top
Constantin von Boch, Head of Sales A&D Europe und Sven Ullrich, Executive Vice President Marketing/R&D/Product Management (v.l.n.r.)

STYLEPARK VILLEROY & BOCH
Volle Kraft voraus

Sven Ullrich, Executive Vice President Marketing/R&D/Product Management und Constantin von Boch, Head of Sales A&D Europe im Gespräch mit den Stylepark-HerausgeberInnen über Markenstrategie, Designanspruch, Nachhaltigkeit sowie die Zukunft von Villeroy & Boch und Ideal Standard.

Franziska von Schumann: Constantin, was ist das Erfolgsrezept, um ein Unternehmen, das schon seit über 275 Jahren existiert, zukunftsfähig zu halten?

Constantin von Boch: Ich glaube, als Unternehmen mit einer Geschichte von über 275 Jahren kommt es stetig darauf an, relevant in den Augen der KundInnen zu sein. Wir haben bereits Produkte in der Barockzeit entwickelt, und dass wir heutzutage noch am Markt sind, hat damit zu tun, dass wir immer noch Produkte anbieten, die die KundInnen gut finden. Ich glaube, das ist unsere größte Challenge. Innovationskraft, Qualität und Design sind und waren unser Erfolgsrezept über die Jahrhunderte.

Robert Volhard: Sven, du bist Executive Vice President Marketing/R&D/Product Management bei Villeroy & Boch und gehörst seit letztem Jahr zum Team. Was hat dich an dem Unternehmen gereizt?

Sven Ullrich: Die Relevanz der Marken. Natürlich auch die Expansion mit Ideal Standard. Damit werden wir zu einem der größten Badprodukte-Hersteller und haben zwei starke Marken in der Hand, die beide eine lange Historie haben. Mit Blick auf Villeroy & Boch gibt es wohl kein zweites Beispiel für 277 Jahre Keramikkompetenz über ganz unterschiedliche Themenfelder hinweg. Ideal Standard wurde 1901 gegründet und war ganz früh am Puls des Designs und der Architektur, sie haben beispielsweise mit dem Industriedesigner Achille Castiglioni gearbeitet. Seit ein paar Jahren bringen wir mit Roberto Palomba die Herkunft der Marke wieder nach vorne.

Constantin von Boch: Entscheidend ist die Verbindung von Design und Technik. Wir müssen den Zeitgeschmack treffen und gleichzeitig technische Anforderungen sowie Marktbedürfnisse erfüllen. Nur wenn man in beiden Aspekten gut ist, kann man sich für die nächste Generation als Unternehmen qualifizieren und erfolgreich am Markt bleiben.

Sven Ullrich: Der ganz große Hebel ist natürlich die Marke. Villeroy & Boch ist einzigartig in der Branche, genießt eine internationale Bekanntheit und ein großes Vertrauen. Uns geht es darum, die starke Consumer Brand weiterzuentwickeln, die KundInnen in die Ausstellung und zum Handwerk zu bringen sowie den ArchitektInnen den Weg zu ebnen.

Franziska von Schumann: Constantin, du kümmerst dich um die ArchitektInnen und das Projektgeschäft. Warum sollten diese mit euch arbeiten?

Constantin von Boch: ArchitektInnen zeigen ein großes Interesse an den Veränderungen des Marktes. Sie kennen Villeroy & Boch, wissen aber nicht immer, was heute unser Ziel ist, da wir historisch gesehen stark aus dem EndverbraucherInnengeschäft kommen. Unsere Markenbekanntheit basiert vor allem auf der Nachfrage von KundInnen, die ihre privaten Bäder renovieren. Das Projektgeschäft mit ArchitektInnen haben wir zwar betrieben, es war aber nicht unser primärer Fokus. Mit der Integration von Ideal Standard setzen wir jetzt einen großen Schritt nach vorne – insbesondere im Bereich der professionellen KundInnen.

Robert Volhard: Wie wichtig ist eurer Erfahrung nach das Thema Individualisierung für ArchitektInnen?

Constantin von Boch: Wir haben das Thema kürzlich noch einmal qualitativ abgefragt – insbesondere im Fünf Sterne Plus Segment. Die Nachfrage ist definitiv da, auch wenn es meist eher um spezifische Farben und Materialität geht. Noch bedeutender ist in unserem Segment für die ArchitektInnen eine nachhaltige Arbeitsweise, denn sie arbeiten an Gebäuden, die auch in 25 Jahren noch relevant sein müssen. Für sie ist es entscheidend vorauszudenken.

