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Von „Slummerville“ zu „Boomtown“
von Frederike Meier-Burkert | 19.10.2014
Die neuen Verkehrsanbindungen erhöhen die Attraktivität des Standorts Somerville und bringen immer mehr Pendler in die Vorstadt. Foto © Audi Urban Future Initiative

Mit der Eisenbahn kam die Industrie, mit der Autobahn zog sie wieder weg, mit der Regionalbahn kamen die Pendler – und der Erfolg. Die Geschichte von Somerville belegt exemplarisch, wie Mobilitätssysteme die wirtschaftliche Entwicklung von Städten beeinflussen. Als wichtiger Eisenbahnknotenpunkt nördlich von Boston erlebte Somerville ab 1870 einen wirtschaftlichen Boom, vor allem Fleischverarbeitungsbetriebe siedelten sich hier an. Noch stärker expandierte die Stadt in den 1920er Jahren, als Ford hier eine große Fabrik baute. Doch ab 1950 ersetzten Schnellstraßen das Schienennetz. Und mit den Autobahnen zogen viele Betriebe in das günstigere Hinterland. Ford musste seine Fabrik 1958 schließen. Der Abschwung dauerte bis weit in die 1980er Jahre. Armut und Kriminalität prägten das Zentrum von „Slummerville“ wie Somerville nun genannt wurde.

Erst in den die 90er Jahren kam ein neuer Aufschwung. Mit günstigen Immobilienpreisen, der zentralen Lage zwischen Boston und Cambridge und vor allem mit einer neuen Bahnverbindung für Pendler konnte Somerville junge Hightech-Spezialisten und ihre Familien anziehen. Gleichzeitig siedelten sich im historischen Zentrum rund um den Union Square Künstler und Kreative, Bars und Galerien an. Nur das alte Industriegebiet, wo Ford einst sein Modell „Edsel“ zusammengebaute, blieb lange ein Sorgenkind. Erst 2012 wurde ein großangelegter Stadtentwicklungsplan für das Viertel beschlossen. Jetzt entstehen dort ein Yachthafen, Parks und Fußgängerzonen in Ufernähe, Outlets, Restaurants, Kinos, Hotels, Wohnungen und Büroflächen.

Mit heute 90 000 Einwohnern ist Somerville Neu-Englands am dichtesten besiedeltes Gebiet. Und es hat den zweithöchsten Bevölkerungsanteil an 24-35jährigen in den USA. Doch nach 150 wechselhaften Jahren zwischen Boom und Baisse will Somerville die Zukunft nicht mehr dem Zufall überlassen: Neue Bahnlinien sollen die Verbindung in die Metropolregion Boston sichern. Zwei zentrale Bahnhöfe sind in Planung und werden ihre Umgebung stark prägen. Schon im Herbst 2014 soll die neue Assembly Square Station der Regionalbahn eröffnet werden. Bis 2017 soll am Union Square eine neue Station der Green Line entstehen. Und einen großen Erfolg konnte die 90 000-Einwohner-Gemeinde bereits verbuchen: 4.500 Mitarbeiter eines großen Gesundheitskonzerns ziehen 2016 neu in die Stadt.

Die neuen Verkehrsanbindungen erhöhen die Attraktivität des Standorts Somerville und bringen immer mehr Pendler in die Vorstadt. Doch noch fehlt es an intelligenten Lösungen für die Gestaltung der innerstädtischen Verkehrswege: Wie lassen sich die beiden Städtebauprojekte Union Square und Assembly Row sinnvoll vernetzen? Wie gelangen die Bewohner, Besucher und Beschäftigten in die neuen Quartiere. Welche Verkehrsmittel können ihre jeweiligen Stärken an welcher Stelle ausspielen? Und welche Technologien können gewinnbringend und effizienzsteigernd eingesetzt werden? Das erforscht das Bostoner Wettbewerbsteam beim Audi Urban Future Award.

„Wir wollen beweisen, dass ganz neuen Chancen für Städte entstehen, wenn die Stadtplanung eng mit der Verkehrsplanung verzahnt wird“, erklärt Teamleader Philip Parsons. Damit der Dialog zwischen Stadt- und Verkehrsplanung in Zukunft nicht ins Leere läuft, hat das Team eine Software entwickelt, mit der sich zum Beispiel berechnen lässt, an welcher Stelle ein neues Parkhaus Sinn macht oder wo sich innovative Technologien gewinnbringend einsetzen lassen. Anhand konkreter Kennzahlen wird so messbar, inwieweit sich zum Beispiel eine neue U-Bahn, Busverbindung, oder innovative Konzepte wie Parkhäuser für autonom fahrende Autos lohnen.

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Somerville von oben: Über 90.000 Bewohner sind in den letzten Jahren nach Somerville gezogen. Foto © Offizielle Webseite von Somerville (www.somervillema.gov)
Das alte Somerville: Über Jahre dominierten Industrie-Fabriken und Auto-Hersteller die Stadt. Foto © Audi Urban Future Initiative