gebäude, eines der besten Beispiele des Konstruktivismus in der ehemaligen Sowjetunion, wurde im März und August 2022 von russischen Raketen getroffen. Seitdem ist es vollständig ausgebrannt.

Ist es ein bewusstes Kriegsziel der Russen, Kultur zu zerstören?

Philipp Meuser: In der Hauptstadt Kiew habe ich vielfach Kollateralschäden gesehen, in der Umgebung von Infrastrukturzielen durch ungenauen Beschuss. Im Norden der Stadt hat die russische Armee in den Anfangstagen flächendeckend jedes Gebäude beschossen. Im Osten und im Süden des Landes ist auf Kulturbauten allerdings sehr gezielt geschossen worden. An der Schwarzmeerküste etwa wurde zum Beispiel ein Kloster bewusst zerstört, tausend Jahre alt, einige Mönche kamen bei dem Angriff um. Landesweit sind schon über 600 Sakralbauten zerstört worden, darunter ein Drittel der moskautreuen orthodoxen Kirche. Das spiegelt eine perfide Verrohung der russischen Armee, die mit Kriegsverbrechen an Menschen, aber auch an Kultur einhergeht. Inzwischen gehe ich auch so weit zu sagen, diese Verrohung hat sich auch in weiten Teilen der russischen Gesellschaft eingenistet.

In Deutschland gab es während des Krieges schon Planungsstäbe, die den Wiederaufbau zerbombter Städte geplant haben. Gibt es das auch in der Ukraine? Gibt es ein zuständiges Bauministerium?

Philipp Meuser: Es gibt ein Ministerium für regionale Entwicklungen, aber das ist natürlich total überfordert. Probleme bereitet nicht nur, dass der Wohnungsbestand ohnehin völlig überaltert ist, sondern auch dass über 90 Prozent der UkrainerInnen im Wohneigentum leben, und der graue Mietmarkt – also Vermietungen zwischen Privatleuten – steuerlich nicht richtig erfasst ist. Nur zwei Prozent des Neubaus ist öffentlicher, kommunaler oder genossenschaftlicher Wohnungsbau. Zurzeit sind 14 Millionen Menschen der Bevölkerung auf der Flucht. Vor allem die westlichen Landesteile stehen vor unlösbaren Problemen und versuchen, in Containerdörfern und in geräumten Studentenwohnheimen Flüchtlinge unterzubringen. Aber wer baut dann neu und wer saniert den Bestand? Kommen die acht Millionen EmigrantInnen im Ausland, überwiegend junge Leute, wieder zurück? Außerdem ziehen viele vom Land in die Stadt. Die Bevölkerungsstruktur läuft Gefahr, demografisch zu kippen.

Muss der Westen den Wiederaufbau außer mit Geld und Bautechnik auch anderweitig unterstützen?

Philipp Meuser: Wenn Sie den Vorstand einer Stadt fragen, wieviel Menschen in dieser leben, unter welchen Bedingungen und wo wohnen sie, kann dieser wahrscheinlich keine genaue Antwort geben. Dessen dringliche Aufgabe ist schließlich die tägliche Aufrechterhaltung der kommunalen Dienste. Ich sehe einen großen Bedarf an Beratungsleistung. Ich glaube, die Ukraine braucht keine ArchitektInnen von außen, die KollegInnen vor Ort können das selber schaffen, aber sie brauchen im Bereich der Projektsteuerung, des Projektmanagement ein paar Kenntnisse aus dem Ausland. Wie diversifiziert man einen Wohnungsmarkt? Wie funktioniert eine Baugruppe? Wie organisiere ich eine Genossenschaft? Wie organisiere ich eine Eigentümergemeinschaft, die beispielsweise für das beschädigte Haus ein neues Dach braucht? Man muss ganz unten anfangen. Es gibt einen gigantischen Sanierungsstau, denn 90 Prozent der Wohnungsbauten sind vor 1990 gebaut und seitdem auf Verschleiß gefahren worden. Dabei scheitern zum Beispiel gut gemeinte EU-Förderprogramme. Für energetische Sanierungen ihrer Wohnung sollten die Eigentümer vor einigen Jahren bis zu 5.000 Euro Direktförderung bekommen, doch sie konnten die von ihnen geforderten Investition in gleicher Höhe nicht aufbringen. Dramatisch ist aber auch der Sanierungsstau von 70 Prozent bei der Infrastruktur. Der Staat hat in den Neunzigerjahren alles privatisiert, dereguliert.

