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Vom Vulkan mit dem Raumschiff ins Weltall
von Nina Reetzke | 17.07.2010

Jerszy Seymour hat sein Studio in Berlin Mitte. Es ist ein weitläufiges, helles Loft in einem Hinterhof. Im Raum verstreut stehen seine Entwürfe, prominent im Raum eine große Tafel mit bunten Farbklecksen, an der Decke hängen lavaförmige Leuchten und um die Arbeitstische gruppieren sich eine Vielzahl an Stühlen in verschiedenen Entwurfsstadien. Gleich vorne steht zum Beispiel das Modell eines Kunststoffstuhls mit eingebauter Mechanik. Bereits ein erster Blick ins Studio lässt ahnen, dass hinter den Projekten von Seymour ein hoher Anteil an konzeptioneller Arbeit steckt. Seine Gedanken kondensiert er in Metaphern, wobei er mit ihren Bedeutungsebenen spielt und gleichzeitig versucht sie aufzubrechen. So verwendet Jerszy Seymour beispielsweise die Begriffe „Amateur", „Workshop" und „Vulkan" in neuen und ungewohnten Kontexten. Wenn er von „Amateuren" redet, denkt er dabei nicht an mangelnde Professionalität, sondern er verwendet das Wort in Anlehnung an das lateinische „amator", was „Liebhaber, Freund" bedeutet. Für einen Amateur, so Seymour, gibt es keine festen Strukturen, Prozesse und Dogmen, nichts ist geklärt, alles befindet sich in ständiger Bewegung, wie er auch während seines Vortrags „A new world adventurers guide / Survival, Adventure, Creation and Being" in der Galerie „designtransfer" in Berlin erläutert.

Die besondere Sprengkraft des Amateurs erklärt Seymour mit der Symbolik des Vulkans. Diesen bringt er in Verbindung mit dem Begriff der Libido nach Sigmund Freud und C.G. Jung: innere Kräfte sollen sich entfalten und bestehende Strukturen öffnen.

Seymour hat schon einige Vulkane bestiegen, etwa den Etna, den Stromboli und den Vesuv. Besonderes Interesse hat er jedoch für hawaiianische Vulkane, wie zum Beispiel dem Mauna Loa, deren Lava aufgrund ihrer besonderen chemischen Zusammensetzung so langsam fließt, dass man neben ihr herlaufen kann - es sind Vulkane zum Anfassen. Er würde gerne ein noch nicht näher definiertes Projekt vor Ort auf Hawaii machen und die noch glühende Lava dafür verwenden.

Auch wenn das Projekt mit den hawaiianischen Vulkanen noch Zukunftsmusik ist, sind bereits formale Anleihen in seinen bestehenden Projekten sichtbar, zum Beispiel im „Salon des Amateurs", einer Installation im Museum Marta Herford im letzten Jahr. Hier wurde der Vulkan zum Schwimmbecken, dekoriert mit Stalaktiten und Stalagmiten, statt Lava blubbert Badewasser. Die Gesichter der Badenden sind zwar gerötet, die Temperaturen befinden sich jedoch offensichtlich im Wohlfühlbereich.

Bei dem Wort „Vulkan" denken viele gleich an den Ausbruch des Eyjafjallajökull in Island, dessen Aschenwolke auch die Reiseaktivitäten rund um die diesjährige Mailänder Möbelmesse durcheinander brachte. Auf eine Art hat der isländische Vulkan, so sagt Seymour selbst, seine Vorstellung des Vulkans perfekt umgesetzt - der Ausbruch veränderte Handlungsspielräume und zeigte gleichzeitig auf, wo jeder einzelne steht.

Aktuellstes Produkt der Amateur-Arbeit ist der „Workshop Chair", der ursprünglich für die Installation „Coalition of Amateurs" im Museum für moderne Kunst in Luxemburg im letzten Jahr entstand und inzwischen seriell verkauft wird. Mit dem Stuhl möchte Seymour nach eigenen Worten zeigen, dass es möglich ist, einen Stuhl mit „westlichen" Händen zu bauen, das heißt, ohne dass ein großer industrieller Aufwand dahinter steckt. Das Wachs kann mit einem einfachen Haarfön erhitzt werden, die Holzteile lassen sich leicht mit dem Wachs verbinden. Eine Anleitung dafür befindet sich auf Seymours Website. Besonders auffällig dabei ist, dass Seymour für den Stuhl die Form eines Freischwingers gewählt hat, denn er will den Stuhl in seiner extremsten Form zeigen. Der Workshop Chair gibt es mit drei verschiedenen Wachsfarben, rot, grau und schlammbraun, die Käufer favorisieren rot, während Seymour schlammbraun mag.

Was plant der britische Designer mit kanadischem Ursprung als nächstes? Es könnte ein sehr großer Vulkan sein, oder vielleicht gleich ein Raumschiff, auf jeden Fall will Jerszy Seymour neue Räume entdecken. Dabei ist es ihm unwichtig, ob der Amateur als Reisender an den Ursprungsort zurückkehrt oder an einen neuen Ort weiter fährt, denn egal wohin seine Reise führt oder wo sie endete, eines garantiert doch jede neue Entdeckung: sie verändert einen persönlich und erweitert den Horizont.

www.jerszyseymour.com
www.designtransfer.udk-berlin.de

Coalition of Amateurs, Foto: Jerszy Seymour Design Workshop
Zeichnung: Jerszy Seymour Design Workshop
Diagramm: Jerszy Seymour Design Workshop
Jerszy Seymour Design Workshop, Foto: Nina Reetzke
Workshop Chair, Foto: Jerszy Seymour Design Workshop
Salon des Amateurs, Foto: Jerszy Seymour Design Workshop
Color Party, Foto: Jerszy Seymour Design Workshop
Salon des Amateurs, Foto: Jerszy Seymour Design Workshop
Coalition of Amateurs, Foto: Jerszy Seymour Design Workshop
Coalition of Amateurs, Foto: Jerszy Seymour Design Workshop
Coalition of Amateurs, Foto: Jerszy Seymour Design Workshop
Easy Chair, Workshop Chair und Flux (von links nach rechts), Foto: Nina Reetzke
Salon des Amateurs, Foto: Marta Elisa Valenzuela
Salon des Amateurs, Foto: Marta Elisa Valenzuela
Jerszy Seymour, Foto: Nina Reetzke

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