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Was kommt nach dem Zeitalter des Kunststoffs?
von Nora Sobich | 06.10.2011
Alle Fotos: David Giebel, Stylepark

Heute ist alles gleich eine Revolution. So schreibt auch Sascha Peters in seiner neuen Publikation „Materialrevolution":„Wir stehen kurz vor dem Ende des petrochemischen Zeitalters." Das klingt dramatisch, fast so, als würde morgen die Welt untergehen. Worum es geht: die erdölbasierten Kunststoffe, die in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren den Alltag wirbelsturmartig umgekrempelt haben, stehen vor dem Aus. Mithin stellt sich die „grüne" Herausforderung, nachhaltige Produktionsverfahren zu entwickeln, in der Materialforschung wie kaum in einem anderen Bereich.

Auf der Basis von thermoplastischer Stärke, Polymilchsäure oder Zellulose werden – mit zweistelligen Wachstumsraten – neue Biokunststoffe entwickelt. Bionik und vor allem Nanotechnologie versprechen funktionale Mehrwerte – etwa mit auf Oberflächen applizierten Nanotitandioxiden, die eine Rolle bei der Luftreinigung spielen könnten. Von Glasscheiben, die den Grad ihrer Transparenz verändern können, versprechen sich Forscher energiesparende Effekte im Gebrauch von Klimaanlagen. In der schier umwerfenden Fülle neuer innovativer Werkstoffe noch den Überblick zu behalten, ist kaum mehr möglich. Da wären Werkstoffe mit Kohlendioxid speichernder Wirkung, Formgedächtnislegierungen, pilzbasiertes Verpackungsmaterial, Bakterien abtötende Oberflächen oder selbstheilende Materialien wie ein Biobeton, dessen Marktreife die TU Delft bereits für 2013 ankündigt.

Mit „Materialrevolution" hat Sascha Peters, der in Berlin eine „Agentur für Material und Technologie" betreibt, wahre Herkulesarbeit geleistet. Auf dreihundert Seiten liefert der längjährige Kolumnist der Zeitschrift „Form" ein umfassendes Nachschlagewerk zum aktuellen Stand der sich rasant entwickelnden Materialfront. Gegliedert unter Kapitelüberschriften wie „Biologisch abbaubar", „Biobasiert", „Formverändernd", „Recycling", „Lichtbeeinflussend" oder „Leichtbaumaterialien" werden nachhaltige und multifunktionale Materialien vorgestellt und ihre jeweiligen Herstellungsmethoden, Eigenschaften und Anwendungsmöglichkeiten erläutert. Peters faktenreicher Katalog richtet sich vor allem an Designer und Architekten, die hier nicht nur als Material-Konsumenten verstanden werden, sondern als konstruktive Mitgestalter einer grünen „Revolution".

Dass innovative Materialien auch neue Gestaltungsansätze und Fertigungsverfahren mit sich bringen, gilt nicht erst seit heute. Das Bewusstsein für Materialien im Gestaltungsprozess war aber wohl noch nie so ausgeprägt wie in unserer Gegenwart. Manche reden bereits von einer „Materialienschlacht", die sich da zutrage. An Ratgebern für Designer und Architekten fehlt es auch nicht. Das englische Verlagshaus „Frame" stellt mit „Material World 3" gerade – etwas marktschreierisch – hundert „faszinierende Materialien" und ihre Anwendungen vor: als wären Materialien eine Art passiver Baukasten, in dem sich Kreative auf der Suche nach kalkulierter Aufmerksamkeit frei bedienen könnten.

In der Sicht von Sascha Peters kommt Kreativen schon deswegen eine besondere Verantwortung beim grünen Innovationssprung zu, weil sie die Potenziale neuer ressourcenschonender Materialien und materialeffizienter Herstellungsverfahren in ihrer Arbeit umsetzen. Zu solchen Pionieren zählen zum Beispiel die beiden Berliner Designer Oliver Vogt und Hermann Weizenegger, die 2001 das innovative Hightech-Verfahren von Solid-Imaging-Anlagen im Möbeldesign anwendeten. Ihr biomorpher, von den Radiolarien des Biologen, Naturphilosophen und Kunstzeichners Erich Haeckel (1834 bis 1919) inspirierter „Sinterchair", in Kooperation mit der US-Firma Firma „3d-Systems" auf einer Laser-Sintering-Maschine vom Typ „Vanguard si2 SLS" erstellt, nahm voraus, was vermutlich bald Realität sein wird: das personifizierte Produkt, das maßgeschneidert aus der Maschine kullert.