Sven Ullrich: Beide Marken stehen für Design, Qualität und Langlebigkeit – Villeroy & Boch etwas hochwertiger positioniert, Ideal Standard mit starker Ausrichtung auf architektonische Lösungen. Wir bauen das Angebot an Oberflächen und Designrichtungen weiter aus, sodass ArchitektInnen eine breite Auswahl haben. Über unser Singular Planungstool lassen sich komplette Projekte einfach spezifizieren – von der Suite mit Villeroy & Boch Dusch-WCs bis zu den Standardräumen, wo ein Einstiegsprodukt von Ideal Standard verwendet werden kann. So decken wir das gesamte Spektrum ab.

Robert Volhard: Die Strategie ist klar: Villeroy & Boch soll im Premiumsegment weiter gestärkt werden, während Ideal Standard gezielt höher positioniert wird – entsprechend der definierten Marken-DNA.

Sven Ullrich: Wir haben uns bewusst für eine Zwei-Marken-Strategie entschieden: Villeroy & Boch wird im Premiumsegment weiter gestärkt – mit einem klaren Fokus auf Design, Innovation und Qualität. Die Marke soll aufgewertet werden, ohne an Nahbarkeit zu verlieren. Es geht nicht um Luxus im klassischen Sinne, sondern um eine moderne, hochwertige Positionierung mit Substanz. Ideal Standard bleibt als "Smart Premium" positioniert – funktional, lösungsorientiert und relevant für ArchitektInnen. Die Marke bringt eine starke Heritage mit, die wir aktuell neu schärfen: mit klarem Profil und passendem Portfolio. Beide Marken sind klar abgegrenzt – im Design, Preis und den Zielgruppen. Ideal Standard eröffnet zusätzliche Potenziale, etwa im Projektgeschäft, E-Commerce oder DIY-Segment.

Sven Ullrich, Executive Vice President Marketing/R&D/Product Management und Constantin von Boch, Head of Sales A&D Europe im Gespräch mit den Stylepark-HerausgeberInnen Franziska von Schumann und Robert Volhard

Franziska von Schumann: Villeroy & Boch wird teils mit einem eher konservativen Stil assoziiert. Was ist hier eure Strategie?

Constantin von Boch: Das konservative Image stammt stark aus der Vergangenheit. Wenn man sich unser Sortiment anschaut, bedienen wir längst auch moderne und vielseitige Segmente. Wir entwickeln die Marke gezielt weiter, um auch für eine breite, architektonische Anwendung die passende Lösung zu finden.

Robert Volhard: Tradition seit 1748 – wie viel Tradition verträgt Innovation und umgekehrt?

Constantin von Boch: Eine stetige Weiterentwicklung hat bei uns Tradition. Das zeigt auch ein Blick in unsere Historie – sei es in der Zusammenarbeit mit Luigi Colani in den 70er Jahren, der eine Kollektion entwickelte und damit erstmals das Bad ganzheitlich bis hin zur Armatur dachte. Oder in Form der mutigen Kampagne mit Helmut Newton in den 80er Jahren, die damals intern durchaus kontrovers diskutiert wurde. Wir ruhen uns nicht auf unserer Geschichte aus, sondern nutzen sie als Antrieb, den Status quo immer wieder zu hinterfragen und die Marke weiterzuentwickeln.

Franziska von Schumann: Welche strategische Bedeutung haben Forschung und Entwicklung bei Villeroy & Boch?

Sven Ullrich: Durch die Integration von Ideal Standard ist der Entwicklungsbereich deutlich gewachsen – insbesondere im Bereich Armaturen. Wir verfügen nun über zwei starke Innovationszentren in Wittlich und Mettlach, die eng mit der Produktion verzahnt sind. Wir investieren gezielt in Forschung und Entwicklung, um Produkte zu schaffen, die für die NutzerInnen relevant sind. Aktuell schauen wir uns den Waschplatz sehr intensiv an. Ein interdisziplinäres Team im Produktmanagement untersucht Nutzung, Rituale und die Beziehung zwischen Keramik und Armatur. Inspiriert von visionären Ansätzen, wie denen Colanis, entstehen ganzheitliche Lösungen, die Technik, Design und Nutzungserlebnis vereinen.

Robert Volhard: Impulse von außen sind immer wichtig, wie seitens der DesignerInnen – in eurem Fall aktuell unter anderem Gesa Hansen, Christian Haas oder kaschkasch. Welchen zukünftigen Kooperationen können wir entgegenblicken?

Sven Ullrich: Wir setzen bei Villeroy & Boch bewusst auf unterschiedliche Design-Kooperationen, die perfekt zu unseren Projekten passen – aktuell etwa mit Christian Haas, Gesa Hansen und Studio kaschkasch. Gemeinsam haben wir Badwelten geschaffen, die wir zuletzt auf der ISH präsentiert haben, darunter die von Christian entworfene Armaturen-Serie "Vea", das Farbkonzept für "Artis" von Gesa sowie die Kollektion "Antao" von Studio kaschkasch. Im Mittelpunkt steht dabei immer die Marke Villeroy & Boch – wir wählen für jedes Projekt die Designerinnen und Designer aus, deren Handschrift und Expertise optimal zur Zielgruppe passen. Das gibt uns die Freiheit, je nach Thema neue Impulse zu setzen. Für Ideal Standard ist es ein echter Gewinn, weiterhin mit Roberto Palomba zusammenzuarbeiten. Er hat die Markenidentität entscheidend geschärft, kennt die Branche in- und auswendig und weiß genau, worauf es ankommt.

Robert Volhard: Ich finde deine Antwort sehr sympathisch und die kontinuierliche Zusammenarbeit mit Roberto Palomba ist ebenso überzeugend. Es passt auch zum Thema Tradition und Qualitätsversprechen.

Sven Ullrich: Unsere Haltung ist, dass wir konsequent ein Designversprechen bieten können. Natürlich arbeiten wir intensiv und gerne mit Top-DesignerInnen zusammen, aber die Marke an sich sollte bereits für ein hochwertiges Design stehen, auf das sich die EndkundInnen wie die ArchitektInnen verlassen können.

Franziska von Schumann: Ihr strebt an, im Keramikbereich bis 2045 klimaneutral zu sein, im Armaturenbereich bis 2030. Wie setzt ihr Nachhaltigkeit um?

Sven Ullrich: Nachhaltigkeit zeigt sich für uns auf drei Ebenen: Erstens in der Langlebigkeit unserer Produkte ­– ein gut gestaltetes, qualitativ hochwertiges Produkt, das 20, 30, 40 Jahre hält, ist per se nachhaltig. Ideal Standard haben die keramische Kartusche erfunden, die heutzutage in jeder Hebelmischerbatterie verbaut ist. Das hat mich sehr beeindruckt. 750.000 Zyklen muss die Kartusche leisten, bevor sie Ermüdungserscheinungen aufweisen kann. Die zweite Ebene ist das Produktionsverfahren: Wir arbeiten kontinuierlich an effizienteren Verfahren und nachhaltigeren Materialien, auch wenn der Energiebedarf – etwa bei Brennöfen – standortspezifisch eine Herausforderung bleibt. Es gibt zwei Alternativen: Elektrizität oder Wasserstoff. Technisch sind wir bereit für die Umstellung, doch es fehlt an grüner Infrastruktur. Hier in der Saar-Lor-Lux Region könnte Wasserstoff eine Option sein. Seit Jahren forschen wir auch an neuen Materialien. Die Serie Alu+ besteht beispielsweise zu 84 Prozent aus recyceltem Aluminium. Und die dritte Ebene, wo wir auch einen Fokus setzen, ist die Nutzungsphase, der Wasserverbrauch. Alle Armaturen sind auf Kaltstart umgestellt, um Wasser zu sparen. Wir optimieren Durchflussraten bei Duschen, Armaturen und WCs und entwickeln Produkte­ mit besserer Umweltbilanz.

Robert Volhard: Wie empfindet ihr das derzeitige Marktumfeld?

Constantin von Boch: Wir merken, dass Projekte, die in der Schublade versunken sind, wieder herausgenommen werden. Ich denke nicht, dass es in Deutschland noch schwieriger werden wird als bisher, auch wenn der Ist-Zustand bereits an den Kräften der Unternehmen zehrt. Zudem ist der Markt in Deutschland speziell, denn Baugenehmigungen sind generell langwierig und kompliziert.

Sven Ullrich: Erste Erholungstendenzen sind zwar sichtbar, aber es dauert. Global entwickeln sich die Märkte unterschiedlich. Durch die Integration von Ideal Standard sind wir geografisch nun deutlich breiter aufgestellt – besonders in Europa, wo wir traditionell stark sind. Unser Fußabdruck ist heute viel ausgewogener, nicht mehr so zentralisiert. Auch im Projektgeschäft sind wir durch die Integration deutlich stärker positioniert und bauen das gezielt weiter aus.

Franziska von Schumann: Wo steht Villeroy & Boch in fünf Jahren?

Sven Ullrich: In fünf Jahren wollen wir Design- und Innovationsführer im Bereich Keramik und Armaturen sein. Mit unserer Zwei-Marken-Strategie investieren wir gezielt in beide Marken und entwickeln sie gemeinsam mit ArchitektInnen und InnenarchitektInnen weiter – immer mit dem Fokus auf echte Innovation für die EndkundInnen.

Constantin von Boch: Als Familienunternehmen haben wir auch in der Krise investiert – bewusst antizyklisch und mit langfristiger Perspektive. Jetzt nutzen wir die ruhigere Marktphase, um die Integration gezielt voranzutreiben und das Beste aus beiden Welten zu verbinden. In fünf Jahren wollen wir gestärkt dastehen – mit größerem Marktanteil, mehr Wirkung und einer klaren Positionierung als Hersteller mit echter Kompetenz in Keramik und Armaturen.

Produkte