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Unfertig und doch vollendet
von Nina Reetzke | 29.08.2011
Alle Fotos: Dimitrios Tsatsas, Stylepark

Auf dem Cover des Buches „Misfit" von Hella Jongerius ist die Handskizze einer Vase zu sehen, völlig nüchtern, schwarz auf weiß gezeichnet. Um diese noch stärker wirken zu lassen, sind die Linien in den Karton eingeprägt, was weniger sehen als fühlen kann. Mit fünf elektrostatischen Stickern in Rot-, Grün- und Brauntönen lässt sich die Vase zudem verschieden einfärben. Außerdem stechen die sonst meist unauffälligen Spuren des Buchbindens ins Auge. Den Buchrücken ziert, wie in letzter Zeit in Mode gekommen, eine unkaschierte Bindenaht. Die Seiten sind an der Vorderkante nicht beschnitten und stehen unter dem Einband hervor. Unfertig und vollendet zugleich erscheint das Buch, ein „non coupé" in der Sprache der Buchbinder.

Es ist so eine Sache mit der Perfektion. Einerseits hat sie etwas Finales und nicht zu Übertreffendes, andererseits facht das Streben nach ihr das Verlagen an, etwas immer noch ein Stück besser zu machen. Der goldene Mittelweg scheint darin zu liegen, sich erfolgreich quer zu stellen. „Misfits are my perfection." sagt Hella Jongerius. Und in der Tat: Sie schätzt die Ausreißer und Außenseiter unter den Formen, meidet das Vollendete und Perfekte und sucht stattdessen nach dem Imperfekten, das sich ständig weiterentwickelt. Ist sie doch 2008 von Rotterdam nach Berlin gezogen, um einen durchorganisierten Alltag durch einen Anfang in einer neuen Stadt zu ersetzen.

In ihren Arbeiten verbindet die niederländische Designerin meist handwerkliche und industrielle Elemente miteinander. Es geht ihr um den „menschlichen Faktor", der sich auf ganz unterschiedliche Weise zeigen kann. Besonders „gebastelt" wirken die Tiermutationen „Props", die Porzellanentwürfe für Nymphenburg kommen kunsthandwerklich daher, der „Frog Table" muss dem Limited Edition Design zugerechnet werden, während die Ikea Wandteppiche auch von Oma gestickt sein könnten. Der „Bob Garden Club Chair" hingegen fällt durch sein erstaunlich nüchternes und industrielles Aussehen auf.

Nach „Hella Jongerius" von 2003 ist „Misfit" bereits die zweite Monografie über die Designerin, erschienen bei dem selben Verlag und beide Male herausgegeben von Louise Schouwenberg. Neben großformatigen Bildern und einer chronologischen Werkübersicht, enthält das Buch eine Reihe an fiktiven Konversationen zwischen Hella Jongerius und Louise Schouwenberg sowie zwei designtheoretische Texte von Alice Rawsthorn und Paola Antonelli. Doch gerade wenn man die beiden Monografien miteinander vergleicht oder sich die Werksübersicht von Jongerius ansieht, stellt sich die Frage, inwiefern der Titel „Misfit" passt. Die Vasen etwa, die auch als Motiv auf dem Buchtitel zu sehen sind, gibt es in Variationen angefangen mit der „Red White Vase" bereits seit 1997, ergänzt durch die drei Serien der „Coloured Vases" von 2003 für Tichelaar Makkum, 2007 für Vitra und 2010 für Phaidon – anlässlich dieser Publikation. Sicher eigenen sich die Vasen dank ihrer Form und ihres Konzepts auch nach all den Jahren noch dazu, gleich einer Leinwand Farbexperimente zu vermitteln, „misfit", sprich Außenseitertum, ist das jedoch längst nicht mehr, eher ziemlich „established". Manchmal wähnt sich eben auch eine Designerin wie Jongerius noch auf dem Weg und ist doch schon angekommen.

Dieses inhaltliche Detail tut der herausragenden Qualität des Buches jedoch keinen Abbruch. Schließlich wurde die Monografie nicht nach einem standardisierten Verlagsschema entwickelt, sondern aus Sicht einer erfahrenen Produktdesignerin, die virtuos die Gestaltungsspielräume des Mediums Buch auslotet – von der reduzierten Bindung über verschiedene Textsorten bis hin zur Bilddramaturgie. „Misfit" wäre auch hier vielleicht nicht das richtige Wort; „richtungsweisend" passt schon besser.

Hella Jongerius: Misfit
Herausgegeben von Louise Schouwenberg
Softcover, 308 Seiten, englisch
Phaidon, London, 2010
39,95 Euro
http://de.phaidon.com

Alle Fotos: Dimitrios Tsatsas, Stylepark

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