Wohnheim für schwangere Binnenflüchtlinge und junge Mütter in Lwiw, Entwurf: Sulyk Architects, geplant und errichtet zwischen Juni und September 2022
Im westukrainischen Stryi entsteht derzeit ein Wohngebäude für 30 Binnenflüchtlinge aus dem Donbass
Ungelernte ArbeiterInnen fachen die moderne Holzständerkonstruktion mit selbst hergestelltem Hanfkalk aus

Sieht man Baustellen, Neubauaktivitäten?

Philipp Meuser: Kaum. Nur in Uschgorod an der Grenze zur Slowakei und zu Ungarn habe ich nennenswerten Wohnungsneubau gesehen. Vereinzelt ein paar Projekte, die aber schon vor Kriegsbeginn gestartet waren. Etwa in Winnyzia. Die Wohnungen werden dann im Rohbauzustand zum Selbstkostenpreis ab 350 Euro pro Quadratmeter verkauft. Das ist also der soziale Wohnungsbau, den die Stadt dort selbst initiiert hat. Wohnungsbau wurde bislang in der Ukraine nicht als sozialpolitisches Instrument aufgefasst. Ich befürchte fast, dass weiterhin Großsiedlungen am Stadtrand gebaut werden, weil die AkteurInnen, die das Befürworten, große Konzerne sind. Ein Dutzend Oligarchen, die den Markt territorial untereinander aufgeteilt haben. Eventuell wird sich das nach dem Krieg ändern. Zu hoffen wäre es.

Der britische Architekt Norman Foster hat im April vergangenen Jahres sein unentgeltliches Engagement für die Ukraine angeboten und inzwischen einen Wiederaufbauplan für Charkiw präsentiert. Wie ist das zu beurteilen? Nutzt er geschickt die Publicity des aktuellen Themas, wie vielfach gemutmaßt, oder kann er wirklich helfen?

Philipp Meuser: Das ging rum wie ein Lauffeuer und wurde kritisch betrachtet, weil der Eindruck entstand, ein Stararchitekt wäre von der Stadtverwaltung eingekauft worden. Und da liegt es nahe, dass UkrainerInnen Korruption vermuten. Aber die Geschichte hat sich etwas anders zu getragen: Foster war als UN-Botschafter bei einer Stadt-Denker-Konferenz und wurde auf dieser Sitzung von Charkiws Bürgermeister Ihor Terechow gefragt, ob ihn die Stadt einladen dürfe, beim Wiederaufbau der Stadt zu helfen. "Mach ich", hat Foster gesagt und inzwischen den ersten Entwurf für einen Masterplan vorgelegt. Daraufhin hat es einen Aufruf des Bürgermeisters an ukrainische ArchitektInnen gegeben, daran teilzunehmen. Diese reagieren allerdings mit Ressentiments in der Art: "Jetzt kommt der britische Stararchitekt und plant irgendwas, und wir sitzen dann wie kleine Schuljungen am Tisch. Wir können das selber." Irgendwie verständlich. Da ist also im Vorfeld etwas ungut gelaufen. Gleichwohl glaube ich, dass Foster, der es nicht nötig hat, irgendwo einen weiteren Masterplan zu machen, wirklich helfen will und es mit seiner Erfahrung und seinem Bekanntheitsgrad schaffen kann, etwas zu bewegen und die ukrainischen ArchitektInnen mit ins Boot zu bekommen. Deshalb sehe ich das nicht so kritisch. Der Wiederaufbau von Charkiw, eine sehr russisch geprägte, ostukrainische Stadt, die es durch den Krieg zu trauriger Berühmtheit gebracht hat, kann auch beispielhaft sein für die gesamte Ukraine. Die in Teilen zerstörte Stadt mit viel historistischem Baubestand sowie 40 international orientierten Universitäten lässt sich mit mehr Identität wiederaufbauen als etwa Mariupol, das zu 90 Prozent in Trümmern liegt. Wenn Forster sich dort also einbringt, weil sich das aus einer öffentlichen Veranstaltung heraus entwickelt hat und keiner Mauschelei entspringt, verdient das ein paar Vorschusslorbeeren. Und vielleicht trägt die Zusammenarbeit Früchte, weil die ArchitektInnen in der Ukraine, anders als im "von oben nach unten" organisierten Russland, etwas rebellischer sind. Sie agieren eher anarchisch "von unten nach oben" und gehen die Aufgaben mit Energie selbstbewusst an.

Philipp Meuser mit Oleksandr Korotkyn von der Kommunalen Agentur für Raumentwicklung in Winnyzia, Oktober 2022