Ein international gefeiertes Beispiel kreativer Materialentwicklung jüngeren Datums ist der von dem ungarischen Architekten Aron Losonczi entwickelte lichtdurchlässige Beton „Litracon". Ein anderes ist „Blingcrete", ein Beton, der gerade an der Technischen Universität Kassel entwickelt wird und bei dem mit Hilfe von Nanotechnologie „retroreflektierende" Mikroglaskugeln in die Oberfläche eingespritzt werden. Anwendbar ist der Werkstoff etwa im Straßenbau zur Kennzeichnung von Gefahrenzonen oder für haptische Blindenleitsysteme. Eine kleine Sensation in der Designwelt war die Nutzung eines aus dem Automobilbau bekannten Verfahrens, dem „Innenhochdruckumformen", das der polnische Architekt Oskar Zieta 2008 für seinen „aufgeblasenen" Metallhocker „Plopp" nutzte. Denkbar sind nun Anwendungen in anderen Industriebereichen wie der Herstellung von Leichtbaukonstruktionen oder Rotoren von Windkrafträdern.

Statt immer nur Neues aus dem Ökozauberkasten zu ziehen, geht es in der Materialforschung zunehmend auch darum, Vorhandenes effektiver einzusetzen und in gleichsam natürlichen Materialkreisläufen zu denken: beispielhaft ist hier der Bau von Fahrradrahmen aus Bambus. Oder das auf Basis von Leinöl, Naturharzen, Holz- und Kalkmehl hergestellte Linoleum, das seit einigen Jahren eine Renaissance erlebt. Als Dämmmaterialien spielen zunehmend Naturstoffe wie Holzwolle, Seegras oder „Neptunbälle" eine Rolle. Ein vielseitiger Naturwerkstoff ist mit dem im Rahmen eines Projekts in Uganda entwickelten Rindentuchs der Firma „Barktex" entstanden. Das deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt erwägt bereits, das Material für schlagfeste und biegeelastische Verbundplatten zu nutzen.

Als wäre in Zeiten des Klimawandels das Gefühl von „Eco-Correctness" bereits ein Mehrwert, kommen im Namen von Nachhaltigkeit allerdings auch Materialien auf den Markt, von denen man sagen muss, dass die Welt sie nicht unbedingt braucht. Bei Mosaiken aus Kokosnussschalen, Blumenvasen aus Algen oder Särgen aus Mandelschalen handelt es sich wohl eher um Deko- als um Öko-Objekte. Tatsache ist: Aussagekräftige Ökobilanzen lassen sich nur schwer erstellen; künstlich hergestellte Materialien, die keine negativen Auswirkungen auf die Umwelt haben, bleiben momentan noch Zukunftsmusik. So ließe sich, wenn auch etwas plump und vorschnell, durchaus anmerken: Am nachhaltigsten ist immer noch das Produkt, das gar nicht erst produziert wird.

Wie Sascha Peters schreibt, gehe es in Zukunft vor allem darum, eine ressourcenschonende Werkstoffkultur mit multifunktionalen Potenzialen in ganzheitlichen Werkstoffkreisläufen zu denken. Das „klassische mechanisierte Verständnis von Materialität" weiche einer neuen Werkstoffkultur. Doch: Was genau heißt „mechanisiertes Verständnis von Materialität"? Über etwas verwackelte Begrifflichkeiten in den Einleitungstexten muss der Leser bei diesem empfehlenswerten Nachschlagewerk, das auch grafisch überzeugend gestaltet ist, großzügig hinwegschauen. Denn kaum ein anderer Materialexperte überblickt die für die grüne „Materialrevolution" zentrale Scharnierstelle zwischen Wissenschaft und kreativer Werkstoffumsetzung so kenntnisreich.

Materialrevolution
Von Sascha Peters
Birkhäuser, Basel, 2011
Hardcover, 208 Seiten, deutsch
59,90 Euro
www.birkhauser.ch

Alle Fotos: David Giebel, Stylepark